Wenn die Nato-Raketen das “Herz der Finsternis” penetrieren

15. Februar 2010

Den Generälen der Nato-Großoffensive in Afghanistan schlägt ihr Herz so hoch, dass sie klassische Literatur zitieren: "Wir stoßen vor ins Herz der Finsternis", sagte der britische General Matt Bazely. Ob er allerdings seinen Joseph Conrad wirklich gelesen hat, bei dem dieses Kollektivsymbol afrikanischer Barbarei ziemlich ambivalent ist, ist zu bezweifeln. Er meinte es wohl so: Wir bringen die Zivilisation ins schwarze Herz der asiatischen Barbarei.

Womit? Zum Beispiel mit Raketen, deren Penetrationsfähigkeit auf moderne Weise ebenfalls klassisch ist. Nur dass sie manchmal gleich am Anfang "fehlgeleitet" werden und dann 12 "Unschuldige" töten, wo sich Mc Chrystal gleich am Anfang "entschuldigen" muss. Was oder wer kann Raketen "fehlleiten"? Entweder schlechte Technik – oder irrtümlich oder absichtlich falsche Zielvorgabe des anonymen afghanischen Informanten. Die Nato sagt öffentlich: Es war die Technik. Das System "HIMARS" hat die Raketen "mehrere 100 Meter" fehlgeleitet und wird jetzt überprüft. Da gibt es schon wieder zwei Möglichkeiten: Entweder es stimmt, und dann ist der Einsatz eines solchen Systems unglaublich und völlig unvereinbar mit den Versicherungen über die Metergenauigkeit "chirurgischer Schläge" – oder es ist eine Deckbehauptung wegen Alternative eins.

Klar ist nur eins: Der "Vorfall", wie das – auch in unseren Medien! – genannt wird, war eine "gezielte Tötung" (targeted killing), worin der eigentliche Kern der Nato-Penetrations-Strategie ins Herz der Finsternis besteht. Anonyme Signalisierung eines Informanten der zivilisierten Geheimdienste, und dann Luftschlag (Rakete, Drohne, Jet-Bombe [wie bei den nächsten zivilen Opfern], Hubschrauber-Schlag). Das läuft auf der Basis sogenannter "c-k-Listen" ("capture or kill"), die u.a. auch vom BND erstellt werden. "Capture" ist dabei bloße Floskel: Aus der Luft lässt sich nicht verhaften. Außerdem weiß die Nato nicht, wen sie verhaftet hätte: Einen Kombattanten? Dann müsste er in ein öffentlich zugängliches Gefangenenlager und hätte viele Rechte – einen (mutmaßlichen) Verbrecher? Dann hätte er Recht auf einen Anwalt, müsste verklagt werden, einen Prozess bekommen usw. Leichen haben all das "verwirkt".

[Zusatz nach zwei Tagen: Die Prüfung des Raketensystems hat ergeben: Technik völlig okay - das eingestellte Ziel wurde exakt getroffen. Es war korrekt, weil unter den Opfern vermutlich auch ein oder zwei Taliban waren. Also doch Sache eines anonymen Informanten. MacChrystal kann sich ent-entschuldigen. Alles korrekt! Heißt konkret: Wenn nur 5 oder 6mal soviele zugegebenermaßen Unschuldige als mutmaßliche Taliban gezielt getötet werden, darunter die Hälfte Kinder, ist das ein "angemessenes" CDE = Collateral Damage Estimate. Und es geht täglich weiter. Das ist der wahrlich harte Kern der ISAF-Strategie.]

"Heart of Darkness" lesen ist nicht schlecht: Es macht bestimmt sehr nachdenklich. Weniger klassisch, aber aktueller ist der Roman "Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee" (assoverlag Oberhausen), wo ein Anti-Guerillakrieg der Bundeswehr simuliert war, bevor er nun stattfindet. Es ist dort aktualhistorisch rekonstruiert, wie es zu einer solchen "unerhörten Begebenheit" (Goethe) kommen konnte.

“Elitesoldaten” plus “gezielte Tötungen” plus “verhältnismäßige Kollateralschäden” plus “Luftschläge” = “humanitäres Völkerrecht”??

10. Februar 2010

Der Eiertanz um den deutschen Afghanistankrieg wird frenetisch: Seit die NATO mit Zustimmung der deutschen Regierung und aktiver Beteiligung der Bundeswehr für 2010 eine Eskalation ohne Wenn und Aber mit dem Ziel der "Eliminierung" aller "Insurgents" (bzw. "Taliban") eingeleitet hat, ist die Diskursblase "Stabilisierungsmission" geplatzt. Es ist ein Krieg (was längst alle wussten) – aber was für einer? Ein "nicht internationaler bewaffneter Konflikt" (anders gesagt "Bürgerkrieg") – aber wieso ist die Bundeswehr in Afghanistan "nicht international" – also "national"?? Also lässt Guido das "nicht international" einfach weg und sagt: "bewaffneter Konflikt im Sinne des Völkerrechts".

Aber auch so kommt die Bundeswehr nicht aus dem Schneider: Denn des Pudels Kern (bekanntlich der Teufel: siehe Faust) ist nun einmal (was beim Massaker von Yakob Baj exemplarisch klar wurde): Die gesamte Afghanistan-Strategie der NATO (und damit auch der Bundeswehr) steht im Dienste ihrer strategischen Speerspitze, und die lautet: "Elitesoldaten" plus "gezielte Tötungen" plus "verhältnismäßige Kollateralschäden" plus "Luftschläge". Nach dieser Formel funktionierte auch Yakob Baj: Das KSK hatte unter lauter Decknamen und mithilfe eines anonymen "Informanten" "Talibanführer" ausgemacht. Die sollten nach der Regel "capture or kill" "eliminiert" werden (wobei das "capture" bloße Augenwischerei ist, da man mit Luftangriffen nicht gefangen nehmen kann). Oberst Klein wurde nicht etwa ausgetrickst – er spielte begeistert mit, worin sich zeigt, dass eben die Speerspitze "Elite" und der Stiel "ISAF" einen einheitlichen Speer bilden. KSK und Klein hielten die erwartbaren "Kollateralschäden" (das zivile "Humanmaterial", wie es in dem berühmten Feldjägerbericht hieß) für "verhältnismäßig".

(Die Rolle des KSK wird jetzt als angeblich ganz neue Sensation verkauft: Sie ist ein alter Hut: siehe "Zeit" vom 17.12.2009.)

Die Bundeswehr vollzog bei Yakob Baj nur nach, was die ständige Praxis der Eliteeinheiten der USA und des UK ist und was die große Eskalationsschlacht in Afghanistan 2010 bestimmen wird. Die gerade in der Provinz Helmand gegen die Stadt Mardscha gestartete Großoffensive zeigt das Verfahren: Flugblätter fordern die Bevölkerung auf, die Stadt bzw. Gegend zu verlassen. Die Taliban nehmen die Bevölkerung angeblich als Geiseln und hindern sie an der Flucht. Daraus geht klar hervor, dass der erste Schritt darin besteht, nach dem Vorbild Vietnam eine "free fire zone" d.h. vor allem "free bombing zone", herzustellen, in der dann die "gezielte Tötung" sich frei entfalten kann (die Kollateralschäden sind dann vor vornherein "verhältnismäßig", da ja auf Flugblättern gewarnt wurde).

Nur: Mit noch so frenetischen Eiertänzen kommen Bundesregierung und Bundeswehr nicht aus dem Schneider: Entweder sind die als  Taliban bezeichneten Individuen "Kombattanten", dann müssen sie klar als solche erkennbar und von Zivilisten unterscheidbar sein (was in einem Guerillakrieg nicht möglich ist) – oder sie sind Terroristen, d.h. (mutmaßliche) Kriminelle – dann dürfen sie auf keinen Fall auf bloße Denunziation hin ohne Anklage, Prozess und Urteil einfach präventiv "eliminiert" werden. Genau das werden sie aber. Und dieser exterministischen Praxis werden zugegebenermaßen alle sich in der Nähe befindlichen "Unschuldigen" ebenfalls als "verhältnismäßig" geopfert. Das soll "humanitäres Volkerrecht" sein?

In Vietnam hieß dieses Verfahren: das Wasser mit dem Fisch eliminieren, soweit man es nicht ablassen kann (Weiterverarbeitung der Guerillaregel "Fisch im Wasser"). Das führte in Vietnam dazu, dass immer mehr Wasser zu Fisch wurde. Es lässt sich prognostizieren: Das wird sogar die Taliban und andere Insurgents in Afghanistan kurz- und mittelfristig stärken (und sei es wegen der Gleichsetzung von Paschtunen und "Taliban" auf beiden Seiten sowie der traditionalen Verpflichtungen der Clans zur Vergeltung).

Fazit: Dieser Krieg stinkt vom Kopfe ("Speerspitze") her. Fazit: Die Bundeswehr muss aufgefordert werden, "umgehend" abzuziehen, wie in dem Appell "Heraus aus der Sackgasse in Afghanistan" gefordert  - "Exit mit open end" heißt Tolerierung einer strukturell exterministischen Strategie, wodurch nicht nur viele Unschuldige umkommen, sondern sogar die Insurgents kurz- und mittelfristig gestärkt statt geschwächt werden.

Ja aber Gnade uns Gott wenn die Taliban… Nach einer Anti-Eskalationserklärung der Bundeswehr mit Waffenstillstand und Einleitung des Abzugs könnte der notwendige Schutz bedrohter Gebiete z.B. nach dem Vorschlag von Johan Galtung durch starke Blauhelmeinheiten der OIC (Organization of Islamic Countries) in Zusammenarbeit mit der UNO gewährleistet werden (im Vorfeld einer neuen Friedenskonferenz ohne westliche Großmächte und unter Beteiligung aller relevanten afghanischen Bevölkerungsgruppen).

Afghanistan: Achtung Etikettenschwindel mit “Exit”!

23. Januar 2010

Im Appell "Heraus aus der Sackgasse in Afghanistan", der am 28. Januar (zur Londoner Konferenz) im "Freitag" erscheinen wird, ist von "Diskursblasen" die Rede, die geplatzt seien. Einzelne stießen sich an diesem Wort. Wie treffend dieses Wort aber ist, erleben wir jetzt im Vorfeld von London: Denn nun werden in Berlin täglich neue Diskursblasen aufgepumpt: "Kurswechsel", "Strategiewechsel", "Ausbildung" und vor allem: "Exit-Strategie". Die SPD will jetzt den "Exit" (Abzug) binnen 5 (fünf!) Jahren, und die Regierung hält jedes Datum für "kontraproduktiv".

Was steckt in der Diskursblase "Exit"? Ein Gegensatz wie "hölzernes Eisen": Während dem Volk, das nach Umfragen zu über 70 Prozent den sofortigen Abzug fordert, ein "baldestmöglicher" Abzug versprochen wird, verstehen die Generäle, und allen voran der oberste (McChrystal), darunter eine auf Endsieg angelegte Serie von Großoffensiven nach dem Prinzip "Clear and Hold" (Säuberung von "Aufständischen" und Besetzung der verlorenen Gebiete). Sie verstehen darunter also eine Eskalation des Krieges. Mephisto sagte bei Fausts Tod bekanntlich: "Man spricht, wie man mir Nachricht gab,/ Von keinem Graben, doch vom Grab" – hier müsste es heißen: "von keinem Exit, doch vom Exitus".

Dazu passt die Diskursblase "Ausbildung" (der afghanischen Truppen). Das klingt geradezu nach Azubis – gemeint ist aber vor allem ein On-the-Job-Training bei gemeinsamen Kampfeinsätzen von NATO und Karsai-Armee. Das praktizieren die USA, wie es heißt, bereits erfolgreich – und genau das soll die Bundeswehr jetzt auch praktizieren. Unter der Überschrift "Koalitionspolitiker für Kurswechsel in Afghanistan" gibt es einen langen Artikel auf Spiegel online, in dem viele Diskursblasen aufgepumpt werden, bevor der letzte Satz sie zum Platzen bringt: "Diese bilden die Rekruten dann in der Praxis aus. Auch im Kampfeinsatz."

Deshalb ist jetzt Klartext gefordert, wie er in unserem Appell steht: Die Alternative, auf die es ankommt, heißt: Eskalation oder Deeskalation. Und nur das Signal "umgehender Abzug" der Bundeswehr kann die Wende zur Deeskalation bringen und alle Beteiligten unter Zugzwang in Richtung Frieden setzen.

Wo bitte findet die “Schlammschlacht” statt? (postumer Zwischenruf von Karl Kraus)

21. Januar 2010

In einem Interview in der Fatz (21.1.2010) empörte sich Oberst Ulrich Kirsch, Vorsitzender des Deutschen Bundeswehrverbandes, über die Art, wie die Debatte um das Massaker (Jürgen Todenhöfer) von Yakob Baj geführt werde. Er sagte u.a., dieser Streit sei "zu einer unangemessenen Schlammschlacht mutiert", während "unsere Kameradinnen und Kameraden im Stich gelassen" würden. Ihm zufolge findet diese "Schlammschlacht" nicht etwa in Afghanistan, sondern in Berlin statt. Schlagen in Berlin die Drohnen zu? Wird an der Spree "gezielt getötet"? Wird in Mitte "Luftunterstützung angefordert"?

Was sagte Karl Kraus sinngemäß dazu: Wo die Fantasie, sich eine konkrete Schlammschlacht vorstellen zu können, derartig verkümmert ist, können wir wetten, dass der Krieg weitergehen und eskaliert werden wird. Sofortiger Abzug? Bitte keine Schnellschüsse!

Wie weiter mit dem Appell?

21. Januar 2010

Unser Appell "Heraus aus der Sackgasse in Afghanistan" wird im "Freitag" am 28.1.2010 (Londoner Konferenz) mit den bisher etwa 150 Signaturen publiziert werden. Zur Finanzierung der Anzeige gibt es ein zeitlich begrenztes Sonderkonto:

Konto 1060033501 Spaka Vest-Recklinghausen BLZ 42650150 (Inh. H. Dreier), Stichwort "Appell"

Der Appell hat auch im Gespräch mit  anderen Initiativen, die sich für einen Abzug der Bundeswehr einsetzen, wichtige Fragen aufgeworfen (auch Widerspruch ausgelöst) – wie die Problematik der "gezielten Tötungen" und ihre rechtliche Wertung (wo beginnt eine exterministische Kriegführung?) – wie die Frage, ob das Beharren auf dem Einsatz letztlich auch einer inoffiziellen Großmachtrolle geschuldet ist -  wie  den heiklen Punkt, ob die besonderen militärischen Erfahrungen in Deutschland ausgeblendet werden sollen. Schließlich müssen auch die Alternativen einer Deeskalationsstrategie möglichst konkretisiert werden. Dazu sollen weitergehende Analysen vorbereitet und zur Diskussion gestellt werden in einem "Werkstatt-Treff Heraus aus der Sackgasse in Afghanistan":

Wann: Samstag 6.3.2010, 10-18 Uhr (Mittagessen organisiert)

Wo: Kulturzentrum Bahnhof Langendreer, Bochum

Wir begrüßen ausdrücklich alle anderen Initiativen für einen umgehenden Rückzug und bitten umgekehrt, auch die von uns aufgeworfenen Aspekte mit zu diskutieren und ggf. mit zu berücksichtigen.

Heraus aus der Sackgasse in Afghanistan!

12. Januar 2010

Holt die Stabsärztebrüder nachhause!
Der AfghanistanAppell.de

Heraus aus der Sackgasse in Afghanistan!

In vielen Einträgen dieses Blog wurde die Abwärtskurve der "Versumpfung" der Bundeswehr in A* dokumentiert. Mehr und mehr hörten und hören sich die Meldungen von dort an wie die Simulationen über den A*-Krieg im Roman "Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee." Auch die "Stabsärztebrüder" des Romans sind im realen A* in ihrem gefährlichen Dienst tätig. Man konnte zu Weihnachten einige ihrer Feldpostbriefe im SZ-Magazin vom 23.12.2009 nachlesen, z.B.:

"Insgesamt hat der ISAF-Einsatz in Kundus nur noch wenig von einem Hilfseinsatz, sondern mehr von einem (asymmetrischen) Krieg. Wenigstens alle 3 Tage passiert etwas. Anfangs kamen in schöner Regelmäßigkeit Raketen, das hat nachgelassen. Dafür häufen sich Anschläge und Hinterhalte. Kaum ein Schutzzug, der noch kein Feuergefecht hatte. Mindestens 6mal wurden unsere Patrouillen angesprengt." (Oberstabsarzt Jens Weimer, 34)

"Spätestens nach dem 2. Bunkeralarm entwickelt auch der größte Philanthrop blutige Rachegelüste. Die militärisch einfachste Lösung, die hier von den Soldaten auch favorisiert wird, ist der groß angelegte Artillerie-Gegenschlag. Technisch kein großes Problem: Abschussstelle orten, Kanone ausrichten und zurückschießen – dauert weniger als 1 Minute. Die ersten feindlichen Raketenschützen hätten wohl auch Pech, aber die Taliban sind nicht blöd. Schon die nächsten hätten ein langes Kabel und würden die Rakete neben einem Kindergarten starten." (ders.)

Den Stabsärztebrüdern ist also klar: Die "Option" einer weiteren sehr blutigen Eskalation rückt näher.

Aber es gibt eine andere Option: den Rückzug. Dafür setzt sich der APPELL "HERAUS AUS DER SACKGASSE IN AFGHANISTAN!" ein, den die Zeitschrift "kultuRRevolution. zeitschrift für angewandte diskurstheorie" zusammen mit der Zeitschrift AMOS entwickelt hat. Er ist spezifisch für ein deutsches Publikum formuliert und soll rechtzeitig zur Londoner Konferenz am 28.1. veröffentlicht werden.

Update: Wie geplant wurde der Appell am 28.1. in der Wochenzeitung Der Freitag mit den ersten 150 Unterschriften veröffentlicht. Der Appell “Heraus aus der Sackgasse in Afghanistan” mit seinen prägnanten Gründen für einen “umgehenden” Rückzug der Bundeswehr erfreut sich seit seiner Publikation im “Freitag” am 25. Januar weiterer Unterstützung. Er erweist sich so als wichtiges Instrument, um zu verhindern, dass bald wieder “war as usual” herrschen kann. Deshalb bitten wir jetzt (und ohne deadline) um zusätzliche Unterschriften.

AfghanistanAppell.de
Vollständigen Appell als PDF lesen

Jetzt unterzeichnen!

Ein “Kommissarsbefehl” in Afghanistan?? Hat die fatale Stunde geschlagen?

01. Januar 2010

Zitat Spiegel-Online 30.12.2009: ”Laut dem Bericht einer von Karzai eingesetzten Untersuchungskommission trieben am vergangenen Samstag Soldaten der internationalen Truppen im Distrikt Narang in der Provinz Kunar 10 Zivilisten aus ihren Häusern und erschossen sie. Unter den 10 Todesopfern seien 8 Schüler im Alter von 13 bis 17 Jahren. [...] Dagegen sagte ein ranghoher Isaf-Offizier, der anonym bleiben wollte, es habe keine zivilen Todesopfer gegeben. Alle Toten seien Männer ‘im Kampfesalter’ gewesen. Bei dem Vorfall seien US-Elitesoldaten im Einsatz gewesen, aber keine Nato-Soldaten. Ein US-Soldat in Asadabad, der Hauptstadt von Kunar, sagte, keiner der Getöteten sei ‘unschuldig’ gewesen.”

Die Überschrift des Artikels lautet: “8 US-Bürger bei Selbstmordanschlag getötet” (da ging es um – verfremdet ausgedrückt – die gezielte Tötung einer CIA-Einheit durch INS = insurgents). Es ist also doppelt schwierig, den Faktenkern aus den durchmischten Meldungen zu extrahieren. Plausibel erscheint es zunächst, dass nicht “normale” Isaf-Soldaten, sondern “Eliteeinheiten” die “Aktion” oder den “Einsatz” durchführten – aber offensichtlich abgesprochen mit und geschützt von Isaf-Truppen (zu denen zwar nicht in dieser Provinz, aber insgesamt die deutschen Soldaten gehören).

Natürlich ist allgemein bekannt, dass man “demokratische” Kriege niemals mit Nazi-Kriegen “vergleichen darf”. Hier geht es auch nicht um “Vergleich”, sondern um Schwierigkeiten beim Verstehen. Und dazu hilft nun doch unsere inzwischen verbreitete Kenntnis über den deutschen Feldzug gegen die Sowjetunion 1941-1945. Da war es so, dass “Einsatzgruppen” in Absprache mit und im Schutz der Wehrmacht den (geheimen) “Kommissarsbefehl” durchführten. Das ging so: Denunziation “aktiver Kommunist und potentieller Widerständler” (= “Kommissar”) – aus dem Bett geholt – erschossen.  Die “Einsatzgruppen” (meistens der SS, der Polizei, aber auch der Wehrmacht selbst) waren durchaus “Elitetruppen”.

So könnte es also auch jetzt in Afghanistan laufen (kein Vergleich! bloß Verständnishilfe): Es scheint einen (geheimen) Befehl zu geben, alle auch bloß potentiellen “Taliban” (oder “Insurgents”), soweit sie im “kampffähigen Alter” sind (also offenbar ab 13 Jahren) “gezielt zu töten”. Es scheint, dass die direkt Ausführenden Elitesoldaten sind (im Fall Deutschland also KSK: wie bei dem Massaker von Yakob Baj am 4.9.2009), aber dass sie in Absprache mit und im Schutz der “normalen” Isaf handeln. Nach dem Rezept: Denunziation – aus dem Bett holen – erschießen.

Wer eine alternative Erklärung der Fakten weiß, möge sie bitte als Comment mitteilen.

Falls die hier gewagte Hypothese aber insgesamt korrekt sein sollte: Was würde daraus folgen?? Hätte dann nicht die fatale Stunde geschlagen, wo wir uns eingestehen müssten, dass deutsche Truppen “im deutschen Namen” Aktionen zumindest decken, zu deren Verständnis man auf frühere deutsche Kriege zurückgreifen muss? Und: Begreifen wir jetzt nicht endlich, warum “unsere Väter geschwiegen haben”? Vielleicht weil sie solche Meldungen ebenfalls (innerlich) unter eine falsche Überschrift gestellt und sie im freudschen Sinne “verleugnet”, ja sogar “verworfen” haben (das ist was anderes als “verdrängt”: es ist schlimmer)? “Ich habe nichts gesehen”?

Um es zu wiederholen: Wir können nicht mehr warten auf eine neuerliche “Gnade der späten Geburt” – weil wir allemannfrau längst schon geboren sind.

Die Ursprünglichen Chaoten

“Militär allein ist nicht die Lösung”: ein diskursiver Trumpf, der nicht mehr sticht!

31. Dezember 2009

In der Vorerinnerung (Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee: Roman bei asso, Oberhausen: besorgen!) wird es vorerinnert:

Wir machten dann auch kurze improvisierte Simulationsspiele für die Manipulationstrümpfe des V-Trägers: “Wie verkauft Arschky eine Werkschließung?” – Da spielt er den Trumpf x allein ist keine Lösung”: (mit Pathos:) “Kollegen! Dazu sagen wir klar: So nicht! Nicht mit uns! Werkschließung allein kann nicht die Lösung sein! Wir brauchen noch andere Lösungen, Kollegen, die genau so wichtig sind und sogar noch viel wichtiger, Kollegen! Wir brauchen einen Sozialplan!” (S. 399)

V-Träger = Verantwortungs-Träger; Arschky = SPD-Betriebsratsboss

Man setze statt Arschky Künast, Trittin, Steinmeier & Co. und statt Werkschließung Krieg in Afghanistan, und man ist in der Gegenwart angelangt. Besonders dick pumpte Guido Westerwelle diese Diskursblase auf: “Militär allein kann nicht die Lösung sein! Wir brauchen noch andere Lösungen! Wir brauchen einen Aufbauplan!” und sogar (mit Pathos:) “Ich gehe nicht zur Afghanistan-Konferenz, wenn es eine reine Truppenaufstockungskonferenz wird!” Aber da stachen Künast, Trittin, Steinmeier & Co. (und sowieso die CDU) ein bisschen in seine Diskursblase, und sie sackte in sich zusammen. Der Trumpf sticht einfach  nicht mehr.

Als ob irgendjemand (einschließlkich Bush) jemals so doof gewesen wäre zu behaupten: “Militär allein ist die Lösung in Afghanistan” – alle (einschließlich Bush) haben selbstverständlich immer gesagt: Militär allein ist nicht die Lösung, wir brauchen auch einen Aufbauplan. Am liebsten würden sie sogar sämtliche zivilen Projekte, einschließlich von “pazifistischen”, per CMC (Civil-Military Cooperation) als Feigenblätter über ihre “gezielten Tötungen” und ihre Massaker von Typ Yakob Baj kleistern. (Worauf leider leider viele NGOs, sogar  “pazifistische”, hereinfallen.)

Militär allein ist nicht die Lösung? Militär ist Teil des Problems und nicht der Lösung, und zwar der wichtigste Teil des Problems!  Deshalb beginnt die Lösung klipp und klar mit dem Abzug des Militärs aus Afghanistan, und insbesondere mit dem Abzug der Bundeswehr, und zwar sofort.

Gefragt ist jetzt vor allem jene politisch-ästhetische Fantasie, die es ermöglicht, uns das “Humanmaterial” nach dem “im deutschen Namen” angerichteten Massaker von Yakob Baj vorzustellen.

20. Dezember 2009

Vorweg: Dass es keineswegs der Kenntnis von Geheimberichten von Feldjägern der Bundeswehr oder gar von KSK-Einheiten bedurfte, um sich in groben Zügen klarzumachen, wie das “Massaker” (Jürgen Todenhöfer in der Watz 17.12.) von Yakob Baj in der deutschen Zone zustandekam und wie es ablief, beweisen die entsprechenden Einträge dieses Blogs (18.5.2009: enorme Kosten für den Steuerzahler, die verschwiegen werden; 24.6.: Strategie des “3. Versuchs” eines deutschen “Griffs zur Weltmacht”; 21.7.: neue, offensive und aggressive Eskalations-Strategie der Bundeswehr erklärt; 23.7.: Satire Kollateralschäden im Sauerland; 19.8.: Streit unter den “Stabsärztebrüdern”; 20.9.: Warum Anwesenheit des halben Dorfes Yakob Baj bei den Tanklastern? Um gratis Sprit zu bekommen! – inzwischen offiziell bestätigt; 14.12.: deutsche Soldaten als ***de* – wie die zerfetzten und verbrannten Kinder ausgesehen haben). Also: Wer z.B. den Roman “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung” (assoverlag Oberhausen – gutes Weihnachtsgeschenk last minute) gelesen hatte, konnte sich alles genau vorstellen.

Dass das alles nun aus Geheimberichten bestätigt und noch übertroffen wird, haben wir allerdings keineswegs unserer Mini-Stabil-Demokratie zu verdanken, sondern einem regelrechten Hauen und Stechen auf Seiten der Stabsärztebrüder (siehe “Bangemachen gilt nicht…”, wo es vorerinnert ist): Ein Minister gestürzt, sein Nachfolger “angeschlagen”, der oberste General, binnen Minuten gestürzt, beschuldigt den Minister offen der Lüge, “neue Videos tauchen auf” (die beweisen, dass die Bundeswehr “am Boden” war) – all das hauptsächlich über die SCHLAGzeitung ausgehauen und ausgestochen! Ein atemberaubender Vorgeschmack auf künftige Notstände und Neo-Militärputsche. Dann das Machtwort von Schneiderhans Vorgänger Kujat (Interview DLF 17.12.): Ein solches öffentliches Hauen und Stechen zwischen Fraktionen der Bundeswehrführung ist “absolut nicht normal, nein ganz und gar nicht normal”. Das gehöre nicht in die Öffentlichkeit der Mini-Stabil-Demokratie, das gehöre hinter verschlossene Türen. Mit umgehendem Erfolg: Sofort Schweigen im Medienwald, Thema “abgehakt”, “Saft abgedreht”, “Luft raus”. Untersuchungsausschuss erklärt, mindestens 1 Jahr zu brauchen, und dann nochmal mindestens 3 Monate (also bis Frühjahr 2011 – wenn der Endsieg schon errungen sein soll!). Umschalten auf “Kopenhagen” und Weihnachten.

Also muss unsereins wieder seine politisch-ästhetische Fantasie bemühen: Worum kann sich eine solch wirklich “absolut nicht normale” innere Eskalation in der Generalität drehen? Eindeutig um die äußere Eskalation in Afghanistan und künftig allgemein. Es geht um die Taktik, mit der der Schritt der Bundeswehr zur Weltjunta-Armee mit voller Power “verkauft” werden kann. Es geht also um den “3. Versuch des deutschen V-Trägers” (“Verantwortungs-Trägers”: siehe Eintrag vom 24.6.). Damit wird auch das Massaker von Yakob Baj einigermaßen transparent: Die KSK und ihr Hiwi Oberst Klein wollten eine “gezielte Tötung von INS (Insurgents) mit erheblichen Kollateralschäden” nach US-Modell durchführen, weil sie auf die “Solidarität” ihres BB (Big Brothers USA) zählten. Dabei verrechneten sie sich: Der BB erzwang die Medialität des Massakers, vermutlich um seinen Juniorpartner Deutschland zu zwingen, seine “Heuchelei” zu beenden und sich offen für einen “schmutzigen Krieg aufzustellen”. Die Fraktion der “Weltmissionare”, wie sie in der “Vorerinnerung” heißen, will nun in einer Art “medialen Durchbruchsschlacht” diese “Ehrlichkeit” in kurzer Zeit erzwingen. Es soll sogar das Grundgesetz geändert werden, um Massaker zu legalisieren (Spiegel Online 18.12.). Dagegen setzt sich die Fraktion der “Hausaufgabenmacher” für eine Fortsetzung der Salamitaktik ein.

Es ist atemberaubend, mit welchem Tempo der 3. Versuch sämtliche “Einsatzformen” des 1. und 2. Versuchs samt ihren diskursiven Begleitkomplexen restauriert. So spricht der berühmte geheime “Feldjägerbericht” ganz naiv davon, dass bereits am Mittag des 4.9. das Terrain von “Humanmaterial” völlständig gesäubert gewesen sei (nur noch Leichen von Eseln hätten herumgelegen: “Zeit” vom 17.12.). Da können die Stabsärztebrüder nur aufjaulen, weil es im 3. Versuch doch “Patientengut” heißen muss! Auch der “Endsieg” ist wieder da: als Kombination von “Endkampf” und “gewinnen” (Lothar Rühl in der Fatz vom 17.12.) – ja sogar für alle Fälle auch der “Dolchstoß”: “Solche Ereignisse werden noch öfter eintreten, wenn der Endkampf um die Kontrolle Afghanistans erfolgreich geführt werden soll. Je mehr und je öfter die Politik den Truppen im Feld aus dem sicheren Heim in den Arm fallen wird, desto geringer werden die Erfolgschancen.” (dito) Natürlich darf da auch die “Drückebergerei” nicht fehlen (Wolfssohn in der Watz 17.12.).

In all diesen geheimen wie auch in den von SCHLAG enthüllten Diskursfragmenten kommen die Opfer nicht vor: Sie sind aus dem mediopolitischen Diskurs genauso “klinisch” herausgesäubert wie das “Humanmaterial” aus dem Schlachtfeld von Yakob Baj (“Ein Schlachten wars, nicht eine Schlacht zu nennen”: Schiller). Die Leichen sind auf alle Zeiten unauffindbar verbrannt und “entsorgt” (oh ja ihr Grünen: das war auch eine ökologische Katastrofe, die ihr da mitzuverantworten habt). Dennoch gab es noch einige überlebende und “nur” schwer verletzte Kinder im Krankenhaus von Kundus: Kein einziger Journalist von all denen, die sonst ständig wiederholen, dass “die Opfer unterschlagen werden”, uns aber dennoch mit Schockbildern von (nur den jeweils “richtigen”) Terroropfern schocken, hat die Idee gehabt, uns Bilder dieser von der Bundeswehr ”im deutschen Namen” massakrierten Kinder “zuzumuten”. Nichts zeigt deutlicher als diese Tatsache, dass afghanische Menschen (als Menschen der 5. Normalitätsklasse) im Hauen und Stechen um die beste Strategie und Taktik des 3. deutschen Versuchs nicht zählen. Sie sind allenfalls minimierte Zahlen in einem CDE (“Collateral Damage Estimate”). Wir brauchen all unsere politisch-ästhetische Fantasie, um sie uns vorstellen zu können.

In den Geheimberichten sind die afghanischen Bauern und ihre Kinder durch Chiffren ersetzt: “COM PRT KDZ”, “TF 47″, “42 S VF 8903852017″ (das war die “Zielkoordinate”, mit der 150-200 Menschen ausgelöscht wurden). Wir sollten uns wenigstens den Namen des Dorfs merken: “Yakob Baj” – es ist das erste Dorf des 3. Versuchs, das so wenig vergessen werden sollte wie all die Dörfer aus dem 1. und 2. Versuch: Oradour-sur-Glane, Kalavrita, Lidice, und all die tausende russischer Dörfer, die bei “normalen Kampfhandlungen” vernichtet wurden.

(Solche) Soldaten sind ***de*

14. Dezember 2009

In der Vorerinnerung (Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee; Roman bei asso, Oberhausen; als Weihnachtsgeschenk empfohlen) wird die Chiffre auf Seite 846 aufgelöst: Sie bedeutet nicht etwa “Mörder”, sondern selbstverständlich “Helden”. Es geht dort (fiktional!) um die Simulation eines künftigen Krieges der Bundeswehr, und die chiffrierte Parole ist an Fabrikmauern im Ruhrgebiet gepinselt worden, vielleicht von den “Ursprünglichen Chaoten”? Außerdem kann man an diesen Mauern auch lesen: Soldaten sind Kollateralschadenminimierer; sowie: TUCHOLSKY.

Wie werden solche ***de* gemacht? Wie inzwischen durchgesickert ist, nach einer einfachen Bauanleitung:

Ein anonymer “Informant” (in der DDR hießen sie IM) informiert eine unbekannte Instanz der Bundeswehr, dass in einem afghanischen Dorf “Talibanführer” aufgetaucht seien. Diese Instanz beschließt eine “gezielte Tötung” unter Inkaufnahme ziviler Kollateralschäden. Dazu werden Elite-***de* vom KSK (Kommando Spezial-Kräfte) eingesetzt und US-”Luftunterstützung angefordert”. Als Grund gibt man die “Entführung” von zwei Tank-LKWs an und behauptet, die sollten in ein Bundeswehrcamp gefahren werden und dort explodieren. (Tatsächlich scheint der Sprit an die Bauern verschenkt worden zu sein, was die Präsenz fast des ganzen Dorfes bei den LKWs erklären würde.) Dann befiehlt ein Oberst Klein diese “militärische Option”, und zwar gegen “INS”, was die Abkürzung für “Insurgents” ist, zu deutsch “Aufständische” – also nicht einmal “Taliban”. Wie ein Taliban und gar ein Talibanführer von völlig sprach- und kulturunkundigen Bundeswehrangehörigen zu identifizieren wäre, ist sowieso rätselhaft, da sie ja keine Abzeichen tragen. Es reicht für ***de* also der Anruf eines IM und die Bezeichnung “Aufständische”, um…

Resultat: Nach dem Anwalt Popal, einem Cousin von Karsai und also kaum im Verdacht stehend, ein Talibanführer zu sein (aber wer weiß das schon? wenn ein “Informant” es anders sieht?), der immerhin ohne Sprachprobleme die Familien der Opfer kontaktieren konnte, wurden 168 Zivilisten, darunter viele Kinder und Frauen, aus der Totsicherheit der Luft heraus massakriert (siehe WAZ vom 27.11.2009). Fotos der zerfetzten und verbrannten Körper wie bei Terroranschlägen gab es natürlich nicht zu sehen. Es gibt aber (sicher verschwindend wenige) Deutsche, die sich diese Körper auch ohne Fotos vorstellen können (darunter die Leserinnen der Vorerinnerung).

Ist das nun ein Roman, ist das fiktional? Ja, es kommt so im Roman vor, aber es soll am 4. September 2009 auch von den ***de* der realexistierenden Bundeswehr realisiert worden sein. Das erscheint aber unglaublich, weil es sonst doch spontane Demonstrationen in dem Land geben müsste, das die Welt mit zwei Vernichtunsgkriegen überzogen hat. Der Ruf nach Rückzug der Bundeswehr aus diesem schmutzigen Vietnamkrieg müsste doch massenhaft erschallen. Die grüne Basis müsste doch ihre Führung zwingen, die weitere Unterstützung dieses Krieges sofort einzustellen – oder sie müsste, falls das nicht geschieht, sofort massenhaft aus dieser Partei austreten. Wenn es wahr ist, dann heißt das doch, dass demnächst wieder “die” Deutschen allesamt in der Welt als Angehörige eines skrupellosen militaristischen Plattmachervolkes betrachtet werden könnten; dass gesagt werden kann: Die haben aus ihrer Geschichte aber auch gar gar gar nichts gelernt – die haben sich keinen Deut geändert – die sind wieder genau die gleichen ***de* wie beim letzten und vorletztenmal.

Das zwingt uns zu einer vorsorglichen Klarstellung: Wir distanzieren uns ganz entschieden von den ***de*, die “gezielte Tötungen” nach Berichten von “Informanten” befehlen und dafür “Luftunterstützung anfordern”, um “Kollateralschäden zu minimieren”. Wir meinen eher: “Kollateralschädenminimierung” (auch “angemessene militärische Reaktion” genannt) ist ***de*tum, das nicht besser ist als Terror. Wir können nicht auf die nächste Gnade einer späten Geburt warten, weil wir schon geboren sind. Wir wollen jetzt sofort klarstellen, dass solche Kollateralschädenminimierungen zwar wieder “im deutschen Namen” erfolgen, nicht aber in unserem. Wer das ähnlich sieht, möge einen Comment machen.

Die Ursprünglichen Chaoten

Die Bologna-Mauer bröckelt, wankt – kann jetzt zum Fallen gebracht werden?

09. Dezember 2009

Frau Wintermantel muss sich warm anziehen! Zwar verlässt sie sich auf ihren Betonkopf und mauert kräftig weiter, zusammen mit den anderen Betonköpfen der Wissenschaftsminister und Rektoren – aber ihre Bologna-Mauer bröckelt immer mehr, und nun beginnt sie zu wanken. Die Protestbewegung der Studis rennt weiter gegen die Mauer an, und nun ruft sogar Bernhard Kempen, Chef des Hochschulverbandes, zum Boykott der Akkreditierungsagenturen auf (siehe dazu auch hier drunter die Posts vom 25.11., 15.11. und 19.6. 2009). Es ist jetzt keine Utopie mehr: Die Mauer kann zum Fallen gebracht werden!

Was sind die letzten Hindernisse?

HINDERNIS NUMMER 1:  DIE WURZEL DES ÜBELS IST DIE VERPUNKTUNG – DAS IST NOCH NICHT KLAR GENUG.

Verpunktet oder nicht verpunktet sein, das ist die Frage! Alle Übel der Bologna-Mauer (Akkreditierung, Fast Knowledge und Verdummung, Dualisierung von Forschung und Lehre, von “Exzellenz” und akademischem Billiglohn-Prekariat) beruhen auf dem Fundamentalunsinn der Verpunktung von Intelligenz und Lernen (per Credit Points und Workloads). Wenn es etwas gibt, das sich nicht quantifizieren, also verpunkten lässt, dann sind es die Aha-Erlebnisse eines wirklichen Studiums. Wenn Frau Schavan, Frau Wintermantel und die ganze Betonköpfeschar jetzt in Panik rufen: Bologna heißt doch gar nicht nur 6 Semester Bachelor und jede Woche Prüfung, das haben wir doch nie so gesagt, dann lügen sie im entscheidenden Punkt der Verpunktung: Bologna heißt Verpunktung, und diese Mauer muss weg.

HINDERNIS NUMMER 2: DIE MEDIEN MAUERN MIT AN DER BOLOGNA-MAUER.

Selten hat es eine derart dreiste Manipulation fast aller Medien gegeben wie in der Frage der Bologna-Mauer. Oder wo in den Medien war schon mal für die Mehrheit der Bevölkerung sichtbar von Verpunktung, von Akkreditierung, von wirtschaftsnahen Hochschulräten usw. die Rede?

HINDERNIS NUMMER 3: DIE BERECHTIGTE ANGST DER BACHELOR-GENERATION.

Gegen die mutige Forderung einer “Kölner Erklärung” nach Abschaffung des BaMa-Systems gab es ängstliche studentische Stimmen. Nur allzu verständlich! Diese Studis haben ja das Bachelor-Studium aufnehmen müssen und haben jetzt berechtigte Angst, dass ihre einzigen Zeugnisse entwertet werden könnten.

DIESES HINDERNIS KANN AUSGERÄUMT WERDEN: DURCH FREIHEIT UND PLURALITÄT DER STUDIENGÄNGE!

Die unsäglichen, verpunkteten und verdummenden BaMa-Studiengänge sollen nach den Betonköpfen jetzt “nachgebessert” werden. Und warum erhielten die bewährten Studiengänge Diplom, Magister und Staatsexamen seinerzeit nie die Chance, nachgebessert zu werden? Warum wurden sie klammheimlich verboten? Und das unter dem ohrenbetäubenden Geschrei von Hochschulfreiheit und Nachfrageberücksichtigung? Ein einziges Mal können die Betonköpfe der Bologna-Mauer beim Wort genommen werden: Die Lösung ist sehr einfach: Diplom, Magister und Staatsexamen sind wieder freizuschalten, und die Studis können dann frei wählen zwischen diesen Studiengängen und den “reformierten”, d.h. verpunkteten BaMa-Studiengängen. Beide Optionen erhalten gleichermaßen die Möglichkeit der Nachbesserung (selbstverständlich gibt es neue Entwicklungen, vor allem durch die Computerisierung, die berücksichtigt werden müssen). Auch früher schon gab es die Möglichkeit von Erweiterungsprüfungen, etwa von Staatsexamen zu Magister oder umgekehrt – dementsprechend sollten Erweiterungsmöglichkeiten von BaMa zu Diplom/Magister/Staatsexamen und umgekehrt eröffnet werden. Die personellen Ressourcen stehen sofort  bereit, wenn die aufwendigen Akkreditierungsagenturen eingespart sind.

CHANCEN! CHANCEN! TÖNT ES AUS ALLEN MEDIEN – DAS HIER IST JETZT ENDLICH EINE CHANCE, DIE KEINE BLASE IST!

“Sollen wir eine Bank überfallen?” Aber Frau Wintermantel! Natürlich eine gründen! Und Bad Universities!

25. November 2009

Margret Wintermantel, Chefin der deutschen Rektoren und -innen, Psychologin mit Forschung über Experten-Laien-Dialoge, erwies sich als kläglich unfähig zu einem solchen, als protestierende Studis ein Go-in machten. “Sollen wir denn eine Bank überfallen?” schrie sie die Studis an.

Aber Frau Wintermantel! Da sieht man, dass Sie den BA in Wirtschaft nicht packen würden: Sie sind nicht auf Exzellenzniveau, sonst wüssten Sie, dass seit langem die Faustregel gilt:

“Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?”

Deshalb gleich hier die entsprechende Multiple-Choice-Aufgabe für Sie:

Diese Faustregel wurde formuliert von:

A Friedrich von Schiller

B Josef Ackermann

C Ulrike Meinhof

D Jemand anderem

(1 Credit Point; mehrere Lösungen können richtig sein)

Wenn Sie nun diese Faustregel auf Exzellenzniveau kreativ auf Ihre zugegeben nicht ganz einfache Situation anwenden, ergibt sich folgendes: Ihre Bologna-Blase ist geplatzt (was die Ursprünglichen Chaoten in diesem Blog schon im Juni konstatiert hatten – jetzt sogar von der Fatz bestätigt). Aber nicht verzweifeln! Sie müssen jetzt ernst mit Ihrem Prinzip machen, dass Unis wie Wirtschaftsunternehmen zu führen sind. Was haben die Banken gemacht, als ihre Kredit-Blasen platzten? Sie haben Bad Banks gegründet und die toxischen Kredite darein ausgelagert. Dafür gab ihnen der Staat sofort ein paar hundert Milliarden, damit sie wieder frische Profite machen konnten.

Das ist doch die Lösung für Sie: Sie gründen Bad Universities und lagern die faulen Kredit-Punkte (Credit Points) zusammen mit den toxischen Bachelor-Studiengängen in diese Bad Universities aus: Dann wird Ihnen der Staat für die Exzellenzen ganz sicher die fehlenden Milliarden geben!

Die Ursprünglichen Chaoten, nach einer Idee des Unpolitischen Zwillings

Das Rätsel des “neuen Normal” – und eine normalismustheoretische Antwort

22. November 2009

Seit dem 17. November 2009 (Rhein-Main-Zeitung; 19.11. dann fatz) häufen sich in den Wirtschaftsmedien die Fragen, was “das neue Normal” sei. U.a. wurde diese Frage auf der 12. Euro Finance Week in Frankfurt gleich am Anfang von 25-Prozent-Ackermann aufgeworfen; es folgten dann noch die Reden von 500 weiteren Bankern.

Ja, was ist wohl das “neue Normal”? Wir haben sicher zu recht erstmal den Verdacht, dass es sich um einen typischen Banker-Übersetzungsfehler handeln dürfte. So ist es: es soll die Verdeutschung des englischen “the new normal” sein, was ja wohl heißen müsste: “die neue Normalität”. So hieß eine populäre Sendung auf ABC News, in der normal people erzählen durfte, wie sie ihr “old normal” mehr oder weniger findig runterbrechen auf “new normal”. Zum Beispiel indem sie die Air Condition rauf- bzw. runterstellen, um Energie zu sparen, oder indem sie jeden zweiten Friseurtermin canceln und sich selbst frisieren, oder indem sie sonst den Gürtel enger schnallen.

Es geht also um die Störung bzw. Unterbrechung (Diskontinuität) der “alten Normalität” durch die Krise. Es geht also um die Normalisierung der Krise – wobei aber paradoxerweise eine “nicht normale Normalisierung” erwartet wird – d.h. eine Normalisierung, die nicht zurück zum “old normal”, zur Vor-Krisen-Normalität zu führen scheint. Darin steckt also sozusagen eine Menge Sprengstoff, weil es bedeuten würde, dass das “normale Wachstum” (s. dazu den “Versuch über den Normalismus”, 4. Auflage Göttingen, Vandenhoeck u. Ruprecht) irgendwie unterbrochen werden könnte. Dieses “normale Wachstum” geht in endlosen Schlangenlinien (logistischen Kurven) aufwärts: steiler, exponentieller Aufschwung, Abnahme des Steigungswinkels bis annähernd Null plus eventuell kleiner Abschwung – neuer Zyklus mit neuem Aufschwung usw. bis in alle Ewigkeit. (Das zu “wissen” – darin besteht eigentlich alles Wissen der genialen Manager – sie wetten bloß verschieden auf die Kurvenknicks.)

Das ominöse Stichwort vom “new normal” bedeutet also ein Menetekel: lange Unterbrechung oder gar Ende der endlosen Schlange des normalen Wachstums? Für die Wirtschaft und die Banker bedeutet es konkret das Rätsel, “wo nach der Krise [...] die neuen Gleichgewichtspreise und -mengen liegen werden” (fatz 19.11.). Noch konkreter: wo die Durchschnittsprofitrate liegen wird – ob sie dauerhaft sinkt und was das für Folgen haben wird. Natürlich durfte die Frage so (kapitalismusanalytisch) in Frankfurt nicht gestellt werden – sie durfte (bzw. konnte) nicht einmal normalismusanalytisch gestellt werden. Und was Ackermann & Co. sagten, lief auf das Platzen der Diskurs-Blase “neues Normal” hinaus: Sie propagierten nämlich unisono ihr “altes Normal”: 25 Prozent Rendite, keine Einschränkung ihrer “Freiräume” (Ackermann). Das Platzen der Diskurs-Blase könnte ein böses Omen für die neue wundervolle Aktien-Blase sein, die nach dem Prinzip der endlosen Schlange mit ganz kurzen Zyklen up up and away neuen “Rekorden” zustürmt. Also: Die neuen Profite stammen im wesentlichen bloß aus der Aktienspekulation. Genau das ist  – nein nicht das “neue”, sondern das “alte Normal”.

“Wir stehen voll hinter dem Protest der Belegschaft – GM muss Opel jetzt zügig stilllegen!”

15. November 2009

Schizophren? Nicht vorstellbar? Wenn aber eine Bundesministerin und alle Landesminister genau solche Erklärungen abgegeben hätten – bloß auf einem anderen Politikfeld? So ist es tatsächlich: Auf die Forderung der protestierenden Studierenden nach Abschaffung der Studiengebühren, der Uni-Dualisierung und der völlig vor die Wand gesetzten Bachelor-”Reform” mit ihrem absurden Verpunktungs- und Modulsystem, das auf Fast Knowledge, also Verdummung, und vor allem auf die Schaffung eines akademischen Billiglohn-Prekariats hinausläuft, antwortete Frau Schavan und antworteten die Kulturminister: Wir stehen voll hinter den Forderungen der Studierenden – jetzt sind die Unis am Zuge, ihre Hausaufgaben endlich zu machen und die “Reform” endlich zügig umzusetzen! Vor allem: die Lehrinhalte endlich zügig zu entschlacken!

Studiengebühren? Schweigen. Dualisierung der Unis in Elite und Fast Knowledge, der Profs in Principal Investigators und E-Learning-Begleiter? Schweigen. Bachelor-Verpunktung und -Verdummung? Soll noch gesteigert werden (“Entschlackung”)! Abschaffung der Hochschulräte mit ihren Crash-Bankern und der privaten Akkreditierungsagenturen? Schweigen. Wieder umgekehrt: Frau Wintermantel, Chefin der Rektorenkonferenz, kann weit und breit keine “Ökonomisierungstendenzen” erblicken – sie hält diesen Begriff für “ideologisch”.

Offensichtlich gehen diese V-Träger davon aus, dass ihre Verdummungs-”Reform” bereits gewirkt habe und die Protestierenden nicht merken würden, was jedem Opelarbeiter sofort aufstieße: Ihr fordert A? Aber wir sind doch total solidarisch mit euch und fordern doch genauso wie ihr endlich die zügige Umsetzung von Non-A! (Ein Modul Logik wäre Schlacke – ist aber weitestgehend schon entschlackt.)

Lesung aus der “Vorerinnerung” in Siegen

12. Oktober 2009

Im Anschluss an die Tagung des Siegener Promotionskollegs “Demokratie und Kapitalismus” liest Jürgen Link aus dem Roman “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung” (assoverlag Oberhausen).

Wann? Freitag, 6. November 2009, 19 Uhr

Wo? Kultcaff Uni Siegen

An der Tagung selbst beteiligt sich J.L. mit einem Vortrag zum Thema

“Normalisierung der Krise” (10.15 Uhr Senatssaal AR-UB 032)

Vortrag und Lesung im Kombipack

12. Oktober 2009

Im Rahmen der Tagung “Literaturwunder Ruhr” hält Jürgen Link einen Votrag (Titel gegenüber dem ersten Programm geändert) zum Thema:

Ein Rhizom, hämmernd und kochend – oder wie die Heimatliteratur am Ruhrgebiet scheitert (mit einer autogenen Fluchtlinie).

Die Fluchtlinie besteht aus einer kurzen Lesung aus dem Roman “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung”.

Wann? Freitag, 30. Oktober 2009

Wo? Bochum, Haus der Geschichte des Ruhrgebiets, Clemensstr. 17-19 (Nähe Schauspielhaus)

Siehe auch das übrige, spannende Programm im Internet!

Sarrazins protonormalistisches Manifest und der gespaltene V-Träger

08. Oktober 2009

Er hat schon lange als “Mann der mutigen Wahrheit (links)” gearbeitet (Leserinnen der “Vorerinnerung: Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr Armee”, assoverlag, wissen bescheid). Jetzt hat er einmal in Ruhe ein richtiges Manifest publizieren lassen, das die hegemonialen Mediokraten und den V-Träger selber (siehe unten) gespalten hat: Zastrow bei Springer und Mohr beim Spiegel verteidigen ihn vehement, während andere dann doch kalte Füße bekommen. Aber worin besteht eigentlich genau der Kern dieser “mutigen Wahrheit” und dieses Spaltpilzes?

Da ist wirklich die Normalismustheorie gefragt (Versuch über den Normalismus. Wie Normalität produziert wird, Vandenhoeck und Ruprecht). Über die bekannten “provokanten Formulierungen” hinaus (Massen von kleinen “Kopftuchmädchen” fluten auf uns zu) war der Kern der “mutigen Wahrheit” normalismustheoretisch völlig eindeutig: Sarrazin hat die protonormalistische Theorie von der “differentiellen Geburtenrate” reproduziert. Die “Unterschicht” (hauptsächlich die türkisch-arabische, aber auch ansatzweise die “deutsche”) hat einen unterdurchschnittlichen IQ, setzt aber die meisten kleinen Scheißerchen in die Welt. Dagegen fehlen Einwanderer mit hohem IQ (wie früher die Juden), und (ist zu ergänzen:) auch die “Deutschen” mit hohem IQ verweigern das Kinderkriegen (Syndrom der “kinderlosen Akademikerinnen”). Folge: Der durchschnittliche IQ schmiert immer mehr ab. Diese Lage ist in Berlin besonders schlimm. Die Schülerinnen dort werden von Jahr zu Jahr dümmer. Da aber nur ein hoher IQ zum “Leistungsträger” qualifiziert, schmiert auch die Wirtschaft ab.

Diese Theorie wurde von Darwins Vetter Francis Galton vor mehr als 100 Jahren erfunden; sie bildete die Grundlage seiner “Eugenik”, und die wiederum war der Musterfall einer “protonormalistischen” Reaktion auf moderne Massendynamiken. Die angeblich immer schiefere IQ-Verteilung der “Population” (Begriff auch von Sarrazin) bedeutete angeblich eine katastrophale Denormalisierung – die Normalität (Beseitung der Schieflage durch Verringerung der Niedrig-IQ-Population) sollte dringend wieder hergestellt werden (Galton dachte an Heiratsverbote – er konnte sich noch nicht vorstellen, was seinen Nachfolgern noch alles einfallen würde). Bei Sarrazin heißt das: weiteren Zuzug radikal verbieten (im wesentlichen: Heiratsverbot in Deutschland; sollen sie in der Türkei heiraten, dort bleiben und Kopftuchmädchen produzieren).

Weitere historische und systematische Informationen über Galton, IQ-Fiktionen (wissenschaftlich höchst wackliges Konzept!) und “Protonormalismus” finden sich im “Versuch über den Normalismus”. Dort wird auch erläutert, wie der Protonormalismus nach dem 2. Weltkrieg in Verruf geriet und durch den “flexiblen Normalismus” ersetzt wurde. Der hat die Normalitätsgrenzen ausgeweitet und die zuvor “anormalen Populationen” (nicht bloß Einwanderer, sondern auch sexuelle Minderheiten, Behinderte usw.) in die Normalität integriert und inkludiert. Sarrazins Monolog stellt sich damit als ein wahrhaftiges Manifest gegen den flexiblen Normalismus und für eine “Wende” zum Protonormalismus heraus.

Und genau das spaltet nicht bloß die Mediokraten des V-Trägers, sondern den V-Träger selber! Der V-Träger ist der “Verantwortungs-Träger”  und spielt eine Hauptrolle in dem Roman “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee”. Er leidet dort manchmal an MPD (Multiple Personality Disorder), wobei er sich verspricht und NPD sagt. Was im Roman prognostisch simuliert wurde, spielt sich nun in der Realität ab: Die eine Person im V-Träger, Bundesbankchef Weber, ist über Sarrazin schlicht entsetzt. Sie weiß, dass der Weltmarkt und gerade auch ein richtig verstandener Neoliberalismus nur mit flexiblem Normalismus vereinbar ist. Die andere Person im V-Träger aber (Hans-Olaf Henkel) schmeißt sich schützend vor Sarrazin und wettert gegen den “Vernichtungsfeldzug”, der diesen angeblich bedroht. (Wir sollen innerlich ergänzen: Sarrazin wird jetzt verfolgt wie früher die Juden.) Diese Person im V-Träger will also das “Tabu” des “Denkverbots” über den Protonormalismus und über härtere Normalitätsgrenzen draußen und drinnen endlich vom Tisch kriegen. Wie das weitergehen könnte, kann man in der “Vorerinnerung” lesen – es ist dort vor-erinnert: Es macht den V-Träger zuweilen regelrecht philosophisch, und er grübelt dann in seinen schlaflosen Nächten über Schopenhauers tragisch in sich gespaltenen “Willen”.

“Es geht uns nicht um einen sofortigen Abzug”. Oder: Wie aus bösen Stasis gute Realos werden

07. Oktober 2009

Man hätte es sich doch denken können! Nach dem veritablen Kollaps der Niemals-mit-der-Linken-SPD muss der Linken nach dem erfolgreichen Muster der Grünen jetzt ganz auf die Schnelle jeder noch verbliebene antihegemoniale Zahn gezogen werden, damit sie “regierungsfähig” wird – und als erstes der antihegemoniale Eckzahn. Was ist dieser Eckzahn? Natürlich die Ablehnung des deutschen Vietnamkrieges in Afghanistan. Denn daran hängt das ganze Prinzip weltweiter militärischer Interventionen der Bundeswehr. Und daran wiederum hängt “unsere” neue Rolle als Weltmacht (“gewachsene Verantwortung”) und führendes Mitglied der G7-Weltjunta. So sagen unsere Medien das natürlich nicht – sie sagen “Politikfähigkeit”, “Regierungsfähigkeit”, NATO-Verpflichtungen und dreimal dreitausendmal “Verantwortung”.

Also: Der Eckzahn muss raus. Meint Bodo Ramelow, beinahe heimlicher Regierungschef von Thüringen. Wem sagt er das? Natürlich der Springerpresse (Welt am Sonntag 4.10.2009). Nun könnte man denken: Landesregierungen haben sowieso nichts über Afghanistan zu entscheiden, warum weicht er da nicht einfach aus? Na weil es eben der Eckzahn ist, und das will die Hegemonie als erstes wissen – das hätte sie sogar von einem Kommunalpolitiker wissen wollen. Also bedient Ramelow beflissen und antwortet: “Uns geht es nicht um einen sofortigen Abzug.” Da kann sogar das niederländische Parlament einen fast sofortigen Abzug beschließen – die Niederlande sind nun mal kein Mitglied der G7-Weltjunta.

“Wie soll man die neue große Bundestagsfraktion der Linken bändigen, in der viele radikale Leute sitzen?” fragt die WamS weiter. Antwort: “Wir arbeiten mit Hochdruck daran.”

Stopp! Wer ist dieses “Wir”? Wer sitzt mitten in diesem “Wir” als Afghanistan-Spezialisten drin?  Da wird es spannend: Dadrin sitzen “Leute”, die für die Springerpresse ansonsten das schlechthin Böse sind: Alte SED- und (oh Graus!) sogar Stasi-Seilschaften! Das sind aber keineswegs die “radikalen Leute”, von denen die Rede war! Bitte nicht verwechseln! Diese Stasi-Seilschaften sind vielmehr neuerdings “Realos” – sie sind die unbedingt notwendigen “Realos”, die gebraucht werden, um eine Partei “politikfähig” zu machen. Damit das Szenario abspulen kann wie bei den Grünen.

Diese “Realos” der Linken haben auch einen “Vordenker”. Der war bekannter Stasi-Mann und heißt André Brie. Bei einem “Vordenker der Realos” ist Stasi aber keine Schande, sondern ganz im Gegenteil: Eine sehr gute Sache! Siehe dazu den Artikel “Der Vordenker dachte in die falsche Richtung” aus der Fatz vom 24.9.2009. Da erfahren wir nicht nur, dass er Stasi war, sondern auch, dass er Lafontaines Forderung nach dem Abzug aus Afghanistan “zu platt” findet! “Oft reiste er als Afghanistan-Beauftragter des Europaparlaments an den Hindukusch” – um dort mit der Bundeswehr die junge afghanische Demokratie aufzubauen! Wir verstehen: Es ist ja bei dieser Seilschaft nicht das erstemal: Die verstehen echt was von Afghanistan, die haben ja schon den Krieg der Sowjettruppen gegen die Taliban unterstützt, bis zum Endsieg! Die haben sich ihre Realoehrenmitgliedschaft nun wirklich unter großen Opfern verdient!

Bitte keine Verschwörungstheorie: Ramelow ist schließlich Wessi. Okay, als ob es keine genauso guten Wessi-Realos gäbe (siehe immer wieder die Geschichte der Grünen). Aber in dem “Wir” haben sich eben Wessirealos und Ossirealos zusammengefunden – und die Ossirealos sind alte SED- und Stasiseilschaften. Ramelows Büro zeigt das im Kleinen: seine Quasi-Chefsekretärin Marion Wallroth war Stasi. Das stört auch in ihrem Fall keine Springerpresse. Q.E.D.

Es ist soweit: Der 1. Stabsärztebruder hat sich geoutet!

20. September 2009

In der Vorerinnerung (Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee, assoverlag Oberhausen: zum Lesen, Sich-Schenken-Lassen, etwa zu Weihnachten, auch zum Selberverschenken empfohlen) – also in dieser Vorerinnerung ist bekanntlich eine Art zukünftiger Vietnamkrieg der Bundeswehr aus der Sicht der 1970er und 1980er Jahre vorweg-simuliert. Er findet sogar in einem Land A* statt. Dabei spielen die “3 Stabsärztebrüder” eine Schlüsselrolle: SA 1 (normaler Stabsarzt), SA 2 (Psychiater, Spezialist für Kriegsstresssymptome, V-Mann des MAD sowie in der Sicherheitsindustrie engagiert) und SA 3, der “Überseebruder” (s. S. 95f. der Vorerinnerung). Zu den Reizen der Lektüre der Vorerinnerung gehört auch eine Art Applikationsspiel mit der Aktualität: Dieser Roman ist u.a. auch eine Art Netz, in das die Realität hineintappt und dadurch sichtbar wird.

Nun hat sich der erste reale Stabsärztebruder, “Dr. Michael Domes, Oberstabsarzt der Reserve, Hamburg” in einem Leserbrief an die FAZ (14.9.2009) zu der von Bundeswehroberst Georg Klein befohlenen Bombardierung von Tanklastwagen bei Kundus in der Nacht zum 4.9.2009 mit der Massentötung von Zivilisten  geoutet.  Er stellt rhetorische Fragen von der Art: “Ein Luftangriff um circa 1.30 Uhr. Was machen Kinder und unbeteiligte Zivilpersonen um diese Uhrzeit an einem Flussbett außerhalb einer Ortschaft in einem Unruhegebiet?” (Sie wollten natürlich möglichst viel kostenlosen Sprit abzapfen, wie überall in der 3. Welt bei jeder Gelegenheit, auch an Pipelines, üblich: Es handelt sich beim Frager also nicht um den Überseebruder, der das wüsste.) “Kritik der Vereinigten Staaten: Wie kommt es, dass die jetzigen Kritiker an Deutschland, die in der Regel Amerika und seine Außenpolitik aufs schärfste verurteilen, ungefiltert amerikanische Angaben als korrekt zugrunde legen?” Das ist die deutsch-nationale Haltung der Stabsärztebrüder aus der Vorerinnerung pur! Zu den Konsequenzen siehe eben diese Vorerinnerung.

Man kann es nicht oft genug wiederholen: Auch der Vietnamkrieg wurde als Antiterroreinsatz und Hilfe zum Aufbau eines stabilen und demokratischen Südvietnam geführt. Auch damals hieß es: Gnade uns Gott, wenn der Vietcong siegt, dann bricht ganz Asien weg. Auch damals sollte immer mehr “Verantwortung” an eine “gewählte südvietnamische Regierung” übergeben werden: Die Eskalation war nur die notwendige Bedingung für die notwendige “Stabilisierung” – ohne “Stabilisierung” war an Rückzug nicht zu denken. Auch damals hieß die konkrete Strategie wie heute “clear and hold” (seinerzeit “search and destroy”), auch sie wurde hauptsächlich mit ständiger “Luftunterstützung” geführt. Auch dabei gab es massenweise tote Frauen und Kinder. Vorschlag eines Stabsärztebruders könnte sein: Wie damals könnte man verhindern, dass Kinder sich nächstens in “Unruhegebieten” rumtreiben, indem man die “Unruhegebiete” ganz räumt und die Bevölkerung in “Dörfer des glücklichen Lebens” umsiedelt!

Fazit: “Deutschland” (“WIR haben die Kraft”) ist in seinem 1. Vietnamkrieg angekommen, wie in der Vorerinnerung prognostiziert. Aber (fast) niemand hält das für möglich. Stell Dir vor, es ist Vietnamkrieg aus Deutschland, und niemand merkt es. Die Lektüre der Vorerinnerung macht das nicht Vorstellbare vorstellbar.

Die Ursprünglichen Chaoten

A*: Streit unter Stabsärztebrüdern wie in der Vorerinnerung simuliert!

19. August 2009

Aus Anlass der Wahl in A* und der in deren Umfeld aufs höchste prekariserten Sicherheitslage meldete sich Altminister Rühe zu Wort und wurde (wenn auch falsch) mit der Schlagzeile “Rühe fordert baldigen Abzug aus Afghanistan” (FAZ 17.8.2009) zitiert. Nanu? War es nicht Rühe gewesen, der als “MdmBa” (Mann ders mit Betonkinn ausschießt: so in der Vorerinnerung) die Bundeswehr in die “Kampfeinsätze in Übersee” hineinbugsiert hatte? Tatsächlich plädiert er unbedingt für Sieg in A*: Dazu müsse es aber einfach härter zur Sache gehen. Nach einem Sieg könnte die Wehr dann in etwa 2 Jahren mit dem Abzug anfangen. Darüber regt sich nun der andere Altminister Struck, der mit dem Bismarck-Makeup, auf: Er habe nichts zurückzunehmen von der Verteidigung unserer Freiheit am Hindukusch, und unser jetziger Jungs-Jung habe recht, wenn er 5-10 Jahre in A* bleiben wolle.

Sommertheater? Vielmehr die realisierte Simulation des Streits der Stabsärztebrüder aus der Vorerinnerung! “Hausaufgabenmacher” gegen “Weltmissionare”, d.h. Bundeswehr in “unsere” näheren Einflusssphären (wie Balkan) oder weit weg nach “Übersee” – Rühe macht sich da zum Sprecher jener Generäle und Stabsärzte, die meinen, dass “wir” uns übernehmen, wenn wir beides gleichzeitig machen wollen. Gut, wo “wir” jetzt schon mal im Sumpf von A* sitzen, dürfen “wir” nicht als Verlierer rausgehen. Das wäre sehr schlecht für unser “Ansehen” “da unten” und also für unseren 3. Versuch. Also “zur Sache”: 2 Jahre richtiger Vietnamkrieg mit allem Drum und Dran bis zum Endsieg – aber nicht ewig dort bleiben. Struck geht damit durchaus d’accord: Er ist aber pessimistischer über die Zeit bis zum Endsieg. Und beide Stabsärztebrüder sind sich in einem 100%ig einig: Merkel muss endlich “mutig die Wahrheit sagen”. Struck: “dass die Jungs da sterben können, und dass sie da Afghanen töten können, dass das da zur Sache geht”.

“Zur Sache” – Schluss mit Schätzchen.