Archive for the ‘Interdiskurs’ Category

10 Jahre Blog Bangemachen gilt nicht. Bilanz, Resümee, Schlussstrich.

Dienstag, Dezember 18th, 2018

10 Jahre Blog „Bangemachen gilt nicht“: Bilanz, Resümee, Schlussstrich – Wiedervereinigung mit der „kultuRRevolution. zeitschrift für angewandte diskurstheorie“

Es war ein Experiment: In Erwägung, dass das Internet als epochale Technikrevolution wie wenige Medien zuvor zur Basis kulturrevolutionärer Proliferationen taugt, sollte hier eine Erweiterung der Projekte kultuRRevolution. zeitschrift für angewandte diskurstheorie (kRR), der theoretischen Studien von der Art des Versuchs über den Normalismus sowie nicht zuletzt auch des Romans Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung erprobt werden. Erweiterung in mehrfachem Sinne: zeitlich, indem Blogposts in kürzeren Abständen als die Zeitschrift geschrieben wurden – thematisch, indem auf mehr aktuelle Ereignisse eingegangen werden konnte – generativ, indem ein kollektives Mitschreiben erhofft war. Dabei war an eine Nische zwischen regelrechten Online-Magazinen wie Telepolis bzw. auch kontinuierlichen Autorenblogs und öffentlich-privater Korrespondenz gedacht. Was aktuelle Ereignisse anging, so sollte natürlich um gotteswillen nicht das „Kommentieren“ entlang den jeweiligen medial angesagten „Themen“ per „like“/„fuck“ gedoubelt werden. Wie in der Zeitschrift kRR sollten Kurzanalysen auf der Basis diskursiver, also mitteldauernder Aktualität und mit prognostischer Kapazität erarbeitet werden. An wenigen exemplarischen antagonistischen Konflikten wie Afghanistan und Griechenland war auch an Interventionen (in Form von öffentlichen Appellen) gedacht. Sie wurden mit einigem Erfolg realisiert.

Bilanz in Stichworten

DMM = DEUTSCHE MAINSTREAM-MEDIEN. Die Kritik des Blog an den DMM hat nichts mit „Lügenpresse“ zu tun. Schlimmer als FAKE NEWS sind NO NEWS und FILTERED NEWS. Die schärfste Waffe der DMM ist TOTSCHWEIGEN. Das wusste schon Karl Kraus. Ein scheinbar banaler, aber äußerst exemplarischer Fall: Am 21.10.2018 publizierte das Handelsblatt einen Pro-Europa-Aufruf, der u.a. von Fredrich Merz und Jürgen Habermas unterzeichnet war. Es handelte sich eigentlich um einen Aufruf zur Unterstützung Macrons. Dass der von vielen für den „bedeutendsten lebenden Philosophen“ erklärte Habermas sich hatte in die Schäuble-Merz-Kampagne einspannen lassen, die offensichtlich nicht nur auf einen Kanzler Merz, sondern auf ein GERMROPA-Konsulat Merz-Macron zielte, wäre doch – sollte man meinen – ein „Thema“ von erstem Rang gewesen. Aber Schweigen im Walde der DMM. Wer das Blog Bangemachen gelesen hat, kann sich selbst einen Reim auf dieses Totschweigen machen. (Man fürchtet eine Abwertung des „Werts“ bzw. der „Währung“ namens H. – man wird diese Währung noch brauchen.) Eine ebenfalls verbreitete Spielart von FILTERED NEWS ist die EINÄUGIGKEIT bzw. die BINÄRE REDUKTION.  Kaum ein Tag, an dem die DMM sie nicht einsetzen – Musterbeispiele:  PUUTIIN und Fehlanzeige Poroschenko, ASSAD und Fehlanzeige „Rebellen der Opposition“.  Die Suggestion notwendiger Parteinahme mit Einäugigkeit ist schlimmer als Fake News à la Rotelius.  WNLIA ist möglich (Weder Noch, Lieber Irgendwie Anders)!

GERMROPA oder „Deutschlands dritter Versuch“: Der dritte Versuch eines deutschen Griffs zur Weltmacht ist Thema von Simulationen im Roman Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung. Im Zuge der Krisenserie seit 2007 wurde aus der Simulation Realität, und das wurde im Blog verfolgt. Kopflanger wie Herfried Münkler entwarfen ein Europa aus drei Normalitätsklassen („Ringen“) um eine stabile deutsche Hegemonie herum. Gerade schien dieses Projekt durch die Herabstufung und Verwandlung Griechenlands in einen „Hotspot“ definitiv festgeklopft, da geriet GERMROPA im Zuge der Massenflucht ins Wanken und inzwischen an den Rand des Kollapses. Diese Entwicklung wurde im Blog analytisch aufgewiesen.

Letzter Stand von GERMPROPA

Nicht nur Münkler, nicht nur sein Kontrahent Sloterdijk, sondern auch dessen Intimfeind Habermas in seinem gemeinsam mit Merz verfassten Europa-Appell im Handelsblatt, betrachteten das Projekt MACROLEON als letzte Chance GERMROPAS. Mit Macrons erzwungener Kapitulation vor den Gilets Jaunes ist auch dieser unverzichtbare Pfeiler geborsten. Die deutsche Hegemonie steht jetzt vor einem Scherbenhaufen. Sie muss entweder verzichten oder auf die alte Regel „Landgraf werde hart“ aus den beiden ersten „Versuchen“ umschalten. Vermutlich war die Achse Schäuble-Merz für dieses Umschalten gedacht. Aber vor der gleichen Alternative steht auch jedes sonstige „Deutschland der Entscheidungseliten“ und also jede deutsche Regierung.

NORMALITÄTSKLASSEN: Diese Kategorie der Normalismustheorie wurde im Blog insbesondere am Fall der brutalen Herabstufung Griechenlands von Normalitätsklasse 2 nach 3 (wie die Türkei) konkretisiert.

BELLISIERUNG: Der von den USA begonnene weltweite „War on Terror“ bedeutete konkret nicht nur die Herabstufung von Ländern wie Irak in die unterste, fünfte Normalitätsklasse, sondern deren langdauernde Bellisierung, also strukturelle Verwandlung in ein „Kriegsland“. Eine direkte Folge struktureller Bellisierung sind Massenfluchten wie die von 2015.

AFGHANISTAN: Im Blog wurden diese Zusammenhänge exemplarisch am Beispiel Afghanistans analysiert. Dabei spielt Deutschland hauptsächlich deshalb mit, um seine Weltmachtstellung auch militärisch zu beanspruchen. Vor 10 Jahren war der Afghanistankrieg im siebten Jahr, heute im 17., demnächst im 18. Im Blog wurde immer wieder daran erinnert, dass dieser deutsche Krieg inzwischen längst der nach dem Dreißigjährigen längste ist, dass er Unsummen von Steuergeld (nach vorsichtigen Schätzungen mindestens 30 Milliarden Euro) buchstäblich in den Sand gesetzt hat (d.h. in eine völlig verrückte Nachschub-Logistik, in Materialverschleiß und nicht zuletzt Korruption der berüchtigten Warlords mit ihrer institutionellen Pädophilie („Tanzknaben“). Es wurde das so Evidente dargestellt: Dass schon wegen der Sprach- und Kulturbarrieren „unsere Jungs“ die Allerletzten sind, die „da unten“ irgendetwas „stabilisieren“ können – dass im Gegenteil die Abhängigkeit der westlichen Besatzer von inländischen IMs stets erneut zu Bombardierungen „falscher“ Hochzeitsgesellschaften und Drohnenkillungen „falscher“ Ziele führen muss. Also zur Ausweitung statt Verringerung der ethnischen Fehden. Dass alle Umfragen eine klare Ablehnung dieses wahrhaft irrationalen Krieges durch die Mehrheit der deutschen Bevölkerung zeigen, ohne dass das die „Entscheidungseliten“ (einschließlich der GRÜNEN) im geringsten juckt.

Letzter Stand: Unter den Fluchtmassen seit 2015 stellen insbesondere junge Männer aus Afghanistan eine der größten Teilgruppen dar. Es handelt sich dabei um die „Früchte“ der deutschen militärischen Intervention – nicht zuletzt faktisch um Deserteure, die sich der Zwangsrekrutierung durch entweder Warlords (Regierungsarmee) oder Rebellen (Taliban u.a.) entziehen. Das scheint allerdings kein Asylgrund zu sein, so dass sie in ihr durch die Bundeswehr „sicheres Heimatland“ abgeschoben werden (soweit man ihrer „habhaft“ wird).

LINKS/RECHTS/MITTE/EXTREME und POPULISMUS: Als nach Finanz-, Griechenland- und Eurokrise durch Massenfluchtkrise und Populismuskrise schließlich sogar die deutsche stabile Normaldemokratie ins Schleudern geriet, konnte das Blog zur Analyse auf bewährte theoretische Instrumente zurückgreifen. Die Krisenserie wurde mittels der Normalismustheorie als Kette von DENORMALISIERUNGEN lesbar, und die Aufregung durch „Populismen“ als DENORMALISIERUNG des spezifisch deutschen politischen Normalitätsmechanismus eines Spiels zwischen rechter und linker MITTE und einer Begrenzung des Normalitätsspektrums durch Antagonismusverbot und „Anormalisierung“ aller EXTREME. Daraus entstand inzwischen eine neue ausführliche, systematische und aktualhistorische Studie:

J.L., Normalismus und Antagonismus in der Postmoderne. Krise, New Normal, Populismus. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 2018, 439 Seiten, € 50.

Schlussstrich

Die prognostische Kompetenz des Blog erwies sich als so stark, dass es sich bei Themen wie GERMROPA, Afghanistan, Griechenland, Normalismus und Populismus bald nur noch wiederholen konnte. Der ironische und sarkastische Ton ließ sich steigern, und es entstand die Tendenz, die Simulationen des Romans Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhrarmee. Eine Vorerinnerung ironisch als realisiert zu konstatieren bzw. weiterzuschreiben. Gleichzeitig erwies sich die Hoffnung auf erweitertes Schreiben oder gar Proliferationen als trügerisch: Das Blog geriet in die Klemme zwischen die stets dominantere Kurzatmigkeit und Indexalität (Diedrich Diederichsen) von Facebook-Whatsapp-&Co und die Tendenz zu längeren Darstellungen, wie sie besser in der Zeitschrift kRR aufgehoben sind. Deshalb wird das Blog nun sozusagen mit der kRR wiedervereinigt. In Themenblöcken – etwa zu Kollektivsymbolik und Interdiskurs – werden die Posts in die Website der kRR integriert und sind dort auch künftig lesbar (weil sie ja an Aktualität keinen Deut eingebüßt haben).

ZUM SCHLUSS DIESES BLOG: GRUß AN DIE GILETS JAUNES!

Im Blog wie ausführlich und systematisch in dem Buch Normalismus und Antagonismus in der Postmoderne ist die Frage des Populismus (ob nun rechts, links, Mitte oder alles und keins) erörtert. Seine Basis ist ein antagonistisches „Plebsvolk“, dem die einen einen fatalen Hang zum Rassismus unterstellen, und die anderen zum prädestinierten Opfer demagogischer Führer. Die Gilets Jaunes dagegen entsprechen bisher (Mitte Dezember 2018) vorwiegend den „linken“, radikaldemokratischen Populismustheorien. Ihr Medium ist zum einen das Internet, zum anderen ein Äquivalent der Platzbesetzungen von 2011: Besetzung von Kreisverkehren und Mautstellen, auch von Prachtstraßen. Sie streben direkte Demokratie an, haben keine Führer und wollen auch keine, ihre von den Eliten der Normaldemokratie als bloßer „Krach“ (bruit, Jacques Rancière) wahrgenommenen Argumente fordern „einen Anteil für die Anteillosen“ (Rancière) ein. Indem sich die ursprüngliche Forderung gegen eine Ökosteuer für Kleinautoangewiesene statt für Autokonzerne mit vielen anderen Forderungen zu einer „antagonistischen Äquivalenzkette“ verstärkt hat (Ernesto Laclau und Chantal Mouffe), ist der pompöse Symbolpolitiker MACROLEON (man lese den Blogpost zu seiner Inthronisierung, als symbolisch bereits alles determiniert war) in eine Hegemoniekrise geraten, aus der er nur schwer herauskommen wird – aber MACROLEONS Hegemoniekrise ist zugleich die Hegemoniekrise GERMROPAS. Gruß aus Deutschland an die Gilets Jaunes – jetzt fehlt in der Äquivalenzkette der Forderungen noch vor allem eine: Wer soll das alles bezahlen? Das kann eine Kürzung des „Verteidigungshaushalts“, kombiniert mit sofortigem Abzug aus den bellisierten Ländern, locker bezahlen – diesseits und jenseits des Rheins (Erinnerung: mindestes 30 Milliarden Euro allein aus deutschen Steuergeldern in Afghanistan verpulvert – totgeschwiegen von den DMM.)

Es geht weiter…

…denn alle Blog-Beiträge dieser Seite können auf der Internetpräsenz der kultuRRevolution – zeitschrift für angewandte diskurstheorie eingesehen werden. Sie finden diese geordnet nach den Kategorien dieses Blogs (Interdiskurs, Normalismus, Kollektivsymbolik, etc.) unter dem Menüpunkt „Inhalte“. Wir wünschen viel Freude beim Entdecken!

Wenn Guttenberg bleibt, kann Schavan nun wirklich nicht bleiben

Freitag, Februar 25th, 2011

Guttenberg selbst, Merkel und die ganze Regierung sowie deren mediale und populäre Basis, argumentieren systemtheoretisch: Das politische Teilsystem der Gesellschaft ist autopoietisch funktional ausdifferenziert, und das wissenschaftliche Teilsystem ebenso. Der binäre Code des ersten lautet „Regierung/Opposition“, der des zweiten „wahr/falsch“ – beide sind voneinander völlig unabhängig (jeweils autopoietisch geschlossen), und deshalb kann Guttenberg bleiben, weil er zum Minister, wie Merkel es schön formuliert hat, als fähiger Politiker und nicht als Wissenschaftler berufen wurde.

Was aber ist mit Frau Schavan, die im politischen Teilsystem für das wissenschaftliche Teilsystem zu sorgen hat? Sie sagte dem Deutschlandradio Kultur am 24.2.2011: „Viele, die in der Wissenschaft arbeiten, sind natürlich enttäuscht darüber, dass eine Dissertation so zustande gekommen ist, und ich finde, dass die gestrige Entscheidung (nicht die Gutti-Entscheidung von BILD, sondern die der Uni Bayreuth, J.L.) zeigt: […] Die Wissenschaft ist souverän, die Wissenschaft entscheidet zügig. […] Es gibt Situationen, in denen Fehler gemacht wurden. Und entscheidend ist dann ein System, das Selbstregulierungskräfte hat, und das ist gestern deutlich geworden. Der Titel ist aberkannt, und damit ist klar seitens der Wissenschaft gesagt worden: Hier ist ein Fehler gemacht worden beim Zustandekommen der Arbeit – bei der Bewertung der Arbeit […].“

Der systemtheoretische Duktus ist hier sehr deutlich. Aber er kollabiert: „zügige Entscheidung“ gehört zum politischen, nicht zum wissenschaftlichen Teilsystem. Und sie wurde tatsächlich im politischen, nämlich in einem zwischen Guttenberg und dem Kabinett abgesprochenen „Zustandekommen“ gefällt und der Uni okroyiert. Der Titel wurde eben nicht „aberkannt“, sondern Guttenberg  hatte souverän politisch entschieden, ihn „zurückzugeben“ wie ein Geschenk – und die Uni „nahm ihn zurück“ – wie ein abgelehntes Geschenk.

Frau Schavan hat also ihre Aufgabe, politisch das Wissenschaftssystem zu verteidigen, eindeutig nicht wahrgenommen. Sie hat außerdem ein weiteres funktional ausdifferenziertes autopoietisches Teilsystem verhöhnt, nämlich das Rechtssystem (mit dem Code „Recht/Unrecht“) – beides schon allein dadurch, dass sie weiter im gleichen Kabinett wie Guttenberg sitzen bleibt.

Daraus folgt zweierlei: Erstens dass kein Wissenschaftler mehr die Wissenschaft bei Frau Schavan in guten Händen glauben kann.

Zweitens aber auch einige Grundsatzfragen an die (luhmannsche) Systemtheorie: Ist nicht der Fall Guttenberg ein Modellfall dafür, dass die Gleichbehandlung spezialdiskursiv verfasster Teilsysteme (wie Wissenschaft und Recht) mit interdiskursiv verfassten (wie Politik und Medien) nicht hinhaut? Über die Frage „wahr/falsch“ wurde ja nie geredet: imgrunde geht es um eine interdiskursive Interferenz Wissenschaft-Recht und die Frage, ob sie in dieser Kombination oder im Interdiskurs Politik entschieden werden soll. Die Uni Bayreuth hat sich für eine eindeutig politische Version der Kombination entschieden. Sie hat implizit gesagt: Politik schlägt Recht in der Wissenschaft. Nach dieser Maxime führt Frau Schavan das Wissenschaftsministerium.

Aber was ist das für eine Politik? Woher stammt ihre „Sturheit“? Über Machtkampf hinaus aus ihrem praktischen Wissen, dass Politik für alles zuständig ist, eben als Interdiskurs. Interdiskurs bedeutet aber, dass politische Kompetenz keine Spezialkompetenz (wie die wissenschaftliche) ist, sondern eine selektive interpraktische („generalistische“) Kompetenz. Guttenberg hatte auch Wissenschaft für seine politische Kompetenz selegiert: Er versucht, diese politische Selektion jetzt mit dem Argument loszuwerden, dass Politik eine Spezialität genau wie Wissenschaft wäre. Schavan deckt das mit ihrer „systemtheoretischen“ Argumentation. Werden Wissenschaft und Recht das absegnen? Und Politik?

Vortrag im Atelierhaus Essen-Steele

Dienstag, Mai 4th, 2010

Auf Einladung von Doris Schöttler-Boll hält Jürgen Link einen Abendvortrag zum Thema:

Wo eigentlich liegt das Feld der Künste? Überlegungen zu ihrer diskursiven Verortung im Dreieck Bourdieu-Luhmann-Foucault.

Wann? 

Freitag, 7. Mai, 20 Uhr

Wo?

Atelierhaus Alte Schule Essen-Steele, Äbtissinnensteig 6