Archive for the ‘Zwischenruf der Ursprünglichen Chaoten’ Category

Im Beruf Schreibtischmanager der Piratenjäger – in der Freizeit Chef der Piraten

Sonntag, April 29th, 2012

Am Schluss des letzten Posts wurde die Frage gestellt, wie die Piraten es eigentlich mit den “neuen Kriegen” der Bundeswehr hielten. Eine piratenmäßig naive Frage! Zweidrittel ihrer Bundesdelegierten haben jetzt einen Bundesvorsitzenden gewählt, der Regierungsdirektor im Verteidigungsministerium mit direkter Zuständigkeit für die Bundeswehrunis ist. Auf Befragen erklärte er sich für die neuen Buwe-Kriege (als Beamter musste er das ja auch wohl – er schuldet seinem Dienstherrn de Maizière “Treuepflicht”). Er fügte aber hinzu, sollte die Partei das aber ablehnen (bisher hat sie noch keine Meinung dazu), so würde er das respektieren (also geht er davon aus, dass sein Dienstherr diesen Respekt nicht als Verstoß gegen seine Treuepflicht werten würde – aus welchen Gründen auch immer).

Also: hoher Beamter, hohe Treuepflicht. Weiter: “Verteidigungsministerium” – also “Verteidigungs”-Begriff der Bundeswehr, das heißt “Verteidigung unserer Sicherheit am Hindukusch” (oder sonstwo in der weiten Welt).

Und dann noch die Pointe, die man sich auf der Zunge zergehen lassen muss: Er muss natürlich auch die “Operation Atalanta” unterstützen (und ist direkt zuständig für alle, etwa völkerrechtlichen, wissenschaftlichen Expertisen über die Legitimation der “Operation Atalanta”). Und was ist die “Operation Atalanta”? Es ist der bisher größte Quasi-Krieg der Bundeswehr gegen die Piraten! Öööh? höre ich die Zweidrittel der Piraten von Neumünster fragen. Ganz einfach: gegen die echten Piraten vor der somalischen Küste. Arme Schweine, die durch Erpressung für ihren Clan was von den Öl-Milliarden der Tanker abzweigen wollen. Natürlich illegal, natürlich ein Fall für die Justiz.

Aber auch ein Fall für die Bundeswehr? Ein Quasi-Krieg wie schon der berühmte “War on Terror”? Und konkret ein Fall für die geballte Wehr der EU? (Ja, zum erstenmal der EU – womit nach der NATO jetzt auch die EU absurderweise zum “kollektiven Sicherheitssystem” umgelogen werden soll.) Wahrlich jede Menge Probleme für “wissenschaftliche Beschäftigung” – und wer führt die Feder? Der neue Chef der Piraten! Der Oberpirat als Schreibtischmanager der Piratenjagd!

Das ist noch nicht alles: Diese Piratenjagd läuft inzwischen nach dem berühmten c/k-System (catch or kill, das heißt im Fall von Luftangriffen nur kill). Und tatsächlich ist “Atalanta” nun “erweitert” worden auf den ausgedehnten “Strand” (wieviel Kilometer landeinwärts, ist nicht ganz klar: Da könnte der Regierungsdirektor und Piratenchef eine Expertise anleiern!).

Und wie läuft diese Strand-Piratenjagd konkret? Mit Drohnen! Also als Teil der künftigen Drohnenkriege der Bundeswehr, in denen Terroristen bzw. auch Piraten nach c/k-Listen, die von Geheimdiensten auf der Basis anonymer Denunziationen fabriziert werden, ohne Verfahren gekillt werden. Viel Stoff für Piraten, sollte man meinen: Drohnen sind immerhin Computerwaffen – c/k-Listen sind immerhin ein Problem von Datentransparenz. Aber die Zweidrittelpiraten brauchen sich um all das nun nicht mehr zu kümmern – darum kümmert sich ja schon ihr Großer Vorsitzender.

Ehrlicherweise sollten die Piraten mindestens ihr Wappen ändern: Die schwarze Piratenflagge passt nicht mehr – sie sollten sie durch das Eiserne Kreuz ersetzen (und dann auch bald den Namen ganz aufgeben). [Wie schade, wo Liquid Democracy eine erstklassige Idee ist. Man darf die Hoffnung noch nicht aufgeben - vielleicht erfahren seine Wähler mittels Liquid Knowledge doch noch, wen sie da gewählt haben.]

Wenn der Bundeswehrnachwuchs jetzt auch noch arabische Schönschrift lernen muss, bekommt de Maizière ein Problem

Mittwoch, Februar 22nd, 2012

Was ist im Lager Bagram (dem größten in Afghanistan, in dem “Aufständische” konzentriert sind) eigentlich passiert, dass schon wieder alle Stabilisierungserfolge von Monaten mit einem Schlag zum Teufel sind? Wie es heißt, bekamen US-Soldaten den Auftrag, “extremistische” Schriften, die bei Häftlingen gefunden worden waren, auf einer Müllkippe heiß zu entsorgen. Für die eigentliche Arbeit gab es afghanische Hiwis. Die entdeckten nun unter den bereits teilweise angebrannten Schriften auch Exemplare des Korans: Aufschrei, Aufruhr im  Lager, dann vor dem Lager, dann in Kabul, dann im ganzen Land. Entschuldigungen über Entschuldigungen.

Und konkrete Zusagen: Ab sofort sollen die Marines im Entziffern arabischer Titel, inclusive Ornamentschrift, geschult werden. Operation West-östlicher Divan! Die deutschen Medien tun mal wieder so, als ob das alles die Bundeswehr nichts anginge – aber wir können sicher sein, dass “unsere” Generäle sofort nachziehen: Auch unsere Jungs kriegen jetzt prophylaktische Entzifferungsschulungen! Endlich ein lukrativer Auftrag für die unterfinanzierten orientalistischen Institute an unseren Unis.

Aber im Ernst: Glaubt de Maizière wirklich, das mühsam rinnende Bächlein von Freiwilligen würde anschwellen, wenn jetzt auch noch diese Hürde dazukommt?

Ceterum censeo exercitum Germanicum ex Afghanistan esse recedendum.

Jetzt Weltmacht Nr. 2? Vermutlich ja.

Samstag, Februar 4th, 2012

International wurde Deutschland schon längst zu den ganz oben führenden Weltmächten gezählt. Im Inland (und besonders bei Linksintellektuellen) war der gesamte “geopolitische” Problemkreis dagegen tabu. Und nun ist es wie mit einem U-Boot: Es taucht plötzlich auf und zwar ganz vorn und ganz groß. Die Münchner “Sicherheitskonferenz” (das heißt das “Davos” der Geostrategen) behandelt lautstark das Thema “Deutschlands Rolle in der Welt”. Allerseits wird – nicht etwa Zurückhaltung, sondern “deutsche” Führungsstärke für die Welt gefordert! (Also noch mehr!) Timothy Gordon Ash redet dabei weiter von “Normalisierung” und “Normalität”.

In diesem Blog, in der “kultuRRevolution” und in der Vorerinnerung (Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee) ist das Tabu nie respektiert worden. Es war ein bisschen die Lage des “Rufers in der Wüste”. Ich erinnere mich an eine Diskussion unter Linksintellektuellen vor 5 Jahren (als wirklich alle Weichen längst klar gestellt waren), wo ich schüchtern zu Bedenken gab, ob wir uns nicht langsam darauf einstellen müssten, Opposition in der zweit- oder allenfalls drittmächstigsten Weltmacht zu sein… Aufschrei! Völlig verrückt!  “Europa!”, “Empire!” – aber doch nicht Deutschland.

Und nun ist das U-Boot plötzlich aufgetaucht. Es ist de Krise, die es zum Auftauchen gezwungen hat. Normalisierungsweltmeister gegen die Krise! Jetzt setzt “uns” nicht bloß die gesamte hegemoniale internationale Presse auf Platz 2 oder allenfalls 3 – jetzt können auch die deutschen hegemonialen Medien das Tabu nicht mehr wahren. Aber sie drehen die Sache so: Unsere Politiker sind zu zaghaft – sie sollten endlich mehr Klartext reden! Jawohl, “wir” sind Weltführungsmacht ganz oben – irgendwo direkt hinter den USA. Diese “Verantwortung” ist “uns” nun mal “zugefallen”. Jetzt müssen wir sie endlich klar übernehmen!

Für uns als antihegemoniale Opposition gilt es erstens zu klären, warum wir mal wieder überrollt wurden. Ich meine: Weil die Wahrheit in diesem Fall alles andere als bequem ist. Wie sollen wir uns jetzt zum Beispiel ganz konkret “im Ausland” verhalten? Wir können doch nicht “unser Nest beschmutzen”? Was machen wir bloß mit unserem (nationalen!) “Wir”? Aber einige Illusionen sind wohl abzulegen und auf einige Realitäten sollten wir uns vielleicht langsam einstellen, als da sind: Das “postnationale Zeitalter” ist keineswegs erreicht – die “großen” Nationalstaaten behalten nicht bloß ihre Souveränität, sie bauen sie sogar aus. “Post-Nationalität” und “Post-Souveränität” sind nur für die Kleinen und die Armen (normalismustheoretisch: für die unteren Normalitätsklassen, die kriegen vielleicht bald wirklich “Kommissare”), aber nicht für die “Großen”, nicht für “uns” . – “Europa”: ist eine Koalition von “großen” Nationalstaaten, unter der Führung des stärksten, der die Spielregeln setzt (“Fiskalpakt”) - was Widersprüche nicht ausschließt, sondern künftig verstärken wird. – “Empire”: ist ebenfalls eine Koalition von Weltmächten und keine übernationale Einheits-AG. – “Weltmacht China”: sollte nicht als Ablenkung von der Weltmacht Deutschland verwendet werden. China greift zur Weltmacht, Deutschland hat dabei einigen Vorsprung (zum Beispiel global-militärisch) – aber angenommen, “wir” wären wirklich bloß Nr. 3 – ändert das was?

Ich übersetze mal aus einem ganz “normalen” griechischen Kommentar (aus “Kathimerini”, 4.2.2012; man könnte hunderte aus allen Ländern der Welt zitieren): “So wie die USA unter Bush ihre militärische Stärke im Jahr 2003 überschätzten, indem sie ihre Bündnispartner zu Befehlsempfängern herabstufen wollten, so überschätzt heute das Deutschland der Merkel seine ökonomische Stärke und unterschätzt den entscheidenden Faktor der Politik. Das Wiederaufleben antideutscher Gefühle ist inzwischen mehr als sicher. Aber selbst auf der ökonomischen Ebene selber werden die Konsequenzen nicht lange auf sich warten lassen. Indem Deutschland die Sinifizierung der Arbeitsbeziehungen vorantreibt, dezimiert Deutschland die Einkünfte eben derselben Europäer, die seine Produkte kaufen und seine Überschüsse nähren. Wenn aber die Stärke sich zur Hybris steigert, wartet die Nemesis um die Ecke.”

Schön der echt griechische Mythos von der Nemesis, von dem unser Schiller so überzeugt war. Aber es ist so: Der deutsche Nationalismus (in BILD und SPIEGEL) ist bereits (wieder) in voller Geisterfahrt gegen die Nationalismen der anderen. Es braucht ein kulturrevolutionäres WNLIA (Weder noch, lieber irgendwie anders). Eine solche Stimme zu “stimmen”, ist nicht einfach. Die “kultuRRevolution” und die Vorerinnerung sind jetzt brauchbar. Es geht um den “3. Versuch des deutschen V-Trägers” (“Verantwortungs-Trägers”) – es geht darum, uns von diesem 3. Versuch nicht überrollen zu lassen. Ganz wichtig sind Simulationen und Szenarien dieses 3. Versuchs (wie sie in der “Vorerinnerung” stehen). Ja – wir Nicht-Hegemonialen können uns jetzt verdient machen, indem wie die Märsche des 3. Versuchs vor-simulieren und verbreiten – hier und international (um den 3. Aufprall des Geisterfahrers nach Möglichkeit zu verhindern.)

Wie konnte Angela “faire Ausbeutung” über die Zunge bringen?

Mittwoch, Dezember 7th, 2011

“Faire Ausbeutung” proliferiert zu einem Knüller im Netz, nachdem Angela Merkel genau diese dem Korruptionskönig Karzai anbot. Üblicherweise wiederholt dieses Blog hier nicht Dinge, die sowieso schon proliferieren. Aber dieses Zitat ist wirklich absolut rätselhaft: Wie konnte die sonst so gut semantisch gemanagte Kanzlerin sagen (offiziell vom Kanzleramt bestätigt): “Ich denke, die Jugend Afghanistans muss auch eine Zukunft haben. In diesen Zusammenhang gehört auch eine faire Ausbeutung der afghanischen Rohstoffe. Hier hat Deutschland sehr viel Erfahrung [...]“? Köhler musste zurücktreten – und nun das!

Erklärungsversuch: Es war eine improvisierte Antwort in einer Pressekonferenz, also nicht von Beratern zu verhindern. Also echte Angela. Sie hatte natürlich in ihrer Jugend in der DDR ständig gehört, dass im Kapitalismus Arbeiter und Rohstoffe von Imperialisten ausgebeutet werden. Und sie wurde im Pfarrhaus so erzogen, dass immer alles umgekehrt richtig ist wie bei den “Kommunisten”. Dass also Ausbeutung gut ist, wenn westlich und wenn fair (Fairness ist ja der höchste westliche Wert neben “Verantwortung”, die übrigens auch in ihem Statement wucherte).

So spielt einem das Unbewusste, das auf nur 2 Alternativen (schwarz und weiß) programmiert ist, einen Streich: Wir haben eine Kanzlerin, die tatsächlich an “faire Ausbeutung” glaubt und die dafür kämpft – nur in Afghanistan?

“Wer trägt die Verantwortung?” – Natürlich der V-Träger!

Mittwoch, November 23rd, 2011

“Wer trägt eigentlich Verantwortung?” und: “Wo bleibt die Verantwortung?” Um diese Fragen zu beantworten, organisierte die Fatz eine große “Tendenzwende-Konferenz” in Berlin (es war die dritte ihrer Art). Neben bekannten Fatz-Leuten wie Nonnenmacher und Kaube wurden “hochkarätige” Wissenschaftler wie Werner Plumpe und Heinz Bude sowie Politiker aufgefahren. Boris Palmer von den Grünen klagte: “Ich treffe nirgendwo Verantwortliche.”

Das ist kein Wunder, ist der V-Träger (Verantwortungs-Träger) doch keineswegs einfach zu kontaktieren. Dennoch hätten die Fatzleute ihm näher kommen können, wenn sie den Roman “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung” gelesen oder wenigstens angezeigt hätten (was zu tun sie sich implizit weigerten). In diesem Roman ist der V-Träger eine der Hauptfiguren. Er ist in Therapie, weil er unter der Verantwortung leidet, manchmal hat er auch eine Art Burnout. Den Ursprünglichen Chaoten, seinen Gegenspielern, ist es aber gelungen, sein Gelaber in der Therapie aufzunehmen – und da erfährt man alles Wesentliche über ihn – auch warum man ihn nicht fassen kann (denn er hat kein Unbewusstes, träumt nie, und wo bei normalen Menschen das Unbewusste sitzt, sitzen bei ihm seine Märkte).

Er trägt schwer unter der Verantwortung, die er einerseits nach unten delegieren muss bis zum Einzelnen Bürger (auch eine Figur im Roman), weil er im Prinzip für Eigenverantwortung des Einzelnen Bürgers ist. Anderseits machen die unteren Verantwortungs-Nehmer, einschließlich der Politiker, mit der Verantwortung Murks, und dann saust die Verantwortung zurück nach oben zum V-Träger. Das ist ein so knochenharter Job, dass er in Therapie muss, um sich aussprechen zu können. Er leidet nämlich auch unter Schlaflosigkeit.

Die Fatz-Konferenz jedenfalls bekam nicht heraus, wo die Verantwortung bleibt und wer sie eigentlich trägt. Werner Plumpe meinte, die großen Gründerkapitalisten des Bismarckreiches wie Krupp hätten noch Verantwortung getragen und viel Geld für Soziales gespendet. Wenn man den Roman “Bangemachen gilt nicht” gelesen hat, kann  man das sogar verstehen: Verantwortung ist offenbar Geld – und wer viel Geld hat, hat viel Verantwortung, wenn er das Geld auch wieder ausgibt. Aber das wiederum geht nur, wenn dabei mehr Geld wieder reinkommt. “Man tut Gutes, von dem man selbst etwas hat” (Werner Plumpe). Damit ist auf einen Schlag auch klar, dass Verantwortung auch gleich “Wettbewerbsfähigkeit” ist. Was aber, wenn beim Ausgeben nicht wieder mehr reinkommt? Dann wird Verantwortung erst richtig knochenhart, weil sie dann Nicht-Ausgeben bedeutet. Dann muss sie nach unten delegiert werden als Eigenverantwortung des Einzelnen Bürgers. Dann müssen die Kleinen (auch die unteren, nicht wettbewerbsfähigen, Länder) gezwungen werden, ihr letztes Geld auszugeben (das ist dann die Eigenverantwortung).

Das hat “meine Politik”, wie der V-Träger im Roman sagt, begriffen. Zum Beispiel Wolfgang Schäuble, der am 22.11.2011 im Bundestag  sein Leitmotiv wiederholte: “Wir haben die Führungsverantwortung in Europa” – will sagen: Deutschland braucht via Brüssel “Durchgriffsrechte” in die “Sünderländer” hinein, die “über ihre Verhältnisse leben”, und das soll jetzt auch in díe EU-Verfassung. Genau das ist im Sinne des V-Trägers selbst, dessen Verantwortung Schäuble übernimmt und für ihn durchsetzt.

Diese hilflose “Verantwortungs-Konferenz” ist also ein guter Anlass, nochmal die Möglichkeiten zu erwähnen, die die Lektüre der “Vorerinnerung” bietet: Diese Geschichte vom Kampf der Ursprunglichen Chaoten mit dem V-Träger, die in der Zeit zwischen 1965 und 1995 im Ruhrgebiet spielt, lässt nicht nur nach-begreifen, sondern auch nach-fühlen, wie wir in dieses 21. Jahrhundert gekommen sind, in dem unser (deutscher) V-Träger nun zum drittenmal weltweite Führungsverantwortung trägt (Schäuble). Das ist ja eine eigentlich unglaubliche Geschichte: Wer hätte sie vor 30 oder 40 Jahren für möglich gehalten? Wer außer den Ursprünglichen Chaoten? Die Möglichkeit des Nachfühlens der Aktualgeschichte des V-Trägers wird in dem Roman literarisch angeboten, und kann nicht anders als literarisch eröffnet werden: Mit poetischen Evokationen und satirischen Simulationen (zum Beispiel des V-Trägers).

Wem dieses Blog manchmal was bringt und wer den Roman noch nicht hat, der kann ihn sich vielleicht zu Weihnachten wünschen und/oder selbst verschenken. Die “Dicke” (der Umfang) sollte nicht abschrecken. Die Vorerinnerung ist übersichtlich in kurze Kapitel gegliedert, so dass man zum Beispiel das Labern des V-Trägers in der Therapie einzeln lesen kann. Auch nicht der Preis (erschwingliche 29,90 Euro).

Also nochmal der Titel: J.L., Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung”. asso-Verlag Oberhausen – über jede Buchhandlung oder über Amazon.

Mörderisch: der Denunziations-Luftschläge-Krieg der NATO in Afghanistan.

Dienstag, August 2nd, 2011

Schon wieder hat die NATO eine ganze Einheit von Karzai-Polizei (“Azubis”) aus Versehen per Luftschlag gezielt getötet. Sie “untersucht” das jetzt wie üblich wieder (bis der “Vorfall” von den westlichen Medien vergessen bzw. durch einen frischen “Vorfall” überholt ist). Das vermutliche Ergebnis der Untersuchung wird sowieso wahrscheinlich top secret bleiben. (Und Wikileaks ist offenbar auch sehr geschwächt.) Denn die Menge solcher Versehen deutet auf systemische Ursachen, die zwar nicht schwer zu erraten sind, dennoch aber Tabu bleiben müssen, weil sie das Wesen dieses Krieges betreffen: Dieser Krieg wird hauptsächlich mit “gezielten Tötungen” durch “Luftschläge” geführt – und die Ziele dieser Schläge werden von “einheimischen” Informanten (Denunzianten) bei den NATO-Geheimdiensten (z.B. BND, MAD) gemeldet. Diese durch strikte Anonymität “geschützten” Denunzianten müssten ja Heilige sein, wenn sie nicht ab und zu Clanrachen und “ethnische” Fehden per Anruf bei den NATO-Diensten regeln würden. Die Kombination ist teuflisch, weil die Luftschläger aus ihrem Jet und in den wenigen Sekunden des Schlages nicht nachprüfen können, ob die Opfer nicht Karzai-Polizisten sind. Inzwischen sollen auch bei der Bundeswehr schon schwarz-makabre Witze im Umlauf sein: Es bestehe eine Wahrscheinlichkeit von etwa einem Drittel, dass es sich bei den jeweiligen Karzai-Truppen um eingeschlichene Taliban handle – und dann wäre ein Versehen entweder doch keins, oder es würde jedenfalls die zulässige Collateral-Damage-Rate nur unwesentlich überschritten.

Dieser Krieg ist derartig schmutzig, dass der sofortige Abzug der Bundeswehr in keinem denkbaren Szenario einen schlimmeren Zustand hervorbringen kann als den der jetzigen “Stabilisierung”.

Der Turboaufschwung ist ein Meister aus Deutschland – überall auf der Welt warten Azubis auf ihn.

Sonntag, Juli 31st, 2011

Wie können die Griechen wieder (oder überhaupt zum erstenmal) “wettbewerbsfähig” werden? Günther Oettinger (Hamburger Abendblatt 26. Juli) und Philipp Rößler (FAZ 28. Juli) haben die entscheidende Idee: Deutsche Handwerksmeister in Rente sollen nach unten vor Ort gehen und die Griechen ausbilden. Der Grieche als Azubi des Meisters aus Deutschland. Das ist ein inzwischen bereits sehr erfolgreich in Afghanistan bewährtes Modell: Dort sind es deutsche Meister in Uniform, die Afghanen technisch ausbilden – on the job natürlich, wie im deutschen dualen System vorgesehen. Im “Figaro” gab es zu dieser Meldung einen verkrampft sarkastischen Comment: Die Deutschen sollten als erste Wahl 85jährige Meister schicken, die hätten als junge Aufstreber in den 1940er Jahren schon mal Griechenlanderfahrung on the job gesammelt. Blanker Neid eines Franzmanns!

Die NATO und ihre “Verantwortung zu schützen”: Zivilisten umbringen, um Zivilisten zu schützen? (Und ein Medienskandal)

Sonntag, Juni 5th, 2011

Seit Monaten bombardiert die NATO Ziele in Libyen. Sie beruft sich dabei auf eine “responsability to protect” (fehlt noch unter den Verantwortungen des V-Trägers in “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee”, das ansonsten ein “Nordafrika-Szenario” vorerinnert hat). Nach Angaben der libyschen Regierung (gemeldet auf Al Jazeera) sollen NATO-Bomben bis Anfang Juni 718 Zivilisten umgebracht haben. Es wird eigens betont, dass darunter keine Militärs gewesen seien, deren Zahl könne aus Sicherheitsgründen nicht angegeben werden.

Das sind doch Zahlen von Gaddafi! (Also sicher mit Vorsicht zu genießen.) Sollten sie aber nicht trotzdem wenigstens erwähnt und diskutiert, einschließlich kritisiert, werden? Ist es nicht ein Skandal (und eine wirklich neue “Qualität”!) unserer hegemonialen Medien, dass diese Zahlen gar nicht mehr gemeldet werden? Die einzige Ausnahme war seinerzeit die Meldung, ein Sohn Gaddafis und zwei Enkel seien unter diesen (angeblich) 718 gewesen. Weder dazu noch zu den (vielleicht wirklich übertriebenen) übrigen 715 Zivilisten im Raum Tripolis gab es eine Erklärung der NATO. Viel schlimmer aber ist, dass “unsere” großen Medien das einfach schlucken und ebenfalls “stille Messe” feiern. Das ist tatsächlich neu – das war  im Jugoslawienkrieg von 1999 noch nicht so und zeigt einen unglaublichen Grad an Verlotterung der “demokratischen” Medien – damals wurden die vielen zivilen Opfer der NATO-Bomben (darunter der Bundeswehr) noch gemeldet, teils mit dem Zusatz, man könne die Angaben von “Milosevic” natürlich nicht bestätigen. Soweit okay.

Wenn “selbst ein Gaddafi” (oder seine Beamten) 718 zum Schutz der libyschen Zivilisten umgebrachte libysche Zivilisten melden und NATO und demokratische Medien dazu schweigen – was bleibt dann an Kontrollmöglichkeiten? Die Statistik der Bombardements: Aber auch dabei will man uns dumm sterben lassen: die Zahlen der Einsätze schwanken zwischen fast 1000 und fast 10000. Wenn man von 5000 ausgehen und eine (stark übertriebene) “Treffergenauigkeit” von 90 Prozent ansetzen würde, dann wäre von etwa 500 fehlgegangenen Bombensets auszugehen, von denen “Kollateralschäden” angerichtet worden wären – darunter mit hoher Wahrscheinlichkeit viele (Hunderte?) Zivilisten.

Wenn es um deutsche “Gefallene” (in Afghanistan) geht, wird zurecht betont, dass jeder einzelne Tote einer zu viel ist. Gilt das nicht für die Zivilisten im  Raum Tripolis? Wenn also nur einer… Aber selbst wenn keiner: Dann bliebe noch immer der zigtausendfache, ununterbrochene schwere Kindesmissbrauch durch Traumatisierung der unschuldigen “Würmchen” (so hießen die Älteren von uns, die im 2. Weltkrieg Kleinkinder waren). Wird es eigentlich niemand schlecht, wenn sie oder er von Kindesmissbrauch liest und gleichzeitig davon, dass in Libyen durch monatelange Bombardements angeblich “Zivilisten geschützt” werden? Und wenn dann Spiegel-Star Matthias Matussek noch verkündet, wenn man als Christ für Menschen bete, wäre das absolut kein Widerspruch dazu, sie gleichzeitig zu bombardieren? Es gibt Dinge, bei denen selbst den Ursprüglichen Chaoten (keine Bange, nur für kurze Zeit) Ironie und Sarkasmus vergehen.

Talokan heißt der 1. GAU der Hochrisikotechnologie namens “neue Bundeswehr” (= Welt-Junta-Bundeswehr)

Dienstag, Mai 31st, 2011

Was am 28. Mai 2011 in Talokan in der deutschen Zone von Afghanistan geschah, ist das bisher größte Debakel der “neuen, reformierten, Bundeswehr”, deren Strategie bekanntlich “vom Einsatz” (in der ganzen Welt) bestimmt ist. Die “engagierten Eliten” (Militärs, Politiker, aber gerade auch Medienleute) waren (völlig zurecht) “von der Rolle”, ja in Panik: Die mediale Gleichschaltung der Bevölkerung rotierte: Teils erfuhr man gar nichts, teils gab es dicke Falschmeldungen: “Selbstmordanschlag” hieß es, und zwei Tage später wurde das kleinlaut als Ente entlarvt – es war viel schlimmer: Eine ferngezündete Bombe hatte im Gouverneurspalast von Talokan installiert werden können.

Die gleichen wild rotierenden Sprachregelungen bei den Opfern: Zuerst wurde gemeldet, “zwei weitere Soldaten der Bundeswehr” seien “gefallen”. Damit konnten die Automaten in Gang gesetzt werden: “feige, barbarische, abscheuliche Tat” (während die eigenen nächtlichen Drohnen-Killungen offenbar tapfer, zivilisiert und ethisch wertvoll sein sollen). Dann kam tropfenweise heraus, dass der Anschlag einem veritablen Gipfeltreffen gegolten hatte: zwischen dem obersten General der Bundeswehr und Befehlshaber aller ISAF-Truppen im gesamten Norden von Afghanistan, Generalmajor Markus Kneip, dem “Polizeichef” ebenfalls des gesamten Nordens, Daud Daud, dem “Polizeichef” der Provinz und anderen Spitzenleuten (sicher auch von den Diensten). Auf deutscher Seite war General Kneip verwundet worden (zuerst: “schwer”, dann: “leicht”), zwei seiner (hochrangigen!) Adjutanten getötet und eine Adjutantin schwer verletzt. Auf afghanischer Seite war Daud Daud unter den Opfern.

Wenn man die Informationspolitik der Bundeswehr auf eine Formel bringen will, dann kann sie nur lauten: “dumm sterben lassen” (die Opfer im wörtlichen, und das Volk im übertragenen Sinne). Denn wer war Daud Daud: etwa ein einfacher “Polizeichef”? Daud Daud war der engste Vertraute und Nachfolger von Achmed Schah Massud, dem kurz vor dem 11. September 2001 noch von den Taliban ermordeten Führer der “Nordallianz”. Daud Daud war also der aktuelle inoffizielle Führer der Nordallianz. Und die Bundeswehr samt BND und MAD hat sein Leben nicht schützen können! Dass der Anschlag in einem Gebäude der “Afghanen” stattfand, ändert daran gar nichts: Die (jährlich mindestens 1 Milliarde teure, vom “Steuerzahler” großzügig alimentierte) “Verantwortung” für ihre Zone liegt bei der Bundeswehr bzw. bei “Deutschland” und nirgendwo sonst. “Die Deutschen” haben nichts gewusst und haben das Debakel mit zu verantworten. Noch-Gesamtchef des NATO-Abenteuers in Afghanistan, US-General Petraeus, der Master Mind der Eskalationsstrategie “clear and hold” mit ihren Killteams und Drohnenschlägen, muss einen Schock erlitten haben.

Denn Daud Daud dürfte unersetzlich sein. Vereinfacht dargestellt (aber es gibt auch Vereinfachungen, die die Struktur klarlegen), ist Afghanistan ein “multiethnisches” Land mit einer paschtunischen Mehrheit, einer Farsi sprechenden Minderheit im Westen und mehreren Minderheiten im Norden, darunter der wichtigsten , tadschikischen. Während die Taliban hauptsächlich unter den Paschtunen dominieren, bildete (und bildet) die scharf anti-paschtunische Mentalität der in der Nordallianz dominierenden Tadschiken so etwas wie die “eiserne Reserve” der NATO-Intervention. Deren Führer hieß Daud Daud, und er konnte bei einem geheimen Gipfeltreffen, auf dem die weitere gemeinsame Eskalation der Petraeus-Strategie zwischen der Bundeswehr und ihren afghanischen “Azubis” besprochen werden sollte, getötet werden!

Damit liegt diese Strategie endgültig in Scherben. Die einzige Alternative zur Option der Vernunft, dem sofortigen Abzug, lautet: noch stärkere, noch riskantere, noch hirnrissigere Eskalation. Deren erster Laut-Sprecher war der CDU-”Verteidigungsexperte” Beck, der einen “Vergeltungsschlag” forderte. Aber auch die Vorschläge der “verteidigungspolitischen Sprecher” der anderen Parteien erinnern an die Maßnahmen von Tepco nach Fukushima: Die SPD bezweifelte die Effizienz der von der CDU angeregten Spürhunde-Einsätze und “biometrischen Überprüfungen” unserer afghanischen Azubis und forderte Verbesserung ihrer “nachrichtendienstlichen Überwachung”. Am nächsten zu einer Tepco-Maßnahme (wie z.B. Einsatz von Wasserwerfern gegen Kernschmelze) kamen die Grünen mit ihrem Sprecher Nouripour: Er forderte ein “Bürgensystem” für unsere Azubis. Er, Nouripour, verstehe nämlich was vom afghanischen Clansystem: Eine “Bürge” würde sein “Gesicht verlieren”, wenn er seine Hand für einen Verwandten ins Feuer gelegt hätte, der sich dann später doch als U-Boot herausstellen würde.

Diese grüne Schizophrenie wäre – wenn es nicht um Leben und Tod afghanischer, deutscher und anderer Menschen ginge – köstlicher schwarzer Humor. Bei der Atomtechnologie treten sie zurecht (unter dem Druck der Bevölkerung) für die Vermeidung auch des kleinsten Risikos ein – bei der GAUrisikotechnologie “Welt-Junta-Kriege der neuen Bundeswehr” schlagen sie ein “Bürgensystem” vor (das wäre doch noch ein Tipp für RWE bei AKWs!)!  Und die Moral von der Geschicht? Bei der GAUrisikotechnologie Eskalationskriege fehlt leider noch der Druck der Bevölkerung. Wie lange noch?

Endlich hieb- und stichfeste Argumente für Verbotsantrag: Sarrazin und SPD vor NPD schützen!

Donnerstag, April 28th, 2011

Schon wieder musste Sarrazin der NPD gerichtlich untersagen lassen, ihn zu zitieren. Das kann nicht so weitergehen, weil auf den 450 Seiten seines Buches noch jede Menge Zitate stehen, die die NPD gerne zitieren möchte. Dabei ist die Schonung besonders peinlich, mit der die NPD Sarrazin behandelt: Sie könnte ja auch selbst auf Plagiat klagen.

Noch einmal: Das kann so nicht weitergehen. Weder ist Sarrazin der Stress ständiger Klagen noch der SPD das Damoklesschwert einer NSPD-Gründung zuzumuten. Diese Notstandssituation der Demokratie dürfte endlich in Karlsruhe durchschlagen: Ein neuer Verbotsantrag gegen die NPD dürfte endlich Erfolg haben, weil das Argument eines Notstands der Demokratie wegen der Möglichkeit, eine in der Wolle gefärbte demokratische Urgestein-Partei nicht mehr klar von einer totalitären Partei unterscheiden zu können. die Karsruher Richter überzeugen wird.

Nur ein Verbot der NPD kann diese daran hindern, ständig weiter Sarrazin zu zitieren, obwohl diese Zitate inzwischen von höchster SPD-Stelle (Bundesschiedskommission ) als in der Mitte sozialdemokratischer Meinungsfreiheit liegend  gewürdigt worden sind. Man hat Sarrazin dabei ganz explizit die Demütigung erspart, ihm eine Distanzierung von seinem Buch aufzunötigen.

Nur ein Verbot der NPD kann ferner deren Stimmen (jedenfalls einige) auf demokratische Parteien (und besonders auf die SPD) umverteilen. Denn es ist nicht ausgemacht, dass der Spruch der Schiedskommission dieses Ziel bereits erreichen wird: Es bleibt ein Restrisiko, dass die gewonnenen NPD-Stimmen die verlorenen alt-sozialdemokratischen Stimmen nicht nur nicht überwiegen, sondern vielleicht sogar nicht einmal ausgleichen werden. Solche Restrisiko-Kalküle sind einer demokratischen Volkspartei ebenfalls einfach nicht länger zuzumuten.

Diese Argumente werden Karlsruhe endlich überzeugen. Da sind wir ganz sicher!

Die Ursprünglichen Chaoten

Fukushima: Wirklich kein Robotereinsatz?

Mittwoch, März 30th, 2011

Viele fragen sich, warum Japan – bekanntlich an der Weltspitze der Roboterentwicklung – in Fukushima keine Roboter einsetzt. Nun gibt es neuerdings den Verdacht, dass mindestens in der Informationspolitik zu Fukushima bereits Roboter im Einsatz seien. So soll die Informationsquelle, die als “Regierungssprecher Yukio Edano” auftritt, in Wirklichkeit ein Roboter sein. Man begründet das damit, dass er seit nunmehr fast 3 Wochen stereotyp von rechts her die Bühne betrete, sich stereotyp verneige, am Mikrofon stereotyp eine Kopfhaltung schräg abwärts zu den Kameras einnehme und stereotyp das Gleiche sage.

Gerade der letzte Umstand lässt uns allerdings an dieser Verschwörungstheorie zweifeln: Tatsächlich sind die “Informationen” dieser Quelle nicht bloß stereotyp, sondern hyperstereotyp. Es gibt nur ganz wenige Varianten: Entweder: “besorgniserregend, aber nicht gesundheitsgefährdend” oder “ernst, aber stabil”. Kenner wissen, dass echte Roboter bereits sehr viel intelligentere Programme besitzen.

Die Ursprünglichen Chaoten

ölbäder und der deutsche v-träger erinnert sich an seinen wüstenfuchs

Mittwoch, März 23rd, 2011

Der V-Träger ist der Verantwortungs-Träger.  Er spielt eine Hauptrolle im Roman “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung” (assoverlag Oberhausen).  Wenn die Ursprüglichen Chaoten, seine Gegenspieler im Roman, Glück haben, können sie bekanntlich die Stimme des V-Trägers mithören.

So gestern Nacht, als auf dem Bildschirm das Bild mit den Kriegsschiffen im Mittelmeer plötzlich ausfiel, der Ton aber weiterlief, allerdings schlagartig ganz anders: Es war die Stimme des V-Trägers!  Mal wütend, mal lamentierend, und sie sagte:

meine grünen wüstenstürmer pinkeln mich jetzt an vonwegen drückebergerei in der libyschen wüste.  sie kapieren einfach gar nichts grün hinter den ohren und ölige laien in wüstenstürmen wie sie sind.  ich verstehe schließlich was von wüstenstürmen in libyen, mein welschmann hat schon  vor 100 jahren welche geführt und ich selber mit meinem wüstenfuchs vor 60.  mein wüstenfuchs war wirklich genial was wüstenstürme angeht und hat trotzdem verloren.  seit mein 3. versuch läuft und ich wieder kriege führen muss, ist mein eisernes prinzip: nie wieder verlorener krieg.  schon gar nicht wieder verlorener blutkrieg.  ich bin kein öliger anfänger, als ob ich nicht wüsste, welche enormen blutvorkommen in der libyschen wüste -  was soll das blinken von wegen semantische vertauschung – scheiß programm!  abschalten!  ach du dicker pater was hab ich da wieder gesagt!

mein franzmann will die blutanlagen erobern, und ich soll den ölzoll mitentrichten (ich habe gesagt: blinken abschalten!) aber ich entrichte ölzoll nur noch, wenn der sieg absolut garantiert ist, nie wieder vonwegen bis zum letzten öltropfen kämpfen und so: die verantwortung liegt doch im endeffekt wenns zum schwur kommt immer bei mir.  meine generäle warnen mich vor imperial overstretching, sie haben in afghanistan und am horn schon genug zu tun.  mein franzmann ist voll im imperial overstretching drin, das sieht doch jeder, ich weiß von meinen diensten, dass er neural enhancing pillen nimmt und schon völlig süchtig ist, ich brauch ihn doch nur da rumzappeln zu sehen.

meine verantwortung heißt blutquellen sichern und sicherer blutfluss, und das wird durch die strategie meines franzmanns, ölbäder mit noch mehr ölbädern zu bekämpfen, doch total verunsichert!  schon jetzt steigt der blutpreis wie eine rakete (verdammtes blinken scheiß programm: ich habe euch gesagt: abschalten!) wenn mein franzmann in der wüste schiffbruch erleidet, wird der blutpreis explodieren und meinem aufschwung den gau verpassen.  das kann ich nicht verantworten.  dieser stress zerreißt mich, mein öldruck geht schon wieder hoch zusammen mit dem blutpreis, und mein internist sieht ein infarktrisiko, aber ich bin sicher, dass das infarktrisiko meines franzmanns viel höher ist.

Da war auch die Stimme weg und bloß noch ein schwarzer stummer Bildschirm übrig: Hoffentlich nichts Schlimmes passiert. Das war ein nächtliches Déjà-vu, denn diese ganze Situation ist vorerinnert im Roman: Siehe das Kapitel “dem v-träger geht einiges durcheinander, als der ernstfall wieder an ihm herantritt (simulation von 1972 auf 1990)” (S. 744-752).

Bei der Gelegenheit nochmal warum es sich lohnt, den Roman “Bangemachen…” zu kaufen, sich schenken zu lassen, ihn zu lesen und/oder zu verschenken: Dieser Roman erzählt jenseits der Kretin-Alternative “entweder politisch oder erfahrungssubjektiv” die Geschichte des deutschen V-Trägers und der Ursprünglichen Chaoten zwischen der 68er Zeit und dem 21. Jahrhunderts. Wie es zum 3. Versuch des V-Trägers kam, in dem wir heute leben müssen. Erzählt es poetisch und satirisch, sensibel und cool. Nach der Lektüre weiß die Leserin, in welcher Geschichtslandschaft sie heute lebt und wie es dazu gekommen ist.

Luftschläge auf Tripolis: Wo bleibt der Kinderschutzbund?

Dienstag, März 22nd, 2011

Die Leser/innen dieses Blogs wissen, dass hier versucht wird, Fakten und Argumente einzubringen, die in den “normalen” Diskursen ganz fehlen oder die im Getöse des Mainstreams untergehen.

Jetzt fallen die deutschen Wüstenstürmer von Reitz bis Özdemir und Andrea Nahles sogar über Guido und Angela her, weil “wir” nicht beim Bomben auf Tripolis dabei sind. Dabei sollten wenigstens die Grünen und “SPD-Linken” (und ihre Wählerinnen) an mindestens zwei Fakten denken:

Erstens sind Luftschläge in großstädtische Gebiete hinein mindestens (mindestens!!!) tausendfacher schwerer Kindesmissbrauch. Kann sich Andrea Nahles nicht vorstellen, was es für ihr Baby für Folgen hätte, wenn sie mit ihm im Keller sitzen und auf das Ende der Raketeneinschläge in nächster Nähe warten müsste? Nach einem Amoklauf in einer Schule rücken jeweils ganze Brigaden von Seelsorgern und Psychologen an, um die Traumatisierungen der immerhin schon Teenager zu lindern und lebenslange Schäden mindestens einzugrenzen. Und was ist ein Amoklauf gegen Raketen- und Bombeneinschläge in nächster Nähe? Man frage die heute 70 jährigen, die als Kinder noch Bombenangriffe in dem Jahren 1943-1945 erlebt und überlebt haben, ob sie das Trauma je “bewältigt” haben. Damals ging es gegen Hitler, richtig - Gaddafi ist vielleicht alles mögliche, sicher ein “Despot”, aber kein Hitler. Ob er als “Charakter” ein Hitler ist, spielt dabei keine Rolle: Er besitzt nicht das welteroberungsfähige militärische Potential der Weltmacht Deutschland, das Hitler zur Verfügung stand, und steht nicht im Eroberungskrieg gegen andere Länder. Hitler als Welteroberer war tatsächlich ein absoluter Grenzfall, der als Modell für Ölkriege nun wirklich nicht taugt.

Zweitens besonders ins Stammbuch der Grünen: Raketen- und Bombenschläge in großstädtische Gebiete hinein richten dort enorme und langandauernde ökologische Schäden an.

Aber “Zivilisten und Demokratie unterstützen”? Gibt es unter den Bewohnerinnen des Großraums Tripolis (immerhin Zweidrittel der Bevölkerung Libyens) keine Zivilisten? Ach nee: das sind entweder “Söldner” Gaddafis oder von Gaddafi “als Schutzschilde Missbrauchte”, auf die wir keine Rücksicht nehmen können, wenn es darum geht, “Zivilisten zu schützen und uns für Demokratie und Menschenrechte zu engagieren”.

Wohlgemerkt: All das unter der total kontrafaktischen Annahme, dass es “präzise chirurgische Luftschläge” gibt, die genau bloß Gaddafis und ähnliche bad guys treffen und dabei keine Zivilisten oder andere zugestandenermaßen Unschuldige mit massakrieren.

Wäre es nicht langsam eine Überlegung wert, Luftschläge in städtische Gebiete hinein als schwere Kriegsverbrechen ein für allemal zu ächten (mindestens!!! wegen der Kinder)?

Das Nordafrika-Szenario des V-Trägers wird real

Mittwoch, März 9th, 2011

Der V-Träger ist der Verantwortungs-Träger. Er ist eine Hauptperson des Romans “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung” (assoverlag Oberhausen 2008). Dieser Roman versucht in einer seiner mehreren Dimensionen begreifbar zu machen, wie “dieses unser Land” unter der Verantwortung des V-Trägers wieder zu einer führenden Weltmacht wurde, so dass es heute bei allen Kriegs-Szenarien überall von vornherein völlig normal “engagiert” ist. Aktuell beim “Nordafrika-Szenario”.

Ein solches “Nordafrika-Szenario” wurde in dem Roman vorerinnert (siehe S. 837ff.). Die Ursprünglichen Chaoten, Gegenspieler des V-Trägers, versuchen, gegen die Simulationen und Szenarien des V-Trägers eigene satirische Simulationen zu stellen, indem sie z.B. auch den V-Träger simulieren. Das ist eine der Dimensionen des Romans: die Dimension einer Art von interaktivem Anti-Computerspiel. Man erkennt die vorerinnerte Simulation als Realität wieder – einschließlich der Unterschiede zur Simulation – und begreift auf diese Weise ihre Struktur und Kausalität, einschließlich der Schwachpunkte des V-Trägers.

Aber nun das Szenario. Es kommt im Kapitel “das definitive schlusswort des v-trägers” vor (seite 835-839). Zwei Ausschnitte (GAU heißt Größter Anzunehmender Unfall):

“ich spiele jetzt seit fast 2 wochen GAU-games, das sind die einzigen wirklich intelligenten und wirklich realistischen computerspiele, die ich kenne.  gewonnen hat, wem es gelingt, einen GAU auszulösen.  das ist eine äußerst schwierige aufgabe, weil zuerst nur normale züge erlaubt sind und als erstes sektorielle notstände durch normale züge plus zufallsgeneratoren erreicht werden müssen.  bei einem sektoriellen notstand kann man normale notstandsmaßnahmen ergreifen.  wenn man möglichst viele sektorielle notstände (z.b. massenarbeitslosigkeit plus abschneiden der sozialen netze, ethnische pogrome, AIDS, rinderwahnsinn oder ähnliches) auf die beine gestellt hat, erhöht sich die chance, dass durch die kopplung mehrerer sektorieller notstände per zufallsgeneratoren ein großnotstand erreicht werden kann [... usw.]

das beste an meinen spielen ist der realismus, dass es nicht um idiotische planeten und meteoreneinschläge und diese ganzen gentechnikunfälle geht, wo nicht bloß zwillinge, sondern mindestens 7linge oder 8linge mit einem killergen geklont werden, sondern z.b. darum, wie die europäische wiedervereinigung in einen GAU ausbüxen kann, wenn ich die normale strategie blut und eisen meines eisernen kanzlers anwende, wo ich also, um den sack flöhe unter einen hut zu kriegen, einen äußeren feind und einen gemeinsam geführten krieg als katalysator der einheit brauche, wo sich dann keiner ausschließen kann, was wirklich genial von meinem eisernen kanzler damals war [... usw.]

einmal habe ich vor 2 tagen mit einem nordafrikaszenario schon den GAU geschafft: durch eine geschickte kombination normaler züge wie ein allgemeines kopftuch- und vollbartverbot in den meisten euroländern plus fremdsprachenverbot in der öffentlichkeit (außer englisch und europäischen sprachen, wo es tolle absurde streitfälle gibt nicht bloß über türkisch) plus zufallsgenerator X (z.B. besonders ausgefallene echte und unsichtbare-kräftesäfte-viren) sind islamische fundamentalisten in algier an die macht gekommen und ihre fanatischen jungen mujaheddin haben die französischen und deutschen ölspezialisten als geiseln genommen und nur die deutschen freigelassen und die franzosen dann massakriert.  da war dann zugzwang zum großnotstand im ganzen euroland und zum schulterschluss mit meinem franzmann und zum gemeinsamen V-schlägekrieg und auch zur gemeinsamen eroberung und zum gemeinsamen protektorat, von wo es dann viel schneller zum GAU vorwärtsgegangen ist, als ich gedacht hätte, wegen der wirklich sehr realistischen und sehr intelligenten zufallsgeneratoren beim öl und bei den vielenn AKWs meines franzmanns.

[... usw. zum nachlesen im original.]

Flugverbotszone wäre auch ein guter Zufallsgenerator im GAU-Game gewesen.

Gaddafi plagiiert die NATO

Sonntag, März 6th, 2011

Jetzt macht er auch noch copy and paste! Und plagiiert unverschämterweise den Diskurs der NATO! Er führt “gezielte Luftschläge”, und zwar nur gegen “Al Kaida” und andere “Aufständische”, rein militärisch. Obwohl das nur bei Demokraten legitim ist. Kein “Luftschlag” sei gegen Zivilisten geführt worden, sagt Saif Gaddafi in Interviews – als ob er ein Demokrat wie Petraeus, Wieker oder Klein wäre, deren zivile Opfer tatsächlich und zweifellos ausschließlich “tragisch” zutode kommen. Er könnte die NATO noch weiter plagiieren und von “Kollateralschäden” reden, was er sich vermutlich für noch schlimmere Massaker aufspart.

Wie verheerend die Wirkung seiner Plagiate ist, zeigt sich nun bereits in Afghanistan, wo es erstmals Massenproteste in Kabul gegen demokratische Luftschläge der NATO gibt, bei denen Kinder tragisch zutode kamen. Dabei verwechseln die afghanischen Protestierer völlig diktatorische mit demokratischen Luftschlägen. Und sehen sich offenbar in solidarischer Analogie mit den demokratischen Rebellen in Tunis, Ägypten und Libyen. Und merken nicht, dass sie sehr schnell auf die Seite der bösen Rebellen geraten können, die ein legitimes Ziel von demokratischen “Luftschlägen” sind!

Das Rätsel der zwei Zweidrittelmehrheiten

Samstag, Februar 26th, 2011

Bei repräsentativen Umfragen sprechen sich jeweils etwa zwei Drittel der Befragten in Deutschland gegen den Krieg der Bundeswehr in Afghanistan (und für den Rückzug) sowie für die weitere Führung dieser Bundeswehr durch Minister Guttenberg aus (trotz dessen “handwerklichen Fehlern” in seiner Doktorerwerbs-Strategie und -Taktik).

Wenn man annimmt, dass die Mehrheit des bellizistischen Drittels (darunter viele Grünenwähler/innen) auch für den Oberkommandierenden Guttenberg votiert und die Mehrheit des Anti-Guttenberg-Drittels für den Abzug aus Afghanistan ist, stellt – grob überschlagen – das Schnittmenge-Drittel ein Rätsel dar.

Schizophrenie? Weibliche (und männliche) Suggestibilität durch den angeblichen Sex-Appeal? Oder die Annahme, dass der Minister, der die Wehrpflicht de facto abgeschafft und es dadurch unmöglich gemacht hat, dass jemals ein junger Deutscher, der sich nicht freiwillig dazu gemeldet hat, in Afghanistan fallen kann – dass dieser Minister den heimlichen Plan verfolgt, die Wehr in Kürze zurückzuziehen?

Gegen die zuletzt genannte Hoffnung spricht natürlich gerade die Umstellung der gesamten Wehr auf sogenannte “Elite”-Soldaten mit Profimentalität, die sich noch nie in der Geschichte viel Gedanken über Demokratie und Zivilistenrechte im Krieg gemacht haben. Es spricht auch Guttenbergs bedingungslose Zustimmung zur Petraeus-Eskalations-Strategie dagegen.

Also stehen wir beim Schnittmenge-Drittel vor dem Rätsel eines schwarzen Lochs. Bitte melden, wer hineinleuchten kann.

“Luftschläge” gegen Menschen am Boden – wenn von Gaddafi befohlen, ein Verbrechen

Dienstag, Februar 22nd, 2011

“Gaddafi bombardiert sein Volk” (WAZ). Kampfhubschrauber und Jets gegen unbewaffnete Demonstranten – niemand bezweifelt, dass es sich dabei um eine der schlimmsten Formen von Verbrechen handelt. An Feigheit nicht zu übertreffen.

Natürlich behauptet Gaddafi (bzw. sein Militär), dass sich “Terroristen” unter die Demonstranten infiltriert hätten. Das hätten ihm seine Dienste glaubwürdig berichtet. Dass es “Aufständische” (insurgents) sind, kann ja niemand bezweifeln. Wenn die libyschen “Despoten” den westlichen Diskurs fleißig gelernt haben, werden sie formulieren: Die infiltrierten Terroristen haben “die Demonstranten als Geiseln genommen.”

Hören wir zum erstenmal von “Luftschlägen” gegen “Aufständische”? Wenn man unseren Medien und Politikern folgt, ist das was ganz Neues – wozu nur ein Gaddafi fähig ist. Denn wenn die Bundeswehr einen “Luftschlag” gegen die Bewohner eines ganzen afghanischen Dorfes anordnet und dabei mindestens 150 Leichen produziert werden (unter denen Frauen und Kinder am Boden liegen), dann ist es unerhört, das mit Gaddafi zu “vergleichen”. Dann werden die eigentlichen Täter vom geheimen KSK gar nicht aufgedeckt und der offizielle Täter Oberst Klein von jedem Verfahren befreit. Warum? Weil Klein (oder wer es war) aus sicheren Quellen wusste, dass sich in die Dorfbewohner “Aufständische” infiltriert hatten, die die Zivilisten “als Geiseln genommen hatten”.

Und das genügt, um einen “Luftschlag” zu rechtfertigen. Wie solch ein Luftschlag aus Kampfhubschraubern abläuft, kann man – in Libyen sehen? Leider momentan (noch) nicht “aus sicheren Quellen”, weil Gaddafi eine Nachrichtensperre verhängt hat. Aber man kann es auf Wikileaks in dem Video “Collateral Murder” in allen Einzelheiten anschauen, wie es im Irak abläuft. Und ebenso läuft es hundertfach und fast wöchentlich in Afghanistan und Pakistan ab: meistens von Drohnen durchgeführt. Solche aus Texas gesteuerten Drohnen-Luftschläge sind “tapfer” – jeder Selbstmordanschlag ist “feige”.

Das aufständische libysche Volk bringt seine fürchterlichen Opfer hoffentlich nicht vergeblich: Es besteht die Chance, dass Gaddafi zur Rechenschaft gezogen werden kann.

Und was können wir tun? Ceterum censeo exercitum Germanicum ex Afghanistan esse recedendum. Cito et velociter!

Warum Latein? Weil das die Chance erhöht, dass der Oberkommandierende der Bundeswehr es kopiert – und zwar als “Tagesbefehl”!

People’s Power in Ägypten und das “gelbe Grinsen” unserer Stabildemokraten

Samstag, Februar 12th, 2011

Im Französischen gibt es einen nicht ins Deutsche übersetzbaren Ausdruck: das “gelbe Lachen” (rire jaune), womit eine erzwungene äußerliche Freudenbekundung gemeint ist, der innerlich eine Frustration und eine Wut entsprechen. Solch “gelbes Grinsen” über den ersten großen Sieg der ägyptischen Revolution an ihrem Tag 18 konnten wir bei vielen unserer Stabildemokraten beobachten. Natürlich freuten sie sich alle, wie sie sagten, aber kurz danach (bei manchen direkt danach) begannen ihre immer dickeren “Aber”. Muss uns denn nicht ein Volk größte Sorgen machen, das People’s Power erzwungen hat, das “aber” zu über 50 Prozent von Hartz IV leben würde, wenn es in Ländern “da unten” Hartz IV gäbe? (Anders gesagt: ein Volk der 4. Normalitätsklasse.) Das “aber” keine “normalen” und “verantwortlichen” Oppositionsparteien und keine “charismatischen und verantwortlichen Oppositionsführer” besitzt? Für das eine Präsidialverfassung nach USA-Modell (statt zumindest eine parlamentarische Verfassung wie in Deutschland) noch gar nicht ausgemacht ist? Das “aber” offensichtlich mehr in Richtung Volldemokratie statt in Richtung einer “stabilen Normal-Demokratie” tendiert?

Was ist der Unterschied? Volldemokratie im Sinne sowohl von inhaltlicher Demokratie wie von Basisdemokratie (Vollversammlungs-Demokratie) ist sicherlich ein schwer zu erreichendes Ideal (eine “Utopie”, würden die Stabildemokraten sagen – aber eine “konkrete Utopie”, wäre ihnen zu antworten). Dennoch taucht dieses Konzept in mehr oder weniger deutlicher Form in allen großen Volksrevolutionen seit dem 18. Jahrhundert immer wieder auf. Jetzt auch wieder am Nil. Wenn die Besetzer des Tahrir-Platzes ununterbrochen von den Medien gefragt wurden, wer ihr “Leader” (Führer) sei – ob dieser oder jener Blogger -, dann war die ständige Antwort: Wir haben keinen Führer und brauchen auch keinen, uns geht es um inhaltliche Entscheidungen, die beraten wir kollektiv und fällen sie demokratisch. Also inhaltliche Demokratie. Wie es eine Specherin sagte: Uns ist es egal, welche Person jetzt an der Spitze des Militärrates steht, uns geht es um die Inhalte: Aufhebung des Ausnahmezustands, Freilassung aller politischen Gefangenen, Annulierung der Mubarak-Verfassung und des Mubarak-Parlaments – egal von welcher Person verkündet.

Das kann allerdings unsere Stabildemokraten nur mit größter Sorge erfüllen: Das hieße ja, dass bei uns die Basis über Stuttgart 21 usw. entscheiden dürfte! Das hieße ja, dass die Frage nicht mehr wäre, ob Schröder oder Merkel den Afghanistankrieg führt, sondern ob er geführt oder nicht geführt wird! Das würde ja mindestens bedeuten, dass wir keine Parteien mit Fraktionszwang mehr hätten, also keine Stabilparteien mehr. Das bedeutete konkret, dass der Fraktionszwang nicht ausnahmsweise bei Bonn/Berlin bzw. bei PID, sondern am Ende bei einer Frage wie Krieg oder Frieden aufgehoben werden könnte – oder dass es dazu gar eine Volksabstimmung geben müsste. Wo das und alle ähnlich wichtigen inhaltlichen Fragen doch in einer Stabildemokratie nicht das Volk, sondern verantwortliche Experten entscheiden. Die auch das Monopol auf die Massenmedien haben müssen (Modell Anne Will).

Nicht zu reden von Problemen der Ausbeutung und vom Problem der Wirtschaftsdemokratie, also von den Geschäften des V-Trägers höchstpersönlich. Das muss in einer Stabildemokratie alles “verantwortlich” im Sinne des V-Trägers vorweg-entschieden sein, sonst droht “Chaos”.

Die Forderung nach Volldemokratie schließt also immer das Risiko ein, dass eine im Sinne des V-Trägers “verantwortliche” und “stabile” Regierung der “Mitte” nicht zustande kommt. Also keine “normale” Demokratie (im Sinne einer symbolischen Quasi-Normalverteilung mit vorherrschender linker und rechter “Mitte” und kleingehaltenen “Extremen”). Also “Chaos”. Sogar bei uns in der 1. Normalitätsklasse besteht dieses Risiko.

Und nun in einem Land der 4. Normalitätsklasse mit völlig schiefer Verteilung des Lebensstandards (Mehrheit auf Hartz-IV-Niveau und weit darunter). Kein Wunder, dass die Freude unserer Stabildemokraten “gelb” ist. Was, wenn das Volk “da unten” ”unsere Hilfe beim Aufbau stabiler Parteien” ablehnen sollte? Kommt dann die Mubarak-Gleichung wieder zu Ehren, die ja lautete: Stabilität in einem Land niedriger Normalitätsklasse gleich Stabildemokratie minus Demokratie?! Weil sie innerlich von der Richtigkeit dieser Gleichung überzeugt sind, ist die Freude unserer Stabildemokraten so “gelb”.

wikileaks und die kommenden kulturrevolutionen: tendenz volldemokratie.

Donnerstag, Dezember 16th, 2010

Ein Gespenst geht um im Netz – das Gespenst des Wikileaks. Alle Mächte des alten globalen Dorfs haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet, der Papst und die saudischen Prinzen, Putin und Obama, Amazon und Mastercard, chinesische Kommunisten und deutsche Turbotuis bei Anne Will. Zweierlei geht aus dieser Tatsache hervor: Wikileaks ist bereits von allen globalen Mächten als eine Macht anerkannt.  Alle Mächte sehen “dringenden Handlungsbedarf” dabei, Wikileaks mit vereinten Kräften zu zerschlagen.

Anders gesagt: Der V-Träger (siehe die Vorerinnerung “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee”, asso verlag Oberhausen, mögliches Weihnachtsgeschenk last minute), also der globale Verantwortungs-Träger, hat den “fairen Wettbewerb” darum eröffnet, mit welchen Diskursen man Wikileaks am besten zerschlagen kann. In dieser Konkurrenz um Schweinegeld geht es höchst satirisch und höchst ungewollt kulturrevolutionär zu: So entdecken die Spötter über “politische Korrektheit” pötzlich in gottserbärmlicher Humorlosigkeit das “Gesetz” des Ladendiebstahls und schlagen dem V-Träger vor, die Transparenz von Megaverbrechen, darunter der von der UNO-Charta als größtes Verbrechen überhaupt definierten Kriegsvorbereitung, als “Diebstahl” zu definieren. Diebstahl von was, wird der V-Träger sicherlich fragen – Antwort der wissenssoziologisch studierten Turbotuis: Von “Wissen”.

Erstaunlicher als solche Angebote an den V-Träger ist das Ausbleiben eines Engagements für Wikileaks: Wo bleiben Institutionen wie  Transparency International (bekommen sie kalte Füße, sobald mit Transparenz Ernst gemacht wird?) – und wo bleibt die Zunft der Zeithistoriker? Müsste diese Zunft nicht ein großes Manifest gegen die Versuche herausgeben, Wikileaks zu zerschlagen? Hat nicht Wikileaks “aüßerst wertvolle Quellen” zugänglich gemacht? Und zwar über jetzt noch anhaltende Kriege (während unsere Zeithistoriker in den Archiven noch mit der Lupe nach weiteren Quellen über die Weltkriege forschen)? Und sogar über noch nicht begonnene, aber bereits akut geplante Kriege: Ein saudischer Prinz hat die USA dringend aufgefordert, der “Schlange den Kopf abzuschlagen”, im Klartext: einen Krieg gegen den Iran zu beginnen? “Diebstahl von Wissen”?

Keine zwei Jahre ist es her, als in der Panik des Crash all jene, die jetzt mit verbissenen Gesichtern die Zerschlagung von Wikileaks und die lebenslange Verknastung der “Quellen” fordern, sich in Propagierung von “Transparenz” überboten. Daraus wurden bekanntlich bloß Mogelpackungen, die die Transparenz des Finanzsektors erheblich verkleinert haben. (Transparenz ist für den V-Träger das rote Tuch schlechthin – beruht doch sein ganzes Konkurrenzsystem auf maximaler Intransparenz.) Spricht es da nicht Bände, dass genau in dem Moment, wo Wikileaks Quellen aus Banken zugänglich machen wollte, das eingangs erwähnte Bündnis losgeschlagen hat?

Aber – da sind sich alle Turbotuis einig – Kriegsverbrechen und Finanzvergehen in den Vordergrund zu rücken, wäre ungeschickt. Reden wir also von diplomatischen Albernheiten und Dummheiten, die angeblich unter “private Diskretion” fallen. In der Tat gilt es, private Intimität (wie etwa sexuelle Vorlieben) durch Diskretion zu schützen. Aber keines der von Wikileaks publizierten Dokumente wurde von Wikileaks verfasst! Es waren Diplomaten der Supermacht, die solche Indiskretionen, Albernheiten und Dummheiten nach Washington gekabelt haben. Jeder Zeithistoriker wird zugeben, dass es leider zur Geschichtsschreibung dazugehört, auch die Dummheiten und Albernheiten einer Supermacht-Diplomatie zu “wissen”. Dummheiten und Albernheiten haben oft genug bei Kriegsvorbereitungen und Kriegsverbrechen mitgewirkt.

Die kommenden Kulturrevolutionen werden volldemokratisch sein, oder sie werden nicht sein. Transparenz aller öffentlich relevanten Wirtschaft und Politik ist so etwas wie das notwendige Spielfeld für volldemokratische Spiele, und Wikileaks bedeutet womöglich das bisher wichtigste Ereignis dieser Tendenz. Sollte die Operation Zerschlagung so weitergehen, wie sie begonnen hat: mit derartigen argumentativen Selbsttoren oder gar mit der Satanisierung und “Terroristisierung” von Julian Assange und seinen Mitstreitern bzw. ihren Quellen, dann sollten alle kulturevolutionären Tendenzen, gerade auch die mit satirischen Potentialen, diesen Kampf als den ihren begreifen und sich entsprechend engagieren.

“Korrigiert sich” Mister Protonormalism? oder: Die Neuauflage der Neuauflage des “Heidelberger Manifests”

Montag, November 15th, 2010

“Bild am Sonntag” hat philologische Arbeit geleistet: Vielleicht waren es germanistische Praktikantinnen, die die 460 Seiten der 14. (!!) Auflage der Abschaff-Bibel textkritisch durchgesehen haben. Resultat: Einige krass “genetische” (altrassistische) Formulierungen wurden gestrichen bzw. “gemildert”. Das war aber bereits die zweite taktische Kosmetikoperation, wie der Abschaffpapst auf Seite 409 mit gewohnter Offenheit mitteilt: “Nicht jeder teilt meine Freude an prägnanten Formulierungen. Friedrich Thelen erklärte sich bereit, das Werk (!!) vor dem Hintergrund seiner langjährigen journalistischen Erfahrung durchzusehen.” Die neuerliche “Glättung” dürfte erfolgt sein, um das Ausschlussverfahren aus der SPD noch zu kippen. Offenbar sollte sie – ein erster Riesen-Streich – es dem Helden des Krisen-Managements, der die Abermilliarden Steuergelder in die Banken gekippt hat, erleichtern, sich nun offen für S. zu erklären.

Nun ist dieses ganze Manöver der taktischen Umformulierungen aber ein Déjà-vu, wie man in Heft 2 der Zeitschrift “kultuRRevolution” vom Februar 1983 nachlesen kann (leider vergriffen, in Bibliotheken ausleihbar). Dort wurde eine “Historische-kritische Ausgabe” des “Heidelberger Manifests” dokumentiert. Was war das “Heidelberger Manifest”? Es war ein Aufruf von zunächst 15, dann nur noch 11 Professoren, hauptsächlich Humangenetikern, gegen – vor allem – türkische – Einwanderung und ein Appell zur Refertilisierung des eingeboren-”deutschen” Volkes. Es war also nichts anderes als das jetzt so groß als originell medialisierte Abschaff-Manifest. Insbesondere der Bochumer Astronom Theodor Schmidt-Kaler hatte damals allzu eindeutig rassistische Töne zu “mildern” gesucht, um seine Partei (die CDU) für eine Politik des Einwanderungsstopps, der “Rückführung” und der Refertilisierung zu gewinnen. War in der ersten Fassung noch von der “Unterwanderung des deutschen  Volkes durch Millionen von Ausländern und ihre Familien”, von der “Überfremdung unserer Sprache, unserer Kultur und unseres Volkstums” die Rede gewesen, so wurden “Unterwanderung”, “Überfremdung” und “Volkstum” später gestrichen. Hieß es vorher: “Gegenüber der zur Erhaltung unseres Volkes notwendigen Zahl von Kindern werden jetzt jährlich kaum mehr als die Hälfte geboren” – so las sich das nach Tische folgendermaßen: “Die Lage erschwert sich dadurch, daß nur wenig mehr als die Hälfte der Kinder geboren werden, die für ein Nullwachstum der deutschen Bevölkerung der Bundesrepublik erforderlich wären: die Erneuerung der generativen Funktion der deutschen Familie ist dringend nötig.”

Und Schmidt-Kaler fügte vor allem folgenden Passus ein: “Was die Lösung dieses Problems so erschwert, ist die Tatsache, daß in der öffentlichen Diskussion die notwendigen Fragen nicht mehr gestellt werden können, ohne daß gegen die Fragesteller der Vorwurf des Nazismus erhoben wird.” Dieser Vorwurf war damals noch zu Recht gefürchtet, und deshalb musste “Prof.” Oberländer, bekannter Ex-Minister mit Verstrickung in die “Endlösung”, seine Unterschrift zurückziehen.

Wie man sieht, hat S. lediglich eine Neuauflage dieses “Manifests” auf den Markt geschmissen: natürlich ausführlicher, mit viel protonormalistischen statistischen Tabellen (die aber ebenfalls schlicht auf eine “Erneuerung der generativen Funktion der deutschen Familie” zielen – besonders in den seitenlangen Passagen gegen die “kinderlosen Akademikerinnen”). Nicht nur in diesem Punkt handelt es sich um eine schlichte Kopie – besonders entlarvend ist die Übernahme der zentralen Parole des Heidelberger Manifests: “Nicht die Menschen zu den Maschinen, sondern die Maschinen zu den Menschen” (bei S. Seite 258). Man könnte das endlos fortsetzen – u. a. auch die Berufung auf Eibl-Eibesfeldt.

Und nun aber der Unterschied zu damals: Damals von der hegemonialen Öffentlichkeit, vor allem dem hegemonialen mediopolitischen Diskurs, mit überwältigender Mehrheit abgeschmettert – heute von dem medialen Diskurs mit durchschlagender Mehrheit (BILD plus Spiegel plus etc.) als “Meinungsfreiheit respektiert” – dem womöglich der politische folgen wird (siehe das Menetekel Steinbrück, der imgrunde sagt: leiber Freund S., streich doch die Genetik nich stärker: dann werden wir alle Dir recht geben! Als ob die Genetik nicht auch in der “Kultur” stecken würde).

In dem Roman “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung” (asso verlag Oberhausen: brauchbares Weihnachtsgeschenk) kann man bei der Figur des “Volkstodastronomen” an Schmidt-Kaler denken – und der neue “deutsche Volksheld” (Spiegel) und Mister Protonormalism ist in mehreren Kapiteln, am exaktesten im Kapitel “Zwillingsgeschichte Zwillingsforschung”, vorerinnert. Der Held des Kapitels ist ein Zwillingsforscher, der IQs testet, sich selbst für ein Genie hält und von den Antiheldinnen, einem weiblichen Zwillingspaar, in den Wahnsinn getrieben wird. Wenn es bei dem neuerlichen Versuch, uns mit Neorassismus zu überrollen, sehr stark um Typen von Subjektivität geht, dann kann die öffentliche Vorlesung des Kapitels “Zwillingsforschung”, bei der es viel zu lachen gibt, jetzt vermutlich hilfreich sein (Lesung plus Kursessay über Normalismus und S.). InteressentInnen mögen sich melden.

Die Ursprünglichen Chaoten c/o Jürgen Link