Wenn die Psyche desertiert: mehr Selbstmorde als Heldentode

Die letzte Möglichkeit zur Befreiung aus schmutzigen Kriegen (und welche wären sauber?) war, seit es Kriege gibt, die Desertion. Vor der modernen Nation mit ihrer Wehrpflicht gab es schon einmal freiwillig-professionelle Soldaten: die Söldner. Ihrer Freiwilligkeit wurde massiv mit Alkohol und anderen “Werbemethoden” nachgeholfen – entsprechend hoch war die Desertionsrate. Auch in den Wehrpflichtarmeen, in denen Deserteure teils mit der Todesstrafe bedroht waren, gab es Gelegenheiten, “die Kirschen der Freiheit” (Alfred Andersch) zu pflücken: Man konnte zum bekannten Feind überlaufen oder in bekannten Bevölkerungen untertauchen.

Anders die Situation in Antiguerillakriegen in “Übersee”: Dort gab es anscheinend keine Chance, in den “Dschungel” zu desertieren. Aber man konnte sich im Vietnamkrieg als Wehrpflichtiger rechtzeitig nach Kanada oder Frankreich durchschlagen. Das führte zu einer wahren Massendesertion, weshalb die USA (und dann auch alle anderen Weltjuntastaaten, zuletzt auch Deutschland) die Wehrpflicht abschafften und zur Freiwilligkeit und zum Professionalismus der Söldnerheere zurückkehrten.

In Kriegen wie dem in Afghanistan scheint wirklich jede Chance auf Desertion verbaut: Zu den Taliban überlaufen? Man kann sich ihnen nicht einmal sprachlich verständlich machen, sie würden einen umbringen. Also heißt die Reaktion auf den häufigen Anblick zerfetzter Körper von Sprengfallen der Aufständischen und Luftschlägen der eigenen Kameraden und auf den Horror der Nightraids wie früher “Zusammenreißen”, “auf die Zähne beißen”, “Mann sein” und neuerdings dann auch noch “Stress-Management”.

Damit lässt sich aber die Psyche (bzw. der Psychosoma) nicht überzeugen – bis sie schließlich die letzte Fluchtschneise erzwingt: die depressive Erkrankung und sogar den Selbstmord. Ich muss gestehen, dass ich die Zahlen, die von mehr Selbstmorden als Todesfällen im Kampf bei der US-Armee in Asien berichteten, zuerst bezweifelte, als ich sie sah. Aber sie werden jetzt offiziell vom Pentagon bestätigt - sie beweisen, dass die Antiguerillakriege nicht nur am Gegner, sondern sogar an den residualen anthropologischen Gegebenheiten selbst der “härtesten Männer der Welt” scheitern. Sie sind ausweglos. Da sie aber dennoch geführt und gewonnen werden “müssen”, folgt jetzt die smart defense, das heißt der reine Drohnenkrieg als Computerspiel ohne realen Anblick von Leichen.

All das bringt die Antiguerillastrategen der Bundeswehr in eine enorm wacklige Lage: Ein lautes Begehren des Volks könnte jetzt sowohl den Rückzug aus Afghanistan erzwingen wie die Umrüstung auf smart defense von vornherein blockieren. Könnte.

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2 Antworten zu “Wenn die Psyche desertiert: mehr Selbstmorde als Heldentode”

  1. Dr. rer. Nat. Harald Wenk sagt:

    Unter den “residualen anthropologischen Gegebenheiten” ist wohl Spinozas “Selbstegaltungstrieb”, der “Conatus”, zusammen mit dem System des “Gewissens”
    zu verstehen. Der Krieg ist der große Vereinfacher, meinte Nietzsche. andere haben weinger fein differnziert und haben ähnlich eine “große Glichmacherei” des Krieges ausgemacht.

    Ein “Selbstmord” und “Selbsterhaltung”?
    Nun, man wählt unter zwei “Übeln” das Kleinere. Die Fluchttendenzen sind der Selbsterhaltung zu verdanken. Und dann, wie beim Schach, gibt es vielleicht keinen Zug mehr, was Professor LInk beredet beschreibt.

    Der “Conatus” kann unter Depression und Gewisssenslast auch als solcher ziemlich abgeschwächt, “sturmreif”, gemacht worden sein.

    Es erinnert uns daran, wie durch Fremdbestiimmung
    uns im wahrsrten Sinne des Wortes das eigene Leben aus der Hand genommen weerden kann und wie schnell. Die “Paradoxie” des Selbstmordes verweist mehr auf “Ohnmacht”.

    Heute ist uns das Spiel des “Narzissmus”, der “existenziellen (inneren) Territorien” (Guattari) NICHT besser vertraut, als Spinoza. Nur, damit die Entfremdung von der eigenen Psyche durch “Epertisierung” mittels Philosophie konterkariert weden kann.

    Die asiatische Tradition bietet mit ihrem “Karma” und “psychischer Kausalität” immerhin auch einen Begriffsrahenmen, der die Macht der anderen, der Prägungen und der Außenwelt imVerhältnis zur eigenen eimigrermaßen pragmatsich richtig verstehen läßt. Damit man richtig einschätzt, was vom “gesunden Menschebverstand” des Volkes zu erwarten ist.

    Es gibt natütlich auch die alteingeübte Herrschaft der “Kriegerkaste”, weil unser Staaten samt und sonders durch Kriege hervorgebracht wurden. Die steckt im “Gewissen” des Soldaten.

    Die “Paradoxie” das Fremdbestimmung durch Fremdbestimmung aufgehoben werden soll, ist eine echte.

  2. ein volksbegehren für den rückzug aus afghanistan? unrealistisch weil offenbar nur spontanes occupyhier und occupyda angesagt ist – aber zu dezidiert politisch oder geopolitisch darf es nicht sein.

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