Archive for the ‘Normalismus’ Category

“Stresstest” – Mega-Diskurs-Blase zur Normalisierung der Krise

Samstag, Juli 24th, 2010

“Stresstest für Banken” – das gehört zur medizinischen Kollektivsymbolik: Infarktgefährdete Patienten müssen eine “Stress-Echo-Kardiografie” machen und dabei auf dem Stress-Fahrrad prüfen, wie hoch der Blutdruck bei einer jeweiligen “Belastung” steigt. Dafür gibt es ein normales Spektrum und Grenzwerte, wo es anormal wird und also ein bedenkliches Infarktrisiko beginnt.

Es ist klar, dass es sich bei dem Banken-Stresstest um ein bloßes Kollektivsymbol, um eine Diskurs-Blase handelt. Wie es heißt, wird simuliert, wie tief die Eigenkapitaldecke einer Bank bei Annahme eines bestimmten Konjunkturrückgangs sinkt. Der “Belastung” entspricht also der Konjunktureinbruch, und die Eigenkapitaldecke soll dem Blutdruck entsprechen. Der Witz ist bloß, dass:

Erstens der wichtigste Indikator die Höhe der Aktienkurse wäre, weil die Banken den größten Teil ihrer Profite einfach durch Aktienkauf (“Anlage”) und Wertsteigerung der gekauften Aktien (“Assets”) machen. Der Konjunkturverlauf ist damit nur äußerst schwach korreliert.

Zweitens der entscheidende Wert für die “Gesundheit” einer Bank eben die Profite und die Profitrate sind (Fehlanzeige in der Simulation).

Drittens alle wirklich wichtigen Daten für Aktienkurse, Profite und Profitrate den “Simulatoren” natürlich verborgen sind. Denn unsere “soziale Marktwirtschaft” beruht nun mal auf Konkurrenz autonomer Einheiten. “Transparenz” wäre zwar für den Normalismus gut, ist aber Gift für den Kapitalismus. Transparenz hieße ja, dass alle Konkurrenten alle ‘heißen’ Daten aller Konkurrenten kennen würden, und das wäre ja das Ende der Konkurrenz, wäre “Sozialismus”!

Warum also der “Stresstest”? Es wird gar nicht verheimlicht: Um das “Vertrauen” in die Gesamtheit der Banken so sehr zu erhöhen, dass die Aktienkurse das Niveau von 2007 wieder erreichen, als der Dow bei 14000 stand, während er jetzt um 10000 dümpelt. Sollte dieses Dümpeln anhalten, so würden die Bankenprofite erneut in den Keller gehen, weil sie eben dominant aus steigenden Aktienkursen kommen. Die Kurse müssen also irgendwie wieder zum “Klettern” gebracht werden – es muss wieder “All Times Highs” geben, koste es was es wolle.

Deshalb erleben wir augenblicklich eine PR-Großaktion auf allen Kanälen, deren “Evangelium” (“Good News”) lautet: Die Krise ist abgehakt hurrah! Die Krise ist abgehakt hurrah! usw. Und dazu war der Stresstest ein toller PR-Gag! Jetzt müssten die Aktien also endlich eine Super-Rally “aufs Parkett legen”. Und zwar eine “nachhaltige”, die auch den immer riskanten Herbst überlebt.  Schaun wir mal.

Und noch mal Doppelpack – im Rahmen der Dortmunder Ringvorlesung Kulturhauptstadt

Dienstag, Juni 22nd, 2010

Im Rahmen der Dortmunder Ringvorlesung “Jenseits der Kohle. Kulturgeschichte(n) des Ruhrgebiets” anlässlich des Jahrs der Kulturhauptstadt befasst sich Jürgen Link mit dem Ereignis “Rheinhausen” im “Doppelpack” (Vortrag kombiniert mit Kurzlesung aus dem Rheinhausen-Kapitel des Romans “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung”, assoverlag Oberhausen).

“Abstract”: Der Kampf der Belegschaft von Krupp-Rheinhausen Ende 1987/Anfang 1988 wurde in Alltag und Medien als eine Art “letztes Gefecht” der klassischen Arbeiterschaft des Ruhrgebiets wahrgenommen. Dabei zeigten die Kampfformen eine Art Janusgesicht zwischen Abgesang und Antizipation. Welche Rolle spielten Basisengagements und welche Betriebsrat und IG Metall? Wie verhielt sich der Konflikt zur politischen Konstellation und warum konnte er isoliert werden? Welche Vorstellungen von “Normalität” erwiesen sich als ausschlaggebend?

Dazu sollen zunächst aktualhistorische Daten erinnert und interpretiert werden. Danach folgt eine exemplarische Kurz-Lesung aus dem Roman “Bangemachen gilt nicht…”

Wann? Donnerstag 8. Juli 2010, 19 Uhr

Wo? Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Stadt Dortmund (Hansastr. 3)

Ach “Normales Deutschland”!

Montag, April 5th, 2010

Die Osterausgabe der Fatz (3.4.2010) ist mit einem Coverbild aufgemacht, das eine Dornenkrone darstellt, die aber in eine Art Triumphsonne hinein zu explodieren scheint. Die Kollektivsymbolik kann auf den ersten Blick ein wenig kryptisch erscheinen, wird aber vielleicht durch das umgebende Textmaterial deutlicher: Unter dem Bild schlägt die Schlagzeile "Drei Bundeswehrsoldaten in schweren Gefechten gefallen." Rechts eine Glosse "Gefallen", und darunter der Leitartikel "Normales Deutschland" von Klaus-Dieter Frankenberger, einem der Startenöre der Fatz. Darin wird eine, wie es heißt, nur angeblich neue "egoistische" Berliner Politik gegenüber den europäischen Partnern (besonders Griechenland) und am Hindukusch vehement verteidigt. "ein kühler, eng an deutschen Interessen orientierter Pragmatismus der Kanzlerin Merkel" wird gegen Einwände des Auslands in Schutz genommen, und die Anklage, "Deutschland denke nicht mehr europäisch, sondern, eben, deutsch", wird teilweise bestätigt, aber verteidigt. Im Klartext: "Jene, welche die Europapolitik früherer Bundesregierungen romantisieren, übersehen zweierlei: Geschichte steht nicht still. Das Deutschland der 16 Bundesländer ist nicht mehr das vor der Wiedervereinigung."

Diese Positionsklärung stützt sich nun auf den Begriff der "Normalität": Die deutsche Bevölkerung sei "(fast) so normal oder selbstbezogen oder europanörglerisch wie jede andere auch" und die Regierung sei doch schließlich ständig von den anderen westlichen Regierungen aufgefordert worden, "historisch begründete Selbstbeschränkungen aufzugeben und selbstbewusst seine Interessen zu vertreten. Also normal zu werden."  Insgesamt wird "normal" von Frankenberger demnach im Sinne von ‘legitim national-egoistisch’  verwendet. Das kann nun doch nicht einfach so stehen bleiben.

Wie im "Versuch über den Normalismus" (4. Aufl. Göttingen 2009, Vandenhoeck und Ruprecht) ausgeführt, wird der Begriff der Normalität zwar gerade im mediopolitischen Diskurs als leere Sprechblase und meistens geradezu paralogisch verwendet, besitzt aber einen historischen Kern, dessen Konzept systematisch entwickelt werden kann. Dabei geht es, kurz gesagt, um die Mittelzonen von massenhaften sozialen Erscheinungen: Bei Körpergröße, -gewicht, -stärke usw. liegen die Mittelwerte im "normal range", während Riesen und Zwerge anormal sind. Ähnlich ist es bei IQ, bei der Sexfrequenz usw. Im soziopolitischen Bereich gibt es demnach drei Dimensionen, wo sich sinnvoll von Normalität sprechen lässt: die Verteilung des Lebensstandards (breite Mitte, wenige Reiche oben und wenige Arme unten), die Verteilung des Wissens ("Bildung") und die des Wahlverhaltens (starke "Mitte" vs. mickrige "Extreme"). In allen drei Dimensionen hat die "Berliner" Politik Denormalisierung (Abbau von Normalität) betrieben: "Reformen", Zweidrittelgesellschaft, Explosion der Armut, Aufblasen der Spitze, Schrumpfen der Mitte – bei den Wahlen als konsequente Folge: Kollaps der "linken Mitte" sprich SPD.

Von all dem schweigt des Startenors Herrlichkeit – ihm geht es nur um die Außenpolitik. Und da ordnet er das Berliner Deutschland mal wieder als "Mittelmacht" ein, obwohl er im gleichen Atemzug feststellt, es könne keine "große Schweiz" sein (gemeint: militärisch abstinent). Das heutige Deutschland, dass seine Hegemonie in Europa voll ausreizt und das militärisch vom Balkan übers Horn von Afrika bis zum Hindukusch "in der Fläche präsent" ist, eine "Mittelmacht"? (Womit "Normalität" assoziierbar wäre.) Obwohl der Artikel für Ehrlichkeit plädiert, macht er sich hier einer grotesken Vertuschung schuldig. "Mittelmacht"? Das wäre im Ranking der 200 Stasten etwa eine Position im 20er oder 30er Bereich! Da lachen unsere griechischen oder französischen Freunde schallend. Man kann (und sollte) mit ihnen das Spiel spielen: "Top ten? Top five? Top three?"

Und das bedeutet: Abgesehen davon, dass 200 eine viel zu kleine Grundgesamtheit ist, um darin eine belastbare "Normalität" zu bestimmen, spielt dieses "normale Deutschland" eben in der Spitze der 1. Welt-Liga! Mindestens unter den Top five – und das ist nicht nur alles andere als normal – es ist der rundum durchschlagende Raketenmotor, der "dieses unser geliebtes Vaterland", inzwischen flächendeckend schwarz-rot-gold beflaggt, überall dort, wo es wirklich um Normalität geht, immer tiefer in die Denornalisierung treibt. Wenn nicht… Ach wenn nicht!

Das Rätsel des “neuen Normal” – und eine normalismustheoretische Antwort

Sonntag, November 22nd, 2009

Seit dem 17. November 2009 (Rhein-Main-Zeitung; 19.11. dann fatz) häufen sich in den Wirtschaftsmedien die Fragen, was “das neue Normal” sei. U.a. wurde diese Frage auf der 12. Euro Finance Week in Frankfurt gleich am Anfang von 25-Prozent-Ackermann aufgeworfen; es folgten dann noch die Reden von 500 weiteren Bankern.

Ja, was ist wohl das “neue Normal”? Wir haben sicher zu recht erstmal den Verdacht, dass es sich um einen typischen Banker-Übersetzungsfehler handeln dürfte. So ist es: es soll die Verdeutschung des englischen “the new normal” sein, was ja wohl heißen müsste: “die neue Normalität”. So hieß eine populäre Sendung auf ABC News, in der normal people erzählen durfte, wie sie ihr “old normal” mehr oder weniger findig runterbrechen auf “new normal”. Zum Beispiel indem sie die Air Condition rauf- bzw. runterstellen, um Energie zu sparen, oder indem sie jeden zweiten Friseurtermin canceln und sich selbst frisieren, oder indem sie sonst den Gürtel enger schnallen.

Es geht also um die Störung bzw. Unterbrechung (Diskontinuität) der “alten Normalität” durch die Krise. Es geht also um die Normalisierung der Krise – wobei aber paradoxerweise eine “nicht normale Normalisierung” erwartet wird – d.h. eine Normalisierung, die nicht zurück zum “old normal”, zur Vor-Krisen-Normalität zu führen scheint. Darin steckt also sozusagen eine Menge Sprengstoff, weil es bedeuten würde, dass das “normale Wachstum” (s. dazu den “Versuch über den Normalismus”, 4. Auflage Göttingen, Vandenhoeck u. Ruprecht) irgendwie unterbrochen werden könnte. Dieses “normale Wachstum” geht in endlosen Schlangenlinien (logistischen Kurven) aufwärts: steiler, exponentieller Aufschwung, Abnahme des Steigungswinkels bis annähernd Null plus eventuell kleiner Abschwung – neuer Zyklus mit neuem Aufschwung usw. bis in alle Ewigkeit. (Das zu “wissen” – darin besteht eigentlich alles Wissen der genialen Manager – sie wetten bloß verschieden auf die Kurvenknicks.)

Das ominöse Stichwort vom “new normal” bedeutet also ein Menetekel: lange Unterbrechung oder gar Ende der endlosen Schlange des normalen Wachstums? Für die Wirtschaft und die Banker bedeutet es konkret das Rätsel, “wo nach der Krise [...] die neuen Gleichgewichtspreise und -mengen liegen werden” (fatz 19.11.). Noch konkreter: wo die Durchschnittsprofitrate liegen wird – ob sie dauerhaft sinkt und was das für Folgen haben wird. Natürlich durfte die Frage so (kapitalismusanalytisch) in Frankfurt nicht gestellt werden – sie durfte (bzw. konnte) nicht einmal normalismusanalytisch gestellt werden. Und was Ackermann & Co. sagten, lief auf das Platzen der Diskurs-Blase “neues Normal” hinaus: Sie propagierten nämlich unisono ihr “altes Normal”: 25 Prozent Rendite, keine Einschränkung ihrer “Freiräume” (Ackermann). Das Platzen der Diskurs-Blase könnte ein böses Omen für die neue wundervolle Aktien-Blase sein, die nach dem Prinzip der endlosen Schlange mit ganz kurzen Zyklen up up and away neuen “Rekorden” zustürmt. Also: Die neuen Profite stammen im wesentlichen bloß aus der Aktienspekulation. Genau das ist  – nein nicht das “neue”, sondern das “alte Normal”.

Lesung aus der “Vorerinnerung” in Siegen

Montag, Oktober 12th, 2009

Im Anschluss an die Tagung des Siegener Promotionskollegs “Demokratie und Kapitalismus” liest Jürgen Link aus dem Roman “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung” (assoverlag Oberhausen).

Wann? Freitag, 6. November 2009, 19 Uhr

Wo? Kultcaff Uni Siegen

An der Tagung selbst beteiligt sich J.L. mit einem Vortrag zum Thema

“Normalisierung der Krise” (10.15 Uhr Senatssaal AR-UB 032)

Sarrazins protonormalistisches Manifest und der gespaltene V-Träger

Donnerstag, Oktober 8th, 2009

Er hat schon lange als “Mann der mutigen Wahrheit (links)” gearbeitet (Leserinnen der “Vorerinnerung: Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr Armee”, assoverlag, wissen bescheid). Jetzt hat er einmal in Ruhe ein richtiges Manifest publizieren lassen, das die hegemonialen Mediokraten und den V-Träger selber (siehe unten) gespalten hat: Zastrow bei Springer und Mohr beim Spiegel verteidigen ihn vehement, während andere dann doch kalte Füße bekommen. Aber worin besteht eigentlich genau der Kern dieser “mutigen Wahrheit” und dieses Spaltpilzes?

Da ist wirklich die Normalismustheorie gefragt (Versuch über den Normalismus. Wie Normalität produziert wird, Vandenhoeck und Ruprecht). Über die bekannten “provokanten Formulierungen” hinaus (Massen von kleinen “Kopftuchmädchen” fluten auf uns zu) war der Kern der “mutigen Wahrheit” normalismustheoretisch völlig eindeutig: Sarrazin hat die protonormalistische Theorie von der “differentiellen Geburtenrate” reproduziert. Die “Unterschicht” (hauptsächlich die türkisch-arabische, aber auch ansatzweise die “deutsche”) hat einen unterdurchschnittlichen IQ, setzt aber die meisten kleinen Scheißerchen in die Welt. Dagegen fehlen Einwanderer mit hohem IQ (wie früher die Juden), und (ist zu ergänzen:) auch die “Deutschen” mit hohem IQ verweigern das Kinderkriegen (Syndrom der “kinderlosen Akademikerinnen”). Folge: Der durchschnittliche IQ schmiert immer mehr ab. Diese Lage ist in Berlin besonders schlimm. Die Schülerinnen dort werden von Jahr zu Jahr dümmer. Da aber nur ein hoher IQ zum “Leistungsträger” qualifiziert, schmiert auch die Wirtschaft ab.

Diese Theorie wurde von Darwins Vetter Francis Galton vor mehr als 100 Jahren erfunden; sie bildete die Grundlage seiner “Eugenik”, und die wiederum war der Musterfall einer “protonormalistischen” Reaktion auf moderne Massendynamiken. Die angeblich immer schiefere IQ-Verteilung der “Population” (Begriff auch von Sarrazin) bedeutete angeblich eine katastrophale Denormalisierung – die Normalität (Beseitung der Schieflage durch Verringerung der Niedrig-IQ-Population) sollte dringend wieder hergestellt werden (Galton dachte an Heiratsverbote – er konnte sich noch nicht vorstellen, was seinen Nachfolgern noch alles einfallen würde). Bei Sarrazin heißt das: weiteren Zuzug radikal verbieten (im wesentlichen: Heiratsverbot in Deutschland; sollen sie in der Türkei heiraten, dort bleiben und Kopftuchmädchen produzieren).

Weitere historische und systematische Informationen über Galton, IQ-Fiktionen (wissenschaftlich höchst wackliges Konzept!) und “Protonormalismus” finden sich im “Versuch über den Normalismus”. Dort wird auch erläutert, wie der Protonormalismus nach dem 2. Weltkrieg in Verruf geriet und durch den “flexiblen Normalismus” ersetzt wurde. Der hat die Normalitätsgrenzen ausgeweitet und die zuvor “anormalen Populationen” (nicht bloß Einwanderer, sondern auch sexuelle Minderheiten, Behinderte usw.) in die Normalität integriert und inkludiert. Sarrazins Monolog stellt sich damit als ein wahrhaftiges Manifest gegen den flexiblen Normalismus und für eine “Wende” zum Protonormalismus heraus.

Und genau das spaltet nicht bloß die Mediokraten des V-Trägers, sondern den V-Träger selber! Der V-Träger ist der “Verantwortungs-Träger”  und spielt eine Hauptrolle in dem Roman “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee”. Er leidet dort manchmal an MPD (Multiple Personality Disorder), wobei er sich verspricht und NPD sagt. Was im Roman prognostisch simuliert wurde, spielt sich nun in der Realität ab: Die eine Person im V-Träger, Bundesbankchef Weber, ist über Sarrazin schlicht entsetzt. Sie weiß, dass der Weltmarkt und gerade auch ein richtig verstandener Neoliberalismus nur mit flexiblem Normalismus vereinbar ist. Die andere Person im V-Träger aber (Hans-Olaf Henkel) schmeißt sich schützend vor Sarrazin und wettert gegen den “Vernichtungsfeldzug”, der diesen angeblich bedroht. (Wir sollen innerlich ergänzen: Sarrazin wird jetzt verfolgt wie früher die Juden.) Diese Person im V-Träger will also das “Tabu” des “Denkverbots” über den Protonormalismus und über härtere Normalitätsgrenzen draußen und drinnen endlich vom Tisch kriegen. Wie das weitergehen könnte, kann man in der “Vorerinnerung” lesen – es ist dort vor-erinnert: Es macht den V-Träger zuweilen regelrecht philosophisch, und er grübelt dann in seinen schlaflosen Nächten über Schopenhauers tragisch in sich gespaltenen “Willen”.

Foucaults 25. Todestag: Gespräch in ZeitZeichen

Freitag, Juni 19th, 2009

In der Sendung ZeitZeichen (WDR 5 ab 9 Uhr 5, WDR 3 ab 17 Uhr 45) befragt Matthias Eckoldt den Diskurstheoretiker Jürgen Link zum 25. Todestag von Michel Foucault über dessen Bedeutung, damals und heute.

Wann? Donnerstag, 25. Juni 2009

Die Vorerinnerung schenkt ein Teleskop, wodurch man sofort das Nicht-Normale der Gegenwart sehen kann, z.B. den deutschen Krieg in Afghanistan

Dienstag, Mai 19th, 2009

Eigentlich sollten die Massenmedien im Normalismus sofort Alarm geben, wenn irgendwo eine Grenze der Normalität überschritten wird. Meistens tun sie das auch, z.B. bei der Bankenkrise. Aber es gibt Denormalisierungen (Verluste von Normalität) von allerhöchster Wichtigkeit, wo unsere Massenmedien aus politischen Gründen absichtlich schlafen und uns sogar höchst unnormale Entwicklungen als „normal“ verkaufen möchten. Z.B. den deutschen Krieg in Afghanistan. Angeblich ist es „normal“,

  • dass die Bundeswehr in schweren Kampfeinsätzen gegen völlig unklar definierte „Extremisten“ und „Aufständische“ routinemäßig Leichen produziert und „Luftunterstützung anfordert“ (gegen Dörfer!);
  • dass Soldaten der Bundeswehr mit Einstellung des Verfahrens rechnen können, wenn sie in Afghanistan tote Frauen und Kinder als Kollateralschäden zurücklassen;
  • dass die Steuerzahler diesen schmutzigen, niemals offiziell erklärten, Krieg täglich mit mindestens circa 2 Mill. Euro und jährlich mit mindestens circa 700 Mill. Euro finanzieren müssen.

Gegen diese bewusste Ausblendung und Augenwischerei hilft es, die „Vorerinnerung“ zu lesen („Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee“, Roman von Jürgen Link; assoverlag Oberhausen), wodurch man auf sowohl vergnügliche wie ernsthafte Weise ein aktualhistorisches Teleskop geschenkt bekommt, um die Ereignisse der Gegenwart, z.B. den deutschen Krieg in Afghanistan, in alternativem Licht sehen zu können.

Zum Beispiel das Kapitel „Zwillingsgeschichte vom UDD aus Afrika (Simulation von 1976-82 auf 1998 plus x)“. UDD heißt: Unbekannter deutscher Deserteur. In der Zukunftssimulation ist ein Bundeswehreinsatz in Afrika, ein „deutsche Vietnam in Afrika“, simuliert, das nun in Afghanistan Wirklichkeit geworden ist. Der Vergleich ist sehr spannend! Die Zukunftssimulationen der „Vorerinnerung“ erweisen sich alle als sehr realistisch – im Unterschied zu manchen unintelligenten und bloß ablenkenden SF-Stories. Den Leserinnen stellen sich dann neue Fragen:

  • Wann wird es einen tatsächlichen „UDD“ (unbekannten deutschen Deserteur) geben?
  • Warum besteht keine Pflicht, dass die finanziellen Lasten der Bundeswehrkriege in aller Welt mindestens monatlich auf Euro und Cent über die Massenmedien publiziert werden? Sollen sogar die Spekulanten zur „Transparenz“ gezwungen werden, nicht aber die Bundeswehr?
  • Warum müssen Kriege nicht mehr offiziell erklärt werden
  • Warum gibt es nicht wenigstens für die allerwichtigste politische Entscheidung, die über Krieg und Frieden, eine Volksabstimmung, durch die sichergestellt wird, dass die Politiker nicht völlig gegen eine demokratische Volksmehrheit in schmutzige Kriege abrutschen?

DIW kneift und erklärt damit die Denormalisierung

Sonntag, April 19th, 2009

Am 14.4.2009 legte das “hoch renommierte” DIW (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung) ein bizarres Osterei: Es erklärte, für 2010 keine Prognose abgeben zu wollen, um “das Volk nicht zu verwirren” (DIW-Chef Klaus Zimmermann zum “Tagesspiegel“). Das ist, normalismustheoretisch betrachtet, ein enormes Ereignis! Was ist denn nochmal die Funktion der hochbezahlten und subventionierten Wirtschaftsexperten? Warum überhaupt das pausenlose Beschallen der Öffentlichkeit mit Prognosen? Um den “Wirtschaftssubjekten”, allen voran denen an den Börsen, die Sicherheit zu geben, dass auf jeden Fall mindestens alles “normal weiterläuft”. Zur Normalität gehört mindestens die Kontinuität des Prozesses, “daß es so weitergeht”, wie Walter Benjamin sagte. Dass kein Bruch, keine Unterbrechung, kein Riss entsteht. Das Risiko eines Bruches lauert vor allem beim Übergang von der Gegenwart in die Zukunft, weil die Zukunft ja erst dann wirklich real sein kann, wenn sie Gegenwart, also keine Zukunft mehr ist. Deshalb die ganze Prognostik: Auf der Basis eines enormen Apparats von Verdatung und Statistik werden die Verlaufskurven über die Linie Gegenwart/Zukunft hinaus tief ins Terrain der Zukunft weitergezogen. Und auf diese weitergezogenen Kurven schauen “die Märkte” und “orientieren sich” daran.

Und nun kneifen die Experten! Um “das Volk nicht zu verwirren”! Zimmermann machte den Eindruck, dass ihm der ganze Job keinen Spaß mehr macht. “Schon in normalen Zeiten”, gab er wiederholt zu Protokoll, hätten es die Experten wahnsinnig schwer. Und nun seien die Zeiten nicht mehr normal (das sagte er aber nicht laut). Er erklärte also die Denormalisierung, so wie man einen Krieg erklärt. Er erklärte den Bruch, den Riss und den Verlust der Kontinuität, also des “Bodens” der “Märkte” – zur gleichen Zeit, in der andere Experten täglich ein paarmal das Stichwort “Bodenbildung” an die Märkte geben. Alles sehr paradox.

Dabei ist klar, dass die Experten zuerst wie immer gerechnet haben: Ihre Resultate hätten sie, wenn sie einigermaßen zu Optimismus Anlass gegeben hätten, ganz sicher nicht unterdrückt. Also gaben sie zu Pessimismus Anlass. Das kann sich jeder an den fünf Fingern abzählen. Mit der Selbstzensur hat das DIW sich also offen von jeder wissenschaftlichen Redlichkeit abgemeldet und sich als Institut “für normalistische Volksaufklärung und Propaganda” geoutet und gleichzeitig den Bankrott erklärt: Es will der Normalität nicht schaden und erklärt offen die Denormalisierung!

Ehrlicherweise hätte das DIW seinen Laden also dicht machen und seine Subventionen zurückgeben sollen. Dass ihm eine solche Konsequenz natürlich völlig fernliegt, könnte bald eine Volksstimmung gegen “die Experten” auslösen wie zuvor schon gegen “die Banker”. Dabei braucht das “Volk” gute Experten, die aber eben statt dem normalen Kapitalprozess bzw. dem kapitalistischen Normalismus (wie kriegen wir die Profitrate wieder hoch?) den Interessen des Volkes dienen sollten. Wäre eine volldemokratische Expertengewerkschaft mit einer Art hippokratischem Eid nicht auch eine “Option”?

„Bodenbildung“ — eine Metapher aus dem Kollektivsymbol des Gebäudes — und was dahinter steckt.

Samstag, April 11th, 2009
Foto: hiroshiken

Foto: hiroshiken

Seit Ende Februar 2009 zieht sich der Interdiskurs unserer westlichen Massenmedien buchstäblich hoch an der Metapher der „Bodenbildung“ („bottom building“). Die „Experten“ der Regierungen und die „Analysten“ der Banken , von denen keiner die Megakrise von 2008ff. prognostiziert hat, deren Diskurs-Blasen also genauso geplatzt sind wie die Derivate der Banker, sagen nun voraus, dass der Dow nicht mehr unter 7000 und der Dax nicht mehr unter 4000 sinken wird. Man kann sich das gut vorstellen: Die Türme der Banken sind symbolisch eingestürzt, sogar wie das Kölner Archiv bis tief in den Boden hinein (von 14000 Dow und von 8000 Dax) – irgendwo muss aber ja der Fels erreicht werden, auf dem dann solide neue Türme gebaut werden können. Und genau das empfehlen die Experten den Anlegern jetzt mittels ihrer Prognosen: Der Boden ist gebildet! Steigt wieder alle in Aktien ein!

Worauf beruht diese angeblich „wissenschaftliche“ Prognostik (mit all ihren sogenannt „technischen“ Finessen als da sind „mehrfaches Testen des Bodens“, durchschnittliche Wachstumsraten der Kurse in 3 Monaten, 200 Tagen usw.)? Imgrunde bloß auf einem banalen Kollektivsymbol: Wenn ein Gebäude einstürzt, muss irgendwo darunter ein fester Boden sein. Was aber ist der eigentliche Sinn dieses Symbols? Er bleibt unausgesprochen wie oft bei Kollektivsymbolen – er bleibt im toten Winkel der Reflexion und lautet im Klartext: Seit Ende Februar 2009 funktionieren die Börsen, nachdem sie letztes Jahr plötzlich „verrückt gespielt“ hatten (also ein Fall für den Psychiater, weil „anormal“ geworden waren), Adam Smith sei dank wieder „normal“. 

Damit sind wir bei einem ganz wichtigen kulturellen Kern der Krise, der aber vom hegemonialen (herrschenden) Diskurs im Vagen gelassen wird: Der Kapitalismus ist nicht nur ökonomisch, er kann allein ökonomisch nicht existieren, er braucht eine kulturelle Versicherung – und eine der wichtigsten kulturellen Versicherungen ist die Produktion und Reproduktion von Normalitäten, also der Normalismus.

Die Experten sagen also mit ihrer „Bodenbildung“: Die Unterbrechung der Normalität an den Börsen ist zuende, ab jetzt geht es wieder aufwärts in normaler, d.h. „endlos wachsender Schlange“: Aufschwung, „Konsolidierung“, d.h. kleiner Abschwung, aber nicht unter die letzte „Talsohle“, wieder Aufschwung usw. Darin steckt eine weitere Prognose: Die Krise war (sie sehen sie schon als abgehakt) letztlich eine „normale“ Krise, die nicht länger als höchstens 2 Jahre dauert, dann kommt der nächste „normale“ Zyklus. Also: Es wird keine Depression, d.h. keine ernsthafte Denormalisierung (Verlust von Normalität) geben. 

Woher nehmen sie ihre Sicherheit? Hier ist der springende Punkt, ein perfekter Zirkel: Die Normalität wird zurückkehren, weil alles andere nicht normal wäre! Symbolisch: Unter jedem Zusammenbruch ist irgendwo unten fester Boden. (Als ob die Fluktuation von Werten, Profiten und Profitraten einem Gebäude analog wäre!) Es gibt also einen kollektiven „Willen zur Normalität“, der an die Wurzeln moderner westlicher Kulturen reicht. Die Normalismus-Forschung analysiert diese Zusammenhänge – und sie kann deshalb zu einer ernsthaft alternativen Prognostik beitragen, auf die alle angewiesen sind, die sich nicht mit Kollektikvsymbolen abspeisen lassen wollen.

Mehr dazu in: »Ein 11. September der Finanzmärkte.« Die Kollektivsymbolik der Krise zwischen Apokalypse, Normalisierung und Grenzen der Sagbarkeit (PDF).

Aus: kultuRRevolution 55/56, Februar 2009.