Archive for the ‘Normalismus’ Category

Nächste Woche nun der verschobene Vortrag über Medien und “Normalisierung” des Krieges

Dienstag, Mai 15th, 2012

Dieser Vortrag von Jürgen Link im Essener Friedensforum musste seinerzeit wegen des Verdistreiks verschoben werden. Er findet nun statt.

Thema: Zum Anteil der Massenmedien an der “Normalisierung” des Krieges

Wann: Mittwoch, 23. Mai, 19 Uhr

Wo: Volkshochschule Essen, Burgplatz 1 in Essen.

A*: Holland raus, Australien raus – und jetzt das Auslandskapital raus. (Nur D bleibt drin?)

Donnerstag, April 26th, 2012

Die NATO (und damit auch D) hat den Krieg in Afghanistan vermutlich bereits verloren. Nachdem die Niederlande schon 2011 abgezogen waren, zieht nun auch Australien vorzeitig ab, und Frankreich wird höchstwahrscheinlich in Kürze folgen.

Viel symptomatischer aber ist noch, dass das ausländische Investitions- und “Hilfs”kapital, vom dem die NATO-Kollaborations-Institutionen zu 90 Prozent abhängen, in Panik in die Golfstaaten flüchtet (zusammen mit über 30000 Kompradoren und Kompradoren-Angestellten, die dazu die Möglichkeit haben, allein im letzten Jahr). All diese und weitere genaue Daten benennt der Militärexperte der FAZ, Lothar Rühl (23.4.2012). Titel seines Beitrags: “Schlechte Vorzeichen”.  (kostet leider was, wie ich feststellen muss! Also noch eine Zahl: Das Auslandskapital schrumpfte 2011 auf gerade noch 15 Prozent von 2006, absolut auf 55 Millionen Dollar – man vergleiche das mit den Zahlen der hiesigen Bankenrettungen!) Dazu passt die Panik der NATO-Dolmetscher, die in diesem Blog vor kurzem erwähnt wurde.

Angesichts dieser Situation, die Rühl selber mit der Endphase der französischen Okkupationen in Indochina und Algerien sowie mit der analogen Endphase der amerikanischen Okkupation in Vietnam vergleicht, ist es wirklich nicht zu fassen, dass es keine breite öffentliche Debatte über den Abzug der Bundeswehr gibt, und dass statt dessen hinter den Kulissen sondiert wird, wie “wir” (als treue Nibelungen der USA) über 2015 “drinbleiben” könnten – allerdings mit einer völlig neuen Strategie: gezielte Tötungen, gestützt auf eine Troika aus Geheimdiensten, Drohnen und einheimischen Kollaborateuren.

Man kann die Frage stellen, warum die Linke als einzige Partei für den sofortigen Abzug nicht nur keine breite Debatte auslösen konnte, sondern sogar nach Umfragen aus dem NRW-Landtag rausfallen könnte. Warum die Grüne Führung in ihrer Durchhaltestrategie weder von ihrer Basis noch von den Wählerinnen entscheidend unter Druck kommt. Die Antwort dürfte mit dem Normalismus der Medien zusammenhängen: Der “agenda setting approach” stellt fest, dass die Kapazität der medialen Kanäle eben begrenzt ist. Es passen nicht beliebig viele “Themen” hinein. Wenn also das “Thema” Betreuungsgeld plus noch zwei drei ähnliche “Themen” plus obligatorisch BVB & Co. die Kanäle stopfen, dann wäre eben schlicht kein Platz für Afghanistan. Das hat angeblich mit Manipulation gar nichts zu tun. Wenn der Krieg in A* (mit seinen inzwischen etwa 5 Milliarden im Jahr für die Bundeswehr und ihr gesamtes “Projekt”) für die Leute von Interesse wäre, dann würde es doch Massenäußerungen im Internet geben können. Das gibt in der Tat Stoff zum Nachdenken. Weiß eigentlich jemand von meinen Leserinnen, ob sich die Piraten schon mal zum “Thema” geäußert haben?

Das deutsche WeltBILD ist der deutsche Koran!

Mittwoch, April 18th, 2012

Wenn es auch vielleicht so nicht vorausgeplant war: Faktisch gibt es jetzt zwei Gratis-Verteilungen an die gesamte deutsche Bevölkerung: Bereits laufend die angeblich äußerst gefährliche Verteilung des Koran durch Salafisten – und am 23. Juni die Verteilung von BILD an alle 41 Millionen Haushalte des Landes (zum Gedenken an die Gründung des Axel-Springer-Verlags vor dann 60 Jahren).

Was wie ein Zufall aussieht, hat einen tieferen Sinn: Denn dass man dem Koran nicht bloß mit Behinderungen oder Verboten am Zeug flicken können wird, sondern ihm einen positiven Anti-Koran entgegensetzen muss, dürfte allen Beteiligten klar sein. Dazu taugen Thora und Neues Testament trotz aller Bemühungen des Papstes offenbar längst nicht mehr. Sie werden nicht mehr ernst genommen und vertreten (einmal offen und ehrlich gesagt) jeweils mindestens teilweise ein nicht weniger mittelalterliches (oder noch älteres)  Weltbild als der Koran. Es braucht also so etwas wie eine radikal moderne, flexibel-normalistische Bibel, eine säkulare Heilige Schrift.

Und diese säkulare Heilige Schrift, dieses moderne WeltBILD ist BILD! Genau wie der Koran ist das WeltBILD streng dualistisch: So wie Himmel und Hölle verkündet BILD in jeder Frage klar die good guys und die bad guys. Ob es den Teufel so gibt, wie in Bibel oder Koran beschrieben, lässt BILD offen – aber dass es den Kommunismus-Sozialismus und Bin Laden gibt (der weiterlebt!), offenbart es mit aller erschütternden Wahrheit einer apokalyptischen Offenbarung. Und ob es weibliche Engel im Himmel gibt (auf arabisch verräterisch Huris genannt), lässt BILD ebenfalls offen – aber dafür verheißt es seinen normalen männlichen Lesern täglich nackte Schönheiten, die auf Erden genauso unzugänglich sind für normale Leser wie weibliche Engel.

Keine Sorge also: Deutschland hat den Anti-Koran. Am 23.6. werden wir ihn in der Post haben und ebenfalls gratis. Schließlich muss der Mensch was zum Dranglauben haben. Wir sind schon gespannt auf die SCHLAGzeile.

Neuer Vortragstermin 23. Mai

Sonntag, März 25th, 2012

Der wegen des Streiks verschobene Vortrag von Jürgen Link in der Essener VHS findet nun am Mittwoch, 23. Mai, statt. Natürlich mit Diskussion.

Titel: Zum Anteil der Massenmedien an der “Normalisierung” des Krieges

Wann? Mittwoch, 23. Mai 2012, 19 Uhr

Wo? VHS Essen, Burgplatz 1

ACHTUNG! VORTRAG WEGEN STREIKS VERSCHOBEN!

Montag, März 19th, 2012

Mein Vortrag in der VHS Essen am Mittwoch 21. März, 19 Uhr, kann wegen des Verdi-Streiks nicht stattfinden: Sowohl die VHS selbst wie der Nahverkehr sind am Mittwoch geschlossen. Ein neuer Termin wird demnächst bekanntgegeben. J.L.

Afghanistan: “Rausgehen jetzt? Schon aus logistischen Gründen unmöglich”?!

Samstag, März 17th, 2012

Endlich ist das “Thema” nun nicht mehr zu stoppen: “Rausgehen und zwar jetzt aus Afghanistan” – aber dieses “Thema” erweist sich in Medien und Politik als “chaotisch”: Während de Maizière gerade “vor Ort” in Usbekistan, Afghanistan und Pakistan unterwegs war, um Bedingungen fürs “Drinbleiben” auch nach 2014 auszuhandeln, entsteht “zuhause” plötzlich ein paranoider Alarm in den Medien: “Lässt Obama uns im Stich?” – denn gerüchteweise bereitete Obamas Superwarlord Panetta (langjähriger CIA- und dann Pentagonchef), der knapp vor de Maizière bei Karzai “vor Ort” war, heimlich das “Rausgehen” schon für 2013 vor. Kurz danach, aus Anlass des “Amoklaufs”, forderte dann Karzai tatsächlich das “Rausgehen” schon für 2013. All das war offensichtlich nicht im Sinne “Deutschlands”, denn ungefähr gleichzeitig verlautbarte die Kanzlerin bei einem Blitzbesuch “vor Ort”, dass “wir uns zwar anstrengen, es aber vielleicht nicht schaffen werden, schon 2014 rauszugehen.” Alle, aber auch alle diese Äußerungen wurden danach “relativiert”, und man einigte sich auf die alte Nibelungentreueparole: “Gemeinsam reingegangen, also auch gemeinsam rausgehen.”

ABERTAUSENDE VON TOTEN, VERLETZTEN, TRAUMATISIERTEN: “REINGEGANGEN, RAUSGEGANGEN”?

Diese Sprachregelung von Politik und Medien (“reingehen, rausgehen”) ist an Zynismus nicht zu übertreffen – besonders in Deutschland, dessen frühere Armeen bekanntlich rekordmäßig oft “reingegangen” sind. Wie sie auch Rekorde in Nibelungentreue hingelegt haben. Aber Nibelungentreue: Die Niederlande sind schon 2010/2011 “rausgegangen”, was ganz einfach ging. Niemand hat was von “Treuebruch” gesagt. Frankreich als viertgrößter Nibelunge will schon 2013 (Sarkozy) oder sogar schon dieses Jahr (2012) “rausgehen” (Hollande). Soll am Ende nur “Deutschland” bis 2014 oder darüber hinaus “drinbleiben”?!

WAS HEIßT DENN “RAUSGEHEN”?

Nun wird man eigentlich einen Nibelungen wie Panetta kaum des Treuebruchs verdächtigen können. In der Tat ist das absurd – denn was versteht Panetta unter “rausgehen”? Er versteht darunter schlicht und einfach einen Strategiewechsel: Umschalten von COIN (Counter Insurgency, also Antiguerillakrieg, Vietnamstrategie) auf CT (Counter Terrorism, das heißt “gezielte Tötungen” mit Drohnen und anderen Hightechwaffen durch Geheimdiensteinheiten und andere Spezialkräfte, auch “Elitesoldaten” genannt). CT soll in Afghanistan selbstverständlich weitergehen, bloß sollen die “normalen” Kampftruppen “aus der Fläche” abgezogen werden. – Genau das fordert nun auch Karzai als ersten Schritt, offensichtlich “darf” Karzai das jetzt fordern. (Seit über 10 Jahren fordert das gleiche die Friedensbewegung als ersten Schritt zum Abzug – der Unterschied besteht darin, dass die Friedensbewegung nicht mit CT weitermachen will.)

WARUM WILL AUSGERECHNET DEUTSCHLAND “DRINBLEIBEN” UND JAMMERT: “SCHON AUS REIN LOGISTISCHEN GRÜNDEN KÖNNEN WIR NICHT RAUSGEHEN?”

Es gibt eine auffällige deutsche Besonderheit des “Themas”: “unsere” Medien haben plötzlich die “Logistik” entdeckt und behaupten, “schon aus rein logistischen Gründen” wäre ein rascher Abzug (etwa in einem halben Jahr) “total undenkbar”. Und die Niederlande? Und Frankreich? Und vielleicht sogar die USA, die aus dem Irak schnell “rausgehen” konnten, Logistik hin Logistik her? Und die Bundeswehr selber, die aus Somalia ganz schnell “rausgehen” konnte? (Okay, dass Afghanistan ein “größeres Dingen” ist, aber niemand fordert ja das “Rausgehen” in einem Monat.)

DIE DEUTSCHE BESONDERHEIT: “WIR” BRAUCHEN AFGHANISTAN NOCH LÄNGER ALS  TRAININGSFELD FÜR KÜNFTIGE ROUTINEMÄßIGE ANTIGUERILLA- UND ANTITERRORKRIEGE

Deutschland ist der Newcomer in der Welt-Junta. Als Welt-Junta muss man die USA und ihre G 7-Nibelungen (außer Japan, das nicht mitzieht) bezeichnen. Diese Weltjunta hat sich die Aufgabe gestellt, routinemäßig “Schurkenstaaten” zu “kontrollieren” und zu “stabilisieren”. Genau das hat de Maizière gemeint, als er sagte, künftig müsste die Bundeswehr mit vielen “Einsätzen” rechnen. Dafür die Bedingungen zu schaffen, dazu dient die große “Reform” der Bundeswehr (alles “vom Einsatz her” planen). Und dafür ist Afghanistan ein einmalig günstiges Ernstfall-Manöverfeld. Gerade übt die Bundeswehr (seit 2009) den vollen Antiguerillakrieg mit allem Drum und Dran: “Außenposten” im “Hinterland des Feindes” besetzen, um ihn zum Kampf zu zwingen und zu “eliminieren” (per “Anforderung von Luftunterstützung”) – Nightraids gegen ”verdächtige” bzw. anonym denunzierte Dörfer usw. Und für CT haben “wir” momentan noch viel zu wenig “Spezialkräfte” (nur das KSK) und viel zu wenig High Tech (gerade erst fangen Rheinmetall und EADS an, Killerdrohnen für die Bundeswehr zu bauen) und schließlich brauchen “wir” noch viel mehr Dolmetscher, Informanten und Kollaborateure “vor Ort”. Ein “Rausgehen” binnen der nächsten 1, 2 Jahre würde all diese “großen Stabilisierungserfolge” abbrechen.

SCHLIMMER NOCH: EIN “ÜBERSTÜRZTES RAUSGEHEN” KÖNNTE DIE PAROLE STARK MACHEN: “NIE WIEDER ANTIGUERILLAKRIEGE DER BUNDESWEHR IN ÜBERSEE!”

Bisher ist es Politik und Medien gelungen, das “Thema” Afghanistan “auf Sparflamme zu halten”. Das könnte sich bei einem “überstürzten Rausgehen” ändern. Es würde dann gefragt: Wofür all die Toten, Verletzten und Traumatisierten, wofür die 20 Milliarden, die allein die Bundeswehr buchstäblich in den Staub gesetzt hat? Wofür die ganze teure “Logistik”? Trotz allem haben “wir” den Krieg de facto verloren – also “nie wieder ein solches Abenteuer!” Und dabei bereiten Merkel und de Maizière gerade vor, dass solche Abenteuer künftig die “Normalität” der Bundeswehr werden sollen.

ALSO IST DAS DOCH JETZT DIE STUNDE DER FRIEDENSBEWEGUNG, ODER?

Wer macht jetzt konkrete Vorschläge, wie wenigstens die Grünen endlich von ihrer Durchhalten-bis-zum-Endsieg-Linie abgebracht werden können – womit dann das Kartenhaus endlich ins Umfallen käme? Über solche und andere Fragen kann mit dem Blogautor diskutiert werden:

WO? VHS ESSEN, BURGPLATZ 1 - FRIEDENSFORUM, VORTRAG J. LINK “ZUM ANTEIL DER MASSENMEDIEN AN DER ‘NORMALISIERUNG’ DES KRIEGES”

WANN? MITTWOCH, 21. 3. 2012, 19.00 UHR

“wieviel kultuRRevolution am mittelmeer?” Doppelheft 61/62 zu diesem Schwerpunkt erschienen

Mittwoch, Februar 29th, 2012

Das Doppelheft 61/62 der “kultuRRevolution. zeitschrift für angewandte diskurstheorie” sowohl mit Beiträgen aus erster Hand Engagierter (Tunesien, Ägypten, Spanien, Griechenland, Occupy) wie mit diskurstheoretischen Analysen zum Zusammenhang von Krise der Denormalisierung und kulturrevolutionären Bewegungen ist erschienen. Bestellungen über den Klartext-Verlag Essen.

Aus dem Inhalt: – Jürgen Link, “Von der Denormalisierung zu kulturrevolutionären Drives?” – Oliver Kohns, “Guy Fawkes, 2011. Ein Beitrag zur politischen Ikonographie des Aufstands” – Khadija-Katja Wöhler-Khalfallah, “Tunesien. Ein Volk ringt um Freiheit und Würde” (sowie weitere Beiträge zu Tunesien und Ägypten) – Maria Corredera, “Die Indignados von 15-M” – Amador Fernández-Savater, “15. Mai: Eine Revolution aus Personen” – Vassilis Tsianos, Margarita Tsomou, Dimitris Papadopoulos, “Athen: Metropolitane Blockade, Reale Demokratie” – u.a.

Sowie weitere diskurstheoretische und diskurshistorische Schwerpunkte, u.a. von Rolf  Parr: “Kein universeller, kein spezifischer Intellektueller. Walter Höllerer im Literaturbetrieb der 1950er und 1960er Jahre”.

Im Abo ist die Zeitschrift billiger(17,50 Euro zwei Hefte im Jahr incl. Versand) – alles Nähere über Klartext (Kontaktdaten Internet).

Jetzt Weltmacht Nr. 2? Vermutlich ja.

Samstag, Februar 4th, 2012

International wurde Deutschland schon längst zu den ganz oben führenden Weltmächten gezählt. Im Inland (und besonders bei Linksintellektuellen) war der gesamte “geopolitische” Problemkreis dagegen tabu. Und nun ist es wie mit einem U-Boot: Es taucht plötzlich auf und zwar ganz vorn und ganz groß. Die Münchner “Sicherheitskonferenz” (das heißt das “Davos” der Geostrategen) behandelt lautstark das Thema “Deutschlands Rolle in der Welt”. Allerseits wird – nicht etwa Zurückhaltung, sondern “deutsche” Führungsstärke für die Welt gefordert! (Also noch mehr!) Timothy Gordon Ash redet dabei weiter von “Normalisierung” und “Normalität”.

In diesem Blog, in der “kultuRRevolution” und in der Vorerinnerung (Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee) ist das Tabu nie respektiert worden. Es war ein bisschen die Lage des “Rufers in der Wüste”. Ich erinnere mich an eine Diskussion unter Linksintellektuellen vor 5 Jahren (als wirklich alle Weichen längst klar gestellt waren), wo ich schüchtern zu Bedenken gab, ob wir uns nicht langsam darauf einstellen müssten, Opposition in der zweit- oder allenfalls drittmächstigsten Weltmacht zu sein… Aufschrei! Völlig verrückt!  “Europa!”, “Empire!” – aber doch nicht Deutschland.

Und nun ist das U-Boot plötzlich aufgetaucht. Es ist de Krise, die es zum Auftauchen gezwungen hat. Normalisierungsweltmeister gegen die Krise! Jetzt setzt “uns” nicht bloß die gesamte hegemoniale internationale Presse auf Platz 2 oder allenfalls 3 – jetzt können auch die deutschen hegemonialen Medien das Tabu nicht mehr wahren. Aber sie drehen die Sache so: Unsere Politiker sind zu zaghaft – sie sollten endlich mehr Klartext reden! Jawohl, “wir” sind Weltführungsmacht ganz oben – irgendwo direkt hinter den USA. Diese “Verantwortung” ist “uns” nun mal “zugefallen”. Jetzt müssen wir sie endlich klar übernehmen!

Für uns als antihegemoniale Opposition gilt es erstens zu klären, warum wir mal wieder überrollt wurden. Ich meine: Weil die Wahrheit in diesem Fall alles andere als bequem ist. Wie sollen wir uns jetzt zum Beispiel ganz konkret “im Ausland” verhalten? Wir können doch nicht “unser Nest beschmutzen”? Was machen wir bloß mit unserem (nationalen!) “Wir”? Aber einige Illusionen sind wohl abzulegen und auf einige Realitäten sollten wir uns vielleicht langsam einstellen, als da sind: Das “postnationale Zeitalter” ist keineswegs erreicht – die “großen” Nationalstaaten behalten nicht bloß ihre Souveränität, sie bauen sie sogar aus. “Post-Nationalität” und “Post-Souveränität” sind nur für die Kleinen und die Armen (normalismustheoretisch: für die unteren Normalitätsklassen, die kriegen vielleicht bald wirklich “Kommissare”), aber nicht für die “Großen”, nicht für “uns” . – “Europa”: ist eine Koalition von “großen” Nationalstaaten, unter der Führung des stärksten, der die Spielregeln setzt (“Fiskalpakt”) - was Widersprüche nicht ausschließt, sondern künftig verstärken wird. – “Empire”: ist ebenfalls eine Koalition von Weltmächten und keine übernationale Einheits-AG. – “Weltmacht China”: sollte nicht als Ablenkung von der Weltmacht Deutschland verwendet werden. China greift zur Weltmacht, Deutschland hat dabei einigen Vorsprung (zum Beispiel global-militärisch) – aber angenommen, “wir” wären wirklich bloß Nr. 3 – ändert das was?

Ich übersetze mal aus einem ganz “normalen” griechischen Kommentar (aus “Kathimerini”, 4.2.2012; man könnte hunderte aus allen Ländern der Welt zitieren): “So wie die USA unter Bush ihre militärische Stärke im Jahr 2003 überschätzten, indem sie ihre Bündnispartner zu Befehlsempfängern herabstufen wollten, so überschätzt heute das Deutschland der Merkel seine ökonomische Stärke und unterschätzt den entscheidenden Faktor der Politik. Das Wiederaufleben antideutscher Gefühle ist inzwischen mehr als sicher. Aber selbst auf der ökonomischen Ebene selber werden die Konsequenzen nicht lange auf sich warten lassen. Indem Deutschland die Sinifizierung der Arbeitsbeziehungen vorantreibt, dezimiert Deutschland die Einkünfte eben derselben Europäer, die seine Produkte kaufen und seine Überschüsse nähren. Wenn aber die Stärke sich zur Hybris steigert, wartet die Nemesis um die Ecke.”

Schön der echt griechische Mythos von der Nemesis, von dem unser Schiller so überzeugt war. Aber es ist so: Der deutsche Nationalismus (in BILD und SPIEGEL) ist bereits (wieder) in voller Geisterfahrt gegen die Nationalismen der anderen. Es braucht ein kulturrevolutionäres WNLIA (Weder noch, lieber irgendwie anders). Eine solche Stimme zu “stimmen”, ist nicht einfach. Die “kultuRRevolution” und die Vorerinnerung sind jetzt brauchbar. Es geht um den “3. Versuch des deutschen V-Trägers” (“Verantwortungs-Trägers”) – es geht darum, uns von diesem 3. Versuch nicht überrollen zu lassen. Ganz wichtig sind Simulationen und Szenarien dieses 3. Versuchs (wie sie in der “Vorerinnerung” stehen). Ja – wir Nicht-Hegemonialen können uns jetzt verdient machen, indem wie die Märsche des 3. Versuchs vor-simulieren und verbreiten – hier und international (um den 3. Aufprall des Geisterfahrers nach Möglichkeit zu verhindern.)

Griechenland: Wie ein Volk von den Märkten und ihren willigen Vollstreckern in der Politik platt gemacht wird

Mittwoch, Januar 11th, 2012

Ich hätte auch formulieren können: denormalisiert wird. Aber die Krise hat in den bereits jetzt gänzlich von ihr erfassten Ländern einen Grad erreicht, der uns zwingt, die normalistischen Statistiken in konkrete Bilder zu übersetzen. Der Normalismus hat den Nachteil der Abstraktheit von Statistik, aber den Vorteil, ein Minimum an Transparenz zu ermöglichen (das der Kapitalismus pur am liebsten zensieren möchte).

Deshalb hier einige neue Statistiken griechischer Institute, die ich aus der “normalen” griechischen Presse entnommen habe: Es ist soweit, dass die meisten (normalen) Haushalte bereits am Essen sparen müssen: Das betrifft zwischen 45 und 75% (je nach Einkommen), darunter praktisch alle “Unter-1000-Euro-Haushalte”. 6 von 10 griechischen Haushalten sind an der Grenze, ihre Strom- und Wasserrechnungen nicht mehr bezahlen und leufende Kredite nicht mehr bedienen zu können. 89,2% können sich kein Essen in Restaurants mehr leisten. 74,9% rechnen mit weiterer starker Senkung ihrer Einkommen in 2012. (Eine realistische Einschätzung, weil ja die Reichenbach-Troika eine Senkung des Mindestlohns um 50% auf 350 Euro und eine Streichung aller Zulagen sowie Massenentlassungen fordert.)

52% der Haushalte sind wegen dieser “Situation an der Grenze” (man kann sagen: an der unteren Normalitätsgrenze des Lebensstandards) bereits jetzt auf Hilfe von Freunden angewiesen. Die Banken vergeben keine Kredite mehr. Apotheken geben (zunächst bis zum Wochenende 13.1.2012 – sie entscheiden dann über eine Verlängerung) Medikamente, auch notwendige wie Blutdrucksenker, nur noch gegen bar heraus. Bisher bekam man Medikamente auf Rezept, und die Apotheken bekamen das Geld von der staatlichen Krankenversicherung – die aber seit Monaten die Zahlungen praktisch ausgesetzt hat – und die dazu gezwungen ist, weil der Staat seine Verpflichtungen auch nicht mehr erfüllt (erfüllen “kann”: die Reichenbach-Troika fordert ja die “Senkung des Defizits”).

Ein anderes statistisches Büro (Hellastat) fasste seine Erhebungen zu “sieben verborgenen Wunden der Krise” zusammen: 1. Leere Regale. Nicht nur müssen die Haushalte selbst beim Notwendigsten sparen – auch die ausländischen Großlieferanten (wie Lidl usw.) vertrauen den griechischen Banken nicht mehr, so dass der gesamte normale Zahlungsverkehr kollabiert.  2. Kollaps der Exporte.  Das allgemeine Misstrauen gegen griechische Banken hat die ausländischen Abnehmer griechischer Produkte dazu veranlasst, auf andere Länder umzusteigen. 3. Die Sanktionen gegen den Iran. (Ja!) Der Iran gehörte zu den wenigen großen Importeuren (und Exporteuren: Öl), die noch über griechische Banken Handel trieben. Wenn jetzt die Sanktionen verschärft werden und Griechenland kein iranisches Öl mehr kaufen darf, wird es auch nichts mehr verkaufen können. 4. Das allgemeine Misstrauen in der gesamten Wirtschaft. Was in den “wettbewerbsfähigen” Ländern (der 1. Normalitätsklasse) bisher hauptsächlich die Banken betrifft, hat in Griechenland die gesamte Wirtschaft erfasst: Jeder hält jeden für potentiell bankrott und will nur noch Cash sehen. Dieser Punkt von Hellastat liest sich wie die klassische Beschreibung einer schweren zyklischen Krise durch einen Privatgelehrten namens Karl Marx. 5. Das Gesetz des Stärkeren. In allen ökonomischen Beziehungen verschärfen die jeweils (noch) Stärkeren ihre Bedingungen gegenüber den Schwächeren und machen dadurch immer mehr platt. 6. Die “Paraökonomie”, d.h. der “informelle” oder “schwarze” Sektor. Weil die normalen Banken nichts mehr verleihen, entwickeln sich in Griechenland nun wie in der gesamten 3. Welt (3. bis 5. Normalitätsklasse) unlizensierte Wucherbanken. 7. Die chronische Verzögerung. Alle Zahlungen, Käufe, Vertragserfüllungen werden verzögert und nach Möglichkeit “bis auf weiteres” ausgesetzt.

Kein Wunder, dass unsere ökonomischen Experten und Politiker nicht in solche Einzelheiten gehen: Es könnten alles Prognosen für “uns” selber sein, wenn die internationale Krise nicht durch ein Wunder bald beendet wird. (Dass Deutschland als einziges G 7-Land die Krise bereits “abgehakt” hat, ist extrem “anormal” und also selbst ein schweres Krisensymptom!) Also wird weiter über “unsere Hilfe” gelabert – von der nicht ein einziger Centime bei den 80% ankommt, die platt gemacht werden. Es geht hauptsächlich um die Zinsen, die der griechische Staat weiter an “unsere” Banken zahlen soll:  ohne Verzögerung bitte! (Dass auch der “Schuldenschntt” ein Riesenbetrug ist, dürfte sich doch langsam rumgesprochen haben: der Schnitt wird auf den Nennwert berechnet statt auf den Marktwert: bei 50% “Schnitt” und einem Marktwert von nur noch 20% machen unsere Banken durch ihren “Verzicht” nochmal zusätzlich satte Profite!)

Wenn man dann die Reden und Kommentare der griechischen Politiker liest, kann man die Wut der Leute verstehen: Statt von den “sieben Wunden” zu reden, dreschen sie pathetisch leere Worthülsen über “nationale Solidarität”, oder wie Papademos sagte, als die Gewerkschaften ihm vorwarfen, mit der Mindestlohnsenkung eine “rote Linie” überschritten zu haben: “Meine einzige rote Linie ist die Rettung (oder “Erlösung”) unseres Landes!”

Europa gespalten – aber entlang welcher Linie?

Sonntag, Dezember 11th, 2011

Dass die Brüsseler Dezemberbeschlüsse (“Stabilitätsunion”) Europa gespalten haben, darüber besteht in den Medien Einigkeit – nicht mehr nur von “2 Geschwindigkeiten” ist die Rede, sondern von “2 Klassen” und der Angst vieler Länder vor “Deklassierung”.  Am schönsten ist das “Spiegel”-Cover vom 28.11.2011, das eine tief gespaltene 1-Euro-Münze zeigt. Der Spalt geht senkrecht zum Betrachter, der also denkt: Aha, die Spaltung geht zwischen links und rechts, also zwischen England und Kontinent. Schaut man aber ganauer hin, so sieht man, dass man das Bild um 90 Grad drehen muss, um die übliche Karte zu erhalten, und dass der Riss demnach horizontal zwischen Nord und Süd etwa durch die Alpen läuft.

Genau auf diese verborgene Drehung kommt es an. Denn die Spaltungsbeschlüsse haben keineswegs England deklassiert, sondern nur (falls die Beschlüsse “umgesetzt” werden) jene Spaltung institutionell zementiert, die von “den Märkten” bereits durch die Zins-Spreizung “beschlossen” worden war. Formal haben sich in Brüssel Nord und Süd auf gleiche “Spielregeln” geeinigt: Jedes Land soll der “goldenen Regel” folgen, also nicht mehr ausgeben als einnehmen und unter der 3-Prozent-BIP-Grenze eines Haushaltsdefizits bleiben. Formal haben sich Deutschland und Griechenland sowie alle anderen außer England auf diese gleiche Regel verpflichtet. Formal kann Deutschland genauso mit “Sanktionen” bestraft werden wie Griechenland. Formal hat Deutschlansd seine Souveränität genauso an die Brüsseler undemokratische, quasi diktatorische Bürokratie abgegeben wie Griechenland.

In diesem “formal” steckt der springende Punkt! Denn Deutschland hat bekanntlich eine vielfach größere “Wettbewerbsfähigkeit” (Kapitalstärke) nicht nur als Griechenland , sondern auch als Spanien, Italien und auch eine größere als Frankreich. Deutschland denkt also, den “Stabilitätspakt” einhalten zu können, ohne die verbliebenen sozialen Sicherheitsnetze bis auf schäbige Reste “runterfahren” zu müssen. Die Südländer aber müssen das tun und werden damit in eine niedrigere Normalitätsklasse “absteigen”: Aus der 1. Liga in die 2. (Spanien und Italien) – oder aus der 2. sogar in die 3. (Griechenland). Und das ist das Wesen der Spaltung.

Frankreich hat durchgesetzt, dass keine nördliche Bank “bluten” muss nirgends, dass keine Schulden mehr erlassen werden und dass den Nordbanken alle Zinsverluste letztlich aus Steuergeldern ersetzt werden auf ewige Zeiten. Diese Ewigkeit wird man abwarten müssen – ebenso wie Sarkozys “Glauben”, durch magische Willensanstrengung die deutsche “Wettbewerbsfähigkeit” herbeizwingen zu können. Er könnte mit dieser Willensanstrengung einen Mai (oder einen anderen Monat) auslösen.

Fazit: Deutschland hat seine Souveränität nur “formal” abgegeben – tatsächlich verstärkt es sie mittels der “Märkte” und dehnt sie auf die ganze Eurozone aus. Die Süd- und Ostländer aber sind ihre Souveränität tatsächlich los. Der “Stabilitätspakt” ist die eiserne Klammer zwischen Normalitätsklasse 1 und den Normalitätsklassen 2 und 3. Imgrunde eine gigantische Wiedervereinigung – insofern ist es sehr passend, dass Bodo Hombach den “Soli” vom Osten auf den europäischen Süden umwidmen möchte.

Ein Land, das “nicht normal” ist, muss seine Hegemonie “ohne Kraftmeierei” managen!

Montag, Dezember 5th, 2011

Helmut Schmidt hat seine 92 Jahre in die Waagschale geworfen, um auf dem SPD-Parteitag eine “Geschichtsstunde” zu halten. Er fing mit dem 30jährigen Krieg des 17. Jahrhunderts an, als nach seiner Philosophie Europas “Peripherie” Europas “Zentrum” (also Deutschland) überfallen hätte,  und endete mit den zwei Weltkriegen des 20., die er zu einem neuen “30jährigen Krieg”, wo das “Zentrum” seine Revanche gegen die “Peripherie” genommen hätte, verharmloste.

Er stellte fest: “Deutschland wird auf absehbare Zeit kein normales Land sein.” Womit er meinte, das “die Peripherie” immer noch nicht vergessen hat, dass deutsche Truppen (mit dem gleichen Eisernen Kreuz, das heute die Bundeswehr ziert) ganz Europa platt gemacht und zig Millionen Menschen umgebracht haben. Aber das hat er nicht vertieft. Was außerdem insbesondere fehlte, war die Geschichte, die er selbst gemacht hat: Zuerst (zusammen mit Willy Brandt) erfand er das “Modell Deutschland” und fing damit an, die Leute hierzulande mit schwarz-rot-goldenen Plastiktüten vollzumüllen. Dann gründete er, nun bereits als Kanzler, 1975 die berühmten G 7 und hievte sein “Modell” damit in die führenden Weltmächte, in die Welt-Champions-League. Seit damals macht Deutschland wieder auch ganz offiziell Weltpolitik, wobei Schmidts “Philosophie” eine von “strategischem Gleichgewicht des Schreckens” war, weshalb er für die Pershings eintrat.

Aber er folgte dabei der Parole der preußischen Aufrüstung zur Weltmacht unter Bismarck: “Mehr sein als scheinen”. Anders gesagt: Die Hegemonie in Europa und den “Platz an der Welt-Sonne” tatsächlich durchsetzen, ohne verbal auf den Putz zu hauen wie Kaiser Wilhelm. Denn das hätte die “Peripherie” alarmiert – und sie hätte “uns” daran erinnert, dass wir “aus historischen Gründen”  keine “normale” Hegemonialmacht sein können (sondern nur eine besondere, verheimlichte).

So erklärt sich Schmidts ständige Schizophrenie, die er mit dem coolen Gestus des hanseatischen “Machers” managte. Denn wenn er auch in die Geschichte als der Kanzler eingehen wird, der Deutschland über die G 7 wieder zur Groß- und Weltmacht gemacht hat, so war er auch der, der im Wahlkampf 1980 gegen Strauß in der Essener Gruga mit dem pathetischen Ausruf “Wir Deutschen haben die Schnauze voll vom Schießen!” noch einmal einen knappen Sieg errang (wenn ihm dann auch zwei Jahre später sein Partner Genscher den Dolch in den Rücken stieß).

Die Schnauzen-Parole (sein Aufstieg hatte ja als “Schmidt-Schnauze” begonnen) richtete sich gegen die Forderung von Strauß, schon damals mit Kanonenbooten in den Golf gegen den Iran zu fahren. Zu früh! Und auch später kritisierte Schmidt deutsche Kriegsbeteiligungen auf dem Balkan und in Afghanistan – aber wer hatte die Bundeswehr entscheidend aufgerüstet? Verteidigungsminister Schmidt. Und wer hielt pathetische Reden vor feierlichen Gelöbnissen und behauptete dort, an die Soldaten gewandt: “Ihr könnt sicher sein, dass ihr niemals von diesem Staat in einen verbrecherischen Krieg geschickt werdet!” (Während in Afghanistan die Killerdrohnen schwirrten.)

Auch jetzt wird an der Parteitagsrede (zu recht) kritisiert, dass sie widersprüchlich sei. Man lobt die philosophische Tiefe (und sicher war Schmidt der bisher intellektuellste Kanzler), aber wie soll Deutschland denn gleichzeitig auf “schädliche deutschnationale Kraftmeierei” verzichten, “Solidarität mit der Peripherie” üben und trotzdem seiner “Führungsverantwortung gerecht werden”?

So ist der spingende Punkt der Geschichtsstunde ein anderer: Als Deutschland nach Bismarck immer größer wurde (infolge seiner rasant wachsenden wirtschaftlichen und militärischen Stärke), da ging es nicht mehr ohne eine gewisse “Kraftmeierei”. Und heute hat die Große Krise es der Hegemonialmacht unmöglich gemacht, die Hegemonie weiter sozusagen auf Zehenspitzen auszuübern wie Schmidt es zu seiner Zeit gern gemacht hätte (von Zehenspitzen konnte natürlich auch damals keine Rede sein) - aber richtig: “Wir” waren noch nicht wiedervereinigt, standen noch nicht militärisch in aller Welt, und “wir” waren noch nicht der Krisen-Bewältigungs-Weltmeister mit dem stärksten “Wachstum” (der Profite) in Schmidts G 7.

Und wenn er auch noch so sehr den Mund gespitzt hat (nicht nur beim Rauchen): gepfiffen hat er nicht – die Afghanistankonferenz hat er nicht erwähnt und den umgehenden Rückzug der Bundeswehr hat er nicht noch einmal gefordert. Dabei hätte er doch davor warnen können, dass Deutschland wieder dabei ist, einen 30jährigen Krieg zu führen (Karzai fordert 2014 + 10 und bietet der Bundeswehr Stationierung “für immer” an!) In dem Punkt hat sich die Troika sicher vorher mit ihm abgesprochen: Stein(meier + brück) – Steinmeier der “Architekt” des deutschen Afghanistankrieges und Steinbrück, der “die Kavallerie gegen die Indiander” mobilisieren wollte (keine Kraftmeierei)? Und der vor allem Solidarität mit Sarrazin (deutsche “Peripherie”?) geübt hat. Und den Schmidt deshalb als nächsten Kanzler und als seinen geliebten Sohn empfiehlt.

In zwei Punkten hat Schmidt aber unbewusst und ungewollt die Wahrheit gesagt: 1. ist Deutschland tatsächlich kein normales Land, weil keine Kriegs- und Weltmacht normal sein kann: Oder ist die Weltpolitik der USA “normal”? 2. Das mit der “Peripherie” – damit sind in der Entwícklungsforschung die in Abhängigkeit und Unterentwicklung gehaltenen Länder gemeint. In der Normalismustheorie unterscheidet man 5 Normalitätsklassen. Und gerade werden tatsächlich die südeuropäischen Länder von der 2. in die 3. Normalitätsklasse “runtergestuft” – sie werden tartsächlich definitiv Peripherie und haben deshalb kein Anrecht mehr auf soziale Sicherungen – sie dürfen nicht länger “über ihre Verhältnisse leben”. Und dagegen schickt Steinbrück die Kavallerie der 1. Klasse, und das kommentiert Helmut Schmidt mit: “Er kann es!”

Die “Elite-Bonds”, die Normalitätsklassen und der “zerrissene” deutsche V-Träger

Montag, November 28th, 2011

Jetzt sollen gemeinsame “Elite-Bonds” der “wettbewerbsstärksten” Euroländer (Deutschland, Frankreich, Niederlande, Österreich, Finnland, Luxemburg) aus dem Hut gezaubert werden. Das wird dementiert – aber was ist in der Großen Krise nicht schon alles dementiert worden?

Die “Elite-Bonds” (oder “Triple-A-Bonds”) sind gegen Barrosos Euro-Bonds gerichtet. Sie stellen nichts anderes dar als die offizielle Spaltung der Eurozone in zwei (oder drei) Normalitätsklassen: Erste Klasse gleich “Elite” – Italien gleich 2. Klasse, Griechenland gleich 3. (Ramsch-)Klasse.

Normalitätsklassen sind Länder bzw. Zonen mit verschiedenen Standards an Normalität (von der 1. Klasse aus gesehen). Insgesamt gibt es 5 Klassen (erläutert im Rahmen der Normalismustheorie). Mediopolitisch wird das mit Fußballligen verglichen: Deutschland spielt in der 1. Liga, Italien steigt ab in die 2. Liga, Griechenland schon in die 3. Das hat erhebliche Konsequenzen: Zur 3. Liga gehören z.B. kaum noch soziale Netze (im Sinne von Sicherungssystemen). Dort wird auch die Demokratie auf Ramsch runtergestuft, also eine “sanfte” Notstandsdiktatur von EU-Bürokraten errichtet. All das heißt für die 3. Klasse: Schluss mit “über die Verhältnisse leben”. Diese “Verhältnisse” sind eben ein anderer Begriff für die Normalitätsklassen. Und der Kern davon wiederum ist die berühmte “Wettbewerbsfähigkeit”, also Kapitalstärke.

Man darf nicht um den Brei reden: Obwohl auch die sozialen Netze der deutschen Arbeiter und Angestellten schon zusammengekürzt wurden und weiter zusammengekürzt werden, kann die 1. Liga ihren “Mitarbeitern”, solange die Konjunktur noch läuft, dennoch ein bisschen mehr zahlen als in den unteren Klassen, wo “”Radikalreformen” laufen, die Arbeitslosighkeit steigt und die Leute massenhaft aus ihren Wohnungen auf die Straße zwangsgeräumt werden (z.B. in Spanien). Trotzdem und gerade deshalb muss die Perspektive Solidarität mit den zwangsabgestiegenen Lohnabhängigen (nicht Banken!) heißen.

Noch ist nicht endgültig entschieden, ob es “Elite-Bonds” und demnach eine offene “Abstiegs”-Erklärung gibt. Noch ist der deutsche V-Träger (Verantwortungs-Träger) innerlich “zerrissen”. Aus dem Roman “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee” ist bekannt, dass er zuweilen unter fürchterlichen Entscheidungsneurosen leidet und am liebsten manchmal die ganze Verantwortung hinschmeißen möchte – aber das geht nicht, weil er ja die “Führungsverantwortung” (Schäuble) hat. Also muss er entscheiden: Gar keine Eurobonds oder Barroso-Ramsch-Eurobonds oder Elite-Eurobonds. Die Frage ist, mit welcher dieser drei “Optionen” er seine Hegemonie am besten verteidigen und ausbauen kann. Es ist wirklich ein Wahnsinnsproblem – denn dabei zählen nicht nur die Profite und Profitraten, sondern natürlich auch die Frage, bei welcher Option die “antideutschen Stimmungen” am kleinsten zu halten sind. Denn diese “antideutschen Stimmungen” verbreiten sich irrationalerweise überall in Europa, sogar in Frankreich. “Führungsverantwortung” ist knochenhart!

So wie das Dementi momentan lautet, ist es zudem eine Entscheidung für Frankreich (kommt ins Elite-Boot der 1. Klasse) und gegen Italien! Denn käme diese Option, dann würde Italien sozusagen offiziell aus dem Boot der 1. Normalitätsklasse rausgekippt – was die Märkte als erste kapiert bzw. selber entschieden haben. Ja der deutsche V-Träger hat es wahrhaftig nicht leicht. (Aber wo sitzt er eigentlich? Das hat sich auch die Fatz schon vergeblich gefragt: siehe vorigen Post. Wo er sitzt, das steht in der “Vorerinnerung”.)

Muss die Demokratie storniert werden, wenn sie den Märkten zu widersprechen droht?

Dienstag, November 1st, 2011

Schon seit Beginn der großen Krise 2008 ist der alte Mechanismus im Gange, der 1929ff. in vielen Ländern, darunter Deutschland, die parlamentarische Demokratie (so Mini sie sein mag) durch offene Notstandsdiktaturen ersetzte, als “die Märkte” mit Demokratie nicht mehr klarkamen. Es wird häufig vergessen, dass auch Brüning bereits mit einer Notstandsdiktatur regierte (durch Notverordnungen des Reichspräsidenten ohne parlamentarische Mehrheit).

In der Krise von 2008ff. gab und gibt es ähnliche Tendenzen – das letzte Beispiel hierzulande war das “Neunergremium”, das geheim und aus der Hüfte alle marktrelevanten Entscheidungen am Bundestag vorbei fällen sollte, und das dann aber doch fürs erste von Karlsruhe gestoppt wurde. Viel “robuster” traf dieser Trend zur Notstanddiktatur die Länder des Mittelmeers, und besonders Griechenland. Man benutzte die EU-Bürokratie als “Reichspräsidenten”. Und immer häufiger hörte man von höchsten Stellen das ominöse Wort von den “demokratisch nicht durchsetzbaren Notwendigkeiten”.

Nun ist die Katze endgültig aus dem Sack: Aus sicher absolut zwingenden Gründen, von denen noch nichts durchgesickert ist, hat Papandreou eine Kehrtwendung um 180 Grad vollzogen und eine Volksabstimmung (ein Verfahren direkter Demokratie) über das “Rettungs- und Sparpaket” angekündigt, das auf eine weitgehende Liquidierung der griechischen “sozialen Netze” hinausläuft (von “Brüssel” kommandiert). Natürlich weiß Papandreou, dass ein OXI (NEIN)  wieder – wie 1940 beim Ultimatum Mussolinis – möglich ist. Auch die Märkte wissen das (sie haben ein gutes Gedächtnis) und geben einen absolut negativen Kommentar dazu.

Nun aber die Politiker der “ersten europäischen Liga” (das heißt: der ersten Normalitätsklasse): Sie fordern von  Papandreou, diesen Unsinn zu widerrufen. Wie kann man nur glauben, das Volk könnte statt der Märkte entscheiden, wenn es ans Eingemachte geht? Diese Sachen sind nicht “demokratisch durchsetzbar”, müssen also anders durchgesetzt werden – fragt sich wie. Wie schade, werden die Märkte heimlich seufzen, dass eine Militärdiktatur in Griechenland schon verbraucht ist – Brüssel schien ein brauchbarer Ersatz – aber was ist, wenn die Griechen OXI sagen?

Gerade jetzt braucht das einfache griechische Volk die Solidarität der weltweiten Anti-Marktdiktatur-Bewegung. Wir müssen uns - nicht nur in BILD – auf eine Eskalation nationalistischee Hetze gefasst machen. Wir werden jetzt wertvolle Aufschlüsse über die Demokratieauffassung unserer politischen und medialen Klasse erhalten.

Nichts ist normal bei “den Märkten”

Freitag, August 5th, 2011

“Die Märkte” sind wieder “nervös” – sie sind auch wieder schwarze Pädagogen und “strafen ab”: ganze Länder wie jetzt auch Italien, jeden und jede, der oder die nicht super “wettbewerbsfähig” ist (das sind ja leider die wenigsten!) und auch Politiker, die sie (“die Märkte”) sogar im Urlaub überfallen. Das alles ist wahrlich nicht normal: In den Urlaubsmonaten sollten sich “die Märkte” gefälligst wie “die Menschen” etwas entspannen (und tun das auch im langjährigen Durchschnitt). Aber 2011 nicht. Und vor allem sollten “die Märkte” doch nicht schon im Jahr 2 eines Zyklus (gerechnet ab dem Aufschwung von 2009) wieder nervös werden! Das dürften sie normalerweise doch erst ab dem Jahr 6 oder 7 eines Zyklus!  “Die Märkte” leiden also unter einem pathologisch durcheinandergeratenen Zyklus. Sie werden doch wohl keinen “double dip” hinlegen?

Das findet auch der Ex-Maoist Barroso nicht lustig und schreibt einen Brandbrief, den “die Märkte” aber schrecklich “abstrafen” – (oder ob Barroso heimlich den Partisanen gespielt hat und dem Kapitalismus einen zusätzlichen Schubs geben wollte?).

Dabei waren “die Märkte” bis vor ganz kurzem 100 Prozent sicher, dass die Krise “abgehakt” wäre. Und speziell die deutschen Märkte jubelten und jubelten über den deutschen Turbo-Aufschwung (soviel BMWs wurden noch nie nach China verkauft). Und die Schäub- und Brüderles und Angelas jubelten mit: Krise abgehakt, Turboaufschwung, Jobwunder!

Jetzt zittern aber plötzlich besonders die deutschen Märkte noch mehr als die meisten anderen (abgesehen natürlich von den italienischen) – und das aus sehr gutem Grunde. Denn jetzt zeigt sich, dass “unser” spezieller Turboaufschwung alles andere als normal war: Er beruhte auf lauter Sonderfaktoren wie den chinesischen “kommunistischen” BMW-Fans und droht nun umso tiefer zu fallen, je höher er vorher aufgeblasen worden war. Das gibt wieder stressige Wochenenden für unsere Ackermänner und Schäubles.

Nichts ist normal in Afghanistan

Freitag, August 5th, 2011

Unter “Inland [!?] in Kürze” fand sich am 5.8.2011 auf Seite 4 der FAZ im Kleindruck folgendes:

“Afghanistan-Einsatz traumatisiert – Bundeswehrsoldaten erkranken nach einem Afghanistan-Einsatz bis zu zehnmal häufiger an posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) als Soldaten ohne Auslandseinsatz. Laut einer Studie  des Instituts für Klinische Psychologie der Technischen Universität Dresden kehrten rund zwei Prozent aller Soldaten, die 2009 in Afghanistan waren, mit einer PTBS zurück, wie die Zeitschrift “Psychologie heute” berichtet. Hochgerechnet entspreche das etwa 300 Betroffenen pro Jahr. (KNA)”

Erstens: Das ist ein gutes Beispiel für Manipulation, weil die Meldung auf die “Front Page” (nomen est omen) gehört hätte.

Zweitens: Leserinnen dieses Blogs können leicht das Fehlende ergänzen: Man muss sicher einen Multiplikator von etwa 10 ansetzen, um sich eine Vorstellung von den PTBS afghanischer Zivilisten und insbesondere bei Frauen und Kindern machen zu können. Daran sind nicht ausschließlich “die Taliban” schuld, sondern dieser schmutzige Anti-Guerillakrieg insgesamt mit seinen “gezielten Tötungen”, Luftschlägen, Racheaktionen beider Seiten, Clear-and-Hold-Offensiven usw.

Drittens: Was hier unter die Sparte “Psychologie” gesetzt ist, ist ein ganz entscheidender Faktor des Krieges, nämlich der Subjektkern des “soldatischen Mannes” (Klaus Theweleit). Es war vollständig vorauszusehen, dass dieser ganze alte deutsche Horror mit den “neuen Kriegen” zurückkommen würde. Dazu lese man das Kapitel “Zwillingsgeschichte vom UDD aus Afrika (Simulation von 1976-82 auf 1998 plus x)” in der Vorerinnerung “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee” (assoverlag Oberhausen). UDD heißt: “Unbekannter Deutscher Deserteur”.

Unsere Azubis und ihre “Tanzknaben”: Wie die Bundeswehr für Frauenemanzipation schießt, oder der Totalbankrott des selektiven Universalismus

Sonntag, Mai 22nd, 2011

Folgt man Künast-Trittin, dann macht die Bundeswehr in Afghanistan täglich Fortschritte bei der “Stabilisierung”. Außer Künast-Trittin und ihren Symps blickt aber kaum noch jemand durch. Denn was geschieht nächtlich? Sehr viel, wie sich herausstellt. Während regelmäßig in Night Raids als “Aufständische” denunzierte Männer und Frauen (!) gekillt werden, verhandeln die Geheimdienste (geheim, wie es sich gehört, also höchst demokratisch), auch in Deutschland, mit den Taliban (deren “Rückkehr” es unbedingt zu verhindern gilt – wegen der gefährdeten Schulmädchen).

In diesem Blog wurden die Karzai-Milizen, mit denen die Bundeswehr ihre Raids durchführt (offiziell heißt das “Ausbildung on the job”) ironisch als “Azubis” bezeichnet. Nun wird plötzlich ein “Thema” medialisiert, das den “Kennern” immer bekannt war: Unsere Azubis, jedenfalls deren Kommandeure, lieben “Knaben” (offiziell “Tanzknaben” genannt). Friederike Böge, Frontamazone und Alice Schalek der Fatz, die noch kein schlechtes Haar an der Bundeswehr gelassen hat, berichtet in der FAS vom 22.5.2011 ausführlich über das, was in “unserer Kultur” extremer, permanenter Kindesmissbrauch heißen müsste. Sie ordnet diese Art “erotischer” Night Raids kulturell ein: Eine alte Tradition usw. (Richtig: Hafis und der “Schenke”, Platen und die Schenken, Goethes “Buch des Schenken”.) Übrigens plädiert sie nicht offen für Toleranz, berichtet nur, dass unsere Azubis durch diese Tradition stark motiviert sind, und dass sie ohne “Tanzknaben” vielleicht nachhause gehen würden.

Was ist selektiver Universalismus? Es ist ein Universalismus, der sich einäugig interessenabhängige Rosinen herauspickt und sich blind für alles andere stellt: Die Bundeswehr darf nicht aus Afghanistan abgezogen werden, weil die dortigen Schulmädchen angeblich nicht auf unsere Jungs verzichten können. (Würde das blinde Auge geöffnet, sähe es: In den Gebieten “gemäßigter Taliban” sind die Schulmädchen sicherer als in unserer Zone! Und der BND verhandelt ja mit den Führern der Taliban, während unsere Jungs die kleinen denunzierten Taliban und deren “Mob” killen und beschießen müssen.)

Was folgt daraus? Dass die Bundeswehr eben nicht wegen der Schulmädchen am Hindukusch bleibt, sondern weil “Deutschland” seinen Platz in der selbsternannten Welt-Junta (“gewachsene Verantwortung” genannt; siehe die Bundeswehr-”Reform”) behaupten “muss”. Muss?

Ceterum censeo exercitum germanicum ex Afghanistan esse recedendum.

SPD = Sarrazynistische Partei Deutschlands

Freitag, April 22nd, 2011

Es kann nicht überraschen: Nachdem jede Menge “sozialdemokratisches Urgestein” wie Farthmann und der schon als Kanzlerkandidat lancierte Steinbrück sich als Sarrazin-Sympathisanten geoutet hatten, musste es so kommen. Vermutlich hatte eine interne Umfrage gezeigt, dass einer Rest-sozialdemokratischen SPD noch weitere bis zu 10 Prozent abhanden kommen könnten. Dann also lieber als Sarrazynistische Partei Deutschlands weiter “gegen Rechts kämpfen”.

Es reichten der Schiedskommission 10 Wischiwaschisätze, in denen Sarrazin kontrafaktisch behauptet, niemals genetische Defizite von Einwandererkindern für deren Un-”Integrierbarkeit” verantwortlich gemacht zu haben, um den eindeutig neorassistischen 450-Seiten-Schinken für die SPD offiziell akzeptabel zu machen. Denn obwohl sich heute alle Skandale wie etwa Kindesmissbrauch oder Plagiat durch eine einfache “Entschuldigung” ausbügeln lassen, gibt es in Sarrazins “Erklärung” auch nicht die geringste Distanzierung von seinem Bestseller.

Hier nur ein einziges Zitat, das die neorassistische Mentalität dieses “Querdenkers” für jeden, der noch einen Rest von Tassen im Schrank hat, außer den geringsten Zweifel rückt:

“Wie viele Emotionen in all diesen Fragen stecken, offenbarte sich beim Kitastreik im Sommer 2009. Es ging dabei um die Qualität der Ausbildung von Erzieherinnen. Forderungen wurden laut, den Beruf des Erziehers an ein Hochschulstudium zu binden. Damit wäre der Gipfel einer verqueren Logik erreicht, die durch folgende Überspitzung auf den Punkt gebracht wird: Kinderlose beziehungsweise kinderarme akademisch ausgebildete Erzieherinnen verzichten auf eigenen, möglicherweise intelligenten Nachwuchs, um sich der frühkindlichen Erziehung von Kindern aus der deutschen Unterschicht und aus bildungsfernem migrantischen Milieu zu widmen, die im Durchschnitt weder intellektuell noch sozial das Potential mitbringen, das ihre eigenen Kinder hätten haben können. Ist das die Zukunft der Bildungsrepublik Deutschland?” (D. schafft sich ab, Seite 245)

Noch Fragen?

(Heft 60 der Zeitschrift für angewandte Diskurstheorie “KultuRRevolution” wird mehrere ausführliche Lektüren des S-Buches bringen und S.s Neorassismus u.a. auch in seine eugenische Genealogie seit Francis Galton (einem der Hauptgewährsleute S.s) stellen. Vgl. dazu auch frühere Einträge dieses Blogs.

LESUNGEN AUS DER “VORERINNERUNG” IN MÜLHEIM UND IN BOCHUM

Mittwoch, April 20th, 2011

Es gibt zwei neue Gelegenheiten, sich live mit dem aktualgeschichtlichen Roman “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung” (assoverlag Oberhausen) vertraut zu machen. Ich lese demnächst daraus im Ringlokschuppen in Mülheim und im VERDi-Haus in Bochum.

Zunächst die Termine:

1. Mülheim

WANN? SAMSTAG 30. APRIL 19 UHR 30

WO?  RINGLOKSCHUPPEN; Am Schloss Broich 38, 45479 Mülheim/Ruhr

2. Bochum

WANN? DONNERSTAG 5. MAI 19 UHR

WO? ver.di Haus BOCHUM-HERNE, Universitätsstr. 76, 44789 Bochum, Hintereingang

Die Lesung im Ringlokschuppen findet im Rahmen der Fatzer-Tage statt. “Untergang des Egoisten Johann Fatzer” heißt ein Dramenfragment des jungen Brecht, das in Mülheim an der Ruhr spielt gegen Ende des 1. Weltkriegs, also vor der Revolution. Vor der abendlichen Lesung gibt es ein Symposium, ebenfalls mit einem kurzen Beitrag von mir zum Thema:

“Dialektisierung des Untergangs: Die Geburt des Partisanen-Subjekts aus der extremen Denormalisierung.” (Das Fatzer-Symposium ist auch im Ringlokschuppen, auch am Samstag ab 11 Uhr; mein Vortrag wird nicht vor 15 Uhr stattfinden.)

Dieser Titel deutet auch etwas den Zusammenhang mit der “Vorerinnerung” an: Darin spielt ja die Rote Ruhr-Armee die Rolle eines, allerdings eher mehrdeutigen und irrlichternden, Leitmotivs. Ich werde zwei Stücke lesen: Einmal mit Bezügen zur historischen Roten Ruhr-Armee von 1920 (historischer Kontext Fatzer) – zum andern aber aus einer satirischen Zukunfts-Simulation, in der es um eine Rebellion im Zusammenhang mit einem (simulierten) Krieg der Bundeswehr in der 3. Welt geht (wie es ihn inzwischen in Afghanistan tatsächlich gibt: direkter Bezug auf das Fatzerthema Desertion, Partisan).

Die Lesung in Bochum (im Rahmen der Reihe “Argumente gegen Sarrazynismus” des Bochumer Bündnisses gegen Rechts) ist wieder mit einem (aktualisierten) Kurzessay zu Sarrazins Protonormalismus kombiniert: so wie vor einiger Zeit in Essen.

WICHTIG: Beide Lesungen bieten eine Gelegenheit, einige spezifische Eigenschaften der “Vorerinnerung” kennenzulernen: Warum dieser Text nicht wie ein “normaler” Roman funktioniert – was der politische und gerade auch der ästhetische Gewinn ist, der dabei herauskommt. Es ist ja auch der Roman eines Alt68ers (Autor) und einer Gruppe von Ruhr-68ern (Protagonisten) und bietet insofern einige “Errungenschaften” (Erfahrungen) für jüngere Generationen an: Wie es einem ergehen kann (negativ und positiv), wenn man”konkret-utopische” Alternativen zum herrschenden Normalismus nicht “abhakt”. Wenn man sich weigert, “Abhaker” zu werden. Wieso das vielleicht eines Tages (der momentan manchmal ziemlich nahzurücken scheint) gebraucht wird – wenn nämlich die Denormalisierungen um sich greifen, bis hin zu GAUs auf verschiedenen Ebenen.

Ich habe mal 6 SÄTZE ZUR VORERINNERUNG formuliert:

1. Dieser Text bietet eine andere Sicht auf die deutsche Aktualgeschichte von 1965 bis 1995, und zwar aus einer Ruhrgebietsperspektive. 2. Er schlägt die Brücke zwischen zwei Ereignisphasen eines Erdbebens der Normalitäten, einer vergangenen um 1968 und einer künftigen im 21. Jahrhundert. 3. Er erinnert den Langen Marsch durch den Normalismus mit seinem Zerbröckeln der Alternativen, indem er gleichzeitig die nächste Krise der Normalität in Form satirischer Simulationsspiele vorerinnert. 4. Erzählt werden also – jenseits der falschen Alternative von entweder subjektiv oder politisch – Spiele der Tendenz. 5. Dazu braucht es Montage und Wechsel der Töne zwischen poetischer Faszination und satirischem Realismus, zwischen der erzählenden Evokation intensiver Bilder und der “Interaktivität” eines Anti-Computerspiels beim Lesen. 6. Man erkennt das Vorerinnerte genau oder auch prägnant abweichend in der Realität wieder und umgekehrt.

ES LOHNT SICH NATÜRLICH, SICH DEN TEXT ZU BESORGEN ODER IHN AUCH ZU VERSCHENKEN BZW. ZU EMPFEHLEN.

Was steckt hinter der Rede vom “neuen Normal”?

Dienstag, April 5th, 2011

Es trifft sich gut, dass in diesem Eintrag, der die Nummer 100 trägt, wieder vom Normalismus die Rede ist. In früheren Einträgen dieses Blog wurde bereits mehrfach die Rede vom “neuen Normal” (new normal) kommentiert. Inzwischen proliferiert sie in den Medien. Das ist zunächst nicht mehr als ein rätselhaftes Symptom, weil niemand weiß, was dieses ominöse “neue Normal” eigentlich sein soll: Jedenfalls keine neue Benzinsorte (oder bald doch?). Wie in diesem Blog schon erklärt, kam der Begriff als “new normal” zuerst in den USA im Zuge der Wirtschaftskrise von 2008ff. auf. Man verstand darunter ein Herunterfahren der vorherigen Normalität (im Sinne von durchschnittlichem Konsum), zum Beispiel der Klimaanlagen, der Friseurkosten usw. In einer eigenen Fernsehserie berichteten “normale AmerikanerInnen”, wie sie ihre Normalität herunterfuhren.

Dann kam aber an den Börsen schon die “V-Formation” in Fahrt (d.h. dass die Aktienkurse samt Derivaten, Superprofiten, Boni usw.) genauso rasant wieder hochgingen wie sie vorher abgestürzt waren. In dieser Situation schlug Deutsche-Bank-Chef Ackermann vor, noch höhere Profitraten als vor der Krise als “neues Normal” der Banken zu definieren.

Dann kamen neue sogenannte “schwarze Schwäne”, d.h. risikostatistisch extrem unerwartete Ereignisse wie arabische Revolutionen und Fukushima. Jetzt soll also das Leben nach der Katastrofe in Japan ebenfalls ein “neues Normal” sein.

Das dürfte reichen, um sich ein bisschen mit Normalismustheorie zu beschäftigen (J.L., Versuch über den Normalismus. Wie Normalität produziert wird, 4., erweiterte Aufl. Göttingen: Vandenhoeck u. Ruprecht 2009). Dann ergibt sich, dass das widersprüchliche und konfuse Reden vom “neuen Normal” (u.a. auch in dem neuen, nicht uninteressanten Buch von Gabor Steingart: Das Ende der Normalität. Nachruf auf unser Leben, wie es bisher war) zwei Problemkreise signalisiert:

1) Ist alles normalisierbar? Wenn Normalitäten auf “gemitteten” Massenverteilungen auf der Basis von Verdatung und Statistik beruhen, ist dann jede, auch eine katastrofische gemittete Massenverteilung “normal”? In der Todeszone von Tschernobyl lebt heute eine statistisch bestimmbare verstrahlte Flora und Fauna - ist sie deshalb “normal”? War die Vergasung von soundsoviel Menschen täglich in Auschwitz “normal”? Ist die wöchentliche Killung einer gewissen Anzahl von “Insurgents” durch Drohnen in Pakistan und Afghanistan “normal”? Hier zeigt sich, dass nicht jeder beliebige statistische Mittelwert normal ist, sondern dass es einen historisch und kulturell begründeten Rahmen gibt, außerhalb dessen das Reden von “Normalität” entweder sinnlos oder zynisch ist. Dieser Rahmen ist das Resultat von historischen Kämpfen und kollektiven Willensentscheidungen.

2) In der Tat leben wir in einer Zeit mehrerer, sich u.U. koppelnder De-normalisierungen (sowohl bloßes Herunterfahren wie teilweise auch katastrofisches Abstürzen von Normalität). So ist im Kontext von Fukushima von einer “historischen Zäsur” die Rede. Dabei ist in jedem einzelnen Fall zu fragen, ob die Denormalisierung normalisierbar erscheint oder nicht bzw. nur in the very long run. Im ersten Fall stellt sich eine “heruntergefahrene” neue Normalität ein. Das wäre dann ein sinnvoll als solches zu bezeichnendes “neues Normal”. Im zweiten Fall – dem einer mittelfristig irreversiblen Denormalisierung wie vielleicht in Fukushima – stellt sich die Frage nach einer grundsätzlichen Alternative zu jeder Form von Normalismus, auch zu einem noch so weit heruntergefahrenen flexiblen Normalismus. Das ist dann die Frage nach transnormalistischen, “konkret-utopischen” (Ernst Bloch) Alternativen.

Fukushima: Wirklich kein Robotereinsatz?

Mittwoch, März 30th, 2011

Viele fragen sich, warum Japan – bekanntlich an der Weltspitze der Roboterentwicklung – in Fukushima keine Roboter einsetzt. Nun gibt es neuerdings den Verdacht, dass mindestens in der Informationspolitik zu Fukushima bereits Roboter im Einsatz seien. So soll die Informationsquelle, die als “Regierungssprecher Yukio Edano” auftritt, in Wirklichkeit ein Roboter sein. Man begründet das damit, dass er seit nunmehr fast 3 Wochen stereotyp von rechts her die Bühne betrete, sich stereotyp verneige, am Mikrofon stereotyp eine Kopfhaltung schräg abwärts zu den Kameras einnehme und stereotyp das Gleiche sage.

Gerade der letzte Umstand lässt uns allerdings an dieser Verschwörungstheorie zweifeln: Tatsächlich sind die “Informationen” dieser Quelle nicht bloß stereotyp, sondern hyperstereotyp. Es gibt nur ganz wenige Varianten: Entweder: “besorgniserregend, aber nicht gesundheitsgefährdend” oder “ernst, aber stabil”. Kenner wissen, dass echte Roboter bereits sehr viel intelligentere Programme besitzen.

Die Ursprünglichen Chaoten