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Was hält der V-Träger wohl von der „Stiftung Neue Verantwortung“ (SNV)?

Samstag, Oktober 22nd, 2016

Auf ihrer Homepage stellt sich die „Stiftung Neue Verantwortung“ vor, und zwar als Think Tank (deutsch „unabhängige Denkfabrik“) für nicht weniger als „die gesellschaftlichen und politischen Fragen des technologischen Wandels“.  Man sieht dort die Porträtfotos ihrer „Experten“ (warum nicht: „Expertinnen und Experten“?!) – lauter „Junge Wilde“, vollgepumpt mit Energy Drinks, Motivation und Potential für die Kandidatur zu Turbo-Tuis des V-Trägers. (Wer ab und zu in dieses Blog schaut, wird vermutlich schon wissen, dass V-Träger für Verantwortungs-Träger steht und dass dieser V-Träger eine Hauptfigur im Roman „Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung“, asso-Verlag, ist – mögliches Weihnachtsgeschenk.) Unabhängig sind diese Tuis offensichtlich von den Gesellschaftern der Stiftung, als da sind der Top-Konzern Kulturindustrie (auch ein Player in der „Vorerinnerung“) und weitere führende Verantwortungs-Vermittler wie Omidyar Network, Hewlett Foundation, IBM Germany, Netflix und Twitter, nicht zu vergessen ein Konzern namens „Auswärtiges Amt“.

Also offenbar ein  Team, dass sich dem V-Träger anbietet, um wieder ganz frisch nach digitalneuen Methoden zu therapieren. Was aber wird der V-Träger selber dazu sagen?  Da haben die Ursprünglichen Chaoten, die Erzähler der „Vorerinnerung“, mal wieder ein Therapiegespräch des V-Trägers mitgehört, vielleicht sind sie an Dienste-Material gekommen. Nun also redet der V-Träger folgendermaßen vor sich hin:

WAS DER V-TRÄGER SELBER ZU DEN NEUEN VERANTWORTUNGS-ANBIETERN SAGT:

soso „Stiftung Neue Verantwortung“, die wollen also Schweinegeld von mir? – wieso habt ihr mir von diesem angebot noch gar nichts gesagt?  wieso Neue V, das richtet sich doch gegen Alte V, wie Neuer Markt und Neue Mitte, das sieht nach blase aus, und das könnte sogar hinterfotzig gegen mich als Alten V-Träger gerichtet sein – dass sie mich alt aussehen lassen wollen und mir dabei noch schweinegeld abziehen – dabei sehen die jetzt schon älter aus als ich mit ihren energy-gedrinkten fressen – wenn die wüssten, dass ich mit jedem aufschwung wieder ganz jung und schwung bin wie 70/71!  diese köpfe wollen mich beraten?  und auch noch unabhängig?  bitte fragt mal bei meinen diensten nach, oder besser gleich bei den stabsärztebrüdern, bei denen kann ich sicher sein, dass sie nicht vom BB penetriert sind (Big Brother = USA). ah, unabhängig nicht bloß von meinem Top-Konzern Kulturindustrie, sondern auch von Hewlett, IBM und Twitter.  ziemlich klarer fall von BB, der mich mit diesen hohlköpfen penetrieren will, wofür ich noch schweinegeld löhnen soll!  da muss er früher aufstehen!  die stabsärztebrüder sollen auch gleich mal rauskriegen, wieviel verantwortung von mir selber in diesen aufstrebern schon drinsteckt, ob ich die mehrheit habe und diese blase einfach platzen lassen kann, indem ich meine verantwortung aus ihnen rausziehe, wer dann alt aussieht, sind diese Neuen V-Leute, das will ich dann aber auf video sehen.  die mir ein angebot machen!  wenn ich aber keine nachfrage nach solchen  tuis habe? angebote mache immer noch ich, ich mache hier die angebotsökonomie!  die mich therapieren!  die können sich dann selber von ihren stillen BB-Teilhabern therapieren lassen, mit brutal hartem überlebenstraining, wenn ich meine verantwortung aus denen rausziehe und sie zum platzen bringe!  also die sind nur eine farce, wie glaube ich sogar schon marx gesagt hat, warum muss ich so gebildet sein, aber das war ein as für mich damals bei den konverter-turbotuis von 68, als ich die eingesackt habe, wie ich denen sagen konnte: ihr habt glück gehabt, dass ihr bloß eine farce gebaut habt statt eine tragödie!  da haben die sich vor lachen schütteln müssen und war das eis zwischen uns gebrochen.  die bildung hatte ich von meinem alten kronjuristen im sauerland.  das unterscheidet mich auch vom BB, der BB ist aber meine tragödie, wenn ich an den BB denke, brauche ich wirklich therapie.

Tartuffe Schäuble und die „Führungs-Verantwortung“: Manifest der Flucht nach vorn

Montag, Juli 4th, 2016

Tartuffe ist Molières definitive Figur des Heuchlers mit der Tugendmaske, und es gehört zur kulturellen Haut unseres Moments (Kairos), dass großartige Tartuffe-Gesichter unsere Bildschirme bevölkern. Unschlagbar sicher Mario Draghi (Jesuitenschüler!), aber Wolfgang Schäuble macht ihm Konkurrenz nicht erst mit seinem Auftritt im ARD-„Bericht aus Berlin“ am 3. Juli. Wie er die durch seine Brüning-Verelendungspolitik entstandene Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa auf die mangelnde „Flexibilität“ der dortigen Jugend zurückführt, die doch nach Deutschland kommen könnte, wo noch Azubis gesucht würden, und welche wirklich „fromme“ Grimasse er dabei aufsetzt – das soll ihm erst einer nachmachen! Szenenapplaus! (Natürlich hakt die ARD nicht nach und konfrontiert ihn mit einer Zahl: 460000 griechische Jugendliche, die in der Krise ausgewandert sind, die meisten nach Deutschland – aber immer noch nimmt die Jugendarbeitslosigkeit nicht ab, weil sie unter der Schuldendiktatur ständig „nachwächst“.)

Am Schluss des letzten Post (über die Folgen des britischen OXI, alias Brexit) wurde prognostiziert, dass die deutschen „Entscheidungseliten“, literarisch als „Verantwortungs-Träger“ in der „Vorerinnerung“ simuliert, jetzt zwei Optionen hätten: entweder zurückrudern und ein neues, demokratischeres, Europakonzept aushandeln – oder „Flucht nach vorn“, und jetzt erst recht GERMROPA mit Klauen und Zähnen (Druck, Erpressungen und Sanktionen) durchboxen. Schäuble plädiert (mit Tartuffe-Grinsen) klar für die Flucht nach vorn.

Verkürzte Zeitfenster – also jetzt „gouvernemental“ diktieren

Ein neues Wort ist in den mediopolitischen Diskurs gekommen: „gouvernemental“. Natürlich kennt niemand in der ARD oder im Reichstag die Bedeutung dieses Wortes bei Foucault – es dient hier nun als Gegensatz gegen die EU-Verfahren. Schäuble findet diese Verfahren (also eben jene „europäische Hausordnung“, in deren Namen er Griechenland versenkt hat) nun plötzlich zu langsam. Die Krise hat die Zeitfenster eben verkürzt, und es muss nun ganz schnell gehandelt werden: in Sachen „Flüchtlingskrise“ und in Sachen „europäisches Friedensprojekt“. Bei der EU dauert das alles zu lange, und deshalb müssen die Länder mit „Führungsverantwortung“, also Deutschland und Frankreich, auf eigene Faust schnell handeln.

Das Angebot an Frankreich

Natürlich weiß Tartuffe Schäuble hinter seiner frommen Maske, dass nur einer die Führungsverantwortung haben kann – aber es muss so aussehen, als wäre Frankreich dabei. Und da kann man doch wunderbar mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen. Frankreichs Industrie hat große Probleme dabei, von der deutschen „Wettbewerbsfähigkeit“ nicht ganz abgehängt zu werden. Eine seiner Stärken ist aber die Rüstungsindustrie. Schlagen wir also vor, einen gemeinsamen „Fonds“ für ein gemeinsames Super-Rüstungsprojekt zu gründen. Natürlich müssen „wir“ dann auch auf einige „national-deutsche“ Besonderheiten zugunsten „Europas“ verzichten (Tartuffegesicht umwerfend: Szenenapplaus!)  – das heißt auf unsere viel zu restriktiven Rüstungsbeschränkungen!  Da können wir zeigen, dass wir auch mal nachgeben!

Humanitäre Flüchtlingsrettung und europäisches Friedensprojekt

Zwei Probleme müssen und können jetzt sehr schnell und sehr effektiv gelöst werden: Es kann nicht so weiter gehen, dass Flüchtlinge durch Schuld „hochkrimineller“ Banden sterben. „Wir können die Leute doch nicht ertrinken lassen!“ Also muss die Außengrenze im Mittelmeer nach dem Modell des Vertrags mit Erdogan auf ganzer Breite geschlossen werden. (Was Tartuffe nicht sagt: Dazu sind Hot Spots in Italien nach dem Modell der Hot Spots in Griechenland notwendig. Die „nicht wettbewerbsfähigen Südländer“ werden zu Hot Spots umfunktioniert.) In Orwells „1984“ heißt „Frieden“: „Krieg“. So wird nun auch das „europäische Friedensprojekt“ definiert. Während mit applausträchtiger Tartuffegeste das europäische Kriegsprojekt auf dem Balkan 1999 einfach verschwiegen wird, plädiert der Tartuffe für ein solches Friedensprojekt längs der russischen Westgrenze – und dazu braucht es ein noch etwas größeres Rüstungsprojekt, wobei wiederum Frankreich beteiligt werden kann.

Manchmal aber wird das fromme Tartuffegesicht zum Pokerface

Manchmal aber zeigt sich zwischen dem Lächeln des Tartuffe eine unübersehbare Härte: Dann zeigt sich, dass das OXI der Briten ihm doch einen Schlag versetzt hat. Man kann es ja auch so sehen, dass sein GERMROPA-Projekt auf der Kippe zum Kollaps steht. Wenn sein Hiwi Oettinger den Spaniern und Portugiesen jetzt in bester GERMROPA-Manier mit „Sanktionen“ droht: Ist das wirklich „zielführend“?

Bernd Ulrich über Schäuble: „Dieser Mann will eine Revolution“ – fragt sich nur, was für eine.

Freitag, Juni 10th, 2016

 

In der ZEIT vom 9. Juni 2016 hat Bernd Ulrich unter dem obigen Titel seine Eindrücke und Stimmungen während eines dreistündigen (!) Gesprächs mit dem großen Elder Statesman zusammengefasst. Leider mehr eigene Eindrücke und Stimmungen als Zitate. Die wenigen Zitate allerdings sorgen für Furore quer durch die Medien: „Die Abschottung ist doch das, was uns kaputt machen würde, was uns in Inzucht degenerieren ließe. Für uns sind Muslime in Deutschland eine Bereicherung unserer Offenheit und unserer Vielfalt. Schauen Sie sich doch mal die dritte Generation der Türken an, gerade auch die Frauen! Das ist doch ein enormes innovatorisches Potenzial!“

Nanu: Schäuble jetzt ein Multikulturalist?

Da braucht es etwas historische Rückblenden: Tatsächlich gab es (als Minderheit) in der Zeit des Kolonialismus und offiziellen Imperialismus eine paradoxe, scheinbar antirassistische, aber nicht weniger biologistische Position (auf die sich Schäuble hier  – vielleicht halb unbewusst – beruft): Diese Position sah in einer begrenzten „Rassenmischung“ mit den Kolonialvölkern eine Möglichkeit, das „Erbgut“ zu verbessern statt zu verschlechtern. Sie war besonders unter exotistischen Künstlern verbreitet (wie etwa Robert Müller in seinem Roman „Tropen“, dazu die Studie von Thomas Schwarz). Allerdings zeigt eine genaue Lektüre des Schäublezitats, dass die weise Stimme der deutschen Hegemonie nicht einmal so weit geht: Denn von Mischung ist gar keine Rede – „die Türken“ sind noch in der dritten Generation eine andere Sorte als „wir“ – „Inzucht“ und „Degeneration“ (typische Grundbegriffe des damaligen Mehrheitsrassismus) sind offensichtlich metaphorisch, nicht wörtlich gemeint. Das „Potenzial“ der „türkischen Frauen“ ist also bloß ökonomisch zu verstehen – sind die muslimischen Kopftücher vielleicht sogar eine willkommene Bremse gegen wirkliche Multikultur?

Die „Revolution“ bezieht sich auf Afrika

Worauf also will Schäuble wirklich hinaus? Da gibt es wieder ein solches fragmentarisches Zitat: „Hart gesagt, hat uns der Mittlere Osten Afrika vom Hals gehalten. Das ist jetzt vorbei. Afrika wird unser Problem sein, wir müssen diese Aufgabe annehmen.“ Wer ist „wir“? Offensichtlich „Deutschland“. An anderer Stelle habe Schäuble die USA kritisiert, dass sie immer noch nicht mit Lateinamerika zurechtkämen – ganz offensichtlich ist Afrika das für „uns“, was Lateinamerika für die USA ist: „unser Hinterhof“. „Eines ist doch klar für die Zukunft: Wir werden mehr im Irak investieren müssen, in Syrien und in Libyen, und dann werden wir in der Subsahara mehr für deren Entwicklung bezahlen müssen. Dann machen wir vielleicht endlich ein paar Marktöffnungen“ – auch wenn „unsere“ Bauern im Quadrat springen, fügt der Sprecher auf Nachfrage hinzu. Wie schon in früheren Artikeln in der FAZ, die in diesem Blog analysiert wurden, denkt Schäuble in ganzen Kontinenten, wirklich gigantisch geostrategisch. Was für „Investitionen“? In der FAZ gab es noch Klartext: erstmal natürlich militärische (welche auch sonst in Irak, Syrien, Libyen?). Und Mali fehlt! Nebenbei ein wichtiger Grund für die „schwarze Null“: Sie ermöglicht einen ganz besonders hohen Militärhaushalt.

Des Pudels Kern: GERMROPA als Weltmacht Nummer 2 braucht ein bisschen „Vielfalt“!

Wenn Deutschland („wir“) also ganz Afrika (und den Mittelosten) als „Bürde“, wie Kipling sagte – wir sagen statt dessen heute „Verantwortung“ – übernehmen „muss“, dann brauchen „wir“ erstens eine knallharte Hegemonie in Europa. „Wir“ müssen in Brüssel bestimmen, wo es in Europa lang  geht. Dazu war das Exempel die großartig gelungene Versenkung Griechenlands. Mit dem Blick auf Afrika erscheint die Verelendung der Mehrheit von 11 Millionen Griechen wirklich eine Lappalie, genauso wie die Lage unserer Bauern. Den Leuten in „Subsahara“ geht es doch noch viel schlechter! Ja „wir“ brauchen gar nicht so viel „Wachstum“ mehr „zuhause“ – „wir“ (na klar: „unsere “ Investoren: Banken und Konzerne) wachsen statt dessen umso schneller in Afrika und Mittelost (nach den Investitionen der Bundeswehr sollen die Investitionen in Billiglöhne kommen). Wenn aber Afrika „unser“ Kontinent werden soll, dann geht es nicht länger an, dass bei „uns zuhause“ Schwarze und Arabischsprechende angepöbelt oder ihre Heime gar angesteckt werden. „Von den ‚Gleichgeschlechtlichen‘ habe das Land Toleranz gegenüber Minderheiten gelernt“! Und da hätten die 68er (die der Sprecher bis auf Blut bekämpfte!) „Lernstufen zu einem Zivilisationsniveau“ erklettert. „Lasst uns doch mal ein bisschen gnädiger sein mit den Menschen.“ (So wie mit Varoufakis bzw. mit den von ihm vertretenen 10 Millionen Menschen ein  halbes Jahr lang und seitdem täglich mehr.)

Schäubles „Revolution“: Ganz einfach „unser“ dritter Griff zur Weltmacht – der „dritte Versuch des deutschen V-Trägers“, wie es in der Vorerinnerung heißt

Allerdings werden viele Bernd Ulrich folgen und in Schäubles (und Merkels, die er jetzt zu bewundern behauptet) Linie einen willkommenen Bündnispartner gegen die AfD sehen. Dabei beruht GERMROPA ebenfalls auf einem Neonationalismus, und zwar auf einem auf tödlich riskante Weise neoimperialen. Schäuble lädt uns ein, dabei mitzumachen – gegen offenen Rassismus, der nur schaden kann. Wir werden demnächst oft hören, dass „unsere“ Militärinterventionen im islamischen „Krisenhalbmond“ und in Afrika antirassistisch seien, und man wird uns nötigen wollen, dafür zu sein, weil die AfD dagegen sein wird.

Was bedeutet der welthistorische Paarlauf von Hannover? Nichts anderes als die feierliche Inthronisierung Deutschlands als Weltmacht Nummer 2

Dienstag, April 26th, 2016

Wenn man die Statisten Hollande, Cameron und Renzi an ihrem kläglichen nachmittäglichen Katzentisch hocken sah, konnten sie einem fast leidtun. Da konnte die symbolische Botschaft des Paarlaufs Barack-Angela niemandem mehr unklar sein: Die Supermacht braucht einen Juniorpartner, und der heißt Deutschland. Nicht Japan – vorbei das Gerede vom Pazifik als Meer der Zukunft. Schon mal gar nicht England: Bleibt gefälligst in der GERMROPA-EU, vorbei das Gerede von special relationship. Dieses Blog hatte bisher noch einen leichten Zweifel an der Position „Weltmacht Nummer 2“: Hannover hat ihn beseitigt. Dass insbesondere die deutsche „Linke“ (nicht bloß die Partei) gar keinen Sensus für die damit verbundenen wahrhaft epochalen Tendenzen entwickelt hat, wird nur umso fataler.

ZUM WELT-V-TRÄGER NR. 2 ERNANNT – MIT KAUM MEHR ALS 1 PROZENT DER WELTBEVÖLKERUNG: WER BEZAHLT DIE SPESEN?

Wem ist eigentlich klar, was in dieser Pandorabüchse drin ist, die Obama „uns“ geschenkt hat? Dabei war Obama ganz unmissverständlich: Ihr habt jetzt die Hälfte der „Verantwortung“ für Europa und für die dazu gehörenden Hinterhöfe Afrika und Mittelosten. Ihr seid jetzt großregionaler V-Träger (Verantwortungs-Träger: man lese dazu die Vorerinnerung „Bangemachen gilt nicht…“) – und damit es klar ist und ihr es nicht überhört: Die halbe Welt-Verantwortung bedeutet nicht bloß Ökonomie (Hannovermesse, TTIP), sondern natürlich „Sicherheit“! Bedeutet konkret mehr militärische Verantwortung, fürs erste in folgenden fünf Ländern: Syrien, Irak, Libyen, Mali, Afghanistan.  Bedeutet, dass die Bundeswehr in Kürze fünf Kriege gleichzeitig führen soll. Und bedeutet zusätzlich, dass Deutschland die „Wacht am Don“ gegen Russland anführen soll. Und all das ist sündhaft teuer: Der Wehretat steigt und steigt und nähert sich fast schon dem Sozialetat. Griechenland bekommt keinen „Reformrabatt“ – aber die Bundeswehr locker Zigmilliarden.

DAS BEDEUTET ABER AUCH, DASS DIE HEGEMONIE ÜBER GERMROPA HÄRTER WERDEN MUSS

Wie soll das aber dieses „beste Deutschland, das wir je hatten“ (Gauck) mit seinem grade mal 1,2 Prozent der Weltbevölkerung „stemmen“? Es braucht natürlich „socii“ (Hilfstruppen), wie die Römer sagten, oder „Hiwis“, wie es im vorigen Krieg gegen Russland hieß. Bisher funktionierte die deutsche Hegemonie in Europa wie eine starke Hegemonie: Durch eine Mischung aus Verhandlungen, Kompromissen, Vetos und etwas Druck. So wird es künftig nicht mehr gehen: Künftig wird die Hegemonie „hart“ werden müssen: mit Ultimaten und Sanktionen. Und dazu ist die Generalprobe bereits o wie erfolgreich gelaufen: Durch die erfolgreiche Erpressung der ersten Regierung Tsipras und dessen „Bekehrung“ zum willigen Hiwi, der bei BILD und Merkel um ein paar null komma n Prozentpunkte weniger Rentenkürzungen bettelt. (Das ist seine Sache; die Erpresser sitzen in Brüssel und Berlin.) Die härtere Hegemonie bedeutet aber: „Wir“ werden sehr viel „Antigermanismus“ provozieren – zu den bekannten „antiamerikanischen“ werden sich „antideutsche Stimmungen“ gesellen. Das ist eben auch ein burden sharing und eine geteilte Verantwortung.

UND WAS DAS MIT DER AfD ZU TUN HAT.

Der norwegische Friedensforscher Johan Galtung pflegt zu sagen: Bei jedem Gegner gilt es nicht zu verschweigen, in welchem Punkt er recht hat. Selbst Hitler, sagt Galtung, hatte im Punkt Versailles recht. Gerade die „Linke“ muss es sich eingestehen, dass die Popularität des deutschen „Rechtspopulismus“ nicht bloß (wenn auch hauptsächlich) vom rassistischen Ressentiment gegen die Südflüchtlinge stammt. Pegida und AfD sind auch entschiedene Gegner der Gedankenspiele um einen Krieg gegen Russland wegen der Ukraine und der Eskalationspolitik in diese Richtung. Man watscht diese „Stimmung“ (Heinz Bude) als „Putin-Versteherei“ ab. Darin steckt aber eine berechtigte Angst vor den „sicherheitspolitischen“ Konsequenzen der „gewachsenen deutschen Verantwortung“. Darin steckt auch ein Rest von historischer Erinnerung des deutschen Volkes.

WAS TUN?

„Die da oben machen ja doch, was sie wollen“? „Wir können nix machen“? Zuerst können wir die Situation so wie in diesem Blog beschreiben. Daraus folgt ein weiterer (zweiter) durchaus realistischer Schritt: Wir können bereits jetzt simulieren, wie die deutsche hegemoniale „Linke“ („linke“ SPD und „linke“ Grüne sowie „rechte“ Linkspartei) auf die Ernennung zur Weltmacht Nr. 2 reagieren wird: „Da müssen wir mitmachen, Fundamentalopposition bringt nix, wenn wir mitmachen, können wir mitgestalten und das Schlimmste verhindern.“ Wieder muss ich an die Vorerinnerung „Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee“ denken (assoverlag Oberhausen: man kann sie bestellen und lesen). Darin gibt es die „kleinen Wallensteine aus der Emscherzone“. Die Führer des seinerzeitigen pazifistischen Flügels der Grünen. Als es 1999 um 50000 Bombardements gegen südslawische Großstädte, aber auch gegen Prishtina, ging, stimmten diese Pazifisten zu und behaupteten nachher, sie hätten noch viel Schlimmeres verhindert. Wir sollten uns statt dessen den Kopf zerbrechen, wie die „populistische Stimmung“ gegen immer mehr Kriege der Bundeswehr in eine andere Richtung gelenkt werden könnte als zur AfD. Mit welchen diskursiven Mitteln und welchen Medien.

EINE ART „KOPFLANGER-STREIK“?

Brecht nannte die hegemonialen „Tuis“ (Intellektuellen) in Analogie zu den Handlangern: Kopflanger. „Unsere“ Hegemonie brauchte bereits auch bisher viele Kopflanger – künftig aber noch viel mehr. Militärische, „dienstliche“, ökonomische, humanitäre und vor allem bürokratische. Berater und Think Tanker jeder Sorte. Szenarienschreiber und Schreiber von Simulationen (zum Beispiel für die „anstehenden“ Kriege: „Mali-Szenarien“-Schreiber usw.). Hunderte und Tausende deutsche Kopflanger waren und sind bereits tätig von Afghanistan bis zur Ukraine. Aber auch zum Beispiel in Griechenland: Dort sollen jetzt deutsche „Asylfachleute“ bei den Schnellverfahren helfen (nur ein Beispiel). Der „deutsche Sektor“ der „globalen Aristokratie“ (Negri/Hardt) wird weiter steigen „müssen“. Wie, wenn es einen „Kopflanger-Streik“ geben könnte?

Die Entscheidungseliten und ihre „Willigen“: Hiwis und jetzt auch Rewis.

Sonntag, Dezember 20th, 2015

In der „Vorerinnerung“ (Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee“: assoverlag Oberhausen: als Weihnachtsgeschenk empfohlen) spielen die „Entscheidungseliten“ unter der Figur des „V-Trägers“ (Verantwortungs-Trägers) eine Hauptrolle. In Zukunfts-Simulationen wird der „Dritte Versuch des deutschen V-Trägers“, sein dritter „Griff nach der Weltmacht“ im 21. Jahrhundert, vorerinnert. Vorerinnerung bedeutet konkreter prognostischer Entwurf der nahen Zukunft (nicht von fernen Star Wars) – so als wäre es eine Erinnerung an schon Geschehenes. Dabei gleitet die Phantasie nicht zuletzt an Schlag- und Reizwörtern entlang in die Zukunft. Dazu gehört das Wortfeld der „Willigkeit“ (bzw. „Unwilligkeit“). Die Entscheidungseliten sind auf Willige angewiesen, die selber nichts zu entscheiden haben, sondern für die entschieden wird. Die Ur-Willigen waren die „Hiwis“, die Hilfswilligen des deutschen Eroberungskrieges der 1940er Jahre. Insbesondere wurden viele Hiwis für das Unternehmen Barbarossa, den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion, gebraucht. Der typische Hiwi war ein Ukrainer, der Russland und den Kommunismus hasste.

In der „Vorerinnerung“ werden Iwis (Integrationswillige) und Niwis (Nicht-Integrationswillige) simuliert: Iwis sind inzwischen schon belegbar. Seit 2003 gibt es nun auch „Koalitionen der Willigen“ in Kriegen der V-Träger – gerade mehrere aktuelle in und um Syrien (nicht nur die USA, auch Saudi-Arabien hat eine eigene „Koalition der Willigen“ auf die Beine gebracht). In der US-Koalition der Willigen steckt die Bundeswehr nun drin. Nicht vergessen: Willige entscheiden nicht – für sie wird entschieden.

In einem Interview der FAZ („Die griechische Regierung ist jetzt reformwillig“: 19.12.2015) bescheinigt der deutsche ESM-Chef Klaus Regling (also Chef des „Euro-Rettungsschirms“), typischer „grauer Herr“ nach Michael Ende: Staatssekretär im Finanzministerium, hoher IWF-Beamter, Hedgefond-Chef usw. – bescheinigt er der Regierung Tsipras, sie sei nun „reformwillig“. Also gibt es jetzt auch „Rewis“. Also werden nun dringend auch „Reuwis“ (Reformunwillige) gebraucht! Wer welche sieht, melde sich!

Ein zur großen Denormalisierung passendes Weihnachtsgeschenk für FreundInnen: „Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung“

Mittwoch, Dezember 9th, 2015

Die Leserinnen dieses Blogs kennen vermutlich schon die „Vorerinnerung“ (assoVerlag Oberhausen, € 29,90, über Buchhandel und Amazon usw.). Oft wurde darauf ja auch in diesem Blog Bezug genommen: Vorerinnerung heißt, dass die Rückerinnerungen an die 68er und Nach68er Zeiten (und flashartig zurück bis zur Roten Ruhr-Armee von 1920) umschlagen in Vorerinnerungen der Zukunft des 21. Jahrhunderts. Es ist Walter Benjamins Programm einer Erinnerung im Augenblick der Gefahr, umschlagend in konkrete Vision der Zukünfte, wie sie immer dringender wird.

In der „Vorerinnerung“ kämpfen die „Ursprünglichen Chaoten“ gegen den deutschen „V-Träger“ (Verantwortungs-Träger), der sich mehr und mehr in seinen „dritten Versuch“ stürzt. In diesem Blog wurde die literarische Simulation dieser Tendenz mehrfach auf die aktuelle Entwicklung bezogen. Jetzt, Ende 2015, überschlägt sich die große Denormalisierung des deutschen V-Trägers: Er „verliert die Kontrolle“ und häuft die unkontrollierbaren Risiken – zuerst mit der Versenkung Griechenlands – dann mit der daraus entstandenen „Flüchtlingslawine“ – und jetzt noch mit seiner Übernahme kriegerischer „Verantwortung“. Wer in Syrien und im Irak wen oder was bombardiert, ist außer Kontrolle geraten.

Dazu ein längeres Zitat aus der „Vorerinnerung“, das hoffentlich einige Leserinnen für ein Weihnachtsgeschenk inspirieren kann:

(S. 863ff.) Der sehr bleiche, sehr blonde und sehr junge Stabsoffizier ohne Schnäuzer, dessen häufiger Wechsel zwischen einem hastigen, aber völlig faktengesättigten und logisch-strategischen Bericht wie dem über ein neues Computerprogramm und einem kaum angedeuteten intelligent-ironischen Grinsen in kurzen Redepausen uns mit einemmale stark an unsere jüngsten, uns dann inzwischen längst über die Köpfe gewachsenen Söhne erinnert haben wird, schilderte die Lage in den operativen Stäben im Mittelmeer als Chaos: Wir könnten uns keine Vorstellung davon machen, in welchem Ausmaß die nicht vorhergesehenen Ausuferungen der kriegerischen Aktionen in Nord- und Süd-Afrika und besonders im Kaukasus und im Kaspischen Becken, d.h. bei den Pipelines von Ruhröl und Ruhrgas, die Szenarien der Stäbe durcheinandergebracht habe. Die Szenarios der vielen konkurrierenden Computerprogramme aller Dienste der sämtlichen Mächte hätten auch vorher schon für genügend Chaos gesorgt. Jetzt kämen aber im Minutentakt die breaking News von vor Ort als zusätzliche Inputs noch hinzu, was die Programme schlicht außer Gefecht gesetzt hätte. Sie würden gar nicht mehr berücksichtigt. Es würden im Stundentakt von verschiedenen Planungsinstanzen völlig verschiedene Marschrouten für die neuen, 2. bis n.ten Kriegsschauplätze, bei denen nicht einmal mehr über eine provisorische Nummerierung Einigkeit bestände, vorgeschlagen. Die nicht bloß zwischen den beteiligten G 7 (außer Japan), sondern zusätzlich innerhalb der einzelnen Großmächte konkurrierenden Dienste würden mit ihren ständig in die laufenden Entscheidungsprozesse neu „eingespeisten“ sensationellen, sich aber völlig widersprechenden top-secret-News auch noch den schäbigen Rest an kaussallogischem Denken chaotisieren. Diese Informationen bekämen die diversen Dienste angeblich jeweils von ihren je eigenen Contra-Guerillas vor Ort auf dem Terrain, obwohl es jedem klar sein müsste, dass man vor Ort unter unseren Bomben am besten in einem Bunker außerhalb der hot spots sitzen würde, wenn man morgen noch News liefern möchte.

[…] „Mit Clausewitz gesagt, besteht dieser Krieg fast zu 100% aus Friktion“, schob der junge bleiche blonde Offizier ohne Schnäuzer mit seinem kaum angedeuteten intelligent-ironischen Grinsen ein. Den verschiedenen Vorschlägen, einschließlich für weitere neue Hitlers, könnte man die jeweiligen nationalen und V-Träger-Interessen sofort ansehen. Zum Beispiel die besondere Sorge für das Abdämmen potentieller neuer Flüchtlingslawinen direkt vor Ort und den Begriff der „Flüchtlingswaffe“ als made in Germany. […]

Wie es weitergeht und ob die Ursprünglichen Chaoten noch etwas in Richtung Deeskalation finden, muss man im Buch nachlesen – vor allem aber, wie es zu dieser (heute aktuellen) Situation seit 68 hat kommen können. Das ist der springende Punkt bei der Vorerinnerung: Sie setzt uns eine Brille auf bzw. ein, durch die die deutsche Geschichte seit 68 anders sichtbar wird – und zwar so, dass Ereignisse wie Tornado-Einsätze und „Flüchtlingslawinen“ nicht länger unbegreiflich sind.

„Deutsche Kampftruppen an die ukrainisch-russische Grenze“ (2): Oder wollen jetzt doch Frauen die Rolle des „MhW“ des „V-Trägers“ spielen?

Samstag, Oktober 4th, 2014

Und wenn es doch alles wahr ist, ohne dass Putin es eingeflüstert hat? Wenn sie doch selber auf diese Wahnsinnsidee gekommen sind? Welche Stunde hat dann geschlagen? Dazu muss man die Kürzel auflösen. Sie stammen aus meinem Roman „Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung“ (assoVerlag Oberhausen 29,90 Euro; jetzt bitte schon als Weihnachtsgeschenk vormerken; ist wirklich lesenswert). Dort geht es um die Vorerinnerung des „dritten Versuchs des deutschen V-Trägers“. Der „V-Träger“ ist der „Verantwortungs-Träger“, eine Art Allegorie der deutschen Eliten. Der V-Träger besitzt verschiedene „politische Männer“. Zum Beispiel einen Mdkd (Mann, ders klammheimlich durchzieht), und einen MmW (Mann der mutigen Wahrheit). Es findet als Zukunfts-Simulation eine Eskalation dieser Männer statt. Die letzte Stufe der Eskalation ist der MhW (Mann des hellen Wahnsinns).

Wie man sieht: Wenn es sich bei dem Plan, deutsche Kampftruppen an die russische Grenze zu schicken, um eine „selbsternannte“ „Mission“ handeln sollte, die nicht von Putin eingeflüstert ist, dann bedeutet das schlicht und einfach, dass der V-Träger seinem MhW die Regierung übertragen hat. Aber an der Spitze der Regierung stehen ja mindestens zwei Frauen: Angela und Zensursula. Dann hieße das also, dass wir soweit sind, dass Frauen unbedingt die Rolle des „Manns des hellen Wahnsinns“ übernehmen wollen. Offenbar sehen sie erst dann die Emanzipation am Ende. Dieses „am Ende“ ist aber zurecht doppeldeutig. Oft denkt die Sprache weiter als ihre „Benutzerinnen und Benutzer“.

Ich warte jetzt gespannt darauf, ob die „Generation Internet“ und die „Generation digital natives“ nach so vielen Shitstorms für nichts und wieder nichts eine Internet-Petition gegen diesen Beschluss des MhW auf die Beine bringt, die allerdings die Millionenmarke „knacken“ müsste. Mindestens.

100 Jahre nach Sarajewo stellt die EU „Russland ein Ultimatum“: Das haben die Verantwortungs-GAUCKler aus der Urkatastrophe des westlichen Ultimarationalismus „gelernt“.

Sonntag, Juni 29th, 2014

Während die Historiker daran erinnern, dass die „Urkatastrophe des 20 Jahrhunderts“ aus einer fatalen Verkettung von Militärbündnis-Automatismen, Eskalationen und Provokationen, „Wetten“ auf das „Einlenken“ des Gegners, Ultimaten und totaler „Einäugigkeit“ der Medien entstand, haben die westlichen Großmächte des 21. Jahrhunderts daraus folgendes „gelernt“, wie sie in ihren Reden schwingen: Die Militärbündnis-Automatismen der NATO müssten verstärkt und vor allem auf die Nachbarstaaten Russlands ausgedehnt werden; gegen die russischen Eskalationen und Provokationen müsste der Westen gegen-eskalieren und gegen-provozieren; „PUUTIIN“ müsste zum „Einlenken“ gezwungen werden; „PUUTIIN“ müsste ein Ultimatum gestellt werden (schon gemacht); und wer im öffentlichen Diskurs die prowestliche Einäugigkeit breche und den obersten Verantwortungs-GAUCKler als Kriegstreiber kritisiere, müsse als „Nazi“ bezeichnet und der Staatsanwaltschaft angezeigt werden.

Dabei ist es doch einfach ein schlichtes Faktum, dass Gauck es auf sich genommen hat, sich rund um die Uhr aufs Schießen einzuschießen. Dass er dabei seine Kompetenz klar überschreitet und den Hindenburg spielt, was einem Bundespräsidenten ja eben gerade nicht mehr erlaubt sein sollte. Dass er gegen die überwältigende Mehrheit der Volksmeinung „schießt“. Dürfte man ihn dafür „Spinner“ nennen? Da sei sein Gott vor! Aber zwei Bezeichnungen muss er sich gefallen lassen: „Verantwortungs-Backe“ (so der probajuwarische Separatist Gauweiler im „Stern“: wo er recht hat…), das heißt mit aufgeblasener Backe „Verantwortung“ zu fordern im Sinne von „zur Waffe greifen“ – und eben Verantwortungs-GAUCKler (dieses Blog).

Wer wirklich etwas aus der 100 Jahre alten Urkatastrophe, jenem „Schoß, der fruchtbar noch“, lernen möchte, der sollte nun „Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus lesen oder wieder lesen. Dort wird jene Dialektik der westlichen Aufklärung aufgeklärt, in der aus der Ratio immer wieder die Ultima Ratio der kriegerischen und konterrevolutionären Gewalt entstanden ist. Gauck beleidigen? Ebert beleidigen? Beleidigt werden durften und dürfen nur die Karl Krause und Rosa Luxemburgs, die den westlichen Ultimarationalismus aufgeklärt haben. Sie waren in diesem Sinne nicht pro-westlich – also waren sie, würden die Verantwortungs-GAUCKler „wie aus der Pistole geschossen“, rufen: „pro-russisch“. Tertium non datur: darauf beschränkt sich diese Art Ratio – eine Ratio, die nicht bis 3 zählen kann.

(Als „V-Träger“ = „Verantwortungs-Träger“ wurden alle V-GAUCKler und V-Backen vorerinnert in meinem Roman „Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung“, assoVerlag Oberhausen.)

„Verantwortung“ im Westblock-Kaderwelsch = „Krieg“ auf deutsch. Steinmeiers fliegender Wechsel vom Mdkd zum MdmW.

Donnerstag, Mai 22nd, 2014

Zuerst die Auflösung der Kürzel: In der „Vorerinnerung“, deren Lektüre hier zuweilen empfohlen wird: „Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee“ (von J.Link, asso-Verlag Oberhausen; 29,90 Euro: „dick“, aber kapitelweise lesbar) – in diesem Buch steht Mdkd für „Mann ders klammheimlich durchzieht“, und MdmW für „Mann der mutigen Wahrheit“. Diese beiden Männer gehören zu den politischen Männern des deutschen „V-Trägers“, d.h. des deutschen „Verantwortungs-Trägers“. Momentan erleben wir im Kontext der Ukraine-Eskalation eine beängstigende Verwirklichung der Simulationen meines Romans (den man deshalb vielleicht langsam wahrnehmen sollte).

Brecht erfand nach dem 17. Juni 1953 das schöne Wort „Kaderwelsch“: das Kauderwelsch der SED-Kader („Sozialismus“, „Kommunismus“, „die Partei hat immer recht“ usw.) Aber es gibt auch ein Westblock-Kaderwelsch – und dazu gehört unbedingt die „gewachsene deutsche Verantwortung“. Auch Wörter haben ihre Karrieren; auch Wörter können „einen Job machen“ und einen „Topjob“ erobern. Solche Wörter-Karrieren spielen eine wichtige Rolle in der „Vorerinnerung“: in satirischem Licht wie bei Karl Kraus. „Verantwortung“. Warum dieses Wort diese Karriere gemacht hat, geht aus der „Vorerinnerung“ hervor, in der der deutsche „Verantwortungs-Träger“ eine Hauptrolle spielt. Dass nun allerdings eine von Steinmeiers Bürokratie selber in Auftrag gegebene Umfrage das Ergebnis hatte: Ungefähr 2/3 des „demokratischen Souveräns“ sind gegen „mehr deutsche Verantwortung“ – das hat Steinmeier umgehauen und seine „Subjektivität“ revolutioniert (dazu weiter unten). Dabei ist dieses Ergebnis der Umfrage schlicht und einfach so zu lesen, dass alle Befragten (auch das 1/3 pro) begriffen haben, was „Verantwortung“ heißt – welchen Job das Wort „Verantwortung“ in Steinmeiers Politik macht: Es macht schlicht und einfach den Job von „Krieg“. Und den will der deutsche demokratische Souverän nun mal nicht.

Da sieht Steinmeier rot. Er rastet aus. Man kennt unseren sanften Steinmeier mit den langen Redepausen und der samtenen Stimme und der dicken Tuibrille nicht wieder. Medientuis wie Frankenberger in der Fatz jubilieren: Endlich! Jetzt haut unser Steinmeier auf den Tisch und rechnet mit „sogenannten“ (!!) Demonstranten ab. So ists richtig, wir lassen uns doch unsere „Verantwortung“, die einen „ausgezeichneten Job macht“, nicht in den Dreck ziehen mit Parolen wie „Kriegstreiber“! Wir wollen doch noch viele Kriege in aller Welt als „Verantwortungs-Missionen“ führen. Mali reicht nicht, ein neues Papier sieht ganz Afrika als „unseren Verantwortungs-Kontinent“ vor, mit allen Formen von Engagement, „im Notfall auch militärisch“. Aber wo bitte ist in Afrika kein Notfall gegeben? (Das weiß das Volk ebenfalls.)

In der „Vorerinnerung“ wird satirisch erklärt, welches Spiel der „V-Träger“ mit seinen politischen Männern spielt. Und Steinmeier spielt dieses Spiel gerade in der Wirklichkeit vor: Lange Zeit hatte er beim V-Träger einen guten Job als „Mann ders klammheimlich durchzieht“ – wir erinnern uns (oder auch nicht), wie er als Kanzleramtschef von Schröder die Fäden der Balkankriege zog, ohne dass er überhaupt in den Medien auftauchte. Auch als Außenminister setzte er diesen Job zunächst fort. Dabei hatte der V-Träger ihm einen höchst brenzligen Job übertragen: Deutschland als dritte oder sogar zweite Weltmacht (auf Basis seiner Kapitalstärke, denn seine Bevölkerung bringt ja mal grade ein gutes Prozent der Welt auf die Waage) auch diplomatisch und militärisch etablieren. Wirklich ein knochenharter Job, für den die Rolle eines Mdkd eigentlich ideal zu sein scheint.

Aber wenn das Volk anfängt, „Verantwortung“ ins Deutsche zu übersetzen, dann muss Steinmeier andere Saiten aufziehen – wie man sieht, hat er sie. Er hat sich verwandelt in einen MdmW, einen „Mann der mutigen Wahrheit“. Mutig sagt er dem verantwortungslosen Volk die Wahrheit: Egal was ihr wollt oder nicht wollt, die Entscheidung liegt beim V-Träger. Ihr blickt nicht durch, alle Experten sind für gewachsene deutsche Verantwortung. Ihr könnt euch auf den Kopf stellen: Die Bundeswehr wird trotzdem marschieren! Die Bundeswehr wird trotzdem Killdrohnen anschaffen! Die Bundeswehr wird trotzdem Afrika stabilisieren! Basta! Basta! Basta! (Basta? Wer sagte das seinerzeit? Und wer war Kanzleramtschef?)

Albtraum? „Russland will 3. Weltkrieg anzetteln“ – Was suchen die Stabsärztebrüder in Slavjansk oder: Wohin führt die „gewachsene deutsche Verantwortung“? Quousque tandem: Schreibtischtäter wie 1914

Samstag, April 26th, 2014

„Russland will 3. Weltkrieg anzetteln“: Das ist kein Albtraum, sondern die realexistierende Schlagzeile der Fatz an diesem 26. April 2014 (nicht: 1914). In Gänsefüßchen, aber bloß in der Unterzeile als Zitat von Jasenjuk ausgewiesen. Und Jasenjuk ist immerhin der aktuell wichtigste offizielle Adressat der „gewachsenen deutschen Verantwortung“. Schlagzeile am gleichen Tag (Watz): „Ukraine: Rebellen setzen deutsche Beobachter fest“. Aber BILD setzt weiter auf Normalität: Schlagzeile was mit Trennung von Heino (oder Heintje was weiß ich), bloß unten das mit den „Deutschen“, die hier in der Hand von „Putin-Rebellen“ (immerhin: nicht „Terroristen“) sind. Man kann daraus schließen, dass BILD eher auf Deeskalation, und die Fatz eher auf Eskalation setzt. Also alles normal und zurück zu Heino-Heintje-Heinckes?

Das mindeste, was man denken und auch sagen muss, ist aber: Diese Eskalation darf nicht der mediopolitischen Klasse überlassen werden – denn das sind ja mehrheitlich kleine oder große „Verantwortungs-Träger“. Hier muss ich wieder an meinen Roman „Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung“ (assoverlag Oberhausen, 29 Euro 90) erinnern. Darin sind Eskalationen des deutschen „V-Trägers“ („Verantwortungs-Trägers“) und seiner „Wehr“ voraus-simuliert, und es wird spannend, satirisch und poetisch erzählt, wohin uns der V-Träger führen wird, wenn ihm die „Verantwortung“ für Eskalationen überlassen wird. Und da spielen auch die „Stabsärztebrüder“ mit: drei Brüder, die alle in der Bundeswehr engagiert sind. Sie werden übrigens nicht an die russische Grenze simuliert – das war den Ursprünglichen Chaoten, die die Geschichten erzählen, einfach nicht vorstellbar. (Also: Auch mir persönlich war das nicht vorstellbar.)

Aber jetzt ist es „Fakt“: Unter welchem OSZE-Mantel auch immer diese realexistierenden Stabsärztebrüder in Slavjansk „Verantwortung übernommen“ haben – weiß denn niemand, was die Wehrmacht in diesen Städten angerichtet hat? Ist es denn überhaupt zu fassen, dass deutsche Soldaten (in welchem Mantel auch immer) in diesen Städten wieder militärische „Verantwortung übernehmen“?

„Wir können sowieso nix machen – die Politiker machen doch sowieso, was sie wollen“??!! Wir können uns immerhin zum Beispiel die Redakteure (oder -innen) der Fatz bei der Arbeit vorstellen – wie sie über die Schlagzeile der FrontPage (nomen est omen) entscheiden. Dass Jasenjuk das gesagt hat, ist ein Fakt – aber ist es ein „nackter Fakt“? Muss man nicht unbedingt hinzufügen, dass sich in einem solchen Spruch doch klar der Wunsch des Sprechers ausdrückt, es möge einen 3. Weltkrieg geben, damit NATO und Bundeswehr zum „Kriegseintritt gezwungen“ werden? Muss man nicht medial fordern, sofort jede Art von „Mechanismus“ abzustellen, die Leuten wie Jasenjuk diese Hoffnung gibt? Muss die mediale Klasse nicht laut und deutlich sagen: Wie immer Putin sich einem Diktator nähert, Deutschland wird niemals – unter keiner denkbaren Begründung und „Verantwortung“, „gezwungen“ von keinem „Mechanismus“ – in einen Krieg gegen Russland „eintreten“? Stattdessen werden einfache Leute, bei denen noch nicht sämtliche Tassen im Schrank kaputt sind, mit dem 1914-typischen Hetzwort „Putin-Versteher“ belegt.

Ohne mediale Schreibtischtäter wäre der 1. Weltkrieg weder mit solcher „Begeisterung“ „ausgebrochen“ noch hätte er so lange dauern und so viele Millionen Tote kosten können. Ein Aufstand der Zivilgesellschaft gegen die neuen Schreibtischtäter ist etwas Denkbares. Ich habe ein lateinisches Zitat eingesetzt (Quousque tandem: lustig! das Programm will tandem unbedingt groß schreiben!) – Bildungsschrott, der aber vielleicht im Netz Neugier erweckt: So begann Cicero seine berühmteste Rede, und es heißt: „Wie lange eigentlich noch?“ Ja, wie lange eigentlich noch soll das weitergehen mit der „gewachsenen deutschen Verantwortung“?

Jetzt ist die Intelligenz und die Ironie von Karl Kraus wieder gefragt. Kraus musste 1914-1918 unter scharfer Zensur schreiben. Aber er erfand wunderbare Tricks: So meldete er, wenn in Wien lange Schlangen vor den Geschäften standen und viele Todesanzeigen die Zeitungen füllten, dass – in Paris, London und Sankt Petersburg riesige Schlangen vor den Läden ständen und die Zensur Todesanzeigen verbieten würde. WNLIA: Weder noch lieber irgendwie anders. Weder Putin noch Jasenjuk, sondern eine Garantie, dass ein Krieg gegen Russland in keinem denkbaren „Szenario“ in Frage kommt – jedenfalls nicht mit deutscher Beteiligung.

 

 

Nach 1 Woche: Ein Superskandal der griechischen Regierung in den deutschen Medien weiter totgeschwiegen

Sonntag, April 6th, 2014

Nun ist der „Baltakos-Skandal“ fast 1 Woche alt, in der alle griechischen Medien täglich davon sprachen (großenteils auch abwiegelnd, aber sie mussten davon sprechen). Auch international ein großes Thema (z.B. in BBC und Guardian). Und in Deutschland (außer taz und Focus) weiter laut dröhnendes Totschweigen.

Nochmal eine andere Analogie: Angenommen ein russischer Neonaziparteisprecher hätte ein Video veröffentlicht, das ihn in „kollegialem“ Gespräch mit Putins Generalsekretär zeigte (mit vielen „Fick ihn!“, „diese Wichser“ usw.) – was wäre in den deutsche Medien los? Da würde (steht zu befürchten) vermutlich die Bundeswehr schon mobilmachen.

Die Analogie ist nicht abwegig, denn: Während die griechischen Medien über Baltakos und Samaras voll waren, während Samaras nach 2 Tagen peinlichen Schweigens nichts anderes zu erklären wusste, als dass er schon immer der schärfste Gegner der Chrisí Avgí gewesen sei (griechische Neonazipartei, deren Goebbels Kasidiaris das Video mit seinem Kumpelgespräch mit dem Generalsekretär der Regierung Samaras, Baltakos, ins Netz gestellt hatte) – während Samaras nichts über den Inhalt des Videos und über seine angebliche Unwissenheit zu sagen wagte – während all dem tagten die EU-Außenminister, allen voran Steinmeier, in Athen. Gingen sie darauf ein, dass der Generalsekretär der gastgebenden Regierung gerade als Neonazi-Versteher entlarvt worden war? Mit keinem Wort – aber sie verurteilten Putin und unterstützten die Regierung in Kiew, in der bekanntlich ebenfalls Neonazis (Partei Swoboda) sitzen. (Zwischen Swoboda und Chrisí Avgí bestehen engste Kontakte: Swoboda stellte für die vor Weihnachten erschossenen zwei Chrisí-Avgí-Kader in Kiew „Märtyrermahnwachen“ auf, die von einer Delegation der Chrisí Avgí besucht wurden (Fotos im Internet, ebenso wie die mit dem Hitlergruß von Jazenjuk, mit dem Steinmeier jede Menge Verträge unterzeichnet hat).

Außerdem verurteilten die EU-Außenminister in Athen schärfstens die Twitter-Sperre in der Türkei.

Ein erster Grund für das Totschweigen in den deutschen Medien dürfte also die äußerst peinliche „Achse“ Athen-Kiew von teils regierungsnahen, teils bereits regierenden Neonazis sein.

Aber es gibt noch einen zweiten Grund: Nächsten Freitag, 11. April, fliegt Angela Merkel wieder nach Athen. Sie will dort Arm in Arm mit Samaras eine „Botschaft an die Welt“ richten: „Hurra die Krise ist vorbei! Griechenland hat eine Anleihe an den Märkten platziert! Das haben wir gemeinsam geschafft!“ Dass die Arbeitslosigkeit offiziell (!) weiter bei knapp 30% liegt und noch einige Monate steigen wird, bevor die „Talsohle“ erreicht wird (selbstverständlich wird in jeder Krise irgendwann die Talsohle erreicht – das Elend auf dieser Talsohle interessiert nicht nur nicht die Märkte – es freut sie ungemein, sinken dadurch doch die „Arbeitskosten“ noch weiter und steigt die „Wettbewerbsfähigkeit“ (die Profitrate) in glänzende Höhen).

Dieses Hurratheater also würde durch Baltakos laut krachend aus dem Sattel geworfen. Das muss vor dem „normalen deutschen Mediennutzer“ verborgen werden, da „zu komplex“ für ihn. Und da machen (fast) alle großen deutschen Medien mit! „Eine Zensur findet nicht statt“. Das steht ja für alle Fälle im Grundgesetz, wo es unsere „freien Medienleute“ nicht weiter stört. Sie sind Verantwortungs-Träger (nachzulesen im Roman „Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee“).

(führerstaat D) München 2014: Wie übersetzt man „lead nation“? Was bedeutet ein Fußball-Symbol für Krieg?

Montag, Februar 3rd, 2014

Die drei Reden von Gauck, von der Leyen und Steinmeier auf der Münchner „Sicherheitskonferenz“ (früher: „Wehrkundetagung“) markieren (leider) vermutlich einen historischen Einschnitt in der deutschen Geschichte. Alle drei betonten, dass bisher eine „Kultur der Zurückhaltung“ bei militärischem „Engagement“ geherrscht habe, mit der nun Schluss gemacht werden müsse. Sie dürfe nicht als „Kultur des Heraushaltens“ missverstanden werden (Steinmeier). Und er kodierte das mit dem Kollektivsymbol des Fußballs: „Deutschland ist zu groß, um Weltpolitik nur von der Außenlinie zu kommentieren.“ Schon in Heft 1 der Zeitschrift „Kulturrevolution“ wurde begründet, warum nicht die Verwendung von Kriegs-Symbolen für Fußballspiele („aggressives Pressing“ usw.) ein bedenkliches Symptom ist, sondern die umgekehrte Verwendung von Fußball-Symbolen für Krieg (wie bei Steinmeier).

In früheren Posts wurde ja schon die Frage gestellt, warum von der Leyen, die als „Shen Te“ startete, derartig flott zur Demaskierung des bösen Vetters „Shui Ta“ überging. Gauck kann nun geradezu als die desmaskierte Einheit von Shen Te und Shui Ta betrachtet werden: Als Pastor hat er die passende Suada für den Schluss des brechtschen Dramas: Stimme der Götter. Er fordert für „das beste Deutschland, das wir kennen“ den „Weg zu einer Form der Verantwortung, die wir noch nicht eingeübt haben“. Mit bemerkenswerter Chuzpe zitiert er selbst den Klartext dieser neuen „Verantwortung“, nämlich „mehr zahlen“ und „mehr schießen“. Widerlegt er diese Annahmen? Keineswegs – er sagt bloß: „Es wird Sie nicht überraschen: Ich sehe das anders.“ Aber er dementiert weder Zahlen noch Schießen, sondern begründet die neue „Verantwortung“ (die er auch inhaltlich auf „Schutzverantwortung“, also Interventionsrecht, ausdehnen möchte) so wie Steinmeier mit Deutschlands „Größe“. (Halten wir fest: Deutschland hat gerade mal etwas mehr als 1 Prozent der Weltbevölkerung! Klarer kann man nicht sagen, was für eine „Größe“ gemeint ist: Einzig und allein die Größe des Kapitals. So wimmelt es in den Reden auch davon, wie sehr Deutschland von einer „stabilen“ Weltordnung „profitiere“: Sehr zutreffend.)

Wenn der 13jährige Krieg in Afghanistan „Kommentieren von der Außenlinie“ gewesen sein soll, dann ist klar, was es bedeuten wird, wenn die Bundeswehr künftig als „Profispieler aufs Feld“ („Feld“!) stürmen wird.

Die demaskierte Turbosoldatenmutti spricht fließend Englisch und Französisch – sie redete also Englisch und definierte Deutschland als „Frame work Nation“ und als „Lead Nation“. Das erste heißt in der offiziellen deutschen Version „Rahmennation“ und das zweite „Leitnation“. Das erste wird als ein genuin deutsches Konzept erläutert: Es schlägt vor, innerhalb der NATO oder auch darüber hinaus je konkrete internationale „Gruppen“ zu bilden (z.B. für die kommende Afghanistan-Mission „Resolute Support“) – und jede dieser Gruppen wird geführt von einer „Rahmennation“ – und dazu ist Deutschland bereit. Also ein ähnliches Konzept wie „lead nation“, das allerdings noch weiter geht. Es wäre mit „Führungsnation“ zu übersetzen und hat übrigens ebenfalls eine sportliche Konnotation: „Spitzenreiternation“. Jedenfalls ist „Leitnation“ eindeutig der Versuch, dem brisanten Signifikanten „Führer“ auszuweichen!

All dies ist im Roman „Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee“ (assoverlag Oberhausen) vor-erinnert: „Verantwortung“ (eine Hauptfigur ist der „V-Trager“, d.h. „Verantwortungs-Träger“, zu dessen pfäffischer Stimme sich Gauck gemacht hat), „dritter deutscher Versuch“, „Stabilisierung“, „Afrika-Mission“ der Bundeswehr usw. Die sowohl satirische wie poetische Vorweg-Simulation dieses „Versuchs“ ist der aktuellen Neubestimmung der „deutschen Außen- und Sicherheitspolitik“ auf den Leib geschrieben. Die Lektüre dieses  Polit-Fiction-Romans bietet Energie gegen das Überrollt-Werden, gegen blitzartige Putschversuche wie in München (wo Gauck eindeutig seine Kompetenz als symbolisch-moralische Instanz weit überschritt und sich quasi Entscheidungsmacht wie die Weimarer Präsidenten anmaßte).

GAUCKeLEYEN nein danke.

(vorerinnerung) Hey SCHLAGzeitung! „Nazi-Chaoten“: „Das geht gar nicht!“ sagen die Ursprünglichen Chaoten

Dienstag, Januar 28th, 2014

Jetzt hat die SCHLAGzeitung (in der Ukraine) doch tatsächlich „Nazi-Chaoten“ entdeckt.

Die Geschichte des Begriffs „Chaoten“ ist symptomatisch für die Entwicklung der deutschen Politik seit 1968, als er entstand. Sie kann in dem Roman „Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung“ (assoverlag Oberhausen, 29,90 Euro) nachgelesen werden, in dem die „Ursprünglichen Chaoten“, die sich auch in diesem Blog zu Worte melden, eine Hauptrolle spielen. Der Begriff wurde zuerst von der DKP gegen die Neue Linke eingeführt, deren zuerst noch produktives Chaos (siehe Chaostheorie) nicht auf „Linie“ zu bringen war. Dann übernahmen ihn Teile dieser Neuen Linken selber gegen andere Teile (Schande). Dann setzte ihn die DKP in den DGB-Gewerkschaften gegen die Neue Linke durch: Dabei kam der „Chaoten-Erlass“ heraus. Das inspirierte dann auch die SCHLAGzeitung, die ihn allerdings hauptsächlich gegen „Streetfighter“ und „gewaltbereite Demonstranten“ (wie den jungen Joschka F.) einsetzte. Von dort ging es zu den „schwarzen Blöcken“, und die „Chaoten“ gerieten in die direkte Nähe von „Terroristen“.

Diese Geschichte der Zeit zwischen 1968 und 1995 ist in der „Vorerinnerung“ aus Sicht der „Ursprünglichen Chaoten“ erzählt (unter vielem anderem). Nun also „Nazi-Chaoten“. „Das geht gar nicht“ (Angela Merkel), denn Nazis sind die Anti-Chaoten pur! Sie hetzen im Internet gegen sämtliche „Chaoten“, und um so mehr, je ursprünglicher. Sie „mischen Chaoten auf“, wenn ihnen die Polizei zu lasch erscheint.

Bitte die „Vorerinnerung“ lesen! Die Ursprünglichen Chaoten.

 

ZUSATZ KORREKTUR!

Wie der zweite Kommentar beweist, halten sich die Ursprünglichen Chaoten fälschlich für ganz ursprünglich! Vielen Dank für diese Korrektur – solche Kommentare wünschten wir uns öfter! Aber anderseits ist es schön zu wissen, dass die noch ursprünglicheren Chaoten die Leute von der Roten Ruhr-Armee selber im Munde der Nazis waren!

Die Ursprünglichen Chaoten

(führerstaat D) Wenn der robuste Vetter Shui Ta kommt (Altminister Rühe redet Klartext über Deutschland als „Führerland“)

Mittwoch, Januar 22nd, 2014

In Brechts Drama „Der gute Mensch von Sezuan“, einem Parabelstück über den Kapitalismus, versucht die Ladenbesitzerin Shen Te, ihre armen Kunden gratis zu bedienen. Das frisst natürlich ihre Marge – dann kommt von Zeit zu Zeit ihr böser Vetter Shui Ta und redet Klartext, bis die Marge wieder stimmt. Am Schluss stellt sich heraus, dass Shui Ta bloß eine Maske war, die Shen Te sich aufsetzen „musste“, um nicht Pleite zu gehen.

Die Bundeswehr ist in ihrer größten Krise seit… der damalige Minister Rühe sie nach der Wiedervereinigung zur globalen Weltjuntatruppe umwidmete. Sie hat deshalb eine Shen Te als Ministerin bekommen. Die Medien überschlagen sich mit Lob über ihren „fulminanten Start“ mit lauter Gutmenschlichkeiten wie Kitas, Tagesmüttern und normalen Arbeitsverhältnissen für Soldaten. Gleichzeitig „musste“ sie aber „den Franzosen“ (sie spricht sogar französisch!) allerhand Robustheiten versprechen: „Azubis“ in Mali ausbilden (robust on the Job?) und auch in Zentralafrika „helfen“. Was da genau auf unsere normalen Sicherheitsarbeiter zukommt, bleibt einstweilen unter der Decke, um den fulminanten gutmenschlichen Start nicht zu – nun ja: nicht zu demaskieren.

Aber was soll dabei aus „unserer gewachsenen globalen Verantwortung“ werden? Was helfen Illusionen? Auftritt Vetter Shui Ta und schreibt einen Gastkommentar für die Fatz (21.1.2013), der es in sich hat:

„DEUTSCHLAND MUSS FÜHREN“ – „Ende des Monats, wenn die Münchner Sicherheitskonferenz zum 50. Mal tagt, ist Deutschland wieder einmal das Zentrum der internationalen Politik. Das allerdings nur für 48 Stunden, denn in der Praxis hat sich unser Land in eine sicherheitspolitische Passivität begeben, die seiner Rolle als bevölkerungsreichster Staat Europas und als eine global führende Wirtschaftsmacht nicht entspricht. / In Afghanistan haben wir unseren Einsatz frühzeitig auf den Norden sowie die Hauptstadt Kabul beschränkt und die wirklich gefährlichen Regionen dauerhaft unseren Verbündeten überlassen. Dass die Bundeswehr am Ende doch kämpfen musste und dies auch hervorragend tat, war eigentlich gar nicht geplant. Und selbst dann mussten unsere Partner (wie 2009 in der Bombennacht bei Kundus) noch die Luftnahunterstützung übernehmen, weil Regierung und Bundestag ausgeschlossen hatten, eigene Flugzeuge einzusetzen.“ – „Bombennacht“? Ein Wort aus dem 2. Weltkrieg! Was ist gemeint? Das Tanklastermassaker! Eine „normale Bombennacht“!   Das ist wirklich ein robuster Shui-Ta-Ton, muss man zugeben.

Und der Ton wird durchgehalten: „Wir“ haben feige gekniffen in Libyen und bisher in Mali: „Die Rolle, die Deutschland bei diesen und anderen Gelegenheiten (!) spielte, ist eine unwürdige Rolle. Denn militärisch nur das Nötigste (!) und vermeintlich Gesichtswahrende zu tun, bleibt hinter unseren Möglichkeiten (!) zurück.“ Das ist „unmoralisch“ (!) und „uneuropäisch“ – „Denn eines ist offensichtlich: Hätten sich alle Staaten verhalten wie Deutschland, wäre Afghanistan heute in einer noch schwierigeren Lage.“ Also: Weil „Deutschland“ nicht seine „militärischen Möglichkeiten“ voll ausgereizt hat, wurde der 13jährige Krieg in Afghanistan de facto verloren. „Wir“ hätten ihn voll gewinnen können! Wir hätten einen fulminanten Endsieg hingelegt wie zu Zeiten unserer „Bombennächte“!

Rühes Manifest scheint eine Simulation der Stimme des V-Trägers aus dem Roman „Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung“ (assoverlag Oberhausen) zu sein. Dort werden ja auch Afrikamissionen der Bundeswehr simuliert. Die Volksmeinung spielt für Vetter Shui Ta gar keine Rolle, auch nicht die sozialen Ursachen der Kriege, nicht einmal die medialen Shen-Te-Bedürfnisse. Nicht einmal, dass Deutschland gerade einmal etwas mehr als 1 Prozent der Weltbevölkerung stellt. Hier spricht offensichtlich die  Stimme der Generalität Klartext. Und das liest sich am Schluss so: „Kurzum („rechtsum linksum kurzum!!“): In einer Zeit, in der die Vereinigten Staaten ihr Engagement für Europa reduzieren und viele Staaten der EU finanziell am Ende sind, ist es Aufgabe des Starken („der Starke“ = „Deutschland“!), mit Beispiel zu führen und Europas Handlungsfähigkeit zu sichern. Deutschland muss führen, damit Europa nicht schwächer wird.“

DEUTSCHLAND FÜHRERSTAAT BEFIEL! WIR FOLGEN. Der robuste Vetter Shui Ta ist offenbar der Überzeugung, dass Shen Te schon bald gezwungen sein wird, die Maske abzunehmen – Schluss mit der „Gesichtswahrung“!.

Welche „Botschaft“ wird mit der Turbomutti unterm Stahlhelm „gesendet“?

Montag, Dezember 16th, 2013

Alle sind sich einig, dass die einzige wirkliche Sensation der 3. Großen Koalition der Abgang de Maizières von der Bundeswehr (schon im Wahlkampf schien er abgetaucht) und seine Ersetzung durch eine Frau sei. Ohne Spaß: Das ist tatsächlich ein mittelgroßes diskursives Ereignis. Ist das der Auftakt für künftige „Missionen“ der Bundeswehr unter „unseren Generälinnen und Generälen“? Dann wäre auch Alice Schwarzers feministische Mission endgültig erfüllt: der Begriff „Powerfrau“ wäre zur Kenntlichkeit verfremdet.

In dem Roman „Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung“ (assoverlag Oberhausen, 29,90 €: Last-Minute-Tipp für ein Geschenk) sagen Ruhrarbeiter so wie morgens zum Meister: „Was liegt an?“ Ja was liegt eigentlich an bei der Bundeswehr im Jahre 2014, damit uns diese Botschaft gesendet wird? Die Medien nennen: ERSTENS in den Sand gesetzte millionen- und milliardenschwere Rüstungsprojekte, darunter die Euro-Drohne. ZWEITENS den „Abzug aus Afghanistan“. DRITTENS die „Reform der Streitkräfte“ (Umbau in eine „Einsatzarmee“) und VIERTENS die schwierige Rekrutierung von Freiwilligen für eine „Einsatzarmee“, d.h. eine Armee für Kriege, in denen auch „gefallen“ werden kann und in denen Traumatisierungen hoch wahrscheinlich sind. Im Klartext:  ERSTENS muss geklärt werden, wie die Bundeswehr in den Drohnenkrieg einsteigen kann. ZWEITENS handelt es sich um eine ganz und gar „historische Wegscheide“. Deutschland hat (zusammen mit den USA) seinen ersten großen Krieg nach 1945 so gut wie verloren. Denn ein Anti-Guerillakrieg, an dessen Ende der Partisanen-Feind noch existiert und noch kampffähig ist, ist verloren. Das ist umso katastrophaler, als die Taliban (und die anderen afghanischen „Aufständischen“) eigentlich aufgrund ihrer extremen Antimodernität ein „leichter“ Feind hätten sein sollen (ganz anders als der vietnamesische FNL seinerzeit). Es sieht fast so aus, als ob sogar das Pentagon nun eingesehen hätte, dass ein Anti-Guerillakrieg einfach nicht gewonnen werden kann. Die Konsequenz daraus für Deutschland müsste sein: Schluss mit Kriegen in „Übersee“, Schluss mit dem 3. Traum vom Weltgendarmen und führendem Mitglied der Welt-Junta, Rückbau der „weltweiten Verantwortung“, zurück zur Territorialverteidigung (mit Modell Schweiz). Das hieße wirklich „Mut“ beweisen.

Aber dieser Mut fehlt – ganz im Gegenteil soll die „Verantwortung“ noch gesteigert werden – aber diesmal mit einer ganz neuen Strategie (ebenfalls nach US-Vorbild): CT = Counter Terrorism, Ein Viererpack aus „Spezialkräften“, einem Dienste-Denunziationsnetz, von dem Kill-Listen erarbeitet werden, Killungen vorzugsweise per Drohnen, (traumatisierende) „Drecksarbeit“ durch lokale „Azubis“, die trainiert und mindestens elektronisch begleitet werden.  Für diese neue Strategie spricht beim „V-Träger“ („Verantwortungs-Träger“: eine der Hauptfiguren im Roman „Bangemachen gilt nicht…“) auch das Problem der PTBS (post-traumatischen Belastungs-Störung), die sich in Afghanistan als das weitaus größte Problem erwies: Dazu ließ die Bundeswehr von der TU Dresden (Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie) eine Studie anfertigen, die zu relativ „optimistischen“ Ergebnissen kam und vor allem festgestallt haben will, dass die erkrankten Soldaten schon vorher psychisch labil gewesen seien. Deshalb sollen künftig durch ein „Screening“ die psychisch „anormalen“ Freiwilligen rausgesiebt werden. (Sind etwa Frauen weniger PTBS-anfällig?) Damit hängen auch direkt die Schwierigkeiten DRITTENS und VIERTENS (Rekrutierung) zusammen. Braucht man dazu ein feineres („weibliches“) „Händchen“?

Natürlich wird die Bundeswehr in Kombination mit CT auch weiter „normale“ Streitkräfte parathalten – aber wohl nur noch für kurze „Aufräum“-Blitzkriege, wie sie Frankreich in Mali praktizierte: Massiv zuschlagen, hauptsächlich aus der Luft, durchmarschieren und dann wieder abziehen und an das CT-Viererpack zur weiteren „Bearbeitung“ übergeben. All das hatte de Maizière vor seinem Abtauchen recht brutal angekündigt (Stichwort „Einsatzarmee“). Seine Nachfolgerin wird da sicher anders „kommunizieren“ – sprich: einen flexibel-normalistischen Interdiskurs sprechen (aber es sind die flexibel-normalistischen Subjekte, die PTBS-anfällig sind!).

Für all diese Probleme, so sieht es aus, scheint jedenfalls ein weibliches Oberkommando brauchbarer als ein Machotyp aus alter preußischer Generalsfamilie. Aber auch eine Frau – da sind sich alle einig – wird es „nicht leicht haben“. Es dürfte sich eben doch um eine „Mission impossible“ handeln.

„Und willst du nicht mein Bruder sein…“: Michael Martens verrät die geheimen Gedanken des deutschen V-Trägers in der Fatz

Dienstag, Juli 30th, 2013

Am 21. Juli begann Michael Martens, Südosteuropakorrespondent der Fatz, ein Interview mit dem griechischen Oppositionsführer, Alexis Tsipras, von Syriza, im Stil eines Verhörs: Wie ein Maschinengewehr rasselten die Suggestivfragen herunter: Ob Tsipras Humor habe? Was er von einer Karikatur in der Parteizeitung „Avgi“ halten würde, in der Hitler aus der Hölle bei Merkel anrief – warum er mit dem „Semifaschisten“ Kammenos (Partei der Unabhängigen Griechen) gesprochen habe, warum Schäuble in der „Avgi“ als „Gauleiter“ tituliert worden sei, warum Tsipras in einer Wahlkampfrede gesagt habe, Nea Dimokratia und Pasok hätten die griechische Flagge an Merkel ausgeliefert. Nach der 5. dieser äußerst informativen und hoch objektiven Fragen brach Tsipras das „Interview“ genannte Verhör ab.

Daraufhin stellte sich Martens (FAZnet vom 27.7.) als Opfer einer totalitären Verfolgung dar. Alle seine Fragen hätten auf Tatsachen beruht. Jetzt wissen wir also: Tsipras ist sehr humorlos und böse, und Merkels und Schäubles Griechenlandpolitik ist rundum okay. Hätte Tsipras zurückgefragt: „Wie erklären Sie sich, das sich seit drei Jahren riesige Teile der südeuropäischen Bevölkerungen von der deutschen Hegemonialpolitik um ihre Normalität gebracht fühlen und dabei immer wieder von einem 4. Reich reden?“ – so hätte Martens sicher gesagt: „Ich stelle hier die Fragen!“

Genau das ist der Gestus, bei dem vielen Südeuropäern immer wieder spontan Begriffe wie „Gauleiter“ auf die Zunge kommen. Sie können eben den Spieß nicht umdrehen und arrogante deutsche Besserwissis (konkret Wolfgang Schäuble) etwa mit der Frage konfrontieren: „Warum weigern Sie sich, etwas zur bis heute ausgebliebenen Rückzahlung der Zwangsanleihe des 3. Reichs zu sagen?“ Überlegt man genau, dann ist es bei solchen Fragen die offizielle deutsche Seite, die sich in die Tradition des 3. Reiches stellt.

Und das tat auch Michael Martens in seinem Bericht: Denn er stellte ihn unter die Überschrift: „Und willst du nicht mein Bruder sein…“ Dieser Spruch (mit der bekannten Folge: „dann schlag ich dir den Schädel ein!“) soll angeblich in Tsipras‘ Schädel stecken. Martens suggeriert, Tsipras würde ihm am liebsten den Schädel einschlagen (typisch für Linksradikale). Aber: Der Spruch ist ein deutscher, kein griechischer Spruch – er stammt aus einem deutschen, keinem griechischen Schädel – konkret aus dem Schädel von Martens. Man muss nicht bei Freud nachlesen, um zu wissen: Dieser Wunsch ist der eigene Wunsch des Verhörers. „Herr Martens, haben Sie Humor?“

Martens hat hier also die Stimme des deutschen „V(erantwortungs)-Trägers“ simuliert, wenn sie vor Wut die Fassung verliert – wenn sie „leider andere Saiten aufziehen muss“. So wie diese Stimme in dem Roman „Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung“ (assoverlag Oberhausen; 29,90 Euro) vor-simuliert ist. In diesem Roman sind „Charaktere“ wie Martens vorerinnert. Dieser Roman handelt genau vom Problem des deutschen V-Trägers bei seinem „3. Versuch“ eines „Griffs zur Weltmacht“ – sein dickster Klotz am Bein dabei ist der 2. Versuch, und tatsächlich läuft der 3. Versuch ja auch ziemlich anders. Aber was ist eigentlich mit dem 1. Versuch (dem unter Kaiser Wilhelm)? Gibt es da auch keinerlei Analogien? (Gegen Missverständnisse: Die Figur des V-Trägers macht gerade klar, dass es sich um funktionale Prozesse wie Kapitalbewegungen und geopolitische „Zwänge“ handelt, nicht um gute oder böse „Charaktere“ – was die „Charaktere“ aber nicht reinwäscht, wenn sie sich zu „Charaktermasken“ der Machtprozesse machen. Wie Martens.

(Mali, Algerien:) GAU-Games in Nordafrika

Freitag, Januar 18th, 2013

Eigentlich könnte hier der Post vom 1.11.2012 („Mali: Jetzt implementiert der deutsche V-Träger auch sein Nordafrika-Szenario“) einfach wiederholt werden. Es wurde dort zitiert, wie in dem satirisch-ernsten Szenario- und Simulationsroman „Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung“ (assoverlag Oberhausen) der „V-Träger“ (Verantwortungs-Träger) GAU-Games spielt (GAU = Größter Anzunehmender Unfall, mythisch „Apokalypse“). Der V-Träger muss in diesen Computerspielen einen GAU auslösen, um durch dieses Training zu lernen, einen GAU in der Realität zu vermeiden. Eines der Spiele dreht sich um ein „Nordafrika-Szenario“, wo es u.a. (die GAU-Games sind ja realistisch) um Ölfelder, Geiselnahmen, Militärinterventionen und Protektorate geht. Und es geht dabei um Frankreich, Deutschland und Algerien. Deutschland wird im Zuge einer Geiselnahme zur „Solidarität“ mit Frankreich gezwungen, und so kann es weiter gehen zum GAU: Gewonnen! Aber der V-Träger bekommt Anwandlungen von Panik, weil er fürchtet, in der Realität mal an der GAU-Schraube drehen zu wollen.

Zu dieser literarischen Simulation gehörte bereits in den 1990er Jahren, als sie geschrieben wurde, keine spezielle Profetengabe – es waren schon damals alle Faktoren zu einem solchen GAU-Game virulent: Deutschlands Wiederaufstieg zur auch militärischen Weltmacht (erster Akt Somalia 1992), die Bedrohung durch den „islamischen Krisenhalbmond“, die Konversion der GRÜNEN Pazifisten zu Heißen Kriegern und vor allem zu ideologischen Sykophanten im Dienste der Welt-Junta (diese Konversion kann in ihrer Fatalität überhaupt nicht überschätzt werden: sie setzte die Welt-Junta-Ideologie in den Medien und damit in der veröffentlichten Meinung erst richtig durch).

Konkret Mali: Warum in aller Teufel Namen besuchte Omid Nouripour, „sicherheitspolitischer Sprecher“ der GRÜNEN, ausgerechnet Anfang Januar 2013 ausgerechnet Bamako, die Hauptstadt von Mali: Was suchte er dort? (Während Hollande kurz vorher in Algerien war.) Zwar warnte Nouripour, Durchhalte-Meister bezüglich Afghanistans, nach seinem Abstecher nach Bamako davor, den (damals bereits beschlossenen) Malikrieg allzu blauäugig loszutreten. Es könnten „Magneten terroristischer Anschläge“ dadurch entstehen (Interview SWR 15.1.2013). (Unterton: Man müsste den Krieg also gut vorbereiten; die malischen Soldaten würden zu schlecht bezahlt.) Inzwischen fliegen Transallmaschinen der Bundeswehr (ohne dass der Bundestag auch bloß einmal darüber diskutiert hätte) diese schlecht bezahlten malischen Soldaten in Nordwestafrika herum. Was passiert, wenn was passiert?

In „reißender Zeit“ (Hölderlin), bei entfesselter Massendynamik, spielen auch einzelne V-Nehmer womöglich (kontingent) eine wichtige Rolle. Beispiel „BHL“, also Bernard-Henri Lévy, französischer Tui, der es ja tatsächlich geschafft hat, Sarkozy zur Libyen-Intervention zu überreden. Darauf ist BHL mächtig stolz – endlich kann der ENS-Eliteschüler seinem Platon Vollzugsmeldung liefern: „Bevor nicht die Philosophen Könige und die Könige Philosophen werden, …“!! Jetzt fordert BHL eine volle deutsche Beteiligung in Mali (ebenso wie Daniel Cohn-Bendit im Europaparlament). Was BHL nicht sagt, ist das Wichtigste: Die Libyen-Intervention ist der direkte Auslöser der Situation in Mali: Denn die diversen fundamentalistischen Truppen dort bekamen ihre Waffen aus dem durch die Intervention ausgelösten „Chaos“ in Libyen. BHL muss also B sagen, nachdem er A gesagt hatte; als Philosoph ist er konsequent. Und der kleine Philosoph Nouripour (er hat sein Philosophiestudium abgebrochen, um Politiker zu werden) wird ihm folgen: wetten?

Wie im Roman: dieses Szenario hat das Zeug zum SuperGAU. Was wäre der SuperGAU? Der 3. Weltkrieg des „Westens“ gegen den gesamten „islamischen Krisenhalbmond“ von Marokko bis Afghanistan und darüber hinaus. Sollte Breivik wirklich der einzige gewesen sein, der dieses Ziel ohne Abstriche verfolgt? Aber wenn man den Roman liest, in dem die GAU-Games vorkommen und der erzählt, wie es dazu kommen konnte, dann sieht man: Nicht die Breiviks, einschließlich philosophischer, sind die eigentliche Gefahr, sondern die Szenario-Strategen in den Armeen und Diensten, die meinen, sie könnten ein Teil-Szenario isoliert durchziehen – es sind die ungeplanten „Dominoeffekte“, die die Eskalation in Richtung GAU in Gang setzen

NSU-Skandal: Realsatire und Literarsatire

Dienstag, Oktober 23rd, 2012

Fast täglich melden die Medien neue bizarre Entdeckungen der Untersuchungsausschüsse zum NSU-Skandal. Dadurch nimmt die Transparenz allerdings nicht zu, sondern negativ exponentiell ab. Es bringt also nichts, aus diesen sich häufenden Bizarrerien herausfinden zu wollen, was wirklich geschehen ist, wer mit wem wann interagiert hat usw., wie groß das Netz war, ob es „Sympathisanten“ hatte und wo, wohlmöglich in welchen Büros usw. Denn wo Dienste im Spiel sind, ist das oberste Gebot ihre Vorsilbe: „geheim“. Es gibt für Dienstmänner (und Dienstfrauen!) kein größeres Verbrechen als einen „Bruch der Schweigepflicht“. Denn das würde „Informanten gefährden und künftige Rekrutierungen erschweren“. Dienste bewegen sich also von ihrem Grundprinzip her am Gegenpol der Transparenz – Intransparenz ist ihr Wesen.

Deshalb sind Dienste in der Demokratie ein hölzernes Eisen, und auch von demokratischen Untersuchungsausschüssen derartiger Dienste ist nichts anderes zu erwarten als eine Serie von Realsatiren. Es ist aussichtslos, die tatsächlichen interpersonalen Interaktionsnetze rekonstruieren zu wollen. Solche Hypothesen handeln sich lediglich den Aufheuler „Verschwörungstheorie!!“ ein

Was allerdings möglich ist, ist die satirische Simulation des interpersonalen Netz-Interaktionismus als solchen. Eine derartige literarische Satire liefert ihren Leserinnen schöne Anlässe zum Grinsen und Lachen und dabei gleichzeitig Ahaerlebnisse mittels des Vergleichs zwischen Simulation und der Spitze realer Eisberge wie des NSU. Man lernt die Funktionsweise von Diensten besser begreifen als noch so viele Untersuchungsausschüsse in vielen Jahren (bis sie durch neue Skandale total überholt sind und einfach vergessen werden).

Eine solche satirische Simulation gibt es bereits in einem Kapitel des in diesem Blog schon mehrfach erwähnten ästhetisch-politischen Romans „Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung“ (assoverlag Oberhausen, über den Buchhandel oder Amazon). Es handelt sich um das Kapitel „Zwillingsgeschichte AOK, Simulation von 1975 auf 1988“. AOK steht dabei für „Ausländer-Overkill“, und es geht um eine groteske Eskalation, in der sich Dienste mit Nazinetzen verheddern. Dass diese literarische Simulation sich, wenn auch verspätet, als höchst realistisch erweist, zeigt der Fall NSU. Er zeigt ebenfalls, dass Lächerlichkeit Empörung und Grausen nicht ausschließt.

Wenn die Märkte bei Heidegger Zuflucht suchen

Mittwoch, Januar 18th, 2012

Wem es noch nicht aufgefallen sein sollte: Die allerjüngste Phase der Krise ist dadurch gekennzeichnet, dass die Märkte auf „bad news“ (jedenfalls bis auf weiteres) nicht mehr mit „Nervosität“ reagieren, sonden mit „Gelassenheit“. Hedge Fonds drohen offen damit, Griechenland trotz aller Rekorde an monatlich neuen und härteren „Sparpaketen“ Pleite gehen zu lassen – die Märkte? „Nehmen’s gelassen“ und „sind im Plus“. Frankreich herabgestuft? Die Märkte „bleiben gelassen“ und „legen zu“. ESFS herabgestuft? Die Märkte haben „äußerst gelassen alles längst eingepreist“ und „legen ne kleine Kursrakete aufs Parkett“.

Woher stammt die Gelassenheit? Von Heidegger! Na do staunß? Die „Ge-lassenheit“ ist sogar Heideggers letzte Botschaft an die Zukunft. Nachdem er zunächst das „Ge-stell“ und den „Gegen-stand“, zu deutsch die moderne Naturwissenschaft und die moderne Technik samt der entsprechenden Philosophien (worunter er nebenbei auch die Atombombe und – wie einige behaupten – unausgesprochen auch Auschwitz zusammenfasste) kritisiert hatte, wurde er auf seine allerältesten Tage weise, wie es sich gehört, und empfahl angesichts des „Ge-stells“ die „Ge-lassenheit“. Dieses sein letztes Wortspiel ist folgendermaßen aufzulösen: Das angesichts der Fülle des SEINS so popelige Dasein soll eine Haltung einnehmen, in der es darauf verzichtet, mittels Ge-stellen irgendwas am SEIN „stellen“ (ein-stellen, aus-stellen, an-stellen) zu wollen und statt dessen das SEIN einfach zu „lassen“ (zum Beispiel auch das SEIN in sich selbst einfach zu-zu-lassen, was man in bestimmten lacanistischen Analysen üben kann).

In solch einer Analyse befindet sich, wie Leserinnen der „Vorerinnerung“ („Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee“) wissen, auch der V-Träger (der Verantwortungs-Träger), dessen „Unterbewusstes“ eben seine „Märkte“ sind. Mit Heidegger (was eine Ergänzung des Romans wäre) könnte der V-Träger tatsächlich lernen, die Märkte als sein schicksalhaftes SEIN „einfach in sich zu-zu-lassen“. Also „Ge-lassenheit“ erlangen.

Das ist offenbar nun geschehen: Die Märkte nehmen alles „ge-lassen“ und sagen sich: All die bad news von den Ratingagenturen sind bloße Gegen-stände des Ge-stells. Sie können dem SEIN nichts anhaben: Kaufen!

Geschenkidee last minute: die „Vorerinnerung“ – und sie ist mal wieder brandaktuell

Montag, Dezember 19th, 2011

Zu spät für Geschenke? Keineswegs: es gibt Amazon und auch Buchhandel und Verlag. Also kann man noch (auch für Verwandte und Freunde) die „Vorerinnerung“ („Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee“, von Jürgen Link, assoverlag Oberhausen, 29 Euro 90, siehe auch Internet) ordern.

Wem könnte das eine Freude machen? Allen, die sich seit „Ausbruch“ der Großen Krise 2008ff. ständig fragen, wie wir in diese aktuelle Welt hineingekommen sind, wo der „Kommunismus“ doch seit 1989 „Geschichte ist“ und also der „demokratische Kapitalismus“ (Francis Fukuyama) sein Potential ungestört und frei entfalten kann. Die „Vorerinnerung“ setzt ihren Leserinnen ein paar neue Brillen ein, die die Aktualgeschichte der letzten 50 Jahre anders als üblich sichtbar machen.

Und sie tut das sowohl poetisch wie satirisch. Aktuelles Beispiel die Nazi-Verfassungsschutz-Enthüllungen. Dazu gibt es in der Vorerinnerung die satirische „Zwillingsgeschichte AOK“ – was nicht Allgemeine Orts-Krankenkasse, sondern „Ausländer-Overkill“ bedeutet. Alles, was jetzt ans Licht kommt und gar nicht zum Lachen ist, ist dort so vorerinnert, dass der Biererst, in den unsere Medien die „verantwortungsvolle Arbeit unserer Geheimdienste“ tauchen, sich auflöst. Der erste Schritt ist, dass man über diese Art „Verantwortung“ zu lachen wagt – und der zweite kann dann sein, „R 4“ (wie es in der Vorerinnerung heißt – für „Reich 4“) wirksam zu sabotieren. (Es wird dabei auch klar, dass R 4 nicht einfach eine Neuauflage von R 3 sein kann – eher schon von R 2.)

Die Vorerinnerung erinnert: Dienste sind immer undemokratisch – nicht nur im Osten, sondern genauso im Westen – also können Dienste niemals der Demokratie „dienen“ – immer aber einem der vielen Embryos künftiger Diktaturen.

Wäre das nicht eine last minute Geschenkidee?