Posts Tagged ‘Normalismus’

Neues Heft der Zeitschrift “kultuRRevolution” erschienen.

Donnerstag, Juli 3rd, 2014

Für Leser dieses Blog dürfte das neue Heft 66/67 der Zeitschrift “Kulturrevolution” besonders interessant sein: Schwerpunkt “Krisenlabor Griechenland” und außerdem Beiträge zur Kultur- und Medienkritik.

krr-heft66-67

Aus dem Inhalt: Margarita Tsomou: Das Versuchskaninchen baut am eigenen Labor…! Zum Aufschwung solidarischer Ökonomien als Exoduspraktiken im Griechenland der Krise. • Jacques Rancière: Die Gegenwart denken. • Gregor Kritidis: Eingeschränkte Demokratie. Zur Etablierung des postdemokratischen Maßnahmestaats in Griechenland. • Karl Heinz Roth: Die griechische Tragödie und die Krise Europas. Egalitarian Europe Working Paper No. 20.01-2013 (December 2013). • Christos Zisis: Political /Socially- engaged/ interfering art in Greece during the years of the economic crisis. • Alain Badiou: Die demokratische Nichtexistenz. • Jürgen Link: Den »Archipelagus« lesen, oder: Wie konkret ist Hölderlins Utopie einer »griechischen« As-Sociation? – gefolgt von: Mit Zeltstädten und direkter Demokratie zu einem polyeurhythmischen Ausweg aus der griechischen Krise? • Helmut Schareika: Rigas Velestinlís, der griechische Aufstand 1821 ff. und die aktuelle Krise Griechenlands. • Rolf Parr: Griechenland: Symbolisches und reales Experiment.

Der Griechenland-Schwerpunkt verbindet aktuelles Engagement mit historischer Fundierung so-wie Beiträge auch junger GriechInnen über widerständige Initiativen (Margarita Tsomou über selbstverwaltete Produktion und Distribution; Christos Zisis über kulturrevolutionäre Interventionen) mit Athener Vorträgen bekannter Philosophen wie Jacques Rancière und Alain Badiou, in denen Krise und Widerstand aktualhistorisch reflektiert werden. Wenn Neugriechenland im Allgemeinen erst mit dem Befreiungskrieg der 1820er Jahre angesetzt wird, so ist diese Auffassung zu korrigieren: Es beginnt wie jede Moderne um 1800, was Helmut Schareika am Beispiel von Rigas Velestinlis (Ferräos) darstellt. Parallel dazu gilt es, wie Jürgen Link frühere Beiträge fortsetzt, Hölderlin als Dichter auch Neugriechenlands zu entdecken. Wenn das deutsch-griechische »Liebesverhältnis« in der Krise eher Züge von »Hassliebe« zeigt, so ist die Ambivalenz also alt – beruht aber in erster Linie auf der Verdrängung der fürchterlichen Vergewaltigung unter der Besatzung durch die Wehrmacht (Karl Heinz Roth). – Dass die Versuche, Krisen still zu stellen, sie zu normalisieren, als so etwas wie soziale Experimente im ›Freilandlabor‹ verstanden werden können, zeigt Rolf Parr am ›Experiment Griechenland‹. Deutlich wird, dass das man es dabei mit real durchgeführten sozial-ökonomischen Experimenten zu tun hat, die medio-politisch im Rückgriff auf die positiven Konnotationen von naturwissenschaftlichen Experimenten und ihrem methodischen Setting verhandelt werden. Genau an diesem Punkt müssen daher diskurstaktische Interventionen ansetzen.

kultuRRevolution. zeitschrift für angewandte diskurstheorie ist erhältlich über den Klartext-Verlag, Heßlerstraße 37, 45329 Essen, www.klartext-verlag.de. • Das Einzelheft kostet 10,00 €; das Doppelheft 20,00 €; Abonnement 17,00 € im Jahr (2 Hefte).

Athens “triumphale Rückkehr auf die Märkte” bereits am 2. Tag ein Flop: also ein simpler Spekulationsskandal (“Blase”).

Freitag, April 11th, 2014

Während Angela Merkel noch von Samaras und Venizelos mit Komplimenten überschüttet wird, also noch vor ihrem Rückflug, erweist sich das Gastgeschenk, die symbolische “Überwindung der Krise” mittels “Rückkehr auf die Märkte”, schon als realexistierende hundsgewöhnliche Spekulationsblase! Wie das “Handelsblatt” meldet, legte die griechische Wunderanleihe binnen zwei Tagen die folgende Kurve hin: Während sie am Tag vor ihrem Börsengang mit etwa 6 Prozent Rendite angekündigt wurde, erzielte sie zuerst eine Rendite unter 5 Prozent, was bei Venizelos eine Art Orgasmus auslöste. (Die Umlaufrendite bewegt sich umgekehrt wie der Börsenwert der Anleihen – hohe Nachfrage senkt, hohes Angebot erhöht sie.) Kurz danach stieg die Rendite aber schon auf 5,13 und dann heute (11.4.) schnell auf 5,858 und schließlich auf 6,333 Prozent. Diese Kurve heißt im Klartext: Zuerst kauften Hedge Fonds und andere Spekulanten auf Teufel komm raus, um die Rendite zu drücken (Venizelos kapierte nicht, was los war und sah schon noch niedrigere Renditen voraus, um wieder noch größere Schulden zu machen wie vor der Krise) – das diente aber nur dazu, einen kurzfristigen Reibach zu machen: Sofort nach der “Talsohle” der Kurve schmissen die Fonds die gerade gekauften Wunderanleihen wieder auf den Markt – und in Kürze stieg die Rendite wieder auf über 6 Prozent (6 Prozent gilt als Normalitätsgrenze) – anders gesagt: Binnen eines Tages verwandelte sich die Wunderanleihe wieder in eine Ramschanleihe!

Das “Gastgeschenk” für Angela war also eine Blase und ein Ramsch.

Aber: Auch das ist symbolisch! So wie der “Erfolg” das “Ende der Krise” symbolisieren sollte, so symbolisiert das schnelle Platzen der Blase nun den Rückfall in die Krise. Statt Normalisierung heißt das Symbol jetzt Denormalisierung. Wenn es erst so aussah, als stehe der Baltakos-Skandal im Widerspruch zur Anleihe, so reichen sich jetzt zwei Skandale die Hand.

Oben im Mediensalon als Gastgeschenk für Angela eine Hochzinsanleihe: Symbol der “Normalisierung” – unten im Keller der totgeschwiegene Baltakos-Skandal

Donnerstag, April 10th, 2014

Selbst ein Großteil jener Medien, die den Baltakos-Skandal (die “rechte Hand” von Samaras ein Kumpel der Neonazis! vgl. die vorigen Posts) verharmlost oder wie in Deutschland gleich ganz totgeschwiegen haben, äußern dicke Zweifel am Sinn von Griechenlands angeblich “triumphaler Rückkehr auf die Märkte”. Während die Zinsen global weiter im “Krisenmodus” von den Notenbanken nahe Null gehalten werden, verschuldet sich ausgerechnet Athen zu circa 5 Prozent, und PASOK-Chef Venizelos schwärmt: “Die Märkte haben Griechenland gewählt!” (Symptom für sein Demokratieverständnis: die entscheidenden Wähler sind “Märkte”, nicht länger “Menschen”).

Diese Märkte sind konkret großenteils Hedge Fonds, alias Heuschrecken, die das Geschäft ihres Lebens auf Kosten der griechischen Steuerzahler einsacken: Das Budgetdefizit, eine der Schlüsselzahlen der ganzen Krise, wächst durch dieses Manöver zusätzlich, und zwar erheblich!

Also was soll das, fragen sich selbst die deutschen Totschweigemedien – und natürlich glaubt niemand den “guten Griechen” Samaras, Venizelos und Stournaras, dass es reiner Zufall sei, wenn dieser “historische Schritt” haargenau einen Tag vor dem Athenbesuch Angela Merkels erfolgte. Klar, dass es also als Geschenk an die deutsche Kanzlerin gedacht ist – aber wieso eigentlich, wenn es doch die Hedge Fonds sind, die das Geschenk erstmal einsacken?

Da erweist sich die große Bedeutung von “Psychologie der Märkte” und von Symbolik im Turbokapitalismus: Seit Jahren dient Griechenland als Symbol schlechthin für die Krise, und sein “Ausschluss aus den Märkten” ist eines der Hauptsymbole in diesem Symbol. Das Schlusslicht symbolisiert also die Gesamtlage der Krise. Diese globale Krise des Kapitalismus ist etwas völlig Neues und Erstmaliges in der Weltgeschichte: Noch nie wurden derartig gigantische Mengen, wahre Tsunamis aus Zigbillionen, von neu geschaffener Liquidität zu quasi Nullzins von den Notenbanken Jahr für Jahr (seit 2008) in die Märkte gekippt. Niemand weiß wirklich, was die Folgen sein werden. Skeptische kapitalistische Ökonomen sprechen von einem “Blindflug der Weltwirtschaft ins Ungewisse”. Damit hängt es zusammen, dass niemand wirklich weiß, ob, wo und seit wann die Krise wirklich zuende war oder ist – ob, wo und seit wann die berühmte “Normalisierung” erreicht wurde oder wird.

Und in diesem Kontext erweist sich der Sinn des Athener Gastgeschenks an Merkel: Die “Rückkehr auf die Märkte”, wie teuer immer erkauft und wie übel immer für die Mehrheit der Griechen, soll symbolisch wie folgt gelesen werden: Selbst das Schlusslicht ist wieder normal: hurrah! Wenn selbst das Schlusslicht wieder normal ist, dann ist die Krise endgültig, definitiv und ein für allemal “abgehakt” – und das beweist, dass die sogenannte “Merkel-Strategie”, die der Troika-Strategie zugrunde liegt, ein voller Erfolg ist! “Griechenland” dankt Frau Merkel!

So sieht es oben im Mediensalon aus. Aber darunter rumort ein anderer Tsunami: einer von Leichen im Keller. Wie in diesem Blog mehrfach erläutert, gilt die griechische “Normalisierung” eben nur für die internationalen Finanzmärkte (und selbst die sind teilweise weiter skeptisch, wie erwähnt) – für die griechische Bevölkerung bedeutet diese “Normalisierung” die Herabstufung in eine niedrigere Normalitätsklasse auf Dauer (grob gesagt, Wegfall von “Ver-Sicherungen” im engen und weiten Sinne; Niedriglöhne auf Dauer, hohe Arbeitslosigkeit auf Dauer, Verelendung auf Dauer). Und dazu kommen, wie der Baltakos-Skandal erweist, starke Tendenzen der griechischen Politik in Richtung Notstandsdiktatur – sogar unter Einbeziehung astreiner Neonazis. (Aber die Bruderpartei von Chrisí Avgí, Swoboda, ist Teil der neuen ukrainischen Regierung – der Partnerregierung von Angela Merkel.)

Kann man glauben, dass Angela nicht weiß, was da alles im Keller unter dem Athener Mediensalon rumort? Dass aber die deutschen Medien den Keller ignorieren, zeigt einen Grad an “Verantwortung”, den selbst unsereins nicht für möglich gehalten hätte.

(krisenlabor/.gr) Samaras: “wieder ein normales Land” – Barroso: “Griechenland ist auf den letzten Metern des Marathons”

Donnerstag, Dezember 5th, 2013

Wenn man diese Schlagzeilen liest, fragt man sich, auf welche Welt und auf welches Griechenland sie sich beziehen. Ich übersetze im folgenden Teile eines Kommentars zu Samaras in der Zeitung von Syriza (I Avgí) vom 4.12.2013. Darin wird die “Normalität” von Samaras zu Recht ironisiert. Aber wenn Barroso als Mundstück “der Märkte” den “Marathon” tatsächlich beendet sieht, muss er ja irgendein Stück Realität im Auge haben. Erklärlich werden solche Äußerungen, wenn sie im Rahmen der in diesem Blog benutzten Normalismustheorie und besonders der Theorie der “Normalitätsklassen” gelesen werden: “Normalisierung” Griechenlands heißt für die internationalen “Märkte” in dieser Perspektive ja nur: Der griechische Staat zahlt wieder “normal” Zinsen und Tilgungen für seine Schulden an die internationalen Banken und verlängert seine Schulden “normal” bzw. nimmt “normal” neue Kredite auf “den Märkten” auf. Obwohl auch das sehr unwahrscheinlich ist, posaunen Samaras, Barroso & Co. ein solches “Ende des Marathons” reklamemäßig aus, um die “psychologischen” Bedingungen dafür zu verstärken. Das Entscheidende dabei ist: Die Denormalisierung der Bevölkerung ist “kein Thema” dabei: “Normalität” mit fast 30% Arbeitslosigkeit, 60% Jugendarbeitslosigkeit, 30% aus den sozialen Netzen Gefallener usw.  Unter welcher Bedingung kann so etwas “normal” sein? Allerdings unter einer Bedingung: der einer 3. Normalitätsklasse (statt der vorherigen 2.). Das ist in diesem Blog mehrfach erläutert worden.

Es kann genau nachgelesen werden in J.L., “Normale Krisen? Normalismus und die Krise der Gegenwart. (Mit einem Blick auf Thilo Sarrazin)”, Konstanz University Press, 19,90 €.

Mögliches Geschenk! (ebenso wie: J.L., “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung”, assoverlag Oberhausen, 29.90 €. – Darin wird poetisch und satirisch erzählt, wie es von 1968 zur heutigen Krise kam.)

Nun aber der Kommentar der “Avgí”:

“Normales Land?

Schon an Hybris grenzt der Triumphalismus von Samaras, dass “Griechenland ein normaler Staat wird”, weil es dieses Jahr einen “selbst erwirtschafteten Haushaltsüberschuss” erzielt habe. Natürlich war es ihm nicht der Mühe wert zu erklären, wie das Land “normal” werden kann, wenn für einen jährlichen “selbst erwirtschafteten Überschuss” von 4,3% des BIP ein jährliches Wachstum von 4,5% erfordert wird. Dabei gehen selbst die für die Regierung optimistischsten Prognosen von plus minus Null aus.

“Das Land wird normal” mit einer Arbeitslosigkeit von 28%, die also nach Samaras gar nicht so groß ist, mit 2,7 Millionen unter der Armutsgrenze, mit 28% vom Zugang zum Gesundheitssystem Ausgeschlossener, mit einzelnen Menschen, die an Kohlengasvergiftung sterben, während Tausende andere bis zu Eisklumpen frieren müssen. “Das Land wird normal”: in der Tat! Wie es der Zufall wird, hat die OECD gestern gerade mitgeteilt, dass Griechenland 20 Plätze im Ranking der Bildung abgesackt ist. Genau wie bei der Gesundheit rutscht Griechenland unbemerkt raus aus dem europäischen Rahmen. Und Samaras schlägt die Privatisierung der Institutionen der Gesundheit und der Bildung, also die Verwandlung kollektiver Rechte in Waren, vor. Gesundheit und Bildung als Privileg für die Besitzenden. […]”
“normal” ´lautet griechisch “physiologikós” – das erklärt sich aus der Geschichte des Normalismus: im 19. Jahrhundert gab es zwei Branchen der Medizin und besonders auch der Psychiatrie: “anormal” (“abnorm”) und “physiologisch” im Sinne von “normal”. Weil dieses Wort griechischen Ursprungs ist, haben die Griechen es bis heute beibehalten, obwohl langsam auch “normál” benutzt wird.
Gerade auch international ist es wichtig, die normalistischen Komponenten der Krise zu berücksichtigen: Denn tatsächlich werden unsere Medien künftig (wie jetzt schon Samaras und Barroso) bloß noch die für die internationalen “Märkte” relevanten Daten in Schlagzeilen umwandeln: “Haushaltsüberschuss”, “Exportwachstum”, “erfolgreich Geld am Markt eingesammelt” pipapo – egal wie es der Bevölkerung geht. Der anhaltende Widerstand wird dann als “Frechheit” dargestellt werden – denn ein Land der 3. Normalitätsklasse hat sich mit Arbeits – und Versicherungslosigkeit gefälligst abzufinden. Weshalb es so wichtig ist, die Troika-Strategie in Griechenland als Herabstufung um eine Normalitätsklasse zu begreifen.

Nur Mut, Sarrazin! Es muss doch an den Ex-DDR-Genen liegen!

Montag, Oktober 14th, 2013

Erstens: Der Ländervergleich des Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) ergab ein klares Ergebnis: Die Schülerinnen in der Ex-DDR sind im Rechnen und Schreiben eindeutig besser als die in den “alten Ländern”.

Zweitens: Das wird allgemein, sogar von der FAZ, auf die in der DDR für diese Fächer besser ausgebildeten Lehrerinnen zurückgeführt. Heike Schmoll (FAZ, 12.10.2013): “Die hervorragenden Ergebnisse der Schüler beruhen auf den in der DDR geschulten Lehrern.”

Drittens: Die Tests des IQB sind eindeutig “hoch korreliert” mit einem IQ-Test (bei dem es hauptsächlich genau um diese Kompetenzen geht).

Viertens: Damit scheint sogar sogenannt konservativen Beobachtern evident zu sein, dass nicht Gene, sondern Lernen dominant über IQ-Resultate entscheiden.

Fünftens: Damit ist Thilo Sarrazin herausgefordert. Er ist sich ja sicher, dass 80 Prozent der “Intelligenz” (vornehmlich in Rechnen und Schreiben) aus Genen stammt, und dass “die beste Schule ein dummes Kind nicht klug macht”. Wir warten nun auf seine Erklärung.

Sechstens: Gerade die DDR war ja für Sarrazin, wobei er sich auf die “Resultate” des DDR-IQ-Forschers Volkmar Weiss (“Die IQ-Falle”) stützte, der angebliche Beweis für die Erblichkeit von Intelligenz. Nach dem Dreisatz: 1. In der DDR waren sozial alle gleich. 2. Trotzdem wurden IQ-Unterschiede gemessen. 3. Ergo stammt Intelligenz aus den Genen.

Siebtens: Was also nun, Sarrazin?

Achtens: Er wird die Antwort finden! Tatsächlich ist es ja so, dass die Bevölkerung östlich der Elbe im frühen Mittelalter, vor der “Ostkolonisation” durch deutsche Ostwanderer, fast ganz slawisch war (Überreste heute noch die Sorben). Es muss also an slawischen Genen liegen. (Sehr plausibel: Man denke nur daran, wie gut Russen im Schach sind!)

(Die wissenschaftlichen Quellen Sarrazins, einschließlich des kuriosen Volkmar Weiss, sind genau analysiert in: J.L., Normale Krisen? Normalismus und die Krise der Gegenwart. Mit einem Blick auf Thilo Sarrazin, Konstanz University Press (19,90 Euro).

Der faschistische Fememord am Rapper Pavlos Fissas, und was er mit dem normalistischen Kollektivsymbol “Rechts-Links-Mitte-2 symmetrische Extreme” zu tun hat.

Samstag, September 21st, 2013

Sie marschieren seit 2 Jahren in Uniform und mit Quasi-Hakenkreuzfahnen, bewaffnet mit “Fahnenstöcken” und Schilden durch griechische Städte. Sie maßen sich Polizeifunktionen an, “kontrollieren die Papiere” von Flüchtlingen und Einwanderern und schlagen deren Verkaufsstände zusammen. Sie verteilen Gratis-Lebensmittel und Kleidung an die durch die Troikapolitik verarmten Arbeitslosen und Rentner – “nur für Griechen” (mit “Kontrollen”). Sie sind nach Führerprinzip aufgebaut und haben ihren jeweiligen “Führern” (bis zum obersten Führer Michaloliakos) blinden Gehorsam geschworen. Um “befördert” zu werden, müssen sie “Mutproben” ablegen – in der Regel tätliche Angriffe gegen “Fremde”, bis hin zu Morden. Ihre “Fememorde” nach dem Vorbild der deutschen faschistischen Freikorps und der SA und SS in der Weimarer Zeit sind “Dunkelziffern”, sollen sich aber auf etwa 30 belaufen. Sie sind die sich offen zu großen faschistischen Vorbildern bis hin zum GröFaZ (“Größten Führer aller Zeiten”) und zum Rassismus bekennenden Paramilitärs der X.A. (Chi Alpha, die griechische Abkürzung für Xrisí Avgí = goldenen Morgenröte). Sie nennen ihre “Kampftruppen” selber “tágmata ephódou”, wortlich = “Sturm-Abteilungen”, deutsch abzukürzen S.A. Sie sind also ganz zweifelsfrei und ganz offen und ehrlich Faschisten (zu “fascio di combattimento” = paramilitärischer, antisozialistischer Männer-Kampfbund, Männer-Notbund, deutsch Freikorps).

Jetzt sind sie einen Schritt weitergegangen und haben den “echt griechischen” antifaschistischen Rapper Pavlos Fissas genauso kaltblütig “hingerichtet” wie zuvor “nur” Flüchtlinge und (formelle oder uniformelle) Einwanderer. Nun ist die regierende Große Koalition mit ihren privaten Medien (die öffentliche ERT hat die Regierung ja kurzerhand aufgelöst) in die Bredouille geraten. Eilig verurteilt sie “die rechtsextreme Gewalt” und eilig entzieht sie den Parlamentsabgeordneten der X.A. den Polizeischutz. (Dabei erfahren wir, dass diese Abgeordneten, die sogar einmal mit Pistolen auftraten und die regelmäßig rassistische Hetzreden halten, bisher unter Polizeischutz standen, um sie vor “linksextremen” Angriffen zu schützen.) Wir erfahren weiter, dass die Staatsanwälte auf Basis der “Dunkelziffern” bisher ganze 17 Voruntersuchungen wegen der Fememorde und sonstigen Angriffe gegen Flüchtlinge und Einwanderer eingeleitet haben, von denen keine einzige zu einer Anklage, geschweige denn zu einer Verurteilung führte. Weimar lässt grüßen.

Nun fragen sich auch Nicht-“Linksradikale” in Griechenland und international, wie es denn möglich war, dass die X.A. sich zu einem “Tiefen-Staat” entwickeln konnte – unter den Augen des “Oberflächen-Staats”. Dabei erinnert man sich nun auch, dass (nach “Dunkelziffern”) etwa jeder 2. Polizist X.A. gewählt haben soll, und dass regelrechte Personalunionen zwischen X.A. und MAT (Anti-Demonstrations-Spezialpolizei) bestehen dürften. Und man erinnert sich an die fast wöchentlichen Großrazzien des Innenministers Dendias gegen informelle Einwanderer, die in KZ-ähnliche Lager gesteckt werden – wobei diese “Operationen” den schönen Namen “Xenios Zeus” tragen (der “gastfreundliche Zeus”: das ist echt faschistoider Zynismus). Genauso wie in Deutschland nach der Wiedervereinigung wurden also die “Aktionen” der Faschisten von manchen Staatsbeamten klammheimlich als willkommener “Flankenschutz” für die eigene rassistische Politik begrüßt.

Und woher hat die X.A. ihr Geld?

Und welche Rolle spielen Dienste? (Diese Rolle ist definitionsgemäß geheim, aber man kann sie nach Maßgabe der Dienste-Rolle im Fall NSU simulieren: vermutlich auch “Pannenserie”.)

Aber es gibt noch einen anderen äußerst wichtigen Grund für die Tatsache, dass sich die griechischen Neofaschisten so sicher fühlen konnten: Es ist die normalistische Kollektivsymbolik vom symmetrischen Parteienspektrum Rechts/Links/Mitte/Extreme. Diese Symbolik heißt in Griechenland die “Theorie der 2 Extreme” (theoría ton dyo ákron), und wird mit besonderem Fanatismus von der sozialdemokratischen Pasok, dem “Juniorpartner” in der Großen Koalition, vertreten. Danach sind X.A. und das Linksbündnis Syriza symmetrisch und “vom Wesen her gleich”. Beide sind angeblich “für Gewalt” und bei beiden sind angeblich “die Grenzen zum Terrorismus verwischt”. Noch kurz vor dem Mord an Pavlos Fissas erklärte das (ungeheuer dicke) Pasok-“Schwergewicht” Pangalos, bekannt für seinen Spruch: “Wir alle zusammen haben es [d.h. das Über-die Verhältnisse-Leben] aufgefressen”: “Syriza ist eine terroristische Partei”.

Da aber Syriza, zweitstärkste Partei und Volkspartei nach allen einschlägigen Kriterien, selbstverständlich nicht verboten werden kann (das hieße Bürgerkrieg), konnten sich die Faschisten der X.A. sicher wie in Abrahams Schoß fühlen: Sie wurden ja von den hegemonialen Parteien und Medien als “rechte Syriza” symbolisiert – und wenn die eine nicht verboten werden kann, dann die andere auch nicht. So einfach funktioniert das Kollektivsymbol vom “normalen Parteienspektrum”.

(Auch dieses Kollektivsymbol wurde aus Deutschland geliefert – so wie Führerprinzip, Sturm-Abteilung und Fememord.)

Aber jetzt wackelt das alles in Griechenland. Jetzt kann es sogar kippen.

Der USA/NSA-Komplex (incl. BND) mit Foucault und Carl Schmitt

Sonntag, August 11th, 2013

Für Foucault-Leserinnen war es stets evident, dass die Internet-Kontrolle staatlicher Apparate das benthamsche Panopticum-Modell in gigantischem, wirklich alle Individuen der Gesellschaft erfassendem Maßstab realisieren könnte. Seit Snowden ist das nun empirisch verifiziert. Während es sich bei Bentham um ein bloßes Modell handelte, das zudem auf Gefängnisse beschränkt war, befinden sich nun alle Milliarden Individuen genau in der modellhaften Situation: Sie müssen sich ständig vom panoptischen Auge beobachtet fühlen, und es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als ihr Verhalten danach einzurichten. Konkret müssen sie z.B. erwägen, da sie das Rasterfahndungsprinzip kennen, ob sie in ihren e-mails ggf. “verdächtige” Reizwörter lieber weglassen sollen (wie – konkreter Fall – das Reizwort “Hochdruckdampftopf” – bzw. eben sicher auch die Reizwörter “Panopticum” und “Foucault”). Daraus ergibt sich die Frage, warum dennoch die übergroße Mehrheit der Individuen sich “darüber keinen Kopf macht” (und sich auch nicht an Widerstandsinitiativen beteiligt): Dazu unten.

Punkt zwei Carl Schmitt. Das geheimdienstliche Panopticum wird verschieden bezeichnet: als “deep state” (“Tiefenstaat”), als “nationaler Sicherheits-Staat”, als “Überwachungs- oder Kontrollstaat”, als “schleichender Staatsstreich” (“creeping coup d’état”), oder auch als “Postdemokratie”. Wie auch immer: Es entspricht genau dem Modell des Theoretikers und Sympathisanten moderner Notstandsdiktaturen (einschließlich faschistischer) Carl Schmitt: Souverän ist der faktische, nicht der formalpolitische, Herr über den Ausnahmezustand bzw. Notstand bzw. Zustand der politischen Anormalität. Und der tiefste Boden dieses souveränen Tiefenstaates sei der Kriegszustand mit seiner Entfesselung der Apparate des staatlichen Gewaltmonopols. Als hätte das Team des jüngeren Bush diese Theorie gekannt, erklärte es zuerst einen räumlich und zeitlich unbegrenzten fiktiven “Krieg”, den “War on Terror” (statt einer juristisch-polizeilichen Verfolgung von Kriminellen). Auf der Basis dieses “Krieges” erfolgte dann die Ermächtigung des “Tiefenstaates” bis hin zu Geheimgerichten und außerjuristischen Drohnenkillungen en masse. Dass dieser “Tiefenstaat” der Besitzer der Souveränität ist, ist seit dem Ereignis Snowden für die gesamte Bevölkerung empirisch verifiziert (auch vorher wussten es bereits kulturrevolutionäre Denker wie Giorgio Agamben, der – ähnlich wie sein Vorgänger Walter Benjamin – das Souveränitätsmodell von Carl Schmitt begriffen hatte).

Nun also zurück zur Frage, warum “wir” (die übergroße Mehrheit) dennoch normal weiterleben. Weil wir davon ausgehen können, dass die Normalität unseres Alltags vom Tiefenstaat unbehelligt bleibt. Carl Schmitt hatte auch klar gesehen, dass jedwede politische Normalität allererst von der Souveränität gesetzt werden kann. Und der augenblickliche Tiefenstaat setzt weiter (auf) die bisherige politische Normalität, die wiederum auch die bisherige kulturelle Normalität, den flexiblen Normalismus, garantiert. Selbst wenn irgendein BND- oder Verfassungsschutz- oder MAD-Agent (oder der einer der vielen US-Dienste) kurz mal e-mails mit “Foucault” durchcheckt, wird das – können wir annehmen – im elektronischen Papierkorb landen. Anders ist es natürlich, wenn wir mit einem arabischen Land e-mails austauschen oder telefonieren – dann ist das Reizwort “Foucault” womöglich ein zusätzlicher “Minuspunkt” und kann zu stundenlangen Verhören auf amerikanischen Flughäfen führen. Tendentiell behelligt der Tiefenstaat also doch auch “schleichend” die Normalität. Man müsste analysieren, welche Praktiken-Diskurse von dieser besonderen Denormalisierung erfasst werden, und ob der flexible Normalismus auch in den  kulturellen Praktiken-Diskursen (Medienwelt, “Freizeit”, Erotik usw.) “angesteckt” werden könnte. Wenn man als paradigmatisch die sexuellen Minderheiten nimmt, so ist ihre flexible Normalisierung scheinbar weiter auf dem Vormarsch (gestern zeigte die Tagesschau die erste schwule “weiße”, kirchliche Hochzeit) – aber was bedeutet die Speicherung aller ihrer Kontakte im Fall einer ernsthaften “postdemokratischen” Entwicklung?

Das wirft die Frage nach dem diskursiven Ereignis “Obama-Snowden” auf: Dieses Ereignis hat sich nun als “aggressive” Bekräftigung des Tiefenstaates einer Ermächtigung der Dienstediktatur (Souveränität) entpuppt. Deshalb müssen Snowden und Assange wie Manning unbedingt verknastet werden und bleibt das ganze System “War on Terror” räumlich und zeitlich unbegrenzt und wahrhaft souverän in Kraft. Man kann sich wirklich fragen wieso. Es bleibt teilweise ein Rätsel: Warum zeigen die Obama-USA der Welt (und darunter auch den “kleinen” Weltmächten wie Deutschland) derartig unmissverständlich, wer Koch und wer Kellner ist? Es dürfte mit der zunehmenden Militarisierung der großen Denormalisierungskrise seit 2007 zusammenhängen.

Michael Jäger im “Freitag” zum neuen Normalismus-Buch und zur kultuRRevolution

Mittwoch, Juli 24th, 2013

Treffend-poetisch bringt Michael Jäger die Funktion der “kulturrevolution. zeitschrift für angewandte diskurstheorie” (Klartext Verlag Essen) als einer Zeitschrift “mit sowohl wissenschaftlichem als auch theoretischem Anspruch” auf den Punkt, “die in beiden Flussbetten gegen den Strom schwimmt und genau weiß, was sie will.” Er nimmt den Foucault-Schwerpunkt des aktuellen Heftes 64 zum Anlass, um das in 30 Jahren des Bestehens realisierte Profil mit seinen theoretischen wie politischen Originalen “Interdiskurs”, “Kollektivsymbolik” und “Normalismus” in Erinnerung zu rufen und seine Tauglichkeit für die Zukunft zu betonen (“Freitag” vom 18. Juli 2013, siehe hier unten den Text).

Bereits in einem Beitrag “Ist das ‘noch’ normal?” vom 22. Juni hatte er auch die Neuerscheinung “Normale Krisen? Normalismus und die Krise der Gegenwart” mit einem Blick auf Thilo Sarrazin” (Konstanz University Press, 19,90 Euro) besprochen und dabei einige Potentiale des Normalismus-Konzepts für eine kultursoziologische Analyse aktueller Gesellschaften westlichen Typs (wie den Unterschied zwischen Normativität und Normalität und seine Funktion oder die Integrationsfunktion zwischen Teilsystemen) sehr transparent dargestellt. Auch der Zusammenhang mit der Krise wird am Beispiel der Herabstufung Griechenlands um eine Normalitätsklasse erörtert.

Ulrich Beck im Interview zu Prism (was fehlt)

Samstag, Juli 20th, 2013

In einem Interview mit der FAZ (“Digitaler Weltstaat oder digitaler Humanismus?” 20.7.2013) gab Ulrich Beck als Soziologe der “Risikogesellschaft” eine Einschätzung der digitalen “Risiken”, die durch die Enthüllung von Prism öffentlich bekannt geworden seien. Analog zu Tschernobyl und Fukushima sah er auch hier das Risiko einer “Katastrophe” – mit dem Unterschied, dass die Katastrophe (ein “digitaler Weltstaat […], der sich von allen Kontrollen emanzipiert hat”, also ein ‘digitaler Welt-Kontrollstaat’) bereits eingetreten, aber bis zu Snowden nicht wahrgenommen worden sei. Snowdens Enthüllungen eröffneten nun aber die Chance zum Widerstand – er müsse in Richtung der Durchsetzung eines “Grundrechts auf Datenschutz und digitale Freiheit” als eines “globalen Menschenrechts” gehen. Dazu könnte eine “Whistleblower-Gewerkschaft” beitragen.

Auf Nachfrage der FAZ, ob es nicht eventuell “eine Nummer kleiner” gehe, verneinte Beck emphatisch. Nun ist es mit globalen Menschenrechten bekanntlich so eine Sache. Das fundamentalste aller globalen Menschenrechte, das Recht auf Leben, wird im “War on Terror” in Afghanistan und anderswo tausendfach gebrochen  (US-offiziös bisher 4700 durch Drohnen “gezielt Getötete”, davon etwa 2 Prozent ernsthaft Terrorverdächtige), und zwar u.a. mithilfe von Prism (wobei die Bundesregierung bekanntlich behauptet, das militärische Prism, mit dem auch die Bundeswehr seit Jahren “arbeitet”, sei ein ganz anderes als das zivile Prism).

Irgendetwas scheint bei Beck zu fehlen. Das Defizit ist aber die Folge einer scheinradikalen Übertreibung: Wo bitte lebt jener “digitale Welt-Kontrollstaat”, der angeblich Prism einsetze? Er ist empirisch nicht bekannt – genauso wenig wie das berühmte supranationale “Empire”. Prism gehört keinem supranationalen Kontroll-Empire, sondern einem einigermaßen bekannten Nationalstaat namens USA. Auch Google und Facebook sind keine supranationalen Multis, sondern US-amerikanische Großkonzerne, die daher mit dem Nationalstaat namens USA aufs engste verflochten sind.
Wenn die Supermacht die neue Weltmacht Nr. 2 vorführt
Deutschland, als Europas Hegemonialmacht durch die Krise in die Position einer Weltmacht Nr. 2 katapultiert, führt in Sachen Prism einen im In- und Ausland verspotteten lächerlichen Eiertanz auf. Und die USA lassen ihren Juniorpartner zappeln, ja führen ihn regelrecht vor. Klar ist, dass die Bundeswehr bei ihren Weltjuntaeinsätzen seit Jahren mit Prism arbeitet, also auch der MAD und ebenso der BND. Alles logisch, da Deutschland sich ja führend am “War on Terror” beteiligt, möglichst rasch eigene Killdrohnen beschaffen will und genauso wie die USA auf “neue Kriege” mit Dienste-Führung setzt. Bevor daher nicht wenigstens die UNO-Ermächtigung zum “War on Terror” beendet wird, sind globale Menschenrechte leider nur Träume.
Warum kein Widerstand?
Beck begründet den eigenartigen Umstand, dass es keinen massiven Widerstand gegen die mit dem War on Terror begründete globale digitale Rasterfahndung gibt (Symptome sind auch der Absturz der Piraten und der Grillini), mit der mangelnden Wahrnehmung: “Die Verletzung der Freiheit schmerzt nicht, man spürt sie nicht, man erlebt keine Krankheit, keine Überflutung, keine Chancenlosigkeit am Arbeitsmarkt.” Anders gesagt: Die Normalität ist nicht gestört (wie bei Fukushima usw.), es gibt keine Denormalisierung.
Es fehlt der Normalismus: Es handelt sich um einen Kopplungsfall zwischen Normalismus, Kapitalismus und Militär/Politik.
Offenbar würde ein massenhafter Alarm eine massenhaft wahrgenommene Denormalisierung voraussetzen. Erst dann würden sich Massen “betroffen” fühlen. Als klärendes Beispiel bietet sich aus naheliegenden Gründen die Emanzipation der sexuellen Minderheiten an: Wie wir jetzt wissen, hat Prism virtuell alle Kommunikationen von schwulen und lesbischen Personen auf dem Globus gespeichert. Das scheint nicht wirklich bedrohlich zu sein, da die kulturelle Inklusion der Betroffenen in das flexible Normalspektrum ja gleichzeitig nicht nur nicht gefährdet, sondern sogar vergrößert zu werden scheint. Analog ist es mit anderen früher als “anormal” betrachteten Minderheiten wie Behinderten, ethnischen Minoritäten, Einwanderern usw. Diese Stabilität des flexiblem Normalismus liegt der Sprechblase zugrunde, “wer sich nichts hat zu Schulden kommen lassen”, müsse nichts befürchten. Es gehe eben nur um Leute, die “irgendwie mit dem Terror zusammenhängen”, das seien weniger als 0,1 Prozent.
Das Risiko konkretisieren!
Strukturell ist Prism eine enorme Multiplikation des Prinzips der Rasterfahndung. Strukturell ist es nicht wirklich neu: Wir erinnern uns, dass Berliner Dienste vor einigen Jahren bereits im  Internet nach Stichwörtern wie “Gentrifizierung” fahndeten. Zum einen besteht ein konkretes Risiko also darin, dass Dienste “Vorfelder” erfassen möchten und dadurch ihre Verdächtigungen tatsächlich ins Normalspektrum hinein ausdehnen. Zum anderen sieht man an den Ereignissen in Ägypten, dass künftige Notstandsregime dann auf die gespeicherten Daten zugreifen können (konkreter und schon aktueller Fall die sexuellen Minderheiten in Ländern wie Russland). Da es sich also um den Fall einer strukturellen Kopplung handelt, müssen mehrere Normalfelder gleichzeitig einbezogen werden:  Militär, Kapitalismus, Politik und Juridik, und das Kopplungsdispositiv Normalismus. Das dominante dabei ist das Militär, und der springende Punkt der “War on Terror”.
Nochmalige Empfehlung, die diesem Blog zugrunde liegenden Bücher zu lesen. Oder: Welche Reizwörter dieses Posts sind wohl für Prism interessant?
Eine solche Kopplungsanalyse wird erklärt in der Neuerscheinung “Normale Krisen? Normalismus und die Krise der Gegenwart. Mit einem Blick auf Thilo Sarrazin” (Konstanz University Press; 19,90 Euro). Und all solche Kopplungen als spannende Erzählung: “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung (assoverlag Oberhausen; 29.90 Euro).
In dem Roman geht es auch um Reizwörter und Dienste – ja welche Reizwörter dieses Posts sind wohl für Prism interessant? Natürlich “Dienste”! und “Rote Ruhr-Armee”, und “Prism”, und eventuell “Widerstand”, und natürlich “Whistleblower” (bei Beck!) – eventuell auch “Normalismus” – könnte eine Verschlüsselung sein.
Übrigens: Die Idee einer “Whistleblower-Gewerkschaft” ist wirklich gut – sie gibt es auch schon im Roman – als Idee einer “Expertengewerkschaft”. Was wohl der DGB dazu sagen würde? Aber im Ernst: Wie könnte diese Idee realisiert werden?

Der Antiguerillakrieg selbst ist das “Anormale”.

Donnerstag, Mai 30th, 2013

Es muss schon ein (bekanntlich sehr “teurer”) “Elitesoldat” in Afghanistan umkommen, damit unsere Mainstreammedien etwas “nicht Normales” am Hindukusch entdecken. Ein KSK-Mann der Bundeswehr wurde von “unseren Azubis” im Stich gelassen und vielleicht sogar verraten und in eine Falle gelockt. Offenbar meint unser mediopolitischer Diskurs, “normal” wäre es, wenn – wie 2009 am Kundusfluss – anonyme und unkontrollierbare Geheimdienst-Informanten “Ziele” definieren, bei denen in einer Dorfbevölkerung einige wirkliche oder vermeintliche “Aufständische” stecken sollen, die dann weggebombt werden. Wonach die Leichen dann vom KSK geräumt werden. Auch jetzt wurde, wie Spiegel online berichtet, ein ganzes Waldgebiet regelrecht mit einem (“normalen”?) “Bombenteppich” belegt, bevor dann das “nicht normale” Unglück passierte.

Wieviele Generäle und Minister haben schon das ultimative Erfolgskonzept für den Endsieg im Guerillakrieg versprochen? Das neueste dieser Konzepte ist jetzt das aus einer Kombination von anonymen Geheimdienstinformationen und Killdrohnen. Gerade ist die Bundeswehr dabei, diese neue Wunder- und Endsiegwaffe aufzubauen. Angeblich ist dabei Geld verbrannt worden. Jetzt soll das “besser gemacht” werden. Und auch SPD und Grüne schlagen “Verbesserungen” für diese neue Konzept vor.

Dabei zeigt Afghanistan nicht nur, dass ein Antiguerillakrieg “nicht gewinnbar” ist, wie es heißt – nein, dass er verloren wird und alles schlimmer macht. Und dass die Eskalationsstufe des Killdrohnenkrieges unbedingt vermieden werden muss (und nicht “verbessert”!).

Wem nicht klar ist, dass nicht bloß kein Antiguerillakrieg, sondern überhaupt gar kein Krieg “normal” sein kann, der lese das neue Buch von J.L. “Normale Krisen? Normalismus und die Krise der Gegenwart (mit einem Blick auf Thilo Sarrazin)” – 19,90 Euro, Konstanz University Press.

Neues, aktuelles Normalismusbuch erschienen: “Normale Krisen? Normalismus und die Krise der Gegenwart. Mit einem Blick auf Thilo Sarrazin”

Freitag, Februar 22nd, 2013

Ab sofort in Buchläden und übers Internet verfügbar (Konstanz University Press: 19,90 Euro): Das neue Normalismusbuch (von Jürgen Link). Insbesondere Leserinnen dieses Blogs hätten wirklich etwas davon, es zu erwerben, zu lesen und weiterzuempfehlen.

Warum?

– Weil es die Normalismustheorie (Was sind eigentlich Normalitäten und wie werden sie produziert?) auf neuestem Stand und von Fachterminologie entlastet, prägnant zusammenfasst (mit konkreten Beispielen und Abbildungen).

– Weil es also eine wichtige Basistheorie dieses Blogs gut verständlich darstellt.

– Weil es diese Theorie am Beispiel der großen Krise von Normalismus und Kapitalismus seit 2007 aktualisiert und damit eine neue, originelle Theorie dieser Krise vorlegt: weder ökonomistisch noch kulturalistisch, sondern kopplungs-pluralistisch.

– Weil es insbesondere auch den Begriff einer “Normalitätsklasse” erklärt, ohne den die Dynamik der Krise rätselhaft bleibt.

– Weil es nebenbei auch endlich eine wissenschaftlich belastbare Abfertigung Sarrazins und seiner (protonormalistischen!) Quellen liefert.

– Schließlich auch noch: Weil ein großer Verlag das Manuskript mit der Begründung ablehnte, es “könne nicht im Markt untergebracht werden”: Bitte helft, diese Prognose zu widerlegen.

A*: Holland raus, Australien raus – und jetzt das Auslandskapital raus. (Nur D bleibt drin?)

Donnerstag, April 26th, 2012

Die NATO (und damit auch D) hat den Krieg in Afghanistan vermutlich bereits verloren. Nachdem die Niederlande schon 2011 abgezogen waren, zieht nun auch Australien vorzeitig ab, und Frankreich wird höchstwahrscheinlich in Kürze folgen.

Viel symptomatischer aber ist noch, dass das ausländische Investitions- und “Hilfs”kapital, vom dem die NATO-Kollaborations-Institutionen zu 90 Prozent abhängen, in Panik in die Golfstaaten flüchtet (zusammen mit über 30000 Kompradoren und Kompradoren-Angestellten, die dazu die Möglichkeit haben, allein im letzten Jahr). All diese und weitere genaue Daten benennt der Militärexperte der FAZ, Lothar Rühl (23.4.2012). Titel seines Beitrags: “Schlechte Vorzeichen”.  (kostet leider was, wie ich feststellen muss! Also noch eine Zahl: Das Auslandskapital schrumpfte 2011 auf gerade noch 15 Prozent von 2006, absolut auf 55 Millionen Dollar – man vergleiche das mit den Zahlen der hiesigen Bankenrettungen!) Dazu passt die Panik der NATO-Dolmetscher, die in diesem Blog vor kurzem erwähnt wurde.

Angesichts dieser Situation, die Rühl selber mit der Endphase der französischen Okkupationen in Indochina und Algerien sowie mit der analogen Endphase der amerikanischen Okkupation in Vietnam vergleicht, ist es wirklich nicht zu fassen, dass es keine breite öffentliche Debatte über den Abzug der Bundeswehr gibt, und dass statt dessen hinter den Kulissen sondiert wird, wie “wir” (als treue Nibelungen der USA) über 2015 “drinbleiben” könnten – allerdings mit einer völlig neuen Strategie: gezielte Tötungen, gestützt auf eine Troika aus Geheimdiensten, Drohnen und einheimischen Kollaborateuren.

Man kann die Frage stellen, warum die Linke als einzige Partei für den sofortigen Abzug nicht nur keine breite Debatte auslösen konnte, sondern sogar nach Umfragen aus dem NRW-Landtag rausfallen könnte. Warum die Grüne Führung in ihrer Durchhaltestrategie weder von ihrer Basis noch von den Wählerinnen entscheidend unter Druck kommt. Die Antwort dürfte mit dem Normalismus der Medien zusammenhängen: Der “agenda setting approach” stellt fest, dass die Kapazität der medialen Kanäle eben begrenzt ist. Es passen nicht beliebig viele “Themen” hinein. Wenn also das “Thema” Betreuungsgeld plus noch zwei drei ähnliche “Themen” plus obligatorisch BVB & Co. die Kanäle stopfen, dann wäre eben schlicht kein Platz für Afghanistan. Das hat angeblich mit Manipulation gar nichts zu tun. Wenn der Krieg in A* (mit seinen inzwischen etwa 5 Milliarden im Jahr für die Bundeswehr und ihr gesamtes “Projekt”) für die Leute von Interesse wäre, dann würde es doch Massenäußerungen im Internet geben können. Das gibt in der Tat Stoff zum Nachdenken. Weiß eigentlich jemand von meinen Leserinnen, ob sich die Piraten schon mal zum “Thema” geäußert haben?