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Neues Heft der Zeitschrift “kultuRRevolution” erschienen.

Donnerstag, Juli 3rd, 2014

Für Leser dieses Blog dürfte das neue Heft 66/67 der Zeitschrift “Kulturrevolution” besonders interessant sein: Schwerpunkt “Krisenlabor Griechenland” und außerdem Beiträge zur Kultur- und Medienkritik.

krr-heft66-67

Aus dem Inhalt: Margarita Tsomou: Das Versuchskaninchen baut am eigenen Labor…! Zum Aufschwung solidarischer Ökonomien als Exoduspraktiken im Griechenland der Krise. • Jacques Rancière: Die Gegenwart denken. • Gregor Kritidis: Eingeschränkte Demokratie. Zur Etablierung des postdemokratischen Maßnahmestaats in Griechenland. • Karl Heinz Roth: Die griechische Tragödie und die Krise Europas. Egalitarian Europe Working Paper No. 20.01-2013 (December 2013). • Christos Zisis: Political /Socially- engaged/ interfering art in Greece during the years of the economic crisis. • Alain Badiou: Die demokratische Nichtexistenz. • Jürgen Link: Den »Archipelagus« lesen, oder: Wie konkret ist Hölderlins Utopie einer »griechischen« As-Sociation? – gefolgt von: Mit Zeltstädten und direkter Demokratie zu einem polyeurhythmischen Ausweg aus der griechischen Krise? • Helmut Schareika: Rigas Velestinlís, der griechische Aufstand 1821 ff. und die aktuelle Krise Griechenlands. • Rolf Parr: Griechenland: Symbolisches und reales Experiment.

Der Griechenland-Schwerpunkt verbindet aktuelles Engagement mit historischer Fundierung so-wie Beiträge auch junger GriechInnen über widerständige Initiativen (Margarita Tsomou über selbstverwaltete Produktion und Distribution; Christos Zisis über kulturrevolutionäre Interventionen) mit Athener Vorträgen bekannter Philosophen wie Jacques Rancière und Alain Badiou, in denen Krise und Widerstand aktualhistorisch reflektiert werden. Wenn Neugriechenland im Allgemeinen erst mit dem Befreiungskrieg der 1820er Jahre angesetzt wird, so ist diese Auffassung zu korrigieren: Es beginnt wie jede Moderne um 1800, was Helmut Schareika am Beispiel von Rigas Velestinlis (Ferräos) darstellt. Parallel dazu gilt es, wie Jürgen Link frühere Beiträge fortsetzt, Hölderlin als Dichter auch Neugriechenlands zu entdecken. Wenn das deutsch-griechische »Liebesverhältnis« in der Krise eher Züge von »Hassliebe« zeigt, so ist die Ambivalenz also alt – beruht aber in erster Linie auf der Verdrängung der fürchterlichen Vergewaltigung unter der Besatzung durch die Wehrmacht (Karl Heinz Roth). – Dass die Versuche, Krisen still zu stellen, sie zu normalisieren, als so etwas wie soziale Experimente im ›Freilandlabor‹ verstanden werden können, zeigt Rolf Parr am ›Experiment Griechenland‹. Deutlich wird, dass das man es dabei mit real durchgeführten sozial-ökonomischen Experimenten zu tun hat, die medio-politisch im Rückgriff auf die positiven Konnotationen von naturwissenschaftlichen Experimenten und ihrem methodischen Setting verhandelt werden. Genau an diesem Punkt müssen daher diskurstaktische Interventionen ansetzen.

kultuRRevolution. zeitschrift für angewandte diskurstheorie ist erhältlich über den Klartext-Verlag, Heßlerstraße 37, 45329 Essen, www.klartext-verlag.de. • Das Einzelheft kostet 10,00 €; das Doppelheft 20,00 €; Abonnement 17,00 € im Jahr (2 Hefte).

100 Jahre nach Sarajewo stellt die EU “Russland ein Ultimatum”: Das haben die Verantwortungs-GAUCKler aus der Urkatastrophe des westlichen Ultimarationalismus “gelernt”.

Sonntag, Juni 29th, 2014

Während die Historiker daran erinnern, dass die “Urkatastrophe des 20 Jahrhunderts” aus einer fatalen Verkettung von Militärbündnis-Automatismen, Eskalationen und Provokationen, “Wetten” auf das “Einlenken” des Gegners, Ultimaten und totaler “Einäugigkeit” der Medien entstand, haben die westlichen Großmächte des 21. Jahrhunderts daraus folgendes “gelernt”, wie sie in ihren Reden schwingen: Die Militärbündnis-Automatismen der NATO müssten verstärkt und vor allem auf die Nachbarstaaten Russlands ausgedehnt werden; gegen die russischen Eskalationen und Provokationen müsste der Westen gegen-eskalieren und gegen-provozieren; “PUUTIIN” müsste zum “Einlenken” gezwungen werden; “PUUTIIN” müsste ein Ultimatum gestellt werden (schon gemacht); und wer im öffentlichen Diskurs die prowestliche Einäugigkeit breche und den obersten Verantwortungs-GAUCKler als Kriegstreiber kritisiere, müsse als “Nazi” bezeichnet und der Staatsanwaltschaft angezeigt werden.

Dabei ist es doch einfach ein schlichtes Faktum, dass Gauck es auf sich genommen hat, sich rund um die Uhr aufs Schießen einzuschießen. Dass er dabei seine Kompetenz klar überschreitet und den Hindenburg spielt, was einem Bundespräsidenten ja eben gerade nicht mehr erlaubt sein sollte. Dass er gegen die überwältigende Mehrheit der Volksmeinung “schießt”. Dürfte man ihn dafür “Spinner” nennen? Da sei sein Gott vor! Aber zwei Bezeichnungen muss er sich gefallen lassen: “Verantwortungs-Backe” (so der probajuwarische Separatist Gauweiler im “Stern”: wo er recht hat…), das heißt mit aufgeblasener Backe “Verantwortung” zu fordern im Sinne von “zur Waffe greifen” – und eben Verantwortungs-GAUCKler (dieses Blog).

Wer wirklich etwas aus der 100 Jahre alten Urkatastrophe, jenem “Schoß, der fruchtbar noch”, lernen möchte, der sollte nun “Die letzten Tage der Menschheit” von Karl Kraus lesen oder wieder lesen. Dort wird jene Dialektik der westlichen Aufklärung aufgeklärt, in der aus der Ratio immer wieder die Ultima Ratio der kriegerischen und konterrevolutionären Gewalt entstanden ist. Gauck beleidigen? Ebert beleidigen? Beleidigt werden durften und dürfen nur die Karl Krause und Rosa Luxemburgs, die den westlichen Ultimarationalismus aufgeklärt haben. Sie waren in diesem Sinne nicht pro-westlich – also waren sie, würden die Verantwortungs-GAUCKler “wie aus der Pistole geschossen”, rufen: “pro-russisch”. Tertium non datur: darauf beschränkt sich diese Art Ratio – eine Ratio, die nicht bis 3 zählen kann.

(Als “V-Träger” = “Verantwortungs-Träger” wurden alle V-GAUCKler und V-Backen vorerinnert in meinem Roman “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung”, assoVerlag Oberhausen.)

“Verantwortung” im Westblock-Kaderwelsch = “Krieg” auf deutsch. Steinmeiers fliegender Wechsel vom Mdkd zum MdmW.

Donnerstag, Mai 22nd, 2014

Zuerst die Auflösung der Kürzel: In der “Vorerinnerung”, deren Lektüre hier zuweilen empfohlen wird: “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee” (von J.Link, asso-Verlag Oberhausen; 29,90 Euro: “dick”, aber kapitelweise lesbar) – in diesem Buch steht Mdkd für “Mann ders klammheimlich durchzieht”, und MdmW für “Mann der mutigen Wahrheit”. Diese beiden Männer gehören zu den politischen Männern des deutschen “V-Trägers”, d.h. des deutschen “Verantwortungs-Trägers”. Momentan erleben wir im Kontext der Ukraine-Eskalation eine beängstigende Verwirklichung der Simulationen meines Romans (den man deshalb vielleicht langsam wahrnehmen sollte).

Brecht erfand nach dem 17. Juni 1953 das schöne Wort “Kaderwelsch”: das Kauderwelsch der SED-Kader (“Sozialismus”, “Kommunismus”, “die Partei hat immer recht” usw.) Aber es gibt auch ein Westblock-Kaderwelsch – und dazu gehört unbedingt die “gewachsene deutsche Verantwortung”. Auch Wörter haben ihre Karrieren; auch Wörter können “einen Job machen” und einen “Topjob” erobern. Solche Wörter-Karrieren spielen eine wichtige Rolle in der “Vorerinnerung”: in satirischem Licht wie bei Karl Kraus. “Verantwortung”. Warum dieses Wort diese Karriere gemacht hat, geht aus der “Vorerinnerung” hervor, in der der deutsche “Verantwortungs-Träger” eine Hauptrolle spielt. Dass nun allerdings eine von Steinmeiers Bürokratie selber in Auftrag gegebene Umfrage das Ergebnis hatte: Ungefähr 2/3 des “demokratischen Souveräns” sind gegen “mehr deutsche Verantwortung” – das hat Steinmeier umgehauen und seine “Subjektivität” revolutioniert (dazu weiter unten). Dabei ist dieses Ergebnis der Umfrage schlicht und einfach so zu lesen, dass alle Befragten (auch das 1/3 pro) begriffen haben, was “Verantwortung” heißt – welchen Job das Wort “Verantwortung” in Steinmeiers Politik macht: Es macht schlicht und einfach den Job von “Krieg”. Und den will der deutsche demokratische Souverän nun mal nicht.

Da sieht Steinmeier rot. Er rastet aus. Man kennt unseren sanften Steinmeier mit den langen Redepausen und der samtenen Stimme und der dicken Tuibrille nicht wieder. Medientuis wie Frankenberger in der Fatz jubilieren: Endlich! Jetzt haut unser Steinmeier auf den Tisch und rechnet mit “sogenannten” (!!) Demonstranten ab. So ists richtig, wir lassen uns doch unsere “Verantwortung”, die einen “ausgezeichneten Job macht”, nicht in den Dreck ziehen mit Parolen wie “Kriegstreiber”! Wir wollen doch noch viele Kriege in aller Welt als “Verantwortungs-Missionen” führen. Mali reicht nicht, ein neues Papier sieht ganz Afrika als “unseren Verantwortungs-Kontinent” vor, mit allen Formen von Engagement, “im Notfall auch militärisch”. Aber wo bitte ist in Afrika kein Notfall gegeben? (Das weiß das Volk ebenfalls.)

In der “Vorerinnerung” wird satirisch erklärt, welches Spiel der “V-Träger” mit seinen politischen Männern spielt. Und Steinmeier spielt dieses Spiel gerade in der Wirklichkeit vor: Lange Zeit hatte er beim V-Träger einen guten Job als “Mann ders klammheimlich durchzieht” – wir erinnern uns (oder auch nicht), wie er als Kanzleramtschef von Schröder die Fäden der Balkankriege zog, ohne dass er überhaupt in den Medien auftauchte. Auch als Außenminister setzte er diesen Job zunächst fort. Dabei hatte der V-Träger ihm einen höchst brenzligen Job übertragen: Deutschland als dritte oder sogar zweite Weltmacht (auf Basis seiner Kapitalstärke, denn seine Bevölkerung bringt ja mal grade ein gutes Prozent der Welt auf die Waage) auch diplomatisch und militärisch etablieren. Wirklich ein knochenharter Job, für den die Rolle eines Mdkd eigentlich ideal zu sein scheint.

Aber wenn das Volk anfängt, “Verantwortung” ins Deutsche zu übersetzen, dann muss Steinmeier andere Saiten aufziehen – wie man sieht, hat er sie. Er hat sich verwandelt in einen MdmW, einen “Mann der mutigen Wahrheit”. Mutig sagt er dem verantwortungslosen Volk die Wahrheit: Egal was ihr wollt oder nicht wollt, die Entscheidung liegt beim V-Träger. Ihr blickt nicht durch, alle Experten sind für gewachsene deutsche Verantwortung. Ihr könnt euch auf den Kopf stellen: Die Bundeswehr wird trotzdem marschieren! Die Bundeswehr wird trotzdem Killdrohnen anschaffen! Die Bundeswehr wird trotzdem Afrika stabilisieren! Basta! Basta! Basta! (Basta? Wer sagte das seinerzeit? Und wer war Kanzleramtschef?)

Die Pro-Westblock-Pogromnacht vom 2. Mai 2014 in Odessa: wegmanipuliert von den D-Medien. Die Brandstifter und ihre keineswegs biederen Biedermänner.

Freitag, Mai 9th, 2014

Wer dieses Blog liest, weiß, dass es (wie auch die Zeitschrift kulturrevolution, siehe zeitschrift-kulturrevolution.de) der Regel folgt: nichts doublen. Also: zu allgemein bekannten und kommentierten Ereignissen nicht partout den eigenen Senf dazugeben, wenn es nichts ansonsten fehlendes Wichtiges zu sagen gibt. Die Pogromnacht vom 2. Mai in Odessa bildet eine Ausnahme: In den Deutschen Mainstream-Medien (DMM) gab es sie gar nicht – dort gab es nur “prorussische Provokateure”, die eine ukrainische Demo angriffen, wobei “es im Verlauf einer Zuspitzung”… “zu einem Brand kam, bei dem Opfer zu beklagen waren” – “ES ZU EINEM BRAND KAM” – um Heidegger zu parodieren: Was ist aber nun jenes ES, das den Brand gab?

Bei Max Frisch schleppen die Brandstifter Benzinkanister in Biedermanns Haus, und er schaut untätig zu, weil er sich aus unpolitischer Dummheit und Naivität einfach nicht vorstellen kann, dass er es mit echten Brandstiftern zu tun haben könnte. Mit solchen Biedermännern haben wir es bei unseren DMM-Leuten allerdings ganz sicher nicht zu tun. Mindestens die mit dem “Thema Ukraine” “befassten” Medienmänner (und Medienfrauen!!) haben im Internet die Videos gesehen: Die “prowestlichen Demonstranten”, die ein großes Gebäude mit Molotovcocktails in Brand setzen, die aus den Fenstern schlagenden Flammen, dunkle Figuren, die aus den Fenstern springen, “prowestliche Demonstranten”, die auf die am Boden liegenden schwer Verletzten einschlagen, um ihnen den Rest zu geben. Wer die Videos gesehen hat, konnte gar nicht nicht an die Twin Towers oder an die Fabrik in Bangladesh denken. Die “mit dem Thema befassten” DMM-Männer (und Frauen!!) konnten ferner auch gar nicht nicht wissen, dass dieses “ES-zu-einem-Brand-kam” sich im Pogrom-Land abspielte, in einer Stadt, in der 1941 nach dem “Einmarsch” der deutschen Wehrmacht die Juden gejagt und dann tot in Massengräber geworfen wurden. Von “ukrainischen Freiwilligen”, deren Antijudaismus seit der “Unierung” der westukrainischen Orthodoxen mit Rom im großpolnischen Rahmen sich unter der Zarenherrschaft mit fanatischem Antirussismus verband. Und diese Westukraine, in der Pogrome an der Tagesordnung waren, war eben auch das Jiddischland der Schtetels – es wurde unter deutscher Besatzung mit Hilfe dieser Art ukrainischer Freiwilliger ausgelöscht.

Noch einmal: Mindestens die “mit dem Thema befassten” DMM-Leute können all das gar nicht nicht wissen. Zudem sind es die gleichen DMM-Leute, die Jahr für Jahr “politisch korrekt” der “Reichsprogromnacht gedenken” (gedenken!), wo “ES” wegen der terroristischen Provokation des Juden Grynszpan nächtlich “zu Bränden kam, bei denen Opfer zu beklagen waren”. Mindestens diese “mit dem Thema befassten” Medienleute also haben entweder selber oder nach “Vorgaben” entschieden, sich keine Fragen über die Identität der Brandstifter zu stellen – den Begriff Pogrom zu vermeiden – zwar Putin mit Hitler zu vergleichen, aber nicht Pogrom mit Pogrom – und ansonsten die ganze Sache schnellstens zu vergessen.

Wie kann das funktionieren? Damals gab Goebbels ihren Vorgängern jeden Morgen “die Sprachregelung”. Heute gibt es keinen Goebbels, aber offenbar doch eine Sprachregelung: Sind es die Agenturen? Aber wer gibt den Agenturen die Sprachregelung? Wer hat die “prorussischen Separatisten” erfunden? (Obwohl es doch 1999 im Vorfeld der Bombardierung Serbiens keine “proalbanischen Separatisten” im Kosovo gab?) Wer hat die “selbsternannten prorussischen Bürgermeister” erfunden (obwohl doch nicht einmal die G 7 als “selbsternannt” bezeichnet werden?) Wer gab die “Vorgabe”, dass “Faschisten” immer in Gänsefüßchen zu setzen sind und als “Propaganda Putins” verspottet werden müssen? (Obwohl die Hitlergrüße der Swobodaleute und des “Rechten Sektors” im Internet stehen – auch die des Post-Swoboda-Mannes Jazenjuk – und obwohl der Chef des Rechten Sektors sich im Spiegel-Interview offen als Antisemit brüstete, als er sagte, jeder könne von ihm aus Russisch reden, und von ihm aus sogar auch Hebräisch.)

Offenbar haben wir es wirklich mit einer “spontanen” Sprachregelung zu tun, die wie das “Shoppen” unter “Angeboten” in einem “Markt” funktioniert: Jeder DMM-Mann (und jede DMM-Frau!!) “riecht” die “politisch korrekten” Begriffe” so wie den guten Camembert, und kauft sie dann sofort. Und “riecht” auch die falschen Begriffe und verbietet sie sich. Und weil alle DMM-Leute den “gleichen Geschmack” haben, brauchen wir keinen Goebbels mehr. Denn wir haben ja “das beste Deutschland, das es je gab” (Gauck). Und dann singen wir die DMM-Hymne: “Unser West, unser Wes-ten hat immer recht/ Und Kamraden es bleibet dabei/ Denn wer kämpft für das Recht, der hat immer recht/ Gegen Osten und Putinerei!” (zu singen auf die Melodie der SED-Hymne).

Also gehört zu diesem “spontan richtigen Riecher” unbedingt der binäre Reduktionismus: Es gibt nur zwei Parteien (Westblock gegen Ostblock usw.), und dabei hat unser Block immer 100 Prozent recht, und der Gegenblock 100 Prozent unrecht. Wir legen NATO-Truppen an die russische Grenze: das ist Deeskalation. Putin legt Truppen im eigenen Land an die eigene Grenze: Das ist Eskalation. Usw. Sehr hohe Anforderungen an Intelligenz werden dabei allerdings wohl nicht gestellt.

Nur: Diese Art spontaner Sprachregelung kann mit automatischen Bündnismechanismen zusammen tatsächlich zum “Ausbruch” eines Weltkriegs führen: Das erklären uns ja gerade andere DMM-Leute aus Anlass des 100. Jahrestags des “Ausbruchs” des Ersten. Einen Vorteil hat dieser “Medien-GAU”, wie der “Freitag” zutreffend titelte, allerdings doch: Wir können in dieser Eskalation und ebenso in künftigen, vielleicht noch gefährlicheren, unsere Mainstream-Medien “abhaken”. Sie sind ein “Totalausfall”. Sie werden uns in jede “prowestliche” Katastrophe hinein”informieren”. Wir sind wie seinerzeit Karl Kraus auf uns selbst verwiesen (und auf einige Nicht-Mainstream-Medien wie den “Freitag”).

ZUSATZ: Anja Böttcher schickt mir im Zusammenhang mit der medialen Produktion eines neuen Schurkenstaats interessante Informationen über die Rolle kultureller “Mega-Hits” der letzten Zeit (Pussy Riot und Femen).

 

Oben im Mediensalon als Gastgeschenk für Angela eine Hochzinsanleihe: Symbol der “Normalisierung” – unten im Keller der totgeschwiegene Baltakos-Skandal

Donnerstag, April 10th, 2014

Selbst ein Großteil jener Medien, die den Baltakos-Skandal (die “rechte Hand” von Samaras ein Kumpel der Neonazis! vgl. die vorigen Posts) verharmlost oder wie in Deutschland gleich ganz totgeschwiegen haben, äußern dicke Zweifel am Sinn von Griechenlands angeblich “triumphaler Rückkehr auf die Märkte”. Während die Zinsen global weiter im “Krisenmodus” von den Notenbanken nahe Null gehalten werden, verschuldet sich ausgerechnet Athen zu circa 5 Prozent, und PASOK-Chef Venizelos schwärmt: “Die Märkte haben Griechenland gewählt!” (Symptom für sein Demokratieverständnis: die entscheidenden Wähler sind “Märkte”, nicht länger “Menschen”).

Diese Märkte sind konkret großenteils Hedge Fonds, alias Heuschrecken, die das Geschäft ihres Lebens auf Kosten der griechischen Steuerzahler einsacken: Das Budgetdefizit, eine der Schlüsselzahlen der ganzen Krise, wächst durch dieses Manöver zusätzlich, und zwar erheblich!

Also was soll das, fragen sich selbst die deutschen Totschweigemedien – und natürlich glaubt niemand den “guten Griechen” Samaras, Venizelos und Stournaras, dass es reiner Zufall sei, wenn dieser “historische Schritt” haargenau einen Tag vor dem Athenbesuch Angela Merkels erfolgte. Klar, dass es also als Geschenk an die deutsche Kanzlerin gedacht ist – aber wieso eigentlich, wenn es doch die Hedge Fonds sind, die das Geschenk erstmal einsacken?

Da erweist sich die große Bedeutung von “Psychologie der Märkte” und von Symbolik im Turbokapitalismus: Seit Jahren dient Griechenland als Symbol schlechthin für die Krise, und sein “Ausschluss aus den Märkten” ist eines der Hauptsymbole in diesem Symbol. Das Schlusslicht symbolisiert also die Gesamtlage der Krise. Diese globale Krise des Kapitalismus ist etwas völlig Neues und Erstmaliges in der Weltgeschichte: Noch nie wurden derartig gigantische Mengen, wahre Tsunamis aus Zigbillionen, von neu geschaffener Liquidität zu quasi Nullzins von den Notenbanken Jahr für Jahr (seit 2008) in die Märkte gekippt. Niemand weiß wirklich, was die Folgen sein werden. Skeptische kapitalistische Ökonomen sprechen von einem “Blindflug der Weltwirtschaft ins Ungewisse”. Damit hängt es zusammen, dass niemand wirklich weiß, ob, wo und seit wann die Krise wirklich zuende war oder ist – ob, wo und seit wann die berühmte “Normalisierung” erreicht wurde oder wird.

Und in diesem Kontext erweist sich der Sinn des Athener Gastgeschenks an Merkel: Die “Rückkehr auf die Märkte”, wie teuer immer erkauft und wie übel immer für die Mehrheit der Griechen, soll symbolisch wie folgt gelesen werden: Selbst das Schlusslicht ist wieder normal: hurrah! Wenn selbst das Schlusslicht wieder normal ist, dann ist die Krise endgültig, definitiv und ein für allemal “abgehakt” – und das beweist, dass die sogenannte “Merkel-Strategie”, die der Troika-Strategie zugrunde liegt, ein voller Erfolg ist! “Griechenland” dankt Frau Merkel!

So sieht es oben im Mediensalon aus. Aber darunter rumort ein anderer Tsunami: einer von Leichen im Keller. Wie in diesem Blog mehrfach erläutert, gilt die griechische “Normalisierung” eben nur für die internationalen Finanzmärkte (und selbst die sind teilweise weiter skeptisch, wie erwähnt) – für die griechische Bevölkerung bedeutet diese “Normalisierung” die Herabstufung in eine niedrigere Normalitätsklasse auf Dauer (grob gesagt, Wegfall von “Ver-Sicherungen” im engen und weiten Sinne; Niedriglöhne auf Dauer, hohe Arbeitslosigkeit auf Dauer, Verelendung auf Dauer). Und dazu kommen, wie der Baltakos-Skandal erweist, starke Tendenzen der griechischen Politik in Richtung Notstandsdiktatur – sogar unter Einbeziehung astreiner Neonazis. (Aber die Bruderpartei von Chrisí Avgí, Swoboda, ist Teil der neuen ukrainischen Regierung – der Partnerregierung von Angela Merkel.)

Kann man glauben, dass Angela nicht weiß, was da alles im Keller unter dem Athener Mediensalon rumort? Dass aber die deutschen Medien den Keller ignorieren, zeigt einen Grad an “Verantwortung”, den selbst unsereins nicht für möglich gehalten hätte.

Wenn Ulrich Reitz “Afghanistan-Geheimnisse enthüllt”: Vom 13jährigen deutschen Krieg doch noch zum 30jährigen?

Samstag, Dezember 1st, 2012

Am 28. und 29. 11. 2012 blies die WAZ eine Riesenblase zu Afghanistan auf: Nach angeblich monatelangen “Recherchen” hatte sie herausgefunden, dass es einen Unterschied zwischen “UdP” (“Unterrichtung des Parlaments”) und “UdÖ” (“Unterrichtung der Öffentlchkeit”) zu Afghanistan gibt. UdP ist geheim. Die Bundesregierung erklärte, der Unterschied sei unbedeutend und rein formal, da er nur verbündete Truppen betreffe. Das stimmt im wesentlichen, und es ist höchst lächerlich, dass die WAZ als angeblich “enthülltes Geheimnis” ausposaunt, dass die meisten französischen Truppen bereits aus Afghanistan abgezogen wurden (“Fall: 8. August 2012″). Das hatte Hollande bekanntlich im Wahlkampf versprochen, und es auch – im Gegensatz zu seinen Sozialversprechungen – gehalten. Was hätte Reitz dazu sagen konnen? Dass die deutsche Supergroße Koalition (einschließlich der SPD und einschließlich vor allem der GRÜNEN!!!) die Möglichkeit verpasst hat, gemeinsam mit dem engsten Verbündeten Frankreich aus Afghanistan abzuziehen. Vor allem hätte er sagen können, warum diese Möglichkeit verpasst wurde: Weil Deutschland auch nach 2014 zusammen mit den USA den Krieg weiterführen will, bloß umgerüstet auf die neue Fünffaktoren-Strategie, auch Petraeus-Strategie genannt (2 D, 2 A plus S): Dienste – Drohnen – “Ausbilder” – “Azubis” (einheimische Stellvertretertruppen) – “Spezialkräfte”. Und dass dieser Unterschied darin besteht, dass Deutschland seine neue Rolle als Weltmacht Nummer 2 auch militärisch “erfüllen muss”. Das wäre ein “enthülltes Geheimnis” gewesen, und nicht die Feststellung, dass “deutschen Soldaten unter Feindfeuer (Schreckliches) widerfährt” oder dass das Karzai-Warlords-Regime korrupt ist oder dass in Afghanistan massenweise Mohn angebaut wird. Wenn das bisher durch eine “Schweigespirale”  vertuscht worden wäre, dann hätte ja dieses Blog hier seit Jahren ständig “Geheimnisse enthüllt”.

Ginge der Afghanistankrieg der Bundeswehr wirklich 2014 zuende, dann wäre es ein 13jähriger Krieg gewesen, und als solcher trotzdem  bereits der längste deutsche Krieg seit dem 30jährigen. Aber es sieht ganz danach aus, dass den deutschen Funktionseliten 13 Jahre nicht reichen, um ihrer neuen Rolle in der Weltjunta zu entsprechen. Am 28. 9.2012 brachte die WAZ einen Artikel: “Viele Afghanistan-Kämpfer kehren krank zurück”. Es ging dabei um “PTBS” (Post-Traumatische-Belastungs-Störung). “2008 zählte die Bundeswehr 255 PTBS-Patienten, im Folgejahr 455, im Jahr 2010 dann 729 und 2011 inzwischen 922.” Plus “Dunkelziffer” von 45 Prozent. Das sind schreckliche Zahlen, und ich finde es nicht richtig, dass einige Kriegsgegner sagen: selbst inschuld, da freiwillig. Statt dessen wäre zu sagen: schreckliche Opfer eines verkorksten Anti-Guerillakrieges für die “deutsche Weltgeltung” – allerdings tatsächlich statistische Peanuts gegen die Opfer auf afghanischer Seite.

WNLIA

Aber gilt nicht wirklich: “Gnade uns Gott, wenn die Taliban zurückkehren?” Wie in diesem Blog immer wieder erklärt, gilt es als erstes, sich aus der falschen Alternative “Anti-Guerillakrieg oder Taliban” zu befreien: WNLIA = Weder-Noch, Lieber Irgendwie Anders”. Die Alternative ist völlig falsch, da auf “unserer” Seite die (ebenfalls terrorpatriarchalisch-fundamentalistischen) Warlords kämpfen, die bereits jetzt (wie schon in den 1990er Jahren) ein ebenso frauenfeindliches Terrorregime wie das der Taliban wiedererrichtet haben. Immerhin hat die WAZ das Verdienst, auf “unseren” engsten Verbündeten Dostum hingewiesen zu haben, der vermutlich den Schlächter- und Folterer-Rekord des ganzen Krieges hält und noch die Taliban “abhängt”. (Übrigens war Dostum auch schon aktiv, als noch die Sowjetunion einen Anti-Guerillakrieg für Fortschritt und Frauenemanzipation führte – er war damals “Gewerkschaftsführer”; seine Leute kamen dann in der DDR unter, lernten flüssig deutsch und dürften heute zu den besten Informanten der Bundeswehr zählen.) Die (glücklicherweise keineswegs schwachen) sowohl für Demokratie und Frauenrechte wie für Unabhängigkeit engagierten Afghaninnen und Afghanen, etwa vertreten von Malalai Joya, fordern WNLIA, und darunter den sofortigen vollständigen Abzug der Besatzungstruppen und das Ende “unserer” Finanzierung der Warlords, deren Stärke auf den Bajonetten der NATO beruht (die sich leider inzwischen in modernste Haubitzen, Kampfhubschrauber, Kampfjets und Drohnen verwandelt haben).

Der “Bruch der Schweigespirale” durch Reitz lässt also leider alle wesentlichen “Geheimnisse” aus: Nicht zuletzt auch die Kosten von bisher über 10 Milliarden Euro des “deutschen Steuerzahlers”, zu denen weitere zig Milliarden hinzukommen werden, wenn es nach den Plänen von de Maizière gehen soll: Aufrüstung mit Drohnen, um PTBS überflüssig zu machen und trotzdem weiter nach unkontrollierbaren Denunziationslisten der Geheimdienste ohne Kombattantenstatus und ohne Gerichtsverfahren wegen mutmaßlichen Terrorismus killen zu können. Ebenso die Pläne, zusammen mit den USA den Krieg endlos weiterzuführen, und zwar mit 1500 Soldaten plus x (USA: 10000 plus x). Vor allem: Durch diese Verstetigung des Krieges auch das frauenfeindliche Terrorregime der Warlords zu verstetigen. (Westerwelle: “Wir lassen Afghanistan nicht im Stich.”) Wetten, dass all das im Wahlkampf überhaupt keine Rolle spielen wird? Weder für “die Politik” noch für die Medien (einschlicßlich WAZ)? Das betrifft schließlich “Deutschlands nationale Sicherheit” (“Weltgeltung”, Rolle als Weltmacht Nr. 2 und Mitglied der Weltjunta) – wo kämen wir hin, wenn Hausfrauen darüber mitreden wollten.

Bundeswehr schießt auf “Mob” (Gaddafi & Assad auf demokratische Rebellen)

Donnerstag, Mai 19th, 2011

Äußerlich gleichen sich die Bilder: Massendemonstrationen, darunter viele Frauen und Kinder, dem Anschein nach unbewaffnet, die Särge zu Grabe tragen und anschließend wütend gegen killende Militärs demonstrieren. Die Begriffe in unseren Massenmedien machen aber klar, dass es sich um 100 Prozent verschiedene Ereignisse handelt: In den arabischen Ländern geht es um Rebellen für die Demokratie (was nicht zu bezweifeln ist) – in Afghanistan um “Mob”, in den sich irgendwann auch noch “Aufständische infiltiert haben”. Genau das ist aber die Sprachregelung, die Gaddafi & Assad für ihre Demonstranten benutzen: “Mob, in den sich bewaffnete Aufständische infiltriert haben”. Diese Ausdrucksweise hat eine klare Funktion: Auf “aufständischen Mob” darf geschossen werden. Die dabei getöteten Zivilisten (mindestens die Frauen und Kinder) sind legitime Kollateralschäden der “infiltrierten Aufständischen”. So behaupten es auch Gaddafi & Assad.

Gegen wen oder was richtet sich der “aufständische Mob” in Afghanistan, auf den die Bundeswehr legitim schießt? Folgt man unseren Medien, gegen die afghanische “Demokratie”, z.B. gegen den “demokratischen Gouverneur” von Talokan, der der Bundeswehr sofort und vor jeder Untersuchung bescheinigt, dass sie zu recht geschossen habe. Nun wurde aber bei den letzten Wahlen festgestellt, dass sie massiv gefälscht wurden. Daraufhin erklärte die UNO im Auftrag der NATO, dass die Ergebnisse (oben Karzai, unten die Gouverneure usw.) dennoch demokratisch seien. Weitere Untersuchungen wurden unterbunden.

Bleibt die Behauptung der ISAF, dass die 4 gekillten Menschen in den Särgen des “Mobs” (darunter 2 Frauen), bewaffnete “Aufständische” gewesen seien –  während der “Mob” behauptet, es seien Zivilisten gewesen. Wenn die ISAF recht hat, lassen die “Aufständischen” aber militärische Emanzipation der Frauen zu, was allem widerspricht, was wir sonst hören.

Da soll noch jemand durchblicken! Gottseidank blicken unsere Medien genau durch und wissen genau, wer demokratischer Rebell ist und wer aufständischer Mob. Sicher ist immerhin dies: Die Bundeswehr führt einen Counterinsurgency-Krieg (Anti-Guerilla-Kieg) vom Typ Vietnam. Bisher ist kein “sauberer” Krieg dieses Typs bekannt. Gekillt wird nach Listen der Geheimdienste, die von anonymen, unkontrollierbaren Denunzianten bestückt werden (die 4 in den Särgen – oder mindestens 1 von ihnen -standen auf solchen Listen). Das führt regelmäßig zu “Mobs” – auf “Mobs” darf aber ebenfalls geschossen werden. Die “Stabilisierung” der afghanischen “Demokratie” macht rasende Fortschritte. Wer’s glaubt, wird selig – wer nicht, fordert den sofortigen Abzug der Bundeswehr und unterzeichnet den Appell “Heraus aus der Sackgasse in Afghanistan”.