Archive for the ‘Vorerinnerung (Roman)’ Category

Albtraum? “Russland will 3. Weltkrieg anzetteln” – Was suchen die Stabsärztebrüder in Slavjansk oder: Wohin führt die “gewachsene deutsche Verantwortung”? Quousque tandem: Schreibtischtäter wie 1914

Samstag, April 26th, 2014

“Russland will 3. Weltkrieg anzetteln”: Das ist kein Albtraum, sondern die realexistierende Schlagzeile der Fatz an diesem 26. April 2014 (nicht: 1914). In Gänsefüßchen, aber bloß in der Unterzeile als Zitat von Jasenjuk ausgewiesen. Und Jasenjuk ist immerhin der aktuell wichtigste offizielle Adressat der “gewachsenen deutschen Verantwortung”. Schlagzeile am gleichen Tag (Watz): “Ukraine: Rebellen setzen deutsche Beobachter fest”. Aber BILD setzt weiter auf Normalität: Schlagzeile was mit Trennung von Heino (oder Heintje was weiß ich), bloß unten das mit den “Deutschen”, die hier in der Hand von “Putin-Rebellen” (immerhin: nicht “Terroristen”) sind. Man kann daraus schließen, dass BILD eher auf Deeskalation, und die Fatz eher auf Eskalation setzt. Also alles normal und zurück zu Heino-Heintje-Heinckes?

Das mindeste, was man denken und auch sagen muss, ist aber: Diese Eskalation darf nicht der mediopolitischen Klasse überlassen werden – denn das sind ja mehrheitlich kleine oder große “Verantwortungs-Träger”. Hier muss ich wieder an meinen Roman “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung” (assoverlag Oberhausen, 29 Euro 90) erinnern. Darin sind Eskalationen des deutschen “V-Trägers” (“Verantwortungs-Trägers”) und seiner “Wehr” voraus-simuliert, und es wird spannend, satirisch und poetisch erzählt, wohin uns der V-Träger führen wird, wenn ihm die “Verantwortung” für Eskalationen überlassen wird. Und da spielen auch die “Stabsärztebrüder” mit: drei Brüder, die alle in der Bundeswehr engagiert sind. Sie werden übrigens nicht an die russische Grenze simuliert – das war den Ursprünglichen Chaoten, die die Geschichten erzählen, einfach nicht vorstellbar. (Also: Auch mir persönlich war das nicht vorstellbar.)

Aber jetzt ist es “Fakt”: Unter welchem OSZE-Mantel auch immer diese realexistierenden Stabsärztebrüder in Slavjansk “Verantwortung übernommen” haben – weiß denn niemand, was die Wehrmacht in diesen Städten angerichtet hat? Ist es denn überhaupt zu fassen, dass deutsche Soldaten (in welchem Mantel auch immer) in diesen Städten wieder militärische “Verantwortung übernehmen”?

“Wir können sowieso nix machen – die Politiker machen doch sowieso, was sie wollen”??!! Wir können uns immerhin zum Beispiel die Redakteure (oder -innen) der Fatz bei der Arbeit vorstellen – wie sie über die Schlagzeile der FrontPage (nomen est omen) entscheiden. Dass Jasenjuk das gesagt hat, ist ein Fakt – aber ist es ein “nackter Fakt”? Muss man nicht unbedingt hinzufügen, dass sich in einem solchen Spruch doch klar der Wunsch des Sprechers ausdrückt, es möge einen 3. Weltkrieg geben, damit NATO und Bundeswehr zum “Kriegseintritt gezwungen” werden? Muss man nicht medial fordern, sofort jede Art von “Mechanismus” abzustellen, die Leuten wie Jasenjuk diese Hoffnung gibt? Muss die mediale Klasse nicht laut und deutlich sagen: Wie immer Putin sich einem Diktator nähert, Deutschland wird niemals – unter keiner denkbaren Begründung und “Verantwortung”, “gezwungen” von keinem “Mechanismus” – in einen Krieg gegen Russland “eintreten”? Stattdessen werden einfache Leute, bei denen noch nicht sämtliche Tassen im Schrank kaputt sind, mit dem 1914-typischen Hetzwort “Putin-Versteher” belegt.

Ohne mediale Schreibtischtäter wäre der 1. Weltkrieg weder mit solcher “Begeisterung” “ausgebrochen” noch hätte er so lange dauern und so viele Millionen Tote kosten können. Ein Aufstand der Zivilgesellschaft gegen die neuen Schreibtischtäter ist etwas Denkbares. Ich habe ein lateinisches Zitat eingesetzt (Quousque tandem: lustig! das Programm will tandem unbedingt groß schreiben!) – Bildungsschrott, der aber vielleicht im Netz Neugier erweckt: So begann Cicero seine berühmteste Rede, und es heißt: “Wie lange eigentlich noch?” Ja, wie lange eigentlich noch soll das weitergehen mit der “gewachsenen deutschen Verantwortung”?

Jetzt ist die Intelligenz und die Ironie von Karl Kraus wieder gefragt. Kraus musste 1914-1918 unter scharfer Zensur schreiben. Aber er erfand wunderbare Tricks: So meldete er, wenn in Wien lange Schlangen vor den Geschäften standen und viele Todesanzeigen die Zeitungen füllten, dass – in Paris, London und Sankt Petersburg riesige Schlangen vor den Läden ständen und die Zensur Todesanzeigen verbieten würde. WNLIA: Weder noch lieber irgendwie anders. Weder Putin noch Jasenjuk, sondern eine Garantie, dass ein Krieg gegen Russland in keinem denkbaren “Szenario” in Frage kommt – jedenfalls nicht mit deutscher Beteiligung.

 

 

Nach 1 Woche: Ein Superskandal der griechischen Regierung in den deutschen Medien weiter totgeschwiegen

Sonntag, April 6th, 2014

Nun ist der “Baltakos-Skandal” fast 1 Woche alt, in der alle griechischen Medien täglich davon sprachen (großenteils auch abwiegelnd, aber sie mussten davon sprechen). Auch international ein großes Thema (z.B. in BBC und Guardian). Und in Deutschland (außer taz und Focus) weiter laut dröhnendes Totschweigen.

Nochmal eine andere Analogie: Angenommen ein russischer Neonaziparteisprecher hätte ein Video veröffentlicht, das ihn in “kollegialem” Gespräch mit Putins Generalsekretär zeigte (mit vielen “Fick ihn!”, “diese Wichser” usw.) – was wäre in den deutsche Medien los? Da würde (steht zu befürchten) vermutlich die Bundeswehr schon mobilmachen.

Die Analogie ist nicht abwegig, denn: Während die griechischen Medien über Baltakos und Samaras voll waren, während Samaras nach 2 Tagen peinlichen Schweigens nichts anderes zu erklären wusste, als dass er schon immer der schärfste Gegner der Chrisí Avgí gewesen sei (griechische Neonazipartei, deren Goebbels Kasidiaris das Video mit seinem Kumpelgespräch mit dem Generalsekretär der Regierung Samaras, Baltakos, ins Netz gestellt hatte) – während Samaras nichts über den Inhalt des Videos und über seine angebliche Unwissenheit zu sagen wagte – während all dem tagten die EU-Außenminister, allen voran Steinmeier, in Athen. Gingen sie darauf ein, dass der Generalsekretär der gastgebenden Regierung gerade als Neonazi-Versteher entlarvt worden war? Mit keinem Wort – aber sie verurteilten Putin und unterstützten die Regierung in Kiew, in der bekanntlich ebenfalls Neonazis (Partei Swoboda) sitzen. (Zwischen Swoboda und Chrisí Avgí bestehen engste Kontakte: Swoboda stellte für die vor Weihnachten erschossenen zwei Chrisí-Avgí-Kader in Kiew “Märtyrermahnwachen” auf, die von einer Delegation der Chrisí Avgí besucht wurden (Fotos im Internet, ebenso wie die mit dem Hitlergruß von Jazenjuk, mit dem Steinmeier jede Menge Verträge unterzeichnet hat).

Außerdem verurteilten die EU-Außenminister in Athen schärfstens die Twitter-Sperre in der Türkei.

Ein erster Grund für das Totschweigen in den deutschen Medien dürfte also die äußerst peinliche “Achse” Athen-Kiew von teils regierungsnahen, teils bereits regierenden Neonazis sein.

Aber es gibt noch einen zweiten Grund: Nächsten Freitag, 11. April, fliegt Angela Merkel wieder nach Athen. Sie will dort Arm in Arm mit Samaras eine “Botschaft an die Welt” richten: “Hurra die Krise ist vorbei! Griechenland hat eine Anleihe an den Märkten platziert! Das haben wir gemeinsam geschafft!” Dass die Arbeitslosigkeit offiziell (!) weiter bei knapp 30% liegt und noch einige Monate steigen wird, bevor die “Talsohle” erreicht wird (selbstverständlich wird in jeder Krise irgendwann die Talsohle erreicht – das Elend auf dieser Talsohle interessiert nicht nur nicht die Märkte – es freut sie ungemein, sinken dadurch doch die “Arbeitskosten” noch weiter und steigt die “Wettbewerbsfähigkeit” (die Profitrate) in glänzende Höhen).

Dieses Hurratheater also würde durch Baltakos laut krachend aus dem Sattel geworfen. Das muss vor dem “normalen deutschen Mediennutzer” verborgen werden, da “zu komplex” für ihn. Und da machen (fast) alle großen deutschen Medien mit! “Eine Zensur findet nicht statt”. Das steht ja für alle Fälle im Grundgesetz, wo es unsere “freien Medienleute” nicht weiter stört. Sie sind Verantwortungs-Träger (nachzulesen im Roman “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee”).

(führerstaat D) München 2014: Wie übersetzt man “lead nation”? Was bedeutet ein Fußball-Symbol für Krieg?

Montag, Februar 3rd, 2014

Die drei Reden von Gauck, von der Leyen und Steinmeier auf der Münchner “Sicherheitskonferenz” (früher: “Wehrkundetagung”) markieren (leider) vermutlich einen historischen Einschnitt in der deutschen Geschichte. Alle drei betonten, dass bisher eine “Kultur der Zurückhaltung” bei militärischem “Engagement” geherrscht habe, mit der nun Schluss gemacht werden müsse. Sie dürfe nicht als “Kultur des Heraushaltens” missverstanden werden (Steinmeier). Und er kodierte das mit dem Kollektivsymbol des Fußballs: “Deutschland ist zu groß, um Weltpolitik nur von der Außenlinie zu kommentieren.” Schon in Heft 1 der Zeitschrift “Kulturrevolution” wurde begründet, warum nicht die Verwendung von Kriegs-Symbolen für Fußballspiele (“aggressives Pressing” usw.) ein bedenkliches Symptom ist, sondern die umgekehrte Verwendung von Fußball-Symbolen für Krieg (wie bei Steinmeier).

In früheren Posts wurde ja schon die Frage gestellt, warum von der Leyen, die als “Shen Te” startete, derartig flott zur Demaskierung des bösen Vetters “Shui Ta” überging. Gauck kann nun geradezu als die desmaskierte Einheit von Shen Te und Shui Ta betrachtet werden: Als Pastor hat er die passende Suada für den Schluss des brechtschen Dramas: Stimme der Götter. Er fordert für “das beste Deutschland, das wir kennen” den “Weg zu einer Form der Verantwortung, die wir noch nicht eingeübt haben”. Mit bemerkenswerter Chuzpe zitiert er selbst den Klartext dieser neuen “Verantwortung”, nämlich “mehr zahlen” und “mehr schießen”. Widerlegt er diese Annahmen? Keineswegs – er sagt bloß: “Es wird Sie nicht überraschen: Ich sehe das anders.” Aber er dementiert weder Zahlen noch Schießen, sondern begründet die neue “Verantwortung” (die er auch inhaltlich auf “Schutzverantwortung”, also Interventionsrecht, ausdehnen möchte) so wie Steinmeier mit Deutschlands “Größe”. (Halten wir fest: Deutschland hat gerade mal etwas mehr als 1 Prozent der Weltbevölkerung! Klarer kann man nicht sagen, was für eine “Größe” gemeint ist: Einzig und allein die Größe des Kapitals. So wimmelt es in den Reden auch davon, wie sehr Deutschland von einer “stabilen” Weltordnung “profitiere”: Sehr zutreffend.)

Wenn der 13jährige Krieg in Afghanistan “Kommentieren von der Außenlinie” gewesen sein soll, dann ist klar, was es bedeuten wird, wenn die Bundeswehr künftig als “Profispieler aufs Feld” (“Feld”!) stürmen wird.

Die demaskierte Turbosoldatenmutti spricht fließend Englisch und Französisch – sie redete also Englisch und definierte Deutschland als “Frame work Nation” und als “Lead Nation”. Das erste heißt in der offiziellen deutschen Version “Rahmennation” und das zweite “Leitnation”. Das erste wird als ein genuin deutsches Konzept erläutert: Es schlägt vor, innerhalb der NATO oder auch darüber hinaus je konkrete internationale “Gruppen” zu bilden (z.B. für die kommende Afghanistan-Mission “Resolute Support”) – und jede dieser Gruppen wird geführt von einer “Rahmennation” – und dazu ist Deutschland bereit. Also ein ähnliches Konzept wie “lead nation”, das allerdings noch weiter geht. Es wäre mit “Führungsnation” zu übersetzen und hat übrigens ebenfalls eine sportliche Konnotation: “Spitzenreiternation”. Jedenfalls ist “Leitnation” eindeutig der Versuch, dem brisanten Signifikanten “Führer” auszuweichen!

All dies ist im Roman “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee” (assoverlag Oberhausen) vor-erinnert: “Verantwortung” (eine Hauptfigur ist der “V-Trager”, d.h. “Verantwortungs-Träger”, zu dessen pfäffischer Stimme sich Gauck gemacht hat), “dritter deutscher Versuch”, “Stabilisierung”, “Afrika-Mission” der Bundeswehr usw. Die sowohl satirische wie poetische Vorweg-Simulation dieses “Versuchs” ist der aktuellen Neubestimmung der “deutschen Außen- und Sicherheitspolitik” auf den Leib geschrieben. Die Lektüre dieses  Polit-Fiction-Romans bietet Energie gegen das Überrollt-Werden, gegen blitzartige Putschversuche wie in München (wo Gauck eindeutig seine Kompetenz als symbolisch-moralische Instanz weit überschritt und sich quasi Entscheidungsmacht wie die Weimarer Präsidenten anmaßte).

GAUCKeLEYEN nein danke.

(vorerinnerung) Hey SCHLAGzeitung! “Nazi-Chaoten”: “Das geht gar nicht!” sagen die Ursprünglichen Chaoten

Dienstag, Januar 28th, 2014

Jetzt hat die SCHLAGzeitung (in der Ukraine) doch tatsächlich “Nazi-Chaoten” entdeckt.

Die Geschichte des Begriffs “Chaoten” ist symptomatisch für die Entwicklung der deutschen Politik seit 1968, als er entstand. Sie kann in dem Roman “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung” (assoverlag Oberhausen, 29,90 Euro) nachgelesen werden, in dem die “Ursprünglichen Chaoten”, die sich auch in diesem Blog zu Worte melden, eine Hauptrolle spielen. Der Begriff wurde zuerst von der DKP gegen die Neue Linke eingeführt, deren zuerst noch produktives Chaos (siehe Chaostheorie) nicht auf “Linie” zu bringen war. Dann übernahmen ihn Teile dieser Neuen Linken selber gegen andere Teile (Schande). Dann setzte ihn die DKP in den DGB-Gewerkschaften gegen die Neue Linke durch: Dabei kam der “Chaoten-Erlass” heraus. Das inspirierte dann auch die SCHLAGzeitung, die ihn allerdings hauptsächlich gegen “Streetfighter” und “gewaltbereite Demonstranten” (wie den jungen Joschka F.) einsetzte. Von dort ging es zu den “schwarzen Blöcken”, und die “Chaoten” gerieten in die direkte Nähe von “Terroristen”.

Diese Geschichte der Zeit zwischen 1968 und 1995 ist in der “Vorerinnerung” aus Sicht der “Ursprünglichen Chaoten” erzählt (unter vielem anderem). Nun also “Nazi-Chaoten”. “Das geht gar nicht” (Angela Merkel), denn Nazis sind die Anti-Chaoten pur! Sie hetzen im Internet gegen sämtliche “Chaoten”, und um so mehr, je ursprünglicher. Sie “mischen Chaoten auf”, wenn ihnen die Polizei zu lasch erscheint.

Bitte die “Vorerinnerung” lesen! Die Ursprünglichen Chaoten.

 

ZUSATZ KORREKTUR!

Wie der zweite Kommentar beweist, halten sich die Ursprünglichen Chaoten fälschlich für ganz ursprünglich! Vielen Dank für diese Korrektur – solche Kommentare wünschten wir uns öfter! Aber anderseits ist es schön zu wissen, dass die noch ursprünglicheren Chaoten die Leute von der Roten Ruhr-Armee selber im Munde der Nazis waren!

Die Ursprünglichen Chaoten

(führerstaat D) Wenn der robuste Vetter Shui Ta kommt (Altminister Rühe redet Klartext über Deutschland als “Führerland”)

Mittwoch, Januar 22nd, 2014

In Brechts Drama “Der gute Mensch von Sezuan”, einem Parabelstück über den Kapitalismus, versucht die Ladenbesitzerin Shen Te, ihre armen Kunden gratis zu bedienen. Das frisst natürlich ihre Marge – dann kommt von Zeit zu Zeit ihr böser Vetter Shui Ta und redet Klartext, bis die Marge wieder stimmt. Am Schluss stellt sich heraus, dass Shui Ta bloß eine Maske war, die Shen Te sich aufsetzen “musste”, um nicht Pleite zu gehen.

Die Bundeswehr ist in ihrer größten Krise seit… der damalige Minister Rühe sie nach der Wiedervereinigung zur globalen Weltjuntatruppe umwidmete. Sie hat deshalb eine Shen Te als Ministerin bekommen. Die Medien überschlagen sich mit Lob über ihren “fulminanten Start” mit lauter Gutmenschlichkeiten wie Kitas, Tagesmüttern und normalen Arbeitsverhältnissen für Soldaten. Gleichzeitig “musste” sie aber “den Franzosen” (sie spricht sogar französisch!) allerhand Robustheiten versprechen: “Azubis” in Mali ausbilden (robust on the Job?) und auch in Zentralafrika “helfen”. Was da genau auf unsere normalen Sicherheitsarbeiter zukommt, bleibt einstweilen unter der Decke, um den fulminanten gutmenschlichen Start nicht zu – nun ja: nicht zu demaskieren.

Aber was soll dabei aus “unserer gewachsenen globalen Verantwortung” werden? Was helfen Illusionen? Auftritt Vetter Shui Ta und schreibt einen Gastkommentar für die Fatz (21.1.2013), der es in sich hat:

“DEUTSCHLAND MUSS FÜHREN” – “Ende des Monats, wenn die Münchner Sicherheitskonferenz zum 50. Mal tagt, ist Deutschland wieder einmal das Zentrum der internationalen Politik. Das allerdings nur für 48 Stunden, denn in der Praxis hat sich unser Land in eine sicherheitspolitische Passivität begeben, die seiner Rolle als bevölkerungsreichster Staat Europas und als eine global führende Wirtschaftsmacht nicht entspricht. / In Afghanistan haben wir unseren Einsatz frühzeitig auf den Norden sowie die Hauptstadt Kabul beschränkt und die wirklich gefährlichen Regionen dauerhaft unseren Verbündeten überlassen. Dass die Bundeswehr am Ende doch kämpfen musste und dies auch hervorragend tat, war eigentlich gar nicht geplant. Und selbst dann mussten unsere Partner (wie 2009 in der Bombennacht bei Kundus) noch die Luftnahunterstützung übernehmen, weil Regierung und Bundestag ausgeschlossen hatten, eigene Flugzeuge einzusetzen.” – “Bombennacht”? Ein Wort aus dem 2. Weltkrieg! Was ist gemeint? Das Tanklastermassaker! Eine “normale Bombennacht”!   Das ist wirklich ein robuster Shui-Ta-Ton, muss man zugeben.

Und der Ton wird durchgehalten: “Wir” haben feige gekniffen in Libyen und bisher in Mali: “Die Rolle, die Deutschland bei diesen und anderen Gelegenheiten (!) spielte, ist eine unwürdige Rolle. Denn militärisch nur das Nötigste (!) und vermeintlich Gesichtswahrende zu tun, bleibt hinter unseren Möglichkeiten (!) zurück.” Das ist “unmoralisch” (!) und “uneuropäisch” – “Denn eines ist offensichtlich: Hätten sich alle Staaten verhalten wie Deutschland, wäre Afghanistan heute in einer noch schwierigeren Lage.” Also: Weil “Deutschland” nicht seine “militärischen Möglichkeiten” voll ausgereizt hat, wurde der 13jährige Krieg in Afghanistan de facto verloren. “Wir” hätten ihn voll gewinnen können! Wir hätten einen fulminanten Endsieg hingelegt wie zu Zeiten unserer “Bombennächte”!

Rühes Manifest scheint eine Simulation der Stimme des V-Trägers aus dem Roman “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung” (assoverlag Oberhausen) zu sein. Dort werden ja auch Afrikamissionen der Bundeswehr simuliert. Die Volksmeinung spielt für Vetter Shui Ta gar keine Rolle, auch nicht die sozialen Ursachen der Kriege, nicht einmal die medialen Shen-Te-Bedürfnisse. Nicht einmal, dass Deutschland gerade einmal etwas mehr als 1 Prozent der Weltbevölkerung stellt. Hier spricht offensichtlich die  Stimme der Generalität Klartext. Und das liest sich am Schluss so: “Kurzum (“rechtsum linksum kurzum!!”): In einer Zeit, in der die Vereinigten Staaten ihr Engagement für Europa reduzieren und viele Staaten der EU finanziell am Ende sind, ist es Aufgabe des Starken (“der Starke” = “Deutschland”!), mit Beispiel zu führen und Europas Handlungsfähigkeit zu sichern. Deutschland muss führen, damit Europa nicht schwächer wird.”

DEUTSCHLAND FÜHRERSTAAT BEFIEL! WIR FOLGEN. Der robuste Vetter Shui Ta ist offenbar der Überzeugung, dass Shen Te schon bald gezwungen sein wird, die Maske abzunehmen – Schluss mit der “Gesichtswahrung”!.

Welche “Botschaft” wird mit der Turbomutti unterm Stahlhelm “gesendet”?

Montag, Dezember 16th, 2013

Alle sind sich einig, dass die einzige wirkliche Sensation der 3. Großen Koalition der Abgang de Maizières von der Bundeswehr (schon im Wahlkampf schien er abgetaucht) und seine Ersetzung durch eine Frau sei. Ohne Spaß: Das ist tatsächlich ein mittelgroßes diskursives Ereignis. Ist das der Auftakt für künftige “Missionen” der Bundeswehr unter “unseren Generälinnen und Generälen”? Dann wäre auch Alice Schwarzers feministische Mission endgültig erfüllt: der Begriff “Powerfrau” wäre zur Kenntlichkeit verfremdet.

In dem Roman “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung” (assoverlag Oberhausen, 29,90 €: Last-Minute-Tipp für ein Geschenk) sagen Ruhrarbeiter so wie morgens zum Meister: “Was liegt an?” Ja was liegt eigentlich an bei der Bundeswehr im Jahre 2014, damit uns diese Botschaft gesendet wird? Die Medien nennen: ERSTENS in den Sand gesetzte millionen- und milliardenschwere Rüstungsprojekte, darunter die Euro-Drohne. ZWEITENS den “Abzug aus Afghanistan”. DRITTENS die “Reform der Streitkräfte” (Umbau in eine “Einsatzarmee”) und VIERTENS die schwierige Rekrutierung von Freiwilligen für eine “Einsatzarmee”, d.h. eine Armee für Kriege, in denen auch “gefallen” werden kann und in denen Traumatisierungen hoch wahrscheinlich sind. Im Klartext:  ERSTENS muss geklärt werden, wie die Bundeswehr in den Drohnenkrieg einsteigen kann. ZWEITENS handelt es sich um eine ganz und gar “historische Wegscheide”. Deutschland hat (zusammen mit den USA) seinen ersten großen Krieg nach 1945 so gut wie verloren. Denn ein Anti-Guerillakrieg, an dessen Ende der Partisanen-Feind noch existiert und noch kampffähig ist, ist verloren. Das ist umso katastrophaler, als die Taliban (und die anderen afghanischen “Aufständischen”) eigentlich aufgrund ihrer extremen Antimodernität ein “leichter” Feind hätten sein sollen (ganz anders als der vietnamesische FNL seinerzeit). Es sieht fast so aus, als ob sogar das Pentagon nun eingesehen hätte, dass ein Anti-Guerillakrieg einfach nicht gewonnen werden kann. Die Konsequenz daraus für Deutschland müsste sein: Schluss mit Kriegen in “Übersee”, Schluss mit dem 3. Traum vom Weltgendarmen und führendem Mitglied der Welt-Junta, Rückbau der “weltweiten Verantwortung”, zurück zur Territorialverteidigung (mit Modell Schweiz). Das hieße wirklich “Mut” beweisen.

Aber dieser Mut fehlt – ganz im Gegenteil soll die “Verantwortung” noch gesteigert werden – aber diesmal mit einer ganz neuen Strategie (ebenfalls nach US-Vorbild): CT = Counter Terrorism, Ein Viererpack aus “Spezialkräften”, einem Dienste-Denunziationsnetz, von dem Kill-Listen erarbeitet werden, Killungen vorzugsweise per Drohnen, (traumatisierende) “Drecksarbeit” durch lokale “Azubis”, die trainiert und mindestens elektronisch begleitet werden.  Für diese neue Strategie spricht beim “V-Träger” (“Verantwortungs-Träger”: eine der Hauptfiguren im Roman “Bangemachen gilt nicht…”) auch das Problem der PTBS (post-traumatischen Belastungs-Störung), die sich in Afghanistan als das weitaus größte Problem erwies: Dazu ließ die Bundeswehr von der TU Dresden (Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie) eine Studie anfertigen, die zu relativ “optimistischen” Ergebnissen kam und vor allem festgestallt haben will, dass die erkrankten Soldaten schon vorher psychisch labil gewesen seien. Deshalb sollen künftig durch ein “Screening” die psychisch “anormalen” Freiwilligen rausgesiebt werden. (Sind etwa Frauen weniger PTBS-anfällig?) Damit hängen auch direkt die Schwierigkeiten DRITTENS und VIERTENS (Rekrutierung) zusammen. Braucht man dazu ein feineres (“weibliches”) “Händchen”?

Natürlich wird die Bundeswehr in Kombination mit CT auch weiter “normale” Streitkräfte parathalten – aber wohl nur noch für kurze “Aufräum”-Blitzkriege, wie sie Frankreich in Mali praktizierte: Massiv zuschlagen, hauptsächlich aus der Luft, durchmarschieren und dann wieder abziehen und an das CT-Viererpack zur weiteren “Bearbeitung” übergeben. All das hatte de Maizière vor seinem Abtauchen recht brutal angekündigt (Stichwort “Einsatzarmee”). Seine Nachfolgerin wird da sicher anders “kommunizieren” – sprich: einen flexibel-normalistischen Interdiskurs sprechen (aber es sind die flexibel-normalistischen Subjekte, die PTBS-anfällig sind!).

Für all diese Probleme, so sieht es aus, scheint jedenfalls ein weibliches Oberkommando brauchbarer als ein Machotyp aus alter preußischer Generalsfamilie. Aber auch eine Frau – da sind sich alle einig – wird es “nicht leicht haben”. Es dürfte sich eben doch um eine “Mission impossible” handeln.

Der deutsche V(erantwortungs)-Träger an Präsident Gauck: “Sie haben mir mit Ihren mutigen Worten über meine gewachsene Welt-Verantwortung aus dem Herzen gesprochen!”

Sonntag, Oktober 6th, 2013

Diese Gauck-Rede vom 3.10.13 wird man sich merken müssen. Es war eine Festrede, nun ja, und der Redner ist Prediger im wörtlichen Sinne. Seine Stimme lullt ein, und man hört nicht genau hin. Aber dann häuft sich ein Wort: “Verantwortung”, “Verantwortung”, “Verantwortung”: “Weniger Verantwortung, das geht eigentlich nicht länger, aber an mehr Verantwortung müssen wir uns erst noch gewöhnen.” Nun ist ja auch der von der tollen schwarz-rot-goldenen Stimmung leicht benebelte Zuhörer nicht gänzlich weggetreten – er weiß, dass “Verantwortung” irgendwie was mit “Kriegführen” zu tun hat – und richtig, das sind sie schon, die Stichworte “Bundeswehr”, “Afghanistan”, “Kosovo”. Dann kommen “Professoren aus Oxford oder Princeton” ins Spiel: Haben sie den Nobelpreis bekommen? Nein, vielmehr: “Ihnen gilt Deutschland als schlafwandelnder Riese oder als Zuschauer des Weltgeschehens. Einer meiner Vorgänger, Richard von Weizsäcker, ermuntert Deutschland, sich stärker einzubringen für eine europäische Außen- und Sicherheitspolitik”. Schlafwandelnder Riese? Also: Riese Erwache! Zuschauer? Also: Spiel eine Führungsrolle im Weltgeschehen! “Ich mag mir nicht vorstellen, dass Deutschland sich groß macht, um andere zu bevormunden. Aber ich mag mir genauso wenig vorstellen, dass Deutschland sich klein macht, um Risiken und Solidarität zu umgehen.” Gerade hat Deutschland seinen ersten größeren Krieg nach 1945, den in Afghanistan, nach 12 Jahren – nun ja: was eigentlich? gewonnen? wohl nicht – also: verloren? (Haben die USA nun in Vietnam gewonnen oder verloren? Sie hatten auch die “Verantwortung an die südvietnamesische Regierung übergeben”.) 12 Jahre Krieg mit eigenen Toten und sehr vielen afghanischen, mit einigen Zigmilliarden verlorener Euros: das soll “sich klein machen” sein? Wenn das “sich klein machen” ist, was bedeutet dann “sich größer machen” für einen “Riesen”? Welche “Zukunftsfähigkeit” also fordert Präsident Gauck genau von “uns”?

Wen diese Rede nachdenklich macht und wer mehr darüber wissen möchte, was mit dieser “Verantwortung” gemeint ist, und wie es zu so viel “deutscher Führungs-Verantwortung in Europa und der Welt” (Schäuble) kommen konnte, der kann das vergnüglich in dem sowohl satirischen wie poetischen Roman “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung” (assoverlag Oberhausen, 29.90 Euro, Buchhandel und Internet) nachlesen. Darin kämpfen die “Ursprünglichen Chaoten”, die manchmal auch dieses Blog schreiben, gegen den “V-Träger” – eben den deutschen “Verantwortungs-Träger”. Wer das genau ist? Stoff zu lesen! Jedenfalls ist auch die Gauck-Rede vom 3.10.13 dort “vorerinnert” – bis fast in jede Einzelheit.

“Und willst du nicht mein Bruder sein…”: Michael Martens verrät die geheimen Gedanken des deutschen V-Trägers in der Fatz

Dienstag, Juli 30th, 2013

Am 21. Juli begann Michael Martens, Südosteuropakorrespondent der Fatz, ein Interview mit dem griechischen Oppositionsführer, Alexis Tsipras, von Syriza, im Stil eines Verhörs: Wie ein Maschinengewehr rasselten die Suggestivfragen herunter: Ob Tsipras Humor habe? Was er von einer Karikatur in der Parteizeitung “Avgi” halten würde, in der Hitler aus der Hölle bei Merkel anrief – warum er mit dem “Semifaschisten” Kammenos (Partei der Unabhängigen Griechen) gesprochen habe, warum Schäuble in der “Avgi” als “Gauleiter” tituliert worden sei, warum Tsipras in einer Wahlkampfrede gesagt habe, Nea Dimokratia und Pasok hätten die griechische Flagge an Merkel ausgeliefert. Nach der 5. dieser äußerst informativen und hoch objektiven Fragen brach Tsipras das “Interview” genannte Verhör ab.

Daraufhin stellte sich Martens (FAZnet vom 27.7.) als Opfer einer totalitären Verfolgung dar. Alle seine Fragen hätten auf Tatsachen beruht. Jetzt wissen wir also: Tsipras ist sehr humorlos und böse, und Merkels und Schäubles Griechenlandpolitik ist rundum okay. Hätte Tsipras zurückgefragt: “Wie erklären Sie sich, das sich seit drei Jahren riesige Teile der südeuropäischen Bevölkerungen von der deutschen Hegemonialpolitik um ihre Normalität gebracht fühlen und dabei immer wieder von einem 4. Reich reden?” – so hätte Martens sicher gesagt: “Ich stelle hier die Fragen!”

Genau das ist der Gestus, bei dem vielen Südeuropäern immer wieder spontan Begriffe wie “Gauleiter” auf die Zunge kommen. Sie können eben den Spieß nicht umdrehen und arrogante deutsche Besserwissis (konkret Wolfgang Schäuble) etwa mit der Frage konfrontieren: “Warum weigern Sie sich, etwas zur bis heute ausgebliebenen Rückzahlung der Zwangsanleihe des 3. Reichs zu sagen?” Überlegt man genau, dann ist es bei solchen Fragen die offizielle deutsche Seite, die sich in die Tradition des 3. Reiches stellt.

Und das tat auch Michael Martens in seinem Bericht: Denn er stellte ihn unter die Überschrift: “Und willst du nicht mein Bruder sein…” Dieser Spruch (mit der bekannten Folge: “dann schlag ich dir den Schädel ein!”) soll angeblich in Tsipras’ Schädel stecken. Martens suggeriert, Tsipras würde ihm am liebsten den Schädel einschlagen (typisch für Linksradikale). Aber: Der Spruch ist ein deutscher, kein griechischer Spruch – er stammt aus einem deutschen, keinem griechischen Schädel – konkret aus dem Schädel von Martens. Man muss nicht bei Freud nachlesen, um zu wissen: Dieser Wunsch ist der eigene Wunsch des Verhörers. “Herr Martens, haben Sie Humor?”

Martens hat hier also die Stimme des deutschen “V(erantwortungs)-Trägers” simuliert, wenn sie vor Wut die Fassung verliert – wenn sie “leider andere Saiten aufziehen muss”. So wie diese Stimme in dem Roman “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung” (assoverlag Oberhausen; 29,90 Euro) vor-simuliert ist. In diesem Roman sind “Charaktere” wie Martens vorerinnert. Dieser Roman handelt genau vom Problem des deutschen V-Trägers bei seinem “3. Versuch” eines “Griffs zur Weltmacht” – sein dickster Klotz am Bein dabei ist der 2. Versuch, und tatsächlich läuft der 3. Versuch ja auch ziemlich anders. Aber was ist eigentlich mit dem 1. Versuch (dem unter Kaiser Wilhelm)? Gibt es da auch keinerlei Analogien? (Gegen Missverständnisse: Die Figur des V-Trägers macht gerade klar, dass es sich um funktionale Prozesse wie Kapitalbewegungen und geopolitische “Zwänge” handelt, nicht um gute oder böse “Charaktere” – was die “Charaktere” aber nicht reinwäscht, wenn sie sich zu “Charaktermasken” der Machtprozesse machen. Wie Martens.

Ulrich Beck im Interview zu Prism (was fehlt)

Samstag, Juli 20th, 2013

In einem Interview mit der FAZ (“Digitaler Weltstaat oder digitaler Humanismus?” 20.7.2013) gab Ulrich Beck als Soziologe der “Risikogesellschaft” eine Einschätzung der digitalen “Risiken”, die durch die Enthüllung von Prism öffentlich bekannt geworden seien. Analog zu Tschernobyl und Fukushima sah er auch hier das Risiko einer “Katastrophe” – mit dem Unterschied, dass die Katastrophe (ein “digitaler Weltstaat […], der sich von allen Kontrollen emanzipiert hat”, also ein ‘digitaler Welt-Kontrollstaat’) bereits eingetreten, aber bis zu Snowden nicht wahrgenommen worden sei. Snowdens Enthüllungen eröffneten nun aber die Chance zum Widerstand – er müsse in Richtung der Durchsetzung eines “Grundrechts auf Datenschutz und digitale Freiheit” als eines “globalen Menschenrechts” gehen. Dazu könnte eine “Whistleblower-Gewerkschaft” beitragen.

Auf Nachfrage der FAZ, ob es nicht eventuell “eine Nummer kleiner” gehe, verneinte Beck emphatisch. Nun ist es mit globalen Menschenrechten bekanntlich so eine Sache. Das fundamentalste aller globalen Menschenrechte, das Recht auf Leben, wird im “War on Terror” in Afghanistan und anderswo tausendfach gebrochen  (US-offiziös bisher 4700 durch Drohnen “gezielt Getötete”, davon etwa 2 Prozent ernsthaft Terrorverdächtige), und zwar u.a. mithilfe von Prism (wobei die Bundesregierung bekanntlich behauptet, das militärische Prism, mit dem auch die Bundeswehr seit Jahren “arbeitet”, sei ein ganz anderes als das zivile Prism).

Irgendetwas scheint bei Beck zu fehlen. Das Defizit ist aber die Folge einer scheinradikalen Übertreibung: Wo bitte lebt jener “digitale Welt-Kontrollstaat”, der angeblich Prism einsetze? Er ist empirisch nicht bekannt – genauso wenig wie das berühmte supranationale “Empire”. Prism gehört keinem supranationalen Kontroll-Empire, sondern einem einigermaßen bekannten Nationalstaat namens USA. Auch Google und Facebook sind keine supranationalen Multis, sondern US-amerikanische Großkonzerne, die daher mit dem Nationalstaat namens USA aufs engste verflochten sind.
Wenn die Supermacht die neue Weltmacht Nr. 2 vorführt
Deutschland, als Europas Hegemonialmacht durch die Krise in die Position einer Weltmacht Nr. 2 katapultiert, führt in Sachen Prism einen im In- und Ausland verspotteten lächerlichen Eiertanz auf. Und die USA lassen ihren Juniorpartner zappeln, ja führen ihn regelrecht vor. Klar ist, dass die Bundeswehr bei ihren Weltjuntaeinsätzen seit Jahren mit Prism arbeitet, also auch der MAD und ebenso der BND. Alles logisch, da Deutschland sich ja führend am “War on Terror” beteiligt, möglichst rasch eigene Killdrohnen beschaffen will und genauso wie die USA auf “neue Kriege” mit Dienste-Führung setzt. Bevor daher nicht wenigstens die UNO-Ermächtigung zum “War on Terror” beendet wird, sind globale Menschenrechte leider nur Träume.
Warum kein Widerstand?
Beck begründet den eigenartigen Umstand, dass es keinen massiven Widerstand gegen die mit dem War on Terror begründete globale digitale Rasterfahndung gibt (Symptome sind auch der Absturz der Piraten und der Grillini), mit der mangelnden Wahrnehmung: “Die Verletzung der Freiheit schmerzt nicht, man spürt sie nicht, man erlebt keine Krankheit, keine Überflutung, keine Chancenlosigkeit am Arbeitsmarkt.” Anders gesagt: Die Normalität ist nicht gestört (wie bei Fukushima usw.), es gibt keine Denormalisierung.
Es fehlt der Normalismus: Es handelt sich um einen Kopplungsfall zwischen Normalismus, Kapitalismus und Militär/Politik.
Offenbar würde ein massenhafter Alarm eine massenhaft wahrgenommene Denormalisierung voraussetzen. Erst dann würden sich Massen “betroffen” fühlen. Als klärendes Beispiel bietet sich aus naheliegenden Gründen die Emanzipation der sexuellen Minderheiten an: Wie wir jetzt wissen, hat Prism virtuell alle Kommunikationen von schwulen und lesbischen Personen auf dem Globus gespeichert. Das scheint nicht wirklich bedrohlich zu sein, da die kulturelle Inklusion der Betroffenen in das flexible Normalspektrum ja gleichzeitig nicht nur nicht gefährdet, sondern sogar vergrößert zu werden scheint. Analog ist es mit anderen früher als “anormal” betrachteten Minderheiten wie Behinderten, ethnischen Minoritäten, Einwanderern usw. Diese Stabilität des flexiblem Normalismus liegt der Sprechblase zugrunde, “wer sich nichts hat zu Schulden kommen lassen”, müsse nichts befürchten. Es gehe eben nur um Leute, die “irgendwie mit dem Terror zusammenhängen”, das seien weniger als 0,1 Prozent.
Das Risiko konkretisieren!
Strukturell ist Prism eine enorme Multiplikation des Prinzips der Rasterfahndung. Strukturell ist es nicht wirklich neu: Wir erinnern uns, dass Berliner Dienste vor einigen Jahren bereits im  Internet nach Stichwörtern wie “Gentrifizierung” fahndeten. Zum einen besteht ein konkretes Risiko also darin, dass Dienste “Vorfelder” erfassen möchten und dadurch ihre Verdächtigungen tatsächlich ins Normalspektrum hinein ausdehnen. Zum anderen sieht man an den Ereignissen in Ägypten, dass künftige Notstandsregime dann auf die gespeicherten Daten zugreifen können (konkreter und schon aktueller Fall die sexuellen Minderheiten in Ländern wie Russland). Da es sich also um den Fall einer strukturellen Kopplung handelt, müssen mehrere Normalfelder gleichzeitig einbezogen werden:  Militär, Kapitalismus, Politik und Juridik, und das Kopplungsdispositiv Normalismus. Das dominante dabei ist das Militär, und der springende Punkt der “War on Terror”.
Nochmalige Empfehlung, die diesem Blog zugrunde liegenden Bücher zu lesen. Oder: Welche Reizwörter dieses Posts sind wohl für Prism interessant?
Eine solche Kopplungsanalyse wird erklärt in der Neuerscheinung “Normale Krisen? Normalismus und die Krise der Gegenwart. Mit einem Blick auf Thilo Sarrazin” (Konstanz University Press; 19,90 Euro). Und all solche Kopplungen als spannende Erzählung: “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung (assoverlag Oberhausen; 29.90 Euro).
In dem Roman geht es auch um Reizwörter und Dienste – ja welche Reizwörter dieses Posts sind wohl für Prism interessant? Natürlich “Dienste”! und “Rote Ruhr-Armee”, und “Prism”, und eventuell “Widerstand”, und natürlich “Whistleblower” (bei Beck!) – eventuell auch “Normalismus” – könnte eine Verschlüsselung sein.
Übrigens: Die Idee einer “Whistleblower-Gewerkschaft” ist wirklich gut – sie gibt es auch schon im Roman – als Idee einer “Expertengewerkschaft”. Was wohl der DGB dazu sagen würde? Aber im Ernst: Wie könnte diese Idee realisiert werden?

Die “Germanophobie” begreifen – “Normale Krisen?” lesen

Freitag, März 29th, 2013

Jede “Rettung” eines “Krisenlandes”, “Schuldenlandes”, “Pleitelandes”, “Chaoslandes” usw. der “Südliga” löst inzwischen eine Welle von “Germanophobie” und “Antigermanismus” aus – mit dem bisherigen Höhepunkt der “Zypernrettung”. Es ist soweit, dass deutsche Politiker fordern, die EU-Kommission müsse was gegen “Germanophobie” und “Antigermanismus” tun. Sollten tatsächlich demnächst Initiativen in dieser Richtung erfolgen, würde sich natürlich die “Germanophobie” noch erheblich verstärken.

Es ist Zeit, dass unsereins, wir deutschen Inter- und Transnationalisten, die wir insbesondere den Völkern der europäischen “Südliga”, also den bösen “Pleitegriechen”, “Schuldenspaniern” und “Chaositalienern” dankbar sind für all die Geschenke an Lebensqualität und künstlerischem Gelingen, ohne die wir “nur ein trüber Gast/ Auf der dunklen Erde” wären, wie Goethe sagt – dass wir uns darüber klar werden, was die Stunde geschlagen hat. Wir sind inzwischen in Gefahr, in der Rolle von Geiseln des neuen deutschen Hegemonismus unwillkommen am Mittelmeer zu werden.

Das Schlimmste wäre jetzt die alte “deutsche” Reaktion der Selbstgerechtigkeit und des Selbstmitleids: “Wir” sind selbstlose “Retter” von Leuten, die ihren Schlamassel selber angerichtet haben, und werden dafür noch als Nazis beschimpft! Dann müssen wir leider andere Saiten aufziehen! Wie Minister Schäuble, der bei den Menschen der “Südliga” zusammen mit Kanzlerin Merkel als Allegorie jenes Deutschlands gilt, gegen das sich ihre “Germanophobie” richtet, im Interview (WamS 24.3.2013) sagte: “Ich bin ein überzeugter Europäer. […] Ich bin aber auch dafür bekannt, dass ich mich nicht erpressen lasse – von niemand und durch nichts. Damit müssen die anderen umgehen.” Und dann im ZDF noch deutlicher wurde: In jeder Schulklasse würde der Primus von den Dümmeren beneidet und verfolgt.

In diesem Blog (und in der Zeitschrift “kultuRRevolution” schon viel länger) ist der dritte deutsche Aufstieg zur europäischen Hegemonialmacht und zu einer der führenden Weltmächte sachlich begleitet und analysiert worden. Das heißt aber: Natürlich nicht nationalistisch! Unsereins braucht dringend Fluchtlinien aus dem nationalistischen “Wir”, gerade auch aus dem nationalistischen “DIE Deutschen”. Die Ursache des “dritten deutschen Versuchs”, wie er im Roman “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung” in der Gestalt des “V-Trägers” (“Verantwortungs-Trägers”) erzählt wird, liegt selbstverständlich nicht in einem persönlichen bösen Willen von Leuten wie Merkel, Schäuble, Steinbrück oder Trittin. Es sind vielmehr die gigantischen “deutschen” Adressen der “Märkte”, die dem dafür “verantwortlichen” Staat die “Verantwortung” für ganz Europa und einen Teil der übrigen Welt übertragen haben. Die hegemonialen Politiker haben diese “Verantwortung” für ihre “Märkte” allerdings sehr willig übernommen und vollstrecken sie sehr willig.

Erzähl nochmal den Witz von der Wettbewerbsfähigkeit!

Deutschland ist (bisher) Vizeweltmeister bei der Normalisierung der Krise (nach Weltmeister China: ebenfalls bisher!). Dass viele andere Länder umgekehrt immer tiefer in die Krise sinken, liegt angeblich an ihrer mangelnden “Wettbewerbsfähigkeit” – sie müssten eben wettbewerbsfähig werden, und dabei würde Deutschland ihnen mittels der Kredite (also neuer Schulden) mit harten Sparauflagen selbstlos helfen. Um Schäuble zu zitieren: Die dummen Schüler müssen eben auch Primi werden, dann hören sie auf, den Primus zu beneiden. Der Witz von der Wettbewerbsfähigkeit besagt also, dass in einem Konkurrenzsystem alle Primus werden können! Alle Normalisierungsweltmeister! Alle Hegemon! Alle Supermacht! Alle Jackpotgewinner!

Genauer nachzulesen in der Neuerscheinung: (J.L.:) “Normale Krisen? Normalismus und die Krise der Gegenwart. Mit einem Blick auf Thilo Sarrazin” (Konstanz University Press, 19,90 Euro).

In diesem Buch wird erklärt, was Normalitäten ausmacht und wie Normalitäten produziert werden. Bezüglich der “Südligisten” wird erklärt, was Normalitätsklassen sind und dass die Quintessenz der deutschen “Rettungspolitik” darin besteht, die “Chaosländer” um eine ganze Normalitätsklasse herabzustufen. Für diese Herabstufung sind die Herabstufungen der Ratingagenturen bloß ein deutliches Symptom – es handelt sich aber darüber hinaus um eine Herabstufung im gesamten Lebens- und Kulturstandard für große Teile der Bevölkerungen.

Schäubles Song: Und wenn einer erpresst, dann bin ich es!/ Und wird einer erpre-hesst, dann biststs du!” (auf die Melodie von Brecht und Weill)

Dieses Aufzwingen eines “new normal” in einer niedrigeren Normalitätsklasse (also mit brutalstmöglich beschnittenen sozialen Netzen) ist die Ursache des Antigermanismus. Was würde die Mehrheit der normalen Deutschen sagen, wenn Italien in Brüssel Hegemon wäre und “uns” zwänge, die Renten um bis zu 50 Prozent zu kürzen, das Arbeitslosengeld und teure Medikamente zu streichen? Was das wohl für einen Antiitalienalismus gäbe!

Ja aber was wäre denn die Alternative?

Ganz einfach: die Schulden weitgehend zu streichen wie es mit den deutschen Schulden im Londoner Schuldenabkommen von 1953 gemacht wurde (um die Bundesrepublik als einen starken Bündnispartner gegen den Ostblock zu gewinnen). Das war eine der Grundbedingungen des “Wirtschaftswunders” und damit die Heraufstufung in eine höhere Normalitätsklasse. So ging das auch. Und dazu kam dann durch die Wiedervereinigung der Verzicht der 4 Mächte im 2+4-Abkommen auf den immer versprochenen Friedensvertrag, in dem die Kriegsentschädigungen endgültig geregelt werden sollten. Damit war auch dieses “Kapitel” erledigt, ohne dass der deutsche V-Träger “bluten” musste – man muss schon sagen, dass er nach zwei Weltkriegen Hans im Glück ist. Aber das beneiden die Nicht-Wettbewerbsfähigen! Wie mein alter Nazi-Erdkundelehrer sagte: “Und als es Deutschland nach dem 1. Weltkrieg ab 1933 endlich wieder besser ging, da kamen sofort wieder die Hasser und Neider und zwangen uns den 2. Weltkrieg auf.”

(Mali, Algerien:) GAU-Games in Nordafrika

Freitag, Januar 18th, 2013

Eigentlich könnte hier der Post vom 1.11.2012 (“Mali: Jetzt implementiert der deutsche V-Träger auch sein Nordafrika-Szenario”) einfach wiederholt werden. Es wurde dort zitiert, wie in dem satirisch-ernsten Szenario- und Simulationsroman “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung” (assoverlag Oberhausen) der “V-Träger” (Verantwortungs-Träger) GAU-Games spielt (GAU = Größter Anzunehmender Unfall, mythisch “Apokalypse”). Der V-Träger muss in diesen Computerspielen einen GAU auslösen, um durch dieses Training zu lernen, einen GAU in der Realität zu vermeiden. Eines der Spiele dreht sich um ein “Nordafrika-Szenario”, wo es u.a. (die GAU-Games sind ja realistisch) um Ölfelder, Geiselnahmen, Militärinterventionen und Protektorate geht. Und es geht dabei um Frankreich, Deutschland und Algerien. Deutschland wird im Zuge einer Geiselnahme zur “Solidarität” mit Frankreich gezwungen, und so kann es weiter gehen zum GAU: Gewonnen! Aber der V-Träger bekommt Anwandlungen von Panik, weil er fürchtet, in der Realität mal an der GAU-Schraube drehen zu wollen.

Zu dieser literarischen Simulation gehörte bereits in den 1990er Jahren, als sie geschrieben wurde, keine spezielle Profetengabe – es waren schon damals alle Faktoren zu einem solchen GAU-Game virulent: Deutschlands Wiederaufstieg zur auch militärischen Weltmacht (erster Akt Somalia 1992), die Bedrohung durch den “islamischen Krisenhalbmond”, die Konversion der GRÜNEN Pazifisten zu Heißen Kriegern und vor allem zu ideologischen Sykophanten im Dienste der Welt-Junta (diese Konversion kann in ihrer Fatalität überhaupt nicht überschätzt werden: sie setzte die Welt-Junta-Ideologie in den Medien und damit in der veröffentlichten Meinung erst richtig durch).

Konkret Mali: Warum in aller Teufel Namen besuchte Omid Nouripour, “sicherheitspolitischer Sprecher” der GRÜNEN, ausgerechnet Anfang Januar 2013 ausgerechnet Bamako, die Hauptstadt von Mali: Was suchte er dort? (Während Hollande kurz vorher in Algerien war.) Zwar warnte Nouripour, Durchhalte-Meister bezüglich Afghanistans, nach seinem Abstecher nach Bamako davor, den (damals bereits beschlossenen) Malikrieg allzu blauäugig loszutreten. Es könnten “Magneten terroristischer Anschläge” dadurch entstehen (Interview SWR 15.1.2013). (Unterton: Man müsste den Krieg also gut vorbereiten; die malischen Soldaten würden zu schlecht bezahlt.) Inzwischen fliegen Transallmaschinen der Bundeswehr (ohne dass der Bundestag auch bloß einmal darüber diskutiert hätte) diese schlecht bezahlten malischen Soldaten in Nordwestafrika herum. Was passiert, wenn was passiert?

In “reißender Zeit” (Hölderlin), bei entfesselter Massendynamik, spielen auch einzelne V-Nehmer womöglich (kontingent) eine wichtige Rolle. Beispiel “BHL”, also Bernard-Henri Lévy, französischer Tui, der es ja tatsächlich geschafft hat, Sarkozy zur Libyen-Intervention zu überreden. Darauf ist BHL mächtig stolz – endlich kann der ENS-Eliteschüler seinem Platon Vollzugsmeldung liefern: “Bevor nicht die Philosophen Könige und die Könige Philosophen werden, …”!! Jetzt fordert BHL eine volle deutsche Beteiligung in Mali (ebenso wie Daniel Cohn-Bendit im Europaparlament). Was BHL nicht sagt, ist das Wichtigste: Die Libyen-Intervention ist der direkte Auslöser der Situation in Mali: Denn die diversen fundamentalistischen Truppen dort bekamen ihre Waffen aus dem durch die Intervention ausgelösten “Chaos” in Libyen. BHL muss also B sagen, nachdem er A gesagt hatte; als Philosoph ist er konsequent. Und der kleine Philosoph Nouripour (er hat sein Philosophiestudium abgebrochen, um Politiker zu werden) wird ihm folgen: wetten?

Wie im Roman: dieses Szenario hat das Zeug zum SuperGAU. Was wäre der SuperGAU? Der 3. Weltkrieg des “Westens” gegen den gesamten “islamischen Krisenhalbmond” von Marokko bis Afghanistan und darüber hinaus. Sollte Breivik wirklich der einzige gewesen sein, der dieses Ziel ohne Abstriche verfolgt? Aber wenn man den Roman liest, in dem die GAU-Games vorkommen und der erzählt, wie es dazu kommen konnte, dann sieht man: Nicht die Breiviks, einschließlich philosophischer, sind die eigentliche Gefahr, sondern die Szenario-Strategen in den Armeen und Diensten, die meinen, sie könnten ein Teil-Szenario isoliert durchziehen – es sind die ungeplanten “Dominoeffekte”, die die Eskalation in Richtung GAU in Gang setzen

Mali: Jetzt implementiert der deutsche V-Träger auch sein “Nordafrikaszenario”

Donnerstag, November 1st, 2012

Weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit bereitet die Weltjunta ihren nächsten Krieg in Mali vor. Es sieht so aus, als ob diesmal hauptsächlich Frankreich und Deutschland die Initiative ergriffen und der Beginn der Aktion sich verzögerte, weil noch mindestens zwei Mächte “ins Boot” müssten: Die USA mit ihrer Drohnen- und Spezialkräftestreitmacht und Algerien als in jedem Fall direkt betroffenes Nachbarland. Zwar versucht auch Deutschland, so schnell wie möglich eine eigene Drohnen- und Spezialkräftestreitmacht aufzubauen (de Maizière und seine Generäle drücken für deutsche Killerdrohnen aufs Tempo), aber noch geht es nicht ohne die USA. Zu diesen Problemen befragte Spiegel Online den “französischen Afrika-Experten Philippe Hugon”, der zwar vor großen Risiken warnte, den Krieg aber für dringend notwendig erklärte, weil Europa sonst von fundamentalistischen Terroristen bedroht sei. (Ob die terroristische Bedrohung Europas, auch Deutschlands, nicht durch einen solchen Krieg enorm vergrößert würde, fragte Spiegel Online natürlich nicht, so dass auch Hugon nichts dazu sagte.)

Seit die Wirtschaftskrise an ihrem Anfang ein mediales Geschrei nach “mehr Transparenz” auslöste, führte das zu ein bisschen mehr Transparenz hauptsächlich bei den Nebeneinkünften von Politikern (erst Wulff und jetzt Steinbrück), aber das sind (natürlich notwendige) kleine Transparenzen, hinter denen die großen Transparenzen weiter verhindert werden. Zu den großen Transparenzen gehören nicht nur die Banken, sondern vor allem auch die Dienste und nicht zuletzt das Militär. So wird jetzt der Malikrieg in totaler Intransparenz vorbereitet. Dennoch wissen wir, dass momentan in der  Bundeswehr und besonders im BND fieberhaft “Mali-Szenarien” bzw. allgemeiner “Nordafrikaszenarien” geschrieben werden.

Der Roman “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee” (assoverlag Oberhausen; z.B. auch über Amazon) nennt sich eine “Vorerinnerung”, und eine seiner literarischen Verfahren war von Anfang an die sowohl satirische wie ernste wie ästhetisch reizvolle Simulation von Szenarios des V-Trägers (Verantwortungs-Trägers), die dieser streng geheim hält. In einem Kapitel des Romans (der “Vorerinnerung”) berichtet der V-Träger, wie er süchtig wird nach neuen spannenden Computerspielen, und zwar “GAU-Games”, durch die er trainiert werden soll, einen GAU (Größten Anzunehmenden Unfall) in der Realität zu vermeiden. Dazu muss der Spieler im Spiel einen GAU auslösen, was enorm schwierig ist. Einmal hat er den GAU geschafft, und zwar mit einem … “Nordafrikazsenario”! Zitat:

“einmal habe ich vor 2 tagen mit einem nordafrikaszenario schon den GAU geschafft: durch die geschickte kombination normaler züge wie ein allgemeines kopftuch- und vollbartverbot in den meisten euroländern plus fremdsprachenverbot in der öffentlichkeit (außer englisch und europäischen sprachen, wo es tolle absurde streitfälle gibt nicht bloß über türkisch) plus zufallsgenerator X (z.b. besonders ausgefallene echte und unsichtbare-kräftesäfte-viren) sind islamische fundamentalisten in algier an die macht gekommen und ihre fanatischen jungen mujaheddin haben die französischen und deutschen ölspezialisten als geiseln genommen und nur die deutschen freigelassen und die franzosen dann massakriert.  da war dann zugzwang zum großnotstand im ganzen euroland und zum schulterschluss mit meinem franzmann und zum gemeinsamen V-schlägekrieg und auch zur gemeinsamen eroberung und zum gemeinsamen protektorat, von wo es dann viel schneller zum GAU vorwärtsgegangen ist, als ich gedacht hätte, wegen der wirklich sehr realistischen und sehr intelligenten zufallsgeneratoren beim öl und bei den vielen AKWs und atomwaffen meines franzmanns.” (S. 839)

Jetzt also wird dieses Szenario über Mali in der Realität implementiert, aber Algerien muss, wie das Szenario vorschreibt, unbedingt mit “ins Boot”.  Die Vorerinnerung zu lesen, macht also nicht nur Vergnügen, sondern ersetzt durch die Simulationen auch die fehlende Transparenz, weil sie die generativen Verfahren der Szenarios spielerisch aufdeckt. (Bald ist Weihnachten, und die Vorerinnerung wäre ein zur Aktualität passendes Geschenk – für jemanden selbst als Wunsch oder als Geschenk für andere, Preis 29,90 Euro, 921 Seiten, aber übersichtlich gegliedert mit ausführlichem Inhaltsverzeichnis, also auch stückweise lesbar.)

Wer ist genau der V-Träger? Was macht er außer Computerspiele spielen? Was sind “unsichtbare Kräftesäfte”? Was hat er mit der Roten Ruhr-Armee und mit dem Ruhrgebiet zu tun? Das wird alles beim Lesen schnell klar. Wer den Roman gelesen hat, hat vor allem eins begriffen: wie und warum Deutschland so geworden ist, wie es heute als “normal” behauptet wird. (Und auch, wie ein künftiger erfolgreicher Widerstand gegen solche “Szenarien” aussehen könnte – alles in modern literarischer Form.)

NSU-Skandal: Realsatire und Literarsatire

Dienstag, Oktober 23rd, 2012

Fast täglich melden die Medien neue bizarre Entdeckungen der Untersuchungsausschüsse zum NSU-Skandal. Dadurch nimmt die Transparenz allerdings nicht zu, sondern negativ exponentiell ab. Es bringt also nichts, aus diesen sich häufenden Bizarrerien herausfinden zu wollen, was wirklich geschehen ist, wer mit wem wann interagiert hat usw., wie groß das Netz war, ob es “Sympathisanten” hatte und wo, wohlmöglich in welchen Büros usw. Denn wo Dienste im Spiel sind, ist das oberste Gebot ihre Vorsilbe: „geheim“. Es gibt für Dienstmänner (und Dienstfrauen!) kein größeres Verbrechen als einen „Bruch der Schweigepflicht“. Denn das würde „Informanten gefährden und künftige Rekrutierungen erschweren“. Dienste bewegen sich also von ihrem Grundprinzip her am Gegenpol der Transparenz – Intransparenz ist ihr Wesen.

Deshalb sind Dienste in der Demokratie ein hölzernes Eisen, und auch von demokratischen Untersuchungsausschüssen derartiger Dienste ist nichts anderes zu erwarten als eine Serie von Realsatiren. Es ist aussichtslos, die tatsächlichen interpersonalen Interaktionsnetze rekonstruieren zu wollen. Solche Hypothesen handeln sich lediglich den Aufheuler „Verschwörungstheorie!!“ ein

Was allerdings möglich ist, ist die satirische Simulation des interpersonalen Netz-Interaktionismus als solchen. Eine derartige literarische Satire liefert ihren Leserinnen schöne Anlässe zum Grinsen und Lachen und dabei gleichzeitig Ahaerlebnisse mittels des Vergleichs zwischen Simulation und der Spitze realer Eisberge wie des NSU. Man lernt die Funktionsweise von Diensten besser begreifen als noch so viele Untersuchungsausschüsse in vielen Jahren (bis sie durch neue Skandale total überholt sind und einfach vergessen werden).

Eine solche satirische Simulation gibt es bereits in einem Kapitel des in diesem Blog schon mehrfach erwähnten ästhetisch-politischen Romans „Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung“ (assoverlag Oberhausen, über den Buchhandel oder Amazon). Es handelt sich um das Kapitel „Zwillingsgeschichte AOK, Simulation von 1975 auf 1988“. AOK steht dabei für „Ausländer-Overkill“, und es geht um eine groteske Eskalation, in der sich Dienste mit Nazinetzen verheddern. Dass diese literarische Simulation sich, wenn auch verspätet, als höchst realistisch erweist, zeigt der Fall NSU. Er zeigt ebenfalls, dass Lächerlichkeit Empörung und Grausen nicht ausschließt.

Wenn die Basisarbeiter des Normalismus mit Streik drohen!

Donnerstag, Juli 12th, 2012

Wie in diesem Blog seit 2008 immer wieder erinnert, haben wir es bei der großen Krise nicht zuletzt mit einer Krise des Normalismus zu tun: Das normale Wachstum (der Profite, der Aktien, der Produkte) ist schwer gestört, was man mit monetaristischen Mitteln zu bekämpfen sucht: Durch andauernden Quasi-Nullzins für die Banken und durch immer neue, gigantische billionenschwere “Flutungen” eben dieser Banken, in denen diese “Fluten” immer wieder im Schwelbrand der “toxischen Papiere” im Keller verdampfen, während die Schulden der Notenbanken und der Staaten  wachsen und wachsen. Die Monetaristen glauben ja an folgendes Credo: Die Krise kommt von zu wenig Geld, also muss Geld zu Quasi Nullzins in die Banken gekippt werden – dadurch werden die Banken gezwungen, in Aktien zu spekulieren, wodurch die Aktienkurse steigen, was den Banken große Profite bringt. Das strahlt eine “gute Stimmung” und “Optimismus” aus, wodurch dann auch die “Realwirtschaft” investiert und produziert und “Jobs schafft”. Bloß: Nun wird schon 5 volle Jahre nach diesem Credo gehandelt, immer wieder nach dem gleichen Muster – und trotzdem bleiben “die Märkte nervös”, ist das “Vertrauen zwischen den Banken” andauernd im Eimer und kann also von Normalität noch immer keine Rede sein. Nur Deutschland und China (Deutschland und China!) sind einsame normalistische Wunder – im Rest der Welt steigen bloß die Schulden und die Arbeitslosen und ist weder ein normales Wachstum noch ein “new normal” in Sicht.

Also reicht das monetaristische Verfahren offenbar nicht mehr aus. Also muss langsam ein “Befreiungsschlag” her, um die Normalität zurückzuzwingen. Aber dafür gibt es zwei diametral entgegengesetzte Vorschläge: Entweder radikal sparen, wie Deutschland es den Mittelmeerländern aufgezwungen hat – oder keynesianistische Konjunkturprogramme (die aber neue Schulden bedeuten und das “Vertrauen der Märkte” zusätzlich bedrohen können).

In dieser Lage melden sich die Basisarbeiter des Normalismus zu Wort: Die Datenfabrikanten, ohne deren ständig laufende Verdatungen wir (und “die Märkte”) gar nicht mehr wüssten, wie sich die normalistischen Kurven (der Schulden, der Produktion, des Konsums, der Arbeitslosigkeit, der Selbstmorde usw.) genau weiterbewegen, welche Trends alt oder neu sind usw, drohen mit Streik!. Es ist ein Symptom für die wirklich fundamentale Krise des Normalismus, dass erstmals die Beamten einer großen nationalen Statistikbehörde (der italienischen) mit Streik drohen – Verdatungsstreik! In der “Vorerinnerung” (Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee, assoverlag Oberhausen) gibt es die Zukunftssimulation einer “Expertengewerkschaft” – die Streikdrohung der italienischen Statistiker ist real, nicht simuliert.

Lesung aus “Bangemachen…” in Wuppertal

Freitag, Mai 25th, 2012

Autorenlesung von Jürgen Link aus seinem Roman “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung” (assoverlag Oberhausen; über Buchhandel und Amazon; 29.90 Euro; mögliches Geschenk).

Wann? Mittwoch, 30. Mai, 19.30 Uhr

Wo? Literaturhaus Wuppertal, Friedrich-Engels-Allee 83

Leser/innen dieses Blog haben von Zeit zu Zeit Hinweise auf diesen Text gesehen. Das liegt daran, dass es sich dabei um eine “Vorerinnerung” handelt, die (immer aus einer Ruhr-Perspektive) künftige Entwicklungen vor-simuliert. Z.B. gibt es in dem Text, dessen eine Linie die Geschichte einer zerbröckelnden Gruppe kulturrevolutionärer Intellektueller im Ruhrgebiet zwischen 1965 und 1995 erzählt, die Simulation eines künftigen Krieges der Bundeswehr in “Azania” – das erlaubt nun einen verfremdenden Blick auf den Krieg der Bundeswehr in Afghanistan usw. Eine Art Anti-Computerspiel, bei dem der “dritte Versuch des deutschen Verantwortungs-Trägers” (eine Hauptfigur), in dem wir heute drinstecken, zur Kenntlichkeit entstellt wird. – Außerdem aber gibt es poetische Erinnerungen in intensiven Farben, die dazugehören. Einige dieser verschiedenen Töne werden in der Lesung angeschlagen.

Die Blog-Leser/innen haben ja einige Dimensionen des zugrunde liegenden Projekts gesehen: Diskurstheorie, Normalismus, Kollektivsymbolik usw. Ein Stück Praxis zu solchen theoretischen Instrumenten ist der Roman, der also mitten in dem Projekt liegt.

A*: Holland raus, Australien raus – und jetzt das Auslandskapital raus. (Nur D bleibt drin?)

Donnerstag, April 26th, 2012

Die NATO (und damit auch D) hat den Krieg in Afghanistan vermutlich bereits verloren. Nachdem die Niederlande schon 2011 abgezogen waren, zieht nun auch Australien vorzeitig ab, und Frankreich wird höchstwahrscheinlich in Kürze folgen.

Viel symptomatischer aber ist noch, dass das ausländische Investitions- und “Hilfs”kapital, vom dem die NATO-Kollaborations-Institutionen zu 90 Prozent abhängen, in Panik in die Golfstaaten flüchtet (zusammen mit über 30000 Kompradoren und Kompradoren-Angestellten, die dazu die Möglichkeit haben, allein im letzten Jahr). All diese und weitere genaue Daten benennt der Militärexperte der FAZ, Lothar Rühl (23.4.2012). Titel seines Beitrags: “Schlechte Vorzeichen”.  (kostet leider was, wie ich feststellen muss! Also noch eine Zahl: Das Auslandskapital schrumpfte 2011 auf gerade noch 15 Prozent von 2006, absolut auf 55 Millionen Dollar – man vergleiche das mit den Zahlen der hiesigen Bankenrettungen!) Dazu passt die Panik der NATO-Dolmetscher, die in diesem Blog vor kurzem erwähnt wurde.

Angesichts dieser Situation, die Rühl selber mit der Endphase der französischen Okkupationen in Indochina und Algerien sowie mit der analogen Endphase der amerikanischen Okkupation in Vietnam vergleicht, ist es wirklich nicht zu fassen, dass es keine breite öffentliche Debatte über den Abzug der Bundeswehr gibt, und dass statt dessen hinter den Kulissen sondiert wird, wie “wir” (als treue Nibelungen der USA) über 2015 “drinbleiben” könnten – allerdings mit einer völlig neuen Strategie: gezielte Tötungen, gestützt auf eine Troika aus Geheimdiensten, Drohnen und einheimischen Kollaborateuren.

Man kann die Frage stellen, warum die Linke als einzige Partei für den sofortigen Abzug nicht nur keine breite Debatte auslösen konnte, sondern sogar nach Umfragen aus dem NRW-Landtag rausfallen könnte. Warum die Grüne Führung in ihrer Durchhaltestrategie weder von ihrer Basis noch von den Wählerinnen entscheidend unter Druck kommt. Die Antwort dürfte mit dem Normalismus der Medien zusammenhängen: Der “agenda setting approach” stellt fest, dass die Kapazität der medialen Kanäle eben begrenzt ist. Es passen nicht beliebig viele “Themen” hinein. Wenn also das “Thema” Betreuungsgeld plus noch zwei drei ähnliche “Themen” plus obligatorisch BVB & Co. die Kanäle stopfen, dann wäre eben schlicht kein Platz für Afghanistan. Das hat angeblich mit Manipulation gar nichts zu tun. Wenn der Krieg in A* (mit seinen inzwischen etwa 5 Milliarden im Jahr für die Bundeswehr und ihr gesamtes “Projekt”) für die Leute von Interesse wäre, dann würde es doch Massenäußerungen im Internet geben können. Das gibt in der Tat Stoff zum Nachdenken. Weiß eigentlich jemand von meinen Leserinnen, ob sich die Piraten schon mal zum “Thema” geäußert haben?

Afghanistan: “Rausgehen jetzt? Schon aus logistischen Gründen unmöglich”?!

Samstag, März 17th, 2012

Endlich ist das “Thema” nun nicht mehr zu stoppen: “Rausgehen und zwar jetzt aus Afghanistan” – aber dieses “Thema” erweist sich in Medien und Politik als “chaotisch”: Während de Maizière gerade “vor Ort” in Usbekistan, Afghanistan und Pakistan unterwegs war, um Bedingungen fürs “Drinbleiben” auch nach 2014 auszuhandeln, entsteht “zuhause” plötzlich ein paranoider Alarm in den Medien: “Lässt Obama uns im Stich?” – denn gerüchteweise bereitete Obamas Superwarlord Panetta (langjähriger CIA- und dann Pentagonchef), der knapp vor de Maizière bei Karzai “vor Ort” war, heimlich das “Rausgehen” schon für 2013 vor. Kurz danach, aus Anlass des “Amoklaufs”, forderte dann Karzai tatsächlich das “Rausgehen” schon für 2013. All das war offensichtlich nicht im Sinne “Deutschlands”, denn ungefähr gleichzeitig verlautbarte die Kanzlerin bei einem Blitzbesuch “vor Ort”, dass “wir uns zwar anstrengen, es aber vielleicht nicht schaffen werden, schon 2014 rauszugehen.” Alle, aber auch alle diese Äußerungen wurden danach “relativiert”, und man einigte sich auf die alte Nibelungentreueparole: “Gemeinsam reingegangen, also auch gemeinsam rausgehen.”

ABERTAUSENDE VON TOTEN, VERLETZTEN, TRAUMATISIERTEN: “REINGEGANGEN, RAUSGEGANGEN”?

Diese Sprachregelung von Politik und Medien (“reingehen, rausgehen”) ist an Zynismus nicht zu übertreffen – besonders in Deutschland, dessen frühere Armeen bekanntlich rekordmäßig oft “reingegangen” sind. Wie sie auch Rekorde in Nibelungentreue hingelegt haben. Aber Nibelungentreue: Die Niederlande sind schon 2010/2011 “rausgegangen”, was ganz einfach ging. Niemand hat was von “Treuebruch” gesagt. Frankreich als viertgrößter Nibelunge will schon 2013 (Sarkozy) oder sogar schon dieses Jahr (2012) “rausgehen” (Hollande). Soll am Ende nur “Deutschland” bis 2014 oder darüber hinaus “drinbleiben”?!

WAS HEIßT DENN “RAUSGEHEN”?

Nun wird man eigentlich einen Nibelungen wie Panetta kaum des Treuebruchs verdächtigen können. In der Tat ist das absurd – denn was versteht Panetta unter “rausgehen”? Er versteht darunter schlicht und einfach einen Strategiewechsel: Umschalten von COIN (Counter Insurgency, also Antiguerillakrieg, Vietnamstrategie) auf CT (Counter Terrorism, das heißt “gezielte Tötungen” mit Drohnen und anderen Hightechwaffen durch Geheimdiensteinheiten und andere Spezialkräfte, auch “Elitesoldaten” genannt). CT soll in Afghanistan selbstverständlich weitergehen, bloß sollen die “normalen” Kampftruppen “aus der Fläche” abgezogen werden. – Genau das fordert nun auch Karzai als ersten Schritt, offensichtlich “darf” Karzai das jetzt fordern. (Seit über 10 Jahren fordert das gleiche die Friedensbewegung als ersten Schritt zum Abzug – der Unterschied besteht darin, dass die Friedensbewegung nicht mit CT weitermachen will.)

WARUM WILL AUSGERECHNET DEUTSCHLAND “DRINBLEIBEN” UND JAMMERT: “SCHON AUS REIN LOGISTISCHEN GRÜNDEN KÖNNEN WIR NICHT RAUSGEHEN?”

Es gibt eine auffällige deutsche Besonderheit des “Themas”: “unsere” Medien haben plötzlich die “Logistik” entdeckt und behaupten, “schon aus rein logistischen Gründen” wäre ein rascher Abzug (etwa in einem halben Jahr) “total undenkbar”. Und die Niederlande? Und Frankreich? Und vielleicht sogar die USA, die aus dem Irak schnell “rausgehen” konnten, Logistik hin Logistik her? Und die Bundeswehr selber, die aus Somalia ganz schnell “rausgehen” konnte? (Okay, dass Afghanistan ein “größeres Dingen” ist, aber niemand fordert ja das “Rausgehen” in einem Monat.)

DIE DEUTSCHE BESONDERHEIT: “WIR” BRAUCHEN AFGHANISTAN NOCH LÄNGER ALS  TRAININGSFELD FÜR KÜNFTIGE ROUTINEMÄßIGE ANTIGUERILLA- UND ANTITERRORKRIEGE

Deutschland ist der Newcomer in der Welt-Junta. Als Welt-Junta muss man die USA und ihre G 7-Nibelungen (außer Japan, das nicht mitzieht) bezeichnen. Diese Weltjunta hat sich die Aufgabe gestellt, routinemäßig “Schurkenstaaten” zu “kontrollieren” und zu “stabilisieren”. Genau das hat de Maizière gemeint, als er sagte, künftig müsste die Bundeswehr mit vielen “Einsätzen” rechnen. Dafür die Bedingungen zu schaffen, dazu dient die große “Reform” der Bundeswehr (alles “vom Einsatz her” planen). Und dafür ist Afghanistan ein einmalig günstiges Ernstfall-Manöverfeld. Gerade übt die Bundeswehr (seit 2009) den vollen Antiguerillakrieg mit allem Drum und Dran: “Außenposten” im “Hinterland des Feindes” besetzen, um ihn zum Kampf zu zwingen und zu “eliminieren” (per “Anforderung von Luftunterstützung”) – Nightraids gegen “verdächtige” bzw. anonym denunzierte Dörfer usw. Und für CT haben “wir” momentan noch viel zu wenig “Spezialkräfte” (nur das KSK) und viel zu wenig High Tech (gerade erst fangen Rheinmetall und EADS an, Killerdrohnen für die Bundeswehr zu bauen) und schließlich brauchen “wir” noch viel mehr Dolmetscher, Informanten und Kollaborateure “vor Ort”. Ein “Rausgehen” binnen der nächsten 1, 2 Jahre würde all diese “großen Stabilisierungserfolge” abbrechen.

SCHLIMMER NOCH: EIN “ÜBERSTÜRZTES RAUSGEHEN” KÖNNTE DIE PAROLE STARK MACHEN: “NIE WIEDER ANTIGUERILLAKRIEGE DER BUNDESWEHR IN ÜBERSEE!”

Bisher ist es Politik und Medien gelungen, das “Thema” Afghanistan “auf Sparflamme zu halten”. Das könnte sich bei einem “überstürzten Rausgehen” ändern. Es würde dann gefragt: Wofür all die Toten, Verletzten und Traumatisierten, wofür die 20 Milliarden, die allein die Bundeswehr buchstäblich in den Staub gesetzt hat? Wofür die ganze teure “Logistik”? Trotz allem haben “wir” den Krieg de facto verloren – also “nie wieder ein solches Abenteuer!” Und dabei bereiten Merkel und de Maizière gerade vor, dass solche Abenteuer künftig die “Normalität” der Bundeswehr werden sollen.

ALSO IST DAS DOCH JETZT DIE STUNDE DER FRIEDENSBEWEGUNG, ODER?

Wer macht jetzt konkrete Vorschläge, wie wenigstens die Grünen endlich von ihrer Durchhalten-bis-zum-Endsieg-Linie abgebracht werden können – womit dann das Kartenhaus endlich ins Umfallen käme? Über solche und andere Fragen kann mit dem Blogautor diskutiert werden:

WO? VHS ESSEN, BURGPLATZ 1 – FRIEDENSFORUM, VORTRAG J. LINK “ZUM ANTEIL DER MASSENMEDIEN AN DER ‘NORMALISIERUNG’ DES KRIEGES”

WANN? MITTWOCH, 21. 3. 2012, 19.00 UHR

Jetzt Weltmacht Nr. 2? Vermutlich ja.

Samstag, Februar 4th, 2012

International wurde Deutschland schon längst zu den ganz oben führenden Weltmächten gezählt. Im Inland (und besonders bei Linksintellektuellen) war der gesamte “geopolitische” Problemkreis dagegen tabu. Und nun ist es wie mit einem U-Boot: Es taucht plötzlich auf und zwar ganz vorn und ganz groß. Die Münchner “Sicherheitskonferenz” (das heißt das “Davos” der Geostrategen) behandelt lautstark das Thema “Deutschlands Rolle in der Welt”. Allerseits wird – nicht etwa Zurückhaltung, sondern “deutsche” Führungsstärke für die Welt gefordert! (Also noch mehr!) Timothy Gordon Ash redet dabei weiter von “Normalisierung” und “Normalität”.

In diesem Blog, in der “kultuRRevolution” und in der Vorerinnerung (Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee) ist das Tabu nie respektiert worden. Es war ein bisschen die Lage des “Rufers in der Wüste”. Ich erinnere mich an eine Diskussion unter Linksintellektuellen vor 5 Jahren (als wirklich alle Weichen längst klar gestellt waren), wo ich schüchtern zu Bedenken gab, ob wir uns nicht langsam darauf einstellen müssten, Opposition in der zweit- oder allenfalls drittmächstigsten Weltmacht zu sein… Aufschrei! Völlig verrückt!  “Europa!”, “Empire!” – aber doch nicht Deutschland.

Und nun ist das U-Boot plötzlich aufgetaucht. Es ist de Krise, die es zum Auftauchen gezwungen hat. Normalisierungsweltmeister gegen die Krise! Jetzt setzt “uns” nicht bloß die gesamte hegemoniale internationale Presse auf Platz 2 oder allenfalls 3 – jetzt können auch die deutschen hegemonialen Medien das Tabu nicht mehr wahren. Aber sie drehen die Sache so: Unsere Politiker sind zu zaghaft – sie sollten endlich mehr Klartext reden! Jawohl, “wir” sind Weltführungsmacht ganz oben – irgendwo direkt hinter den USA. Diese “Verantwortung” ist “uns” nun mal “zugefallen”. Jetzt müssen wir sie endlich klar übernehmen!

Für uns als antihegemoniale Opposition gilt es erstens zu klären, warum wir mal wieder überrollt wurden. Ich meine: Weil die Wahrheit in diesem Fall alles andere als bequem ist. Wie sollen wir uns jetzt zum Beispiel ganz konkret “im Ausland” verhalten? Wir können doch nicht “unser Nest beschmutzen”? Was machen wir bloß mit unserem (nationalen!) “Wir”? Aber einige Illusionen sind wohl abzulegen und auf einige Realitäten sollten wir uns vielleicht langsam einstellen, als da sind: Das “postnationale Zeitalter” ist keineswegs erreicht – die “großen” Nationalstaaten behalten nicht bloß ihre Souveränität, sie bauen sie sogar aus. “Post-Nationalität” und “Post-Souveränität” sind nur für die Kleinen und die Armen (normalismustheoretisch: für die unteren Normalitätsklassen, die kriegen vielleicht bald wirklich “Kommissare”), aber nicht für die “Großen”, nicht für “uns” . – “Europa”: ist eine Koalition von “großen” Nationalstaaten, unter der Führung des stärksten, der die Spielregeln setzt (“Fiskalpakt”) – was Widersprüche nicht ausschließt, sondern künftig verstärken wird. – “Empire”: ist ebenfalls eine Koalition von Weltmächten und keine übernationale Einheits-AG. – “Weltmacht China”: sollte nicht als Ablenkung von der Weltmacht Deutschland verwendet werden. China greift zur Weltmacht, Deutschland hat dabei einigen Vorsprung (zum Beispiel global-militärisch) – aber angenommen, “wir” wären wirklich bloß Nr. 3 – ändert das was?

Ich übersetze mal aus einem ganz “normalen” griechischen Kommentar (aus “Kathimerini”, 4.2.2012; man könnte hunderte aus allen Ländern der Welt zitieren): “So wie die USA unter Bush ihre militärische Stärke im Jahr 2003 überschätzten, indem sie ihre Bündnispartner zu Befehlsempfängern herabstufen wollten, so überschätzt heute das Deutschland der Merkel seine ökonomische Stärke und unterschätzt den entscheidenden Faktor der Politik. Das Wiederaufleben antideutscher Gefühle ist inzwischen mehr als sicher. Aber selbst auf der ökonomischen Ebene selber werden die Konsequenzen nicht lange auf sich warten lassen. Indem Deutschland die Sinifizierung der Arbeitsbeziehungen vorantreibt, dezimiert Deutschland die Einkünfte eben derselben Europäer, die seine Produkte kaufen und seine Überschüsse nähren. Wenn aber die Stärke sich zur Hybris steigert, wartet die Nemesis um die Ecke.”

Schön der echt griechische Mythos von der Nemesis, von dem unser Schiller so überzeugt war. Aber es ist so: Der deutsche Nationalismus (in BILD und SPIEGEL) ist bereits (wieder) in voller Geisterfahrt gegen die Nationalismen der anderen. Es braucht ein kulturrevolutionäres WNLIA (Weder noch, lieber irgendwie anders). Eine solche Stimme zu “stimmen”, ist nicht einfach. Die “kultuRRevolution” und die Vorerinnerung sind jetzt brauchbar. Es geht um den “3. Versuch des deutschen V-Trägers” (“Verantwortungs-Trägers”) – es geht darum, uns von diesem 3. Versuch nicht überrollen zu lassen. Ganz wichtig sind Simulationen und Szenarien dieses 3. Versuchs (wie sie in der “Vorerinnerung” stehen). Ja – wir Nicht-Hegemonialen können uns jetzt verdient machen, indem wie die Märsche des 3. Versuchs vor-simulieren und verbreiten – hier und international (um den 3. Aufprall des Geisterfahrers nach Möglichkeit zu verhindern.)

Haben Märkte Menschenrechte? (Straßburg soll das jetzt klären.)

Donnerstag, Januar 19th, 2012

Gestern stand in diesem Blog, dass die Märkte neuerdings mit Heidegger die “Gelassenheit” pflegen. Ansonsten ist ihnen nichts Menschliches fremd: weder Nervosität noch Panik, weder Jubilieren noch tiefste Depression. Sie können auch sadistisch sein und ganze Länder “gnadenlos abstrafen”. Danach hätten sie jedenfalls schon mal eine Seele und könnten schon also keine “unbeseelten Objekte” sein. Aber sind sie wirklich Menschen? Pflanzen oder Tiere wohl auch kaum, aber vielleicht Götter?

Das soll jetzt vielleicht endlich geklärt werden, und zwar natürlich von Juristen. Die Hedge Fonds wollen beim Europäischen Gerichtshof in Straßburg ihr Menschenrecht auf Eigentum einschließlich Wachstums von Eigentum (Profit) einklagen. Was ist, wenn die einzige Alternative wäre: Märkte sind Computerprogramme, also doch “unbeseelte Objekte”? Dann dürften die Juristen doch sicher für “Märkte sind zwar vielleicht keine normalen Menschen, aber sie haben die Menschenrechte von solchen” entscheiden. Spannend.

Die andere Lösung steht in der “Vorerinnerung” (“Bangemachen gilt nicht auf der Suche mach der Roten Ruhr-Armee”): Märkte sind “das Unterbewusste des V-Trägers”. Dort nachzulesen.

Wenn die Märkte bei Heidegger Zuflucht suchen

Mittwoch, Januar 18th, 2012

Wem es noch nicht aufgefallen sein sollte: Die allerjüngste Phase der Krise ist dadurch gekennzeichnet, dass die Märkte auf “bad news” (jedenfalls bis auf weiteres) nicht mehr mit “Nervosität” reagieren, sonden mit “Gelassenheit”. Hedge Fonds drohen offen damit, Griechenland trotz aller Rekorde an monatlich neuen und härteren “Sparpaketen” Pleite gehen zu lassen – die Märkte? “Nehmen’s gelassen” und “sind im Plus”. Frankreich herabgestuft? Die Märkte “bleiben gelassen” und “legen zu”. ESFS herabgestuft? Die Märkte haben “äußerst gelassen alles längst eingepreist” und “legen ne kleine Kursrakete aufs Parkett”.

Woher stammt die Gelassenheit? Von Heidegger! Na do staunß? Die “Ge-lassenheit” ist sogar Heideggers letzte Botschaft an die Zukunft. Nachdem er zunächst das “Ge-stell” und den “Gegen-stand”, zu deutsch die moderne Naturwissenschaft und die moderne Technik samt der entsprechenden Philosophien (worunter er nebenbei auch die Atombombe und – wie einige behaupten – unausgesprochen auch Auschwitz zusammenfasste) kritisiert hatte, wurde er auf seine allerältesten Tage weise, wie es sich gehört, und empfahl angesichts des “Ge-stells” die “Ge-lassenheit”. Dieses sein letztes Wortspiel ist folgendermaßen aufzulösen: Das angesichts der Fülle des SEINS so popelige Dasein soll eine Haltung einnehmen, in der es darauf verzichtet, mittels Ge-stellen irgendwas am SEIN “stellen” (ein-stellen, aus-stellen, an-stellen) zu wollen und statt dessen das SEIN einfach zu “lassen” (zum Beispiel auch das SEIN in sich selbst einfach zu-zu-lassen, was man in bestimmten lacanistischen Analysen üben kann).

In solch einer Analyse befindet sich, wie Leserinnen der “Vorerinnerung” (“Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee”) wissen, auch der V-Träger (der Verantwortungs-Träger), dessen “Unterbewusstes” eben seine “Märkte” sind. Mit Heidegger (was eine Ergänzung des Romans wäre) könnte der V-Träger tatsächlich lernen, die Märkte als sein schicksalhaftes SEIN “einfach in sich zu-zu-lassen”. Also “Ge-lassenheit” erlangen.

Das ist offenbar nun geschehen: Die Märkte nehmen alles “ge-lassen” und sagen sich: All die bad news von den Ratingagenturen sind bloße Gegen-stände des Ge-stells. Sie können dem SEIN nichts anhaben: Kaufen!