Archive for the ‘Vorerinnerung (Roman)’ Category

“Proliferanten”: neue Anten?

Mittwoch, November 24th, 2010

In einem Interview des DLF zu den Artillerieduellen in Korea (24.11.2010) sagte Markus Tidten, Koreaexperte der “Stiftung Wissenschaft und Politik”, u.a., Nordkorea gehöre zu ”den wichtigsten Proliferanten von spaltbarem Material”. Über Google gibt es einige frühere Belege zu diesen Anten aus einem Expertendiskurs für das Schweizer Verteidigungsministerium. Haben wir hier die Geburt neuer (medialer) “Anten” erlebt? (Ironisch waren “Proliferanten” als eine von verschiedenen Selbstbezeichnungen für die “Ursprünglichen Chaoten” im Roman “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee” vorweg simuliert worden – auf Diskurse, nicht auf spaltbares Material bezogen.)

Die Ursprünglichen Chaoten

Romanlesung gegen den vorerinnerten Sarrazin in Berlin

Dienstag, November 16th, 2010

Der Roman „Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee“ (Autor Jürgen Link, Verlag asso Oberhausen 2008, Besprechung z.B. im „Freitag“ 12.12.2008 von Michael Jäger) nennt sich eine „Vorerinnerung“. Damit ist eine Struktur gemeint, die nicht nur Vergangenes rück-erinnert und Gegenwärtiges aus der Zeit 1965-1995 erzählt, sondern auch die Zukunft des 21. Jahrhunderts mittels satirischer Simulationen in einen verfremdenden Blick rückt. Man erkennt die Simulation wieder, wenn sie wahr wird – und begreift damit gleichzeitig ihr Wahrwerden. Ein originell „interaktiver“ Text – ein Anti-Computerspiel. Konkret wurde der „Fall Sarrazin“ in zwei Kapiteln des Romans präzise vorerinnert: Da geht es um ein Projekt „Türken-Gen-Atlas“ und um Zwillingsforschung, Intelligenz-Quotienten, „Migranten“ pipapo. Ein weibliches Zwillingspaar wirbelt den vorerinnerten Sarrazin durcheinander. Es versteht sich, dass es nicht um Persönliches geht, sondern um einen Subjektivitäts-Typ, eben den “protonormalistischen”.

Die Lektüre wird deshalb mit einem Kurzessay zu Sarrazins „normalistischer“ Wissens-Genealogie verbunden.

WANN?  Freitag, 3. DEZEMBER 2010, 20 Uhr

WO? Buchhandlung “BEI SAAVEDRA”, Breite Straße 2a, A, Amalienpark, Berlin-Pankow (S- und U-Bahn Pankow)

(Übrigens könnte ein Exemplar des Romans eventuell eine Geschenkidee für Weihnachten sein.)

“Korrigiert sich” Mister Protonormalism? oder: Die Neuauflage der Neuauflage des “Heidelberger Manifests”

Montag, November 15th, 2010

“Bild am Sonntag” hat philologische Arbeit geleistet: Vielleicht waren es germanistische Praktikantinnen, die die 460 Seiten der 14. (!!) Auflage der Abschaff-Bibel textkritisch durchgesehen haben. Resultat: Einige krass “genetische” (altrassistische) Formulierungen wurden gestrichen bzw. “gemildert”. Das war aber bereits die zweite taktische Kosmetikoperation, wie der Abschaffpapst auf Seite 409 mit gewohnter Offenheit mitteilt: “Nicht jeder teilt meine Freude an prägnanten Formulierungen. Friedrich Thelen erklärte sich bereit, das Werk (!!) vor dem Hintergrund seiner langjährigen journalistischen Erfahrung durchzusehen.” Die neuerliche “Glättung” dürfte erfolgt sein, um das Ausschlussverfahren aus der SPD noch zu kippen. Offenbar sollte sie – ein erster Riesen-Streich – es dem Helden des Krisen-Managements, der die Abermilliarden Steuergelder in die Banken gekippt hat, erleichtern, sich nun offen für S. zu erklären.

Nun ist dieses ganze Manöver der taktischen Umformulierungen aber ein Déjà-vu, wie man in Heft 2 der Zeitschrift “kultuRRevolution” vom Februar 1983 nachlesen kann (leider vergriffen, in Bibliotheken ausleihbar). Dort wurde eine “Historische-kritische Ausgabe” des “Heidelberger Manifests” dokumentiert. Was war das “Heidelberger Manifest”? Es war ein Aufruf von zunächst 15, dann nur noch 11 Professoren, hauptsächlich Humangenetikern, gegen – vor allem – türkische – Einwanderung und ein Appell zur Refertilisierung des eingeboren-”deutschen” Volkes. Es war also nichts anderes als das jetzt so groß als originell medialisierte Abschaff-Manifest. Insbesondere der Bochumer Astronom Theodor Schmidt-Kaler hatte damals allzu eindeutig rassistische Töne zu “mildern” gesucht, um seine Partei (die CDU) für eine Politik des Einwanderungsstopps, der “Rückführung” und der Refertilisierung zu gewinnen. War in der ersten Fassung noch von der “Unterwanderung des deutschen  Volkes durch Millionen von Ausländern und ihre Familien”, von der “Überfremdung unserer Sprache, unserer Kultur und unseres Volkstums” die Rede gewesen, so wurden “Unterwanderung”, “Überfremdung” und “Volkstum” später gestrichen. Hieß es vorher: “Gegenüber der zur Erhaltung unseres Volkes notwendigen Zahl von Kindern werden jetzt jährlich kaum mehr als die Hälfte geboren” – so las sich das nach Tische folgendermaßen: “Die Lage erschwert sich dadurch, daß nur wenig mehr als die Hälfte der Kinder geboren werden, die für ein Nullwachstum der deutschen Bevölkerung der Bundesrepublik erforderlich wären: die Erneuerung der generativen Funktion der deutschen Familie ist dringend nötig.”

Und Schmidt-Kaler fügte vor allem folgenden Passus ein: “Was die Lösung dieses Problems so erschwert, ist die Tatsache, daß in der öffentlichen Diskussion die notwendigen Fragen nicht mehr gestellt werden können, ohne daß gegen die Fragesteller der Vorwurf des Nazismus erhoben wird.” Dieser Vorwurf war damals noch zu Recht gefürchtet, und deshalb musste “Prof.” Oberländer, bekannter Ex-Minister mit Verstrickung in die “Endlösung”, seine Unterschrift zurückziehen.

Wie man sieht, hat S. lediglich eine Neuauflage dieses “Manifests” auf den Markt geschmissen: natürlich ausführlicher, mit viel protonormalistischen statistischen Tabellen (die aber ebenfalls schlicht auf eine “Erneuerung der generativen Funktion der deutschen Familie” zielen – besonders in den seitenlangen Passagen gegen die “kinderlosen Akademikerinnen”). Nicht nur in diesem Punkt handelt es sich um eine schlichte Kopie – besonders entlarvend ist die Übernahme der zentralen Parole des Heidelberger Manifests: “Nicht die Menschen zu den Maschinen, sondern die Maschinen zu den Menschen” (bei S. Seite 258). Man könnte das endlos fortsetzen – u. a. auch die Berufung auf Eibl-Eibesfeldt.

Und nun aber der Unterschied zu damals: Damals von der hegemonialen Öffentlichkeit, vor allem dem hegemonialen mediopolitischen Diskurs, mit überwältigender Mehrheit abgeschmettert – heute von dem medialen Diskurs mit durchschlagender Mehrheit (BILD plus Spiegel plus etc.) als “Meinungsfreiheit respektiert” – dem womöglich der politische folgen wird (siehe das Menetekel Steinbrück, der imgrunde sagt: leiber Freund S., streich doch die Genetik nich stärker: dann werden wir alle Dir recht geben! Als ob die Genetik nicht auch in der “Kultur” stecken würde).

In dem Roman “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung” (asso verlag Oberhausen: brauchbares Weihnachtsgeschenk) kann man bei der Figur des “Volkstodastronomen” an Schmidt-Kaler denken – und der neue “deutsche Volksheld” (Spiegel) und Mister Protonormalism ist in mehreren Kapiteln, am exaktesten im Kapitel “Zwillingsgeschichte Zwillingsforschung”, vorerinnert. Der Held des Kapitels ist ein Zwillingsforscher, der IQs testet, sich selbst für ein Genie hält und von den Antiheldinnen, einem weiblichen Zwillingspaar, in den Wahnsinn getrieben wird. Wenn es bei dem neuerlichen Versuch, uns mit Neorassismus zu überrollen, sehr stark um Typen von Subjektivität geht, dann kann die öffentliche Vorlesung des Kapitels “Zwillingsforschung”, bei der es viel zu lachen gibt, jetzt vermutlich hilfreich sein (Lesung plus Kursessay über Normalismus und S.). InteressentInnen mögen sich melden.

Die Ursprünglichen Chaoten c/o Jürgen Link

Gabriel schafft´s: nun also doch “Niwis”.

Freitag, September 24th, 2010

In den Zukunftssimulationen des Romans “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee” (assoverlag Oberhausen) gibt es “Iwis” (“Integrationswillige”) und “Niwis” (“Nicht-Integrationswillige”), mit entsprechenden Einträgen in ihre Pässe, die sie bei sich zu führen verpflichtet sind. Darum herum entwickeln sich satirisch-lustige und gleichzeitig möglichst realistische “Zwillingsgeschichten” (in denen ein weibliches Zwillingspaar für Wirbel sorgt). Als der von allen Medien hochgepushte Abschaff-Bestseller alle “Volksparteien” umgehend dazu “zwang”, die “Abschaffung der Parallelgesellschaften” noch auf die Schnelle zum wichtigsten Punkt ihrer jeweiligen Agenda 2010 zu erheben, sah es zunächst so aus, als ob die Simulation des Romans zwar inhaltlich, nicht aber ganz in der Formulierung verifiziert sei: Die neuen Reizwörter hießen “I-V” (“Integrations-Verweigerer”, mit Anklang an “Kriegsdienst-Verweigerer”) und “I-M” (“Integrations-Muffel”).

Nun hat aber SPD-Chef Gabriel die Simulation doch noch auch formal verifiziert: Am 20.9. erklärte er in der Tagesschau, “Integrationsunwillige” müssten mit “Sanktionen” rechnen und sollten, falls sie nicht reagierten, “abgeschoben” werden. Dass diese “Abschaffung” haargenau das Programm des Abschaff-Bestsellers darstellt (bloß ohne die ethnogenetische Begründungs-Theorie), fiel sogar der Bundesjustizministerin auf. Jedenfalls: Semantisch ist die Vorsilbe “un-” im Deutschen äquivalent mit der Negation, also mit “nicht”. Da haben wir also doch noch unsere “Niwis”.

[Zusatz: JETZT AUCH 100% WÖRTLICH "NIWIS":

Am 27.9.2010 meldet die Watz vom SPD-Parteitag: "In der SPD wird die Forderung lauter, NICHT INTEGRATIONSWILLIGE Zuwanderer mit SANKTIONEN zu belegen." ]

Jetzt braucht es bloß noch weibliche Zwillinge bzw. deren diskurspartisanenhaftes Äquivalent, um daraus auch eine glückliche Realsatire zu machen. Dazu wiederum braucht es eine entsprechende Subjektivität – und die kommt ganz von selbst beim Lesen der “Vorerinnerung”. Der Roman ist weder “zu dick” (Dan Brown & Co. gehen mit ihren jeweils an die 1000 Seiten massenweise über die Ladentische) noch “zu schwer” (man kann z.B. einfach mit einzelnen Zwillingsgeschichten anfangen), noch gar ”zu teuer” (29,90 €). Gerüchteweise sollen “Schachtelsätze” drin vorkommen – nicht in den Zwillingsgeschichten, und wenn schon: Daniel Kehlmann verdankt seinen Erfolg doch auch der Tatsache, dass er seinen Leserinnen nach 20 Jahren Popliteratur mit Minisätzeslang mal wieder den Konjunktiv der indirekten Rede und ein paar syntaktische Schachtelungen zumutet. Das scheint bei diesen (seinen Leserinnen) gut anzukommen. “Aber in der Vorerinnerung büxt das Subjektive und Poetische immer wieder ins Politischer aus!” Nun ja, das ist nicht zu leugnen.

Sarrazin? Dazu jetzt definitiv die “Zwillingsgeschichte Zwillingsforschung” lesen!

Montag, August 30th, 2010

Für Leserinnen dieses Blogs gibt es zu Sarrazin ja wirklich nichts Neues (siehe Einträge vom 13.8.2010 und den ausführlichen vom 8.10.2009). Schirrmachers überwiegend kluger Kommentar in der FAS vom 29.8. 2010 zeichnet die Archäologie der lärmenden S-Diskursblase korrekt als mehr als hundertjährig alt und abgekupfert nach, als ob Schi. dieses Blog oder den “Versuch über den Normalismus” gelesen hätte: Stichworte Galton, Herrnstein-Murray, Zwillingsforschung, IQ-Theorien, kritisch dazu Stephan Gould usw. Die uralten Kamellen der endlosen Nature-Nurture-Geschichte: ob fifty-fifty oder eighty-twenty usw. Die monozygoten Zwillinge usw. Natürlich darf heute das “Gen” (“das hat der S. nun  mal in den Genen!”) statt des galtonschen “gemmule” nicht fehlen, einschließlich des Juden-, Deutschen- und Türken-Gens. S. wird sich gegen den Vorwurf des Antisemitismus verteidigen: Er hat schon in dem Lettre-Interview betont, dass das Juden-Gen einen höheren IQ (nicht niedrigeren wie das Türken-Gen) als selbst das durchschnittliche Deutschen-Gen impliziere: so what?

Wenn Schi. allerdings mit dem korrekten Hinweis auf den angelsächsischen Ursprung der gesamten Debatte folgert: Rassismus sei das keineswegs, so scheint er “demokratischen” Rassismus per se für unmöglich zu halten: Genau den gibt es aber! Nicht nur in Deutschland, auch in den USA und in Schweden wurden “Minderwertige” in den 1920er und 1930er Jahren aus “eugenischer Indikation” sterilisiert – ganz “demokratisch”.

Bekanntlich sagte Karl Kraus 1933 mit makaber-sarkastischer Ironie, ihm “falle zu Hitler nichts ein.” Damit meinte er, das Thema sei zu ernst, um mit journalistischen “Einfällen” (wie sie jetzt wieder zu S. ins Kraut schießen) “bewältigt” zu werden. (Er schrieb ja dann den großen Essay, in dem er “den Fußbreit Leben, zwischen Phrasen und Gasen”, zu verteidigen suchte – bekanntlich erfolglos: Nach den Phrasen kamen die Gase.)

So gefährlich ist die durch S. markierte Lage sicher nicht. Wir sind nicht auf makaber-sarkastisches Lachen zurückgeworfen, wir können noch ganz heiter und schallend lachen über diesen S. , der ganz offensichtlich überzeugt ist, ein Genie-Gen zu besitzen, weil er einige mittelschwere Statistik-Kurse erfolgreich überstanden hat. Das ist “definitiv” der Moment für alle, die es noch aufgeschoben haben, das Kapitel “Zwillingsgeschichte Zwillingsforschung” aus dem Roman “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung” (asso-Verlag Oberhausen, S. 255-281) zu lesen. Dort ist der Fall S. mit dem Genie-Gen eines Zwillingsforschers haarklein vorerinnert, und schallendes Lachen ist garantiert. Es ist gleichzeitig ein aktueller Einstieg in die Lektüre dieses angeblich “schweren” Romans: Man kann doch einfach mit den satirischen Zwillingsgeschichten anfangen.

Norbert Bolz kandidiert zum MdmW!

Freitag, August 13th, 2010

Norbert Bolz, zu Beginn seiner Karriere auch einmal Beiträger der Zeitschrift “kultuRRevolution” (heft 8 von februar 1985, 52-55, Titel “der terrorist als held”, über den “kulturrevolutionären diskurs des jungen lukács”), ist seither als postmoderner Medientheoretiker und Verfasser vieler Manifeste hervorgetreten, darunter eines “Konsumistischen” und eines gegen Rousseau und den Egalitarismus gerichteten. Nun ruft er im “Tagesspiegel” (13. August 2010) zur Gründung einer neuen Partei auf, die sich mutig als “rechts” und “rechts von der CDU” bekennen soll: “Die erste Aufgabe einer anspruchsvollen politischen Rechten wäre, zu sagen, was die Politische Korrektheit der Medienlinken zu sagen verbietet. Mehr noch als Ideen braucht man dazu Mut, denn in der Öffentlichkeit herrscht keine Waffengleichheit. Die Medienlinke hofiert die Linken und denunziert die Rechten. Auf der Kommunistischen Plattform darf man fröhlich tanzen. Aber wehe, wenn man der “Jungen Freiheit” ein Interview gibt.” Sein Held solch mutiger Wahrheit ist Thilo Sarrazin, der bekanntlich sofort aus der SPD und der Bundesbank flog, sogar seine Rente verlor und nun am Hungertuch nagen muss, als er den Mut hatte festzustellen, dass Südeinwanderer im Schnitt einen niedrigeren IQ als eingeborene Deutsche hätten und dass folglich Heiraten zwischen hiesigen Einwanderern türkischer Herkunft und “nachgeholten” Ehepartner/innen verboten werden sollten. Verboten.

Bolz meint, dass solcher Mut gerade in der deutschen Academia viel Zustimmung finde, aber leider nur “hinter vorgehaltener Hand… Du hast ja recht, aber das kann man doch  nicht sagen…” Diese bekannte Feigheit deutscher Intellektueller, sich als Rechte zu bekennen, könnte daher “nur durch ein Coming-out von Starintellektuellen gebrochen werden.” Bolz, zweifellos der Typ des Starintellektuellen par excellence, schaut also dem Tod ins Auge und geht mutig voran.

Er hat damit seinen Hut in den Ring geworfen und seine Kandidatur zum MdmW erklärt. Das ist ein Kürzel aus dem Roman “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung” (assoverlag Oberhausen). Es lautet: “Mann der mutigen Wahrheit”. Solche MdmW braucht der “V-Träger” (Verantwortungs-Träger), und zwar möglichst viele, darunter “Turbotuis” (alias Starintellektuelle) und unter denen wiederum gerade auch “Konverter” (Konvertiten der 68er Intelligenz). Das alles, und damit auch der Fall Norbert Bolz, ist in dem Roman vorerinnert und wird dort in seinen diskursiven Mechanismen vorweg erzählt, damit man es dann wiedererkennt, wenn es kommt.

Man muss das Manifest im “Tagesspiegel” zusammen mit einem fast gleichzeitigen Manifest im “focus” vom 26. Juli 2010 sehen. Dort ruft der “focus” zu einer deutschen “Tea Party”-Bewegung auf und verspricht einer neuen Rechtspartei auf Anhieb 20% der Stimmen. Als führende Köpfe werden eingeladen (ob mit ihrem Einverständnis ist unklar): Joachim Gauck, Arnulf Baring, Peter Sloterdijk, Wolfgang Clement, Friedrich Merz, Necla Kelek, Thilo Sarrazin und Paul Kirchhof. Diese 8 mit Großfoto. Wie man sieht, nur eine Frau, die aber gleichzeitig als mutige “Migrantin” (FdmW) für 2 zählt. Das Manifest sieht (kein Witz) den “Kairos” für eine solche Partei gekommen.

Nun aber die Frage: Und wo ist Norbert Bolz? Keine Sorge, es fehlt nur sein Foto, nicht sein Name (“die Philosophen Robert Spaemann, Norbert Bolz und Peter Sloterdijk”). Aber dieses Fehlen des Fotos ist doch fatal: Es zwang den Medienphilosophen offensichtlich dazu, ein eigenes Manifest nachzuschieben und damit seinen Mut zu beweisen, der zugleich (das können wir als Diskurstheoretiker jederzeit bestätigen) als ernsthafte Kandidatur zählt.

Britta Heidemann erinnert in der Watz-Kultur an die Vorerinnerung (25.6.)

Freitag, Juni 25th, 2010

Auf Seite 2 des überregionalen Kulturteils der Watz (wie sie in der “Vorerinnerung” geschrieben wird) erschien am 25.6.2010 eine ausführliche (süffig geschriebene) Wegweisung, verfasst von Britta Heidemann, zum Roman “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee” – Ergebnis eines Gesprächs mit dem Autor. Es geht dabei auch um das Rhizom-Modell für das Ruhrgebiet. Jetzt ist zu hoffen, dass ein paar Leute mehr den Weg ins Rhizom wagen: Die Urlaubszeit könnte das Zeitfenster öffnen.

Und noch mal Doppelpack – im Rahmen der Dortmunder Ringvorlesung Kulturhauptstadt

Dienstag, Juni 22nd, 2010

Im Rahmen der Dortmunder Ringvorlesung “Jenseits der Kohle. Kulturgeschichte(n) des Ruhrgebiets” anlässlich des Jahrs der Kulturhauptstadt befasst sich Jürgen Link mit dem Ereignis “Rheinhausen” im “Doppelpack” (Vortrag kombiniert mit Kurzlesung aus dem Rheinhausen-Kapitel des Romans “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung”, assoverlag Oberhausen).

“Abstract”: Der Kampf der Belegschaft von Krupp-Rheinhausen Ende 1987/Anfang 1988 wurde in Alltag und Medien als eine Art “letztes Gefecht” der klassischen Arbeiterschaft des Ruhrgebiets wahrgenommen. Dabei zeigten die Kampfformen eine Art Janusgesicht zwischen Abgesang und Antizipation. Welche Rolle spielten Basisengagements und welche Betriebsrat und IG Metall? Wie verhielt sich der Konflikt zur politischen Konstellation und warum konnte er isoliert werden? Welche Vorstellungen von “Normalität” erwiesen sich als ausschlaggebend?

Dazu sollen zunächst aktualhistorische Daten erinnert und interpretiert werden. Danach folgt eine exemplarische Kurz-Lesung aus dem Roman “Bangemachen gilt nicht…”

Wann? Donnerstag 8. Juli 2010, 19 Uhr

Wo? Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Stadt Dortmund (Hansastr. 3)

Interview mit der Bochumer Stadt- und Studierendenzeitung (BSZ)

Dienstag, Juni 8th, 2010

Im Zusammenhang mit seiner Lesung am 15. Juni wird morgen ein Interview mit Jürgen Link in der Bochumer Stadt- und Studierendenzeitung (BSZ) erscheinen.

Es lässt heute bereits online lesen.

Die Fragen stelle Rolf van Raden.

Neue Lesung im Doppelpack: “Kulturhauptstadt auf eigene Faust”

Dienstag, Juni 8th, 2010

Ich lese an der Ruhr-Universität Bochum Auszüge aus meinem Ruhr-Roman (“Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung. assoVerlag Oberhausen). Darin einmontiert wird ein Kurzessay “Das Konzept Rhizom” (bezogen auf das Ruhrgebiet und auf den Roman).

Wann?  Dienstag 15. Juni 2010, 18-20 Uhr

Wo?   Ruhr-Universität Bochum, HZO 60

Mit Diskussion: Ich lade dazu besonders herzlich ein, trotz Semester- und Schulschluss zu kommen. Ich lese andere Stücke als in den Buchläden und signiere natürlich auch.

Alle Informationen gibt es hier als druckbares PDF.

Jürgen Link

Deserteur Köhler? Welche der Seelen des deutschen V-Trägers ist mutig und welche feige?

Dienstag, Juni 1st, 2010

Köhler war Kohls Sherpa auf den Siebener Gipfeln. Offenbar wollte er nun auch den Sherpa am Hindukusch machen. Sherpas sind berühmt für ihre Tapferkeit und ihre Opferbereitschaft: sie retten ihre weißen Herren unter Einsatz ihres eigenen Lebens. Und nun wird ihm Desertion vorgeworfen.

Es ist wirklich nicht einfach da durchzublicken. Vielleicht kann aber die Lektüre des Romans “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung” (assoverlag) da wirklich etwas klären. Dort wird der deutsche V-Träger (Verantwortungs-Träger) auf seinem 3. Versuch begleitet. Dieser deutsche V-Träger leidet an MPD, das heißt Multiple Personality Disorder (nicht zu verwechseln mit NPD): er trägt nicht bloß zwei, sondern viele Seelen in seiner Brust – so wie Schopenhauers ewig unerlöster Ur-Wille ist er hin und hergerissen: die eine Seele sagt: Hier sind die Zukunftschancen, die andere da. Die eine will an den Hindukusch, die andere woanders hin.

Da wollte die Seele namens Horst als Sherpa mutig die Wahrheit darüber sagen, warum die Bundeswehr am Hindukusch ist (nicht wegen der Seewege: wo ist denn da See? Seewege bezog sich aufs Horn von Afrika! Hindukusch bezog sich auf Instabilität, die unsere Chancen gefährdet). Sicher sah er Kritik voraus, wollte aber als Sherpa seiner Berg-Chefin den Aufstieg zum Hindukusch der mutigen Wahrheit freimachen. Aber die Chefin ließ ihren Sherpa feige im Schnee stehen.

Da griff er zur letzten Möglichkeit eines Sherpas: Wie der Schweizer Held Winkelried zog er alle Speere auf sich und ging mutig in den Opfertod. Und nun werfen die feigen anderen Seelen des V-Trägers ausgerechnet ihm sogar Desertion vor. Wir warten nun auf mutige Seelen, die seine Tat in ihrer tragischen Konsequenz begreifen und jetzt die Chance zum Befreiungsschlag nutzen. Es muss jetzt laut bestätigt werden: Ja, wir sind ein Land dieser Größe. Ja, wir müssen für unsere Chancen und Interessen “im Zweifel” auch militärisch aktiv werden wie jetzt am Hindukusch, wo es um Chancen und Stabilität geht. Wir warten jetzt auf einen MUTIGEN BEFREIUNGS-SCHLÄGER.

Oder sollte der Sherpa doch eine Mimose und ein feiger Deserteur sein? Das darf nicht wahr sein.

Sondersendung der Ursprünglichen Chaoten

Montag, Mai 31st, 2010

Frühere Sondermeldungen noch im Ohr, hörten wir eben die Sondersendung zum Rücktritt Horst Köhlers. Alles klang wie ein Fake der Ursprünglichen Chaoten – aber wir wussten ja, dass wir das nicht gefaket hatten. Wir gehörten ja nicht zu denen, die sein Interview über die Interessen eines Landes unserer Größe und die Rolle der Bundeswehr dabei als verfassungsfeindlich und lügenhaft mit Kritik überschüttet hatten. Im Gegenteil hatten wir ja Respekt vor seinem Mut zur Wahrheit bekundet. Mit ihm verlieren wir einen großen MdmW, also einen großen Mann der mutigen Wahrheit (die Geschichte des MdmW kann man in dem Roman “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung”, assoverlag Oberhausen, nachlesen; dort sind Zeiten der Krise wie augenblicklich vorerinnert).

Spannend wird es übrigens sein zu sehen, wie die SCHLAGzeitung bei weiterer Eskalation sämtlicher Krisen das Problem lösen wird, eine einzige SCHLAGzeile zu generieren, wenn sozusagen mehrere “Themen” sich dazu drängen: LENA oder KÖHLER oder JOGI oder EURO usw.?  Man wird kombinieren müssen: etwa FOLGT LENA KÖHLER NACH? Bleiben Sie dran!

Die Ursprünglichen Chaoten

Warum kein Beifall für Köhlers mutigen Beitrag zum “Diskurs” über und zur “Normalität” in A*?

Donnerstag, Mai 27th, 2010

Alle hegemonialen Parteien einschließlich der Grünen fordern seit Yakob Baj nahezu täglich “Ehrlichkeit” und “Mut” im “Diskurs” über Afghanistan. Man müsse auf dieser Basis der Bevölkerung endlich “überzeugend vermitteln”, warum die  Bundeswehr dort einen blutigen und zunehmend schmutzigen Krieg führt und nicht im Traum an Abzug denkt. Es gehe dort gar nicht, das müsse man heute ehrlich zugeben, um Okzidental-Demokratie und Mädchenschulen, sondern um “unsere gewachsene Verantwortung” und um eine absolut “notwendige Stabilisierung”.

Offenbar hatte Horst Köhler als oberster politischer Verantwortungs-Träger den (absolut zutreffenden!) Eindruck, dass die Bevölkerung noch etwas genauer wissen möchte, was eigentlich mit “Verantwortung” und “Stabilität” gemeint ist. Er entschloß sich also (auf dem Rückflug von Afghanistan) mutig zur Ehrlichkeit und übersetzte “Verantwortung” und “Stabilität” fürs Volk ins Konkrete: “Alles das heißt, wir haben Verantwortung” fing er an, und setzte fort: “ein Land unserer Größe mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit”" müsse wissen, “dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch auf unsere Chancen zurückschlagen” usw. 

Statt den Mut zur Ehrlichkeit zu loben, schreien die Führer der Parteien, die den Krieg in A* und gerade noch seine enorme Eskalation beschlossen haben und allen voran der Erz-Konverter (zum Begriff s.u.) Jürgen Trittin, die Bundeswehr führe keine Wirtschaftskriege. Dabei hat Köhler das mögliche kleine Missverständnis sofort klargestellt: In A* führt die Bundeswehr Krieg, “um ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch auf unsere Chancen zurückschlagen” – und für “freie Handelswege” kämpft die Bundeswehr augenblicklich vor allem am Horn von Afrika. Was ist daran falsch? Trittin hat beide Kriege mit beschlossen!

Wenn Köhlers Partner also undankbar und unfair sind, sollten wir Kriegsgegner Fairness beweisen: Mit “einem Land unserer Größe” kann Köhler nicht die Bevölkerungszahl gemeint haben: Wie im Appell “Heraus aus der Sackgasse in Afghanistan” genau quantifiziert wird, bringt Deutschland momentan noch (!) 1,2% der Weltbevölkerung auf und ist damit (noch!) das 16. Land im Ranking (sehr bald wird es stark abrutschen). Also kann Köhler mit “Größe” nicht die Bevölkerung, sondern nur die Kapitalstärke gemeint haben. Auf dieser Basis sind “wir” 3.größtes Land der G 7 (oder eigentlich als europäischer Hegemon schon 2.größtes), und niemand weiß das besser als Köhler, der seine Karriere als Kohls “Sherpa” auf den damaligen G 7-Treffs begann und dann im IWF fortsetzte. Niemand versteht besser als er, wie “unsere Chancen” (d.h. die Gewinnaussichten unseres Kapitals) von der “Instabilität ganzer Regionen” negativ beeinflusst werden können. Also dass “im Zweifel, im Notfall” die Bundeswehr “stabilisieren” muss – was sie in A* tut.

Mit Köhlers mutigem Statement ist nun auch noch der letzte Punkt des Appells “Heraus aus der Sackgasse in Afghanistan”, der von einigen Friedensfreunden als überzogen eingeschätzt wurde, offiziell: Die Bundeswehr ist dort, weil “ein Land unserer Größe” (sprich: eine Groß- und Weltmacht) “im Zweifel” (!!) auch militärisch präsent sein muss, wenn es um die “Stabilisierung ganzer Regionen” geht. Aus keinem anderen Grunde. Weil er das mutig gesagt hat, kriegt er jetzt Prügel vom Erzkonverter Trittin.

“Erzkonverter”: der Begriff “Konverter” wird in dem Roman “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung” (assoverlag Oberhausen) näher erklärt. (Jürgen Trittin kämpfte einstmals mutig gegen den Marsch der Bundeswehr in die weite Welt und konkret gegen die öffentlichen Gelöbnisse.)

Lesung aus dem Roman und politischer Impuls im Kombipack

Donnerstag, April 15th, 2010

Auf Einladung des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung (DISS) liest Jürgen Link die Simulation vom UDD (Unbekannter deutscher Deserteur) aus seinem Roman “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung” (assoverlag Oberhausen). In dieser Simulation haben sich die “ursprümglichen Chaoten”, die Schreiber des Textes, einen künftigen Antiguerillakrieg der Bundeswehr in einem Land A* vorgestellt – rechtzeitig, um ihn zu verhindern. Dazu gehört die Geschichte vom UDD.

Inzwischen findet ein solcher Krieg in einem anderen Lande A* tatsächlich statt – ohne dass man bisher von einem Deserteur gehört hätte. Deshalb das Kombipack: Im politischen Impuls werden einige Spezifika des gemeinsamen Appells von DISS-journal, kultuRRevolution und AMOS “Heraus aus der Sackgasse in Afghanistan” erläutert und zur Diskussion gestellt.

Wann?

Mittwoch, 21. April 2010, 17 Uhr

Wo?

DISS, Siegstraße 15, Duisburg

Alle Interessentinnen sind herzlich eingeladen.

Fünf Azubis und drei Ausbilder in A* verunglückt

Samstag, April 3rd, 2010

So steht das nicht in unseren Medien, müsste aber konsequenterweise! Statt dessen heißt es: Drei Fallschirmjäger der Bundeswehr seien in eine feige und heimtückische Falle der Taliban gelockt worden, und fünf afghanische Karzai-Soldaten seien einem tragischen Irrtum zum Opfer gefallen und im friendly fire der Bundeswehr umgekommen.

Tatsächlich handelt es sich um die ersten größeren Todesopfer einer Offensive der Bundeswehr, die nach dem amerikanischen Modell von McChrystal ("Clear and Hold") versucht, von "Aufständischen" kontrollierte Gebiete gewaltsam zu erobern. Nur haben die deutschen Interventionspolitiker (einschließlich der rot-grünen) diese Realität mittels ihres Newspeak in einer Weise vertuscht, gegen die die Vertuschungspraxis der katholischen Kinderquäler fast noch harmlos erscheint, weil es in A* um nicht weniger als um Leben und Tod geht.

Deshalb ein kurzer Crashkurs in Bundeswehr-Newspeak:

Offensive mit massiver Feuerkraft = "mehr Präsenz in der Fläche"

Gemeinsame Offensive mit Karzai-Soldaten = "Ausbildung"

offensive deutsche Kampftruppen = "Ausbilder"

offensive Karzai-Truppen = "Auszubildende"

Wenn der Volksmund sagt: "Sie wollen uns dumm sterben lassen", so meint er das meistens nur metaphorisch. In A* ist das Dumm-Sterben dagegen bitterer Ernst: auf allen Seiten. (Übrigens: Die taz bringt die Nachricht kommentarlos im Newspeak unter Fernerliefen und macht groß mit dem osterfröhlichen Appell auf, den Garten auf Frühling zu trimmen.)

Neues vom Geist der Drohnen

Freitag, April 2nd, 2010

Die Drohnen der Bundeswehr in Afghanistan "geben den Geist auf"! Die alten kleinen, aus deutschem Eigenbau, sämtlich bei 40 Grad Celsius – und nun auch die erste von drei großen Drohnen vom Typ "Heron" aus israelischer Produktion: gleich bei der esten Probe zu Schrott gelenkt! Bei der Gelegenheit erfahren wir, dass die "Hero(i)n"-Drohnen nicht gekauft, sondern geleast sind (für 110 Millionen Euro). Und zwar für 3 Jahre! Das zeigt, wie ernst die Stäbe ihre angeblich ja allein entscheidungsbefugte "Politik" nehmen! Die "Politik" verspricht doch einen "Exit" schon vom nächsten Jahr ab; sie entscheidet doch jeweils bloß für ein weiteres Jahr. Aber was bleibt ihr noch übrig, wenn die Generäle schon auf 3 Jahre ausgeleast sind? Natürlich die Verantwortung!

Wenn die Nato-Raketen das “Herz der Finsternis” penetrieren

Montag, Februar 15th, 2010

Den Generälen der Nato-Großoffensive in Afghanistan schlägt ihr Herz so hoch, dass sie klassische Literatur zitieren: "Wir stoßen vor ins Herz der Finsternis", sagte der britische General Matt Bazely. Ob er allerdings seinen Joseph Conrad wirklich gelesen hat, bei dem dieses Kollektivsymbol afrikanischer Barbarei ziemlich ambivalent ist, ist zu bezweifeln. Er meinte es wohl so: Wir bringen die Zivilisation ins schwarze Herz der asiatischen Barbarei.

Womit? Zum Beispiel mit Raketen, deren Penetrationsfähigkeit auf moderne Weise ebenfalls klassisch ist. Nur dass sie manchmal gleich am Anfang "fehlgeleitet" werden und dann 12 "Unschuldige" töten, wo sich Mc Chrystal gleich am Anfang "entschuldigen" muss. Was oder wer kann Raketen "fehlleiten"? Entweder schlechte Technik – oder irrtümlich oder absichtlich falsche Zielvorgabe des anonymen afghanischen Informanten. Die Nato sagt öffentlich: Es war die Technik. Das System "HIMARS" hat die Raketen "mehrere 100 Meter" fehlgeleitet und wird jetzt überprüft. Da gibt es schon wieder zwei Möglichkeiten: Entweder es stimmt, und dann ist der Einsatz eines solchen Systems unglaublich und völlig unvereinbar mit den Versicherungen über die Metergenauigkeit "chirurgischer Schläge" – oder es ist eine Deckbehauptung wegen Alternative eins.

Klar ist nur eins: Der "Vorfall", wie das – auch in unseren Medien! – genannt wird, war eine "gezielte Tötung" (targeted killing), worin der eigentliche Kern der Nato-Penetrations-Strategie ins Herz der Finsternis besteht. Anonyme Signalisierung eines Informanten der zivilisierten Geheimdienste, und dann Luftschlag (Rakete, Drohne, Jet-Bombe [wie bei den nächsten zivilen Opfern], Hubschrauber-Schlag). Das läuft auf der Basis sogenannter "c-k-Listen" ("capture or kill"), die u.a. auch vom BND erstellt werden. "Capture" ist dabei bloße Floskel: Aus der Luft lässt sich nicht verhaften. Außerdem weiß die Nato nicht, wen sie verhaftet hätte: Einen Kombattanten? Dann müsste er in ein öffentlich zugängliches Gefangenenlager und hätte viele Rechte – einen (mutmaßlichen) Verbrecher? Dann hätte er Recht auf einen Anwalt, müsste verklagt werden, einen Prozess bekommen usw. Leichen haben all das "verwirkt".

[Zusatz nach zwei Tagen: Die Prüfung des Raketensystems hat ergeben: Technik völlig okay - das eingestellte Ziel wurde exakt getroffen. Es war korrekt, weil unter den Opfern vermutlich auch ein oder zwei Taliban waren. Also doch Sache eines anonymen Informanten. MacChrystal kann sich ent-entschuldigen. Alles korrekt! Heißt konkret: Wenn nur 5 oder 6mal soviele zugegebenermaßen Unschuldige als mutmaßliche Taliban gezielt getötet werden, darunter die Hälfte Kinder, ist das ein "angemessenes" CDE = Collateral Damage Estimate. Und es geht täglich weiter. Das ist der wahrlich harte Kern der ISAF-Strategie.]

"Heart of Darkness" lesen ist nicht schlecht: Es macht bestimmt sehr nachdenklich. Weniger klassisch, aber aktueller ist der Roman "Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee" (assoverlag Oberhausen), wo ein Anti-Guerillakrieg der Bundeswehr simuliert war, bevor er nun stattfindet. Es ist dort aktualhistorisch rekonstruiert, wie es zu einer solchen "unerhörten Begebenheit" (Goethe) kommen konnte.

Heraus aus der Sackgasse in Afghanistan!

Dienstag, Januar 12th, 2010

Holt die Stabsärztebrüder nachhause!
Der AfghanistanAppell.de

Heraus aus der Sackgasse in Afghanistan!

In vielen Einträgen dieses Blog wurde die Abwärtskurve der "Versumpfung" der Bundeswehr in A* dokumentiert. Mehr und mehr hörten und hören sich die Meldungen von dort an wie die Simulationen über den A*-Krieg im Roman "Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee." Auch die "Stabsärztebrüder" des Romans sind im realen A* in ihrem gefährlichen Dienst tätig. Man konnte zu Weihnachten einige ihrer Feldpostbriefe im SZ-Magazin vom 23.12.2009 nachlesen, z.B.:

"Insgesamt hat der ISAF-Einsatz in Kundus nur noch wenig von einem Hilfseinsatz, sondern mehr von einem (asymmetrischen) Krieg. Wenigstens alle 3 Tage passiert etwas. Anfangs kamen in schöner Regelmäßigkeit Raketen, das hat nachgelassen. Dafür häufen sich Anschläge und Hinterhalte. Kaum ein Schutzzug, der noch kein Feuergefecht hatte. Mindestens 6mal wurden unsere Patrouillen angesprengt." (Oberstabsarzt Jens Weimer, 34)

"Spätestens nach dem 2. Bunkeralarm entwickelt auch der größte Philanthrop blutige Rachegelüste. Die militärisch einfachste Lösung, die hier von den Soldaten auch favorisiert wird, ist der groß angelegte Artillerie-Gegenschlag. Technisch kein großes Problem: Abschussstelle orten, Kanone ausrichten und zurückschießen – dauert weniger als 1 Minute. Die ersten feindlichen Raketenschützen hätten wohl auch Pech, aber die Taliban sind nicht blöd. Schon die nächsten hätten ein langes Kabel und würden die Rakete neben einem Kindergarten starten." (ders.)

Den Stabsärztebrüdern ist also klar: Die "Option" einer weiteren sehr blutigen Eskalation rückt näher.

Aber es gibt eine andere Option: den Rückzug. Dafür setzt sich der APPELL "HERAUS AUS DER SACKGASSE IN AFGHANISTAN!" ein, den die Zeitschrift "kultuRRevolution. zeitschrift für angewandte diskurstheorie" zusammen mit der Zeitschrift AMOS entwickelt hat. Er ist spezifisch für ein deutsches Publikum formuliert und soll rechtzeitig zur Londoner Konferenz am 28.1. veröffentlicht werden.

Update: Wie geplant wurde der Appell am 28.1. in der Wochenzeitung Der Freitag mit den ersten 150 Unterschriften veröffentlicht. Der Appell “Heraus aus der Sackgasse in Afghanistan” mit seinen prägnanten Gründen für einen “umgehenden” Rückzug der Bundeswehr erfreut sich seit seiner Publikation im “Freitag” am 25. Januar weiterer Unterstützung. Er erweist sich so als wichtiges Instrument, um zu verhindern, dass bald wieder “war as usual” herrschen kann. Deshalb bitten wir jetzt (und ohne deadline) um zusätzliche Unterschriften.

AfghanistanAppell.de
Vollständigen Appell als PDF lesen

Jetzt unterzeichnen!

Ein “Kommissarsbefehl” in Afghanistan?? Hat die fatale Stunde geschlagen?

Freitag, Januar 1st, 2010

Zitat Spiegel-Online 30.12.2009: ”Laut dem Bericht einer von Karzai eingesetzten Untersuchungskommission trieben am vergangenen Samstag Soldaten der internationalen Truppen im Distrikt Narang in der Provinz Kunar 10 Zivilisten aus ihren Häusern und erschossen sie. Unter den 10 Todesopfern seien 8 Schüler im Alter von 13 bis 17 Jahren. [...] Dagegen sagte ein ranghoher Isaf-Offizier, der anonym bleiben wollte, es habe keine zivilen Todesopfer gegeben. Alle Toten seien Männer ‘im Kampfesalter’ gewesen. Bei dem Vorfall seien US-Elitesoldaten im Einsatz gewesen, aber keine Nato-Soldaten. Ein US-Soldat in Asadabad, der Hauptstadt von Kunar, sagte, keiner der Getöteten sei ‘unschuldig’ gewesen.”

Die Überschrift des Artikels lautet: “8 US-Bürger bei Selbstmordanschlag getötet” (da ging es um – verfremdet ausgedrückt – die gezielte Tötung einer CIA-Einheit durch INS = insurgents). Es ist also doppelt schwierig, den Faktenkern aus den durchmischten Meldungen zu extrahieren. Plausibel erscheint es zunächst, dass nicht “normale” Isaf-Soldaten, sondern “Eliteeinheiten” die “Aktion” oder den “Einsatz” durchführten – aber offensichtlich abgesprochen mit und geschützt von Isaf-Truppen (zu denen zwar nicht in dieser Provinz, aber insgesamt die deutschen Soldaten gehören).

Natürlich ist allgemein bekannt, dass man “demokratische” Kriege niemals mit Nazi-Kriegen “vergleichen darf”. Hier geht es auch nicht um “Vergleich”, sondern um Schwierigkeiten beim Verstehen. Und dazu hilft nun doch unsere inzwischen verbreitete Kenntnis über den deutschen Feldzug gegen die Sowjetunion 1941-1945. Da war es so, dass “Einsatzgruppen” in Absprache mit und im Schutz der Wehrmacht den (geheimen) “Kommissarsbefehl” durchführten. Das ging so: Denunziation “aktiver Kommunist und potentieller Widerständler” (= “Kommissar”) – aus dem Bett geholt – erschossen.  Die “Einsatzgruppen” (meistens der SS, der Polizei, aber auch der Wehrmacht selbst) waren durchaus “Elitetruppen”.

So könnte es also auch jetzt in Afghanistan laufen (kein Vergleich! bloß Verständnishilfe): Es scheint einen (geheimen) Befehl zu geben, alle auch bloß potentiellen “Taliban” (oder “Insurgents”), soweit sie im “kampffähigen Alter” sind (also offenbar ab 13 Jahren) “gezielt zu töten”. Es scheint, dass die direkt Ausführenden Elitesoldaten sind (im Fall Deutschland also KSK: wie bei dem Massaker von Yakob Baj am 4.9.2009), aber dass sie in Absprache mit und im Schutz der “normalen” Isaf handeln. Nach dem Rezept: Denunziation – aus dem Bett holen – erschießen.

Wer eine alternative Erklärung der Fakten weiß, möge sie bitte als Comment mitteilen.

Falls die hier gewagte Hypothese aber insgesamt korrekt sein sollte: Was würde daraus folgen?? Hätte dann nicht die fatale Stunde geschlagen, wo wir uns eingestehen müssten, dass deutsche Truppen “im deutschen Namen” Aktionen zumindest decken, zu deren Verständnis man auf frühere deutsche Kriege zurückgreifen muss? Und: Begreifen wir jetzt nicht endlich, warum “unsere Väter geschwiegen haben”? Vielleicht weil sie solche Meldungen ebenfalls (innerlich) unter eine falsche Überschrift gestellt und sie im freudschen Sinne “verleugnet”, ja sogar “verworfen” haben (das ist was anderes als “verdrängt”: es ist schlimmer)? “Ich habe nichts gesehen”?

Um es zu wiederholen: Wir können nicht mehr warten auf eine neuerliche “Gnade der späten Geburt” – weil wir allemannfrau längst schon geboren sind.

Die Ursprünglichen Chaoten

“Militär allein ist nicht die Lösung”: ein diskursiver Trumpf, der nicht mehr sticht!

Donnerstag, Dezember 31st, 2009

In der Vorerinnerung (Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee: Roman bei asso, Oberhausen: besorgen!) wird es vorerinnert:

Wir machten dann auch kurze improvisierte Simulationsspiele für die Manipulationstrümpfe des V-Trägers: “Wie verkauft Arschky eine Werkschließung?” – Da spielt er den Trumpf x allein ist keine Lösung”: (mit Pathos:) “Kollegen! Dazu sagen wir klar: So nicht! Nicht mit uns! Werkschließung allein kann nicht die Lösung sein! Wir brauchen noch andere Lösungen, Kollegen, die genau so wichtig sind und sogar noch viel wichtiger, Kollegen! Wir brauchen einen Sozialplan!” (S. 399)

V-Träger = Verantwortungs-Träger; Arschky = SPD-Betriebsratsboss

Man setze statt Arschky Künast, Trittin, Steinmeier & Co. und statt Werkschließung Krieg in Afghanistan, und man ist in der Gegenwart angelangt. Besonders dick pumpte Guido Westerwelle diese Diskursblase auf: “Militär allein kann nicht die Lösung sein! Wir brauchen noch andere Lösungen! Wir brauchen einen Aufbauplan!” und sogar (mit Pathos:) “Ich gehe nicht zur Afghanistan-Konferenz, wenn es eine reine Truppenaufstockungskonferenz wird!” Aber da stachen Künast, Trittin, Steinmeier & Co. (und sowieso die CDU) ein bisschen in seine Diskursblase, und sie sackte in sich zusammen. Der Trumpf sticht einfach  nicht mehr.

Als ob irgendjemand (einschließlkich Bush) jemals so doof gewesen wäre zu behaupten: “Militär allein ist die Lösung in Afghanistan” – alle (einschließlich Bush) haben selbstverständlich immer gesagt: Militär allein ist nicht die Lösung, wir brauchen auch einen Aufbauplan. Am liebsten würden sie sogar sämtliche zivilen Projekte, einschließlich von “pazifistischen”, per CMC (Civil-Military Cooperation) als Feigenblätter über ihre “gezielten Tötungen” und ihre Massaker von Typ Yakob Baj kleistern. (Worauf leider leider viele NGOs, sogar  “pazifistische”, hereinfallen.)

Militär allein ist nicht die Lösung? Militär ist Teil des Problems und nicht der Lösung, und zwar der wichtigste Teil des Problems!  Deshalb beginnt die Lösung klipp und klar mit dem Abzug des Militärs aus Afghanistan, und insbesondere mit dem Abzug der Bundeswehr, und zwar sofort.