Archive for the ‘Normalismus’ Category

“Stabilisierung” statt “Normalisierung”: Jetzt wissen wir, was das bedeutet

Freitag, März 25th, 2011

Der Zustand der in Fukushima schwer strahlenverletzten Arbeiter habe sich “stabilisiert” (im übrigen seien sie selbst schuld gewesen, wie Tepco verlautbart). Auch der Zustand der Reaktoren von Fukushima sei “stabil”. Bekanntlich waren auch die arabischen Regime sehr “stabil”. Syrien war sogar “stabiler” als die meisten anderen – außer Saudi-Arabien, das bei weitem “am stabilsten” ist.

Was bedeutet es, dass sich die Lage nach Deep Water Horizon aber “normalisiert” hat? Was ist der Unterschied zwischen “Normalisierung” und “Stabilisierung”? Jetzt wissen wir es: Wenn eine Situation absolut nicht “normal” ist und eventuell auch gar nicht mehr ”normalisiert” werden kann, dann kann sie immer noch für “stabil” erklärt werden.

Etwas Normalismustheorie: Normalität beruht, soweit der Begriff einen Sinn hat, auf spontaner Reproduktionsfähigkeit unter statistisch gestützter Kontrolle. Statistische Kontrolle greift aber nur, wenn die Verdatung funktioniert, wenn es also Daten gibt. In Fukushima gibt es seit  nunmehr 2 Wochen keine Daten über das Wesentliche, d.h. über das “Herz” des Reaktors. Insofern zeigt Fukushima exemplarisch die totale Denormalisierung, und der Begriff “Stabilisierung” ist deren Symptom.

Was tut nun aber die Bundeswehr in Afghanistan? Sie “stabilisiert”. Und das ist nicht nur das gleiche Wort, sondern eine sehr analoge Situation: Das Regime in Afghanistan kann sich nicht spontan unter statistischer Kontrolle reproduzieren. Niemand weiß, was “die Afghanen” am liebsten möchten. Das Land gehört zur untersten (5.) Normalitätsklasse – es ist völlig denormalisiert. In dieser Situation von außen einen Eskalationskrieg zu führen wie die Bundeswehr, ist also Symptom einer analogen Verzweiflung wie der von Tepco. Und tatsächlich ist die Anti-Guerilla-Eskalations-Strategie der Bundeswehr im striktesten Sinne ebenfalls eine GAUrisiko-Technologie.

Der gleiche Begriff “Stabilisierung” bringt es an den Tag.

ABC-Spezialisten, Kampfhubschrauber, Flugzeugträger, Drohnen: GAUrisikotechnologie ist Krieg – und Krieg ist eine GAUrisikotechnologie: Beides abschalten!!

Donnerstag, März 17th, 2011

Natürlich müssen wir uns genauso wie die betroffenen Japaner an die Hoffnung klammern, dass der Einsatz der (verfassungswidrigen) japanischen “Selbstverteidigungsstreitkräfte” und der von US-Spezialeinheiten – selbst der von Kampfhubschraubern, Wasserwerfern und Drohnen – in Fukushima dazu beitragen kann, das immer noch schlimmere Mögliche zu verhindern. Aber was für ein Eingeständnis: Dies ist ein Krieg! Wenn hoffentlich das noch Schlimmere verhindert ist, muss er überall in der Welt abgeschaltet werden! Die GAUrisikotechnologie der AKWs darf nicht ein weiteres Mal “normalisiert” werden. 25 Jahre seit Tschernobyl sind zwar unter Aspekten von Halbwertzeiten eine mikroskopische,  im Menschenleben aber eine lange Zeit, so dass die Atomlobby gerade dachte, sie könne wieder voll loslegen. Was bedeutet es, dass es Fukushima (mit dem Anklang an Hiroshima) bedurfte, um in Deutschland und selbst in China ein Moratorium zu erzwingen?

Aber wir wissen: Die Lobbyisten und ihre mediopolitischen Sykophanten (bezahlte Ghostwriter) stehen schon in den Startlöchern für eine neuerliche “Rehabilitierung” der “sauberen” Kernenergie, auf die wir “aus ökologischen Gründen als Brückentechnologie nicht verzichten können” usw.: Sie werden nicht aufgeben, weil nun mal Profite winken und die Schäden nicht versichert, da bekanntlich gar nicht versicherbar,  sind – und also von “der Politik”, d.h. von der Bevölkerung bezahlt werden müssen.

Genau wie Kriegsschäden! Und tatsächlich hat Fukushima ein weiteres Mal klargelegt: Umgekehrt gilt es auch: moderne Kriege, insbesondere NATO-Hightech-Interventionskriege mit ihren Flugzeugträgern, Kampfhubschraubern, Drohnen, Raketen und “Luftschlägen” sind eine GAUrisikotechnologie, die ebenfalls sofort abgeschaltet werden muss, zumal sie tatsächlich sofort abgeschaltet werden kann.

Konkret: Die Bundeswehr kann umgehend aus Afghanistan abgezogen werden, wodurch das GAUrisiko eines Counterinsurgencykrieges als Eskalationskrieg abgeschaltet werden kann. Luftschläge aufgrund völlig unkontrollierbarer anonymer Denunziationen gegen afghanische Dörfer fordern nicht bloß ebenso zivile Opfer wie ein AtomGAU, sondern verseuchen auch das Land ökologisch auf  lange Zeit mit Schwermetallen und anderen Giften (heute noch überall auf dem Balkan als Folgen von 1999 festzustellen).

Grüne Basis, wach bitte endlich auf!

Ceterum censeo exercitum Germanicum ex Afghanistan esse recedendum. Cito et velociter!

“Kontrollierte Explosionen”: Symbol des durchdrehenden Normalismus

Dienstag, März 15th, 2011

Was hat die Stunde geschlagen, wenn die hegemonialen Medien sokratisch werden und bekennen, dass sie nur wissen, dass sie nichts wissen? Nur vage kann man ahnen, dass auf jeden Fall der normalistische SuperGAU eingetreten ist: Die Experten als Träger der sarrazinischen “MINT-IQ-Intelligenz” [Mathe, Ing, Natwiss, Techno] haben keine Daten mehr, können also keine Wahrscheinlichkeiten mehr berechnen und auf dem normalistischen “Optionen-Tisch” die besten “Optionen” zwecks Normalisierung “wählen”.

Ebenfalls nur vage kann man ahnen, welche “Option” sie in dieser Situation “gewählt” haben: die Taktik der “kontrollierten Explosion”: Nacheinander ließen sie in allen betroffenen Reaktoren Wasserstoffgas frei, um “den Druck zu verringern” und führten so angeblich “kontrollierte Explosionen” herbei, von denen sie behaupteten, sie seien nur schwach radioaktiv. Wie das rein technisch ablief und was daraus folgte und weiter folgen wird, wussten und wissen sie selbst nicht. Was wir aber wissen können: Diese Taktik der “kontrollierten Explosion” ist das repräsentative Symbol, die pars pro toto des durchdrehenden Normalismus – des Normalismus, der nicht bloß den Notstand (also die Denormalisierung) erklärt, sondern der die Denormalisierung dadurch zum GAU treibt, dass er glaubt, man könne auch eine irreversible Denormalisierungs-Kaskade noch normalisieren – durch Notstands-Schläge in diese Kaskade hinein.

Tragödie und Farce: Diese gleiche durchgedreht-normalistische Mentalität tobt sich nun auch außerhalb der atomaren Havarie aus: In Politik und Wirtschaft (und sicher bald auch Kultur). Es gilt die Kaskade von denormalisierenden Kopplungen mit anderen Praxis-Diskursbereichen (luhmannschen Teilsystem) mit allen  Mitteln zu verhindern, vor allem die “Ansteckung” der Börsen. Keine Panik! Ruhig bleiben! “Die Krise bietet auch Chancen” (wie wir seit 2008 ständig hören). Wenn die Öl- und Chippreise steigen, ist das gut für deren Aktien! Und erstmal das “enorme Potential” an Wiederaufbaunachfrage in Japan! Wenn schon der technoszientistische GAU nicht zu verhindern ist, können wir den ProfitGAU “mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit”  verhindern. Wie es die US-Middleclass 1987 beim Crash sagte: “Things look already pretty much better today, and it may even go up!”

Aber was diese Kopplung angeht, hat der japanische Premier Naoto Kan unter Stress eine Aussage getroffen, die die Kopplung ebenfalls wie eine pars pro toto bestätigte, indem er sie verhindern wollte: Er beschwor die Firma Tepco, die letzten 50 Ingenieure und Facharbeiter nicht auch noch aus dem havarierten AKW abzuziehen, weil… (zig Millionen Menschen in Gefahr schweben?) – weil… das den sicheren Kollaps der Firma Tepco bedeuten würde! (SPON 15. März, 6 Uhr 25 MEZ) In Tschernobyl waren es “Helden der sozialistischen Arbeit” – in Fukushima also “Helden des kapitalistischen Profits”.

Normalismustheoretisch kann gesagt werden: Die Abschottungsversuche gegen Kopplungen mit anderen “Teilsystemen” und gegen “Entdifferenzierungen” bergen ein hohes Risiko diskursiver “kontrollierter Explosionen”, also von Paniken (die man gerade verhindern will). Normalismustheoretisch gesehen, sind dagegen solche Kopplungen gut, weil sie Möglichkeiten aufzeigen, nicht nur AKWs, sondern auch andere Hochrisiko-Unternehmen rechtzeitig abzuschalten.

Musterbeispiel: Die Interventionskriege vom Typ Afghanistan sind sowohl wörtlich wie metaphorisch ebenfalls Hoch-Risiko-Technologien. Welch ein weiteres Symbol, dass über Fukushima eine Flugverbotszone verhängt wurde! Und dass der US-Flugzeugträger wegen der Radioaktivität umkehren musste! Aber es besteht die Gefahr, dass die Kriege, Revolutionen und Konterrevolutionen nun “in den Schatten” der japanischen Katastrophen geraten: Das nützt nicht bloß Gaddafi, sondern allen Konterrevolutionären: Gestern marschierte Saudi-Arabien in Bahrain ein. Vor einigen Tagen forderte sogar Karzai den Abzug der NATO, also auch der Bundeswehr, wegen der vielen zivilen Opfer der “Luftschläge” (die ja nicht bloß kriminell sind, wenn sie von Gaddafi geführt werden). Die übrigens immer auch große ökologische Schäden anrichten. Ceterum censeo exercitum Germanicum ex Afghanistan esse recedendum.

Wann endlich kommen die Mitglieder und Wählerinnen der Grünen zu der Einsicht, dass ihre Führung schizophren handelt, solange sie die Hochrisiko-Technologie eines Eskalationskrieges absegnet?

Welcome “revolutionary normal”!

Sonntag, Februar 27th, 2011

Seit Jahrzehnten hat der Autor dieses Blogs diskursive Ereignisse um den Komplex “normal/Normalität/Normalisierung” sowie entsprechend “anormal/Anormalität” verfolgt, archiviert und analysiert. Im Zuge der Wirtschaftskrise von 2008ff. gab es das Novum des “New Normal”, das zunächst in den USA eine heruntergefahrene Normalität, dann aber in Ackermanns Mund eine noch höher anzusetzende Profitrate als vor der Krise bedeuten sollte.

Nun gibt es endlich ein richtiges Novum. Al Jazeera berichtet am 27. Februar 2011 aus Bengasi: “Libya’s revolution headquarters.” In dieser Reportage wird die Umfunktionierung des Justizpalastes zur volldemokratischen Informations- und Organisationszentrale der Revolution geschildert: Gerichtssäle sind in Volksküchen umgewandelt, und vor allem wird der Internet-Kontakt mit den anderen Städten gewährleistet. Auf den Wänden stehen arabische Parolen, für mich nur drei Zeichen lesbar: “= NAZI, (Hakenkreuz)”. Ich nehme an, dass die arabische Schrift davor bedeutet “Gaddafi”.

Und nun der schönste Satz für den Normalismusforscher gleich zu Beginn: “In Benghazi, Libya’s second-largest city, life has entered a new stage of revolutionary normal.”

People’s Power in Ägypten und das “gelbe Grinsen” unserer Stabildemokraten

Samstag, Februar 12th, 2011

Im Französischen gibt es einen nicht ins Deutsche übersetzbaren Ausdruck: das “gelbe Lachen” (rire jaune), womit eine erzwungene äußerliche Freudenbekundung gemeint ist, der innerlich eine Frustration und eine Wut entsprechen. Solch “gelbes Grinsen” über den ersten großen Sieg der ägyptischen Revolution an ihrem Tag 18 konnten wir bei vielen unserer Stabildemokraten beobachten. Natürlich freuten sie sich alle, wie sie sagten, aber kurz danach (bei manchen direkt danach) begannen ihre immer dickeren “Aber”. Muss uns denn nicht ein Volk größte Sorgen machen, das People’s Power erzwungen hat, das “aber” zu über 50 Prozent von Hartz IV leben würde, wenn es in Ländern “da unten” Hartz IV gäbe? (Anders gesagt: ein Volk der 4. Normalitätsklasse.) Das “aber” keine “normalen” und “verantwortlichen” Oppositionsparteien und keine “charismatischen und verantwortlichen Oppositionsführer” besitzt? Für das eine Präsidialverfassung nach USA-Modell (statt zumindest eine parlamentarische Verfassung wie in Deutschland) noch gar nicht ausgemacht ist? Das “aber” offensichtlich mehr in Richtung Volldemokratie statt in Richtung einer “stabilen Normal-Demokratie” tendiert?

Was ist der Unterschied? Volldemokratie im Sinne sowohl von inhaltlicher Demokratie wie von Basisdemokratie (Vollversammlungs-Demokratie) ist sicherlich ein schwer zu erreichendes Ideal (eine “Utopie”, würden die Stabildemokraten sagen – aber eine “konkrete Utopie”, wäre ihnen zu antworten). Dennoch taucht dieses Konzept in mehr oder weniger deutlicher Form in allen großen Volksrevolutionen seit dem 18. Jahrhundert immer wieder auf. Jetzt auch wieder am Nil. Wenn die Besetzer des Tahrir-Platzes ununterbrochen von den Medien gefragt wurden, wer ihr “Leader” (Führer) sei – ob dieser oder jener Blogger -, dann war die ständige Antwort: Wir haben keinen Führer und brauchen auch keinen, uns geht es um inhaltliche Entscheidungen, die beraten wir kollektiv und fällen sie demokratisch. Also inhaltliche Demokratie. Wie es eine Specherin sagte: Uns ist es egal, welche Person jetzt an der Spitze des Militärrates steht, uns geht es um die Inhalte: Aufhebung des Ausnahmezustands, Freilassung aller politischen Gefangenen, Annulierung der Mubarak-Verfassung und des Mubarak-Parlaments – egal von welcher Person verkündet.

Das kann allerdings unsere Stabildemokraten nur mit größter Sorge erfüllen: Das hieße ja, dass bei uns die Basis über Stuttgart 21 usw. entscheiden dürfte! Das hieße ja, dass die Frage nicht mehr wäre, ob Schröder oder Merkel den Afghanistankrieg führt, sondern ob er geführt oder nicht geführt wird! Das würde ja mindestens bedeuten, dass wir keine Parteien mit Fraktionszwang mehr hätten, also keine Stabilparteien mehr. Das bedeutete konkret, dass der Fraktionszwang nicht ausnahmsweise bei Bonn/Berlin bzw. bei PID, sondern am Ende bei einer Frage wie Krieg oder Frieden aufgehoben werden könnte – oder dass es dazu gar eine Volksabstimmung geben müsste. Wo das und alle ähnlich wichtigen inhaltlichen Fragen doch in einer Stabildemokratie nicht das Volk, sondern verantwortliche Experten entscheiden. Die auch das Monopol auf die Massenmedien haben müssen (Modell Anne Will).

Nicht zu reden von Problemen der Ausbeutung und vom Problem der Wirtschaftsdemokratie, also von den Geschäften des V-Trägers höchstpersönlich. Das muss in einer Stabildemokratie alles “verantwortlich” im Sinne des V-Trägers vorweg-entschieden sein, sonst droht “Chaos”.

Die Forderung nach Volldemokratie schließt also immer das Risiko ein, dass eine im Sinne des V-Trägers “verantwortliche” und “stabile” Regierung der “Mitte” nicht zustande kommt. Also keine “normale” Demokratie (im Sinne einer symbolischen Quasi-Normalverteilung mit vorherrschender linker und rechter “Mitte” und kleingehaltenen “Extremen”). Also “Chaos”. Sogar bei uns in der 1. Normalitätsklasse besteht dieses Risiko.

Und nun in einem Land der 4. Normalitätsklasse mit völlig schiefer Verteilung des Lebensstandards (Mehrheit auf Hartz-IV-Niveau und weit darunter). Kein Wunder, dass die Freude unserer Stabildemokraten “gelb” ist. Was, wenn das Volk “da unten” ”unsere Hilfe beim Aufbau stabiler Parteien” ablehnen sollte? Kommt dann die Mubarak-Gleichung wieder zu Ehren, die ja lautete: Stabilität in einem Land niedriger Normalitätsklasse gleich Stabildemokratie minus Demokratie?! Weil sie innerlich von der Richtigkeit dieser Gleichung überzeugt sind, ist die Freude unserer Stabildemokraten so “gelb”.

Das Rätsel des Mubarak-Regimes: “autoritär”? “autokratisch”? “Diktatur”? Jedenfalls “stabil prowestlich” pur.

Freitag, Februar 4th, 2011

Was muss passieren, damit ARD und ZDF “Selbstkritik üben”? Dass sie die Härte des Mubarak-Regimes nicht genügend “rübergebracht” hätten? Und das seit 30 Jahren? Wo Ägypten doch ein Touristenparadies für uns Deutsche war und gefälligst bleiben soll? Wie es ein Tourist in die Kamera sagte, als er trotz allem nach Ägypten in Urlaub abflog: “Unser Kegelclub hat das längst bezahlt, und dass lassenmer uns auch nicht nehmen!”

Dabei sind die Ursachen für das Verhalten von ARD, ZDF und aller hegemonialen Medien sehr einfach zu begreifen: Zuerst gilt es zu entscheiden, ob ein Regime “prowestlich” ist. Das bringt schon die halbe Miete. Als zweites dann, ob es “stabil” ist, das bringt fast den gesamten Rest. Schön ist, wenn es auch noch “demokratisch” ist – aber nur, wenn es “stabildemokratisch” ist. Als Bush und Blair 2003 den Irak mit Shock and Awe eroberten, proklamierten sie wörtlich als Ziel eine “stable democracy”, eine “Stabildemokratie”. Sie haben bis heute nicht gesagt, ob dieses Ziel inzwischen erreicht ist, und ob im Irak heute eine “Stabildemokratie” herrscht. Das gleiche gilt für Afghanistan, wo die Bundeswehr Unsummen an Geld und soldatischer Energie verpulvert, um das Land zu “stabilisieren” und dort eine “prowestliche Stabildemokratie” zu errichten. Immerhin behaupten selbst die grünen Hindukuschstürmer bisher nicht, dass dieses Ziel bereits erreicht sei.

Irgendwie bleiben bei diesen Kriterien (“prowestlich?” “stabil”? “stabildemokratisch”?) Rätsel, was man an dem Eiertanz der deutschen hegemonialen Medien bei der Frage erkennt, wie denn nun das Mubarak-Regime zu kennzeichnen sei. Bei Milosevic war das kein Problem: er war nicht bloß ein “Diktator” (trotz weniger stark manipulierter Wahlen als bei Mubarak), sondern auch noch “totalitär” - weil klar “antiwestlich” und klar “destabilisierend”. Mubarak hat seit 3 Jahrzehnten sicher enorm mehr Menschen gekillt, gefoltert, von seiner Stasi (die von der ostdeutschen Stasi mit aufgebaut wurde) verfolgt als Milosevic. Aber trotzdem bezweifeln unsere Medienleute, ob er wirklich ein “Diktator” ist. Die meisten nennen sein Regime lieber “autoritär”. Das geht auf die prowestliche Politologie des Kalten Krieges zurück, die das Bündnis der westlichen Demokratien mit Franco, Salazar & Co. legitimieren musste. Sie machte das mittels des Binarismus “autoritär” vs. “totalitär”. Dabei lief die generative Regel so: Wenn “antiwestlich”, dann “totalitär” – wenn “prowestlich”, dann bloß “autoritär”, was angeblich nicht so schlimm war. Dazu kommt jetzt noch “autokratisch”, was ebenfalls in Kombination mit “prowestlich” Killungen, Folter und Stasi weitgehend entschuldigt.

Immerhin erinnern manche Medien sich heute plötzlich daran, dass Mubaraks Stasis, Folter- und Killerabteilungen seit Jahrzehnten deshalb ganz “legal” wüten konnten, weil in Ägypten (wie auch in Algerien und anderswo) ein permanenter “Ausnahmezustand” erklärt war. Gegen Terrorismus. Es herrschte also ein PINOschismus, eine Permanente Industrialistische Notstands-Ordnung, wie in Chile unter Pinochet. Nur so glaubte Mubarak, seinen “westlichen” Patronen eine “prowestliche Stabilität” garantieren zu können. Weil die große Mehrheit der Bevölkerung bitter arm und teils analfabetisch ist, so dass bei halbwegs freien Wahlen kein Zweiparteien- oder Zweilager-System mit zwei “Mitten”, die sich abwechseln können, entsteht. Also keine “Normalität”, sondern ein “Chaos”. Weil also in einem solchen Land offensichtlich eine “normale Stabildemokratie” nicht wie bei uns automatisch zustande kommt. Nun versteht Mubarak, wie vor ihm schon Ben Ali, die (westliche) Welt nicht mehr, die von ihm das Unmögliche fordert.

Letzlich geht es also bei all dem um “Normalität”: Das diskursive Chaos, das in den Köpfen unserer Medienleute ausgebrochen ist, beruht auf dem Geheimnis, dass die Welt aufgeteilt ist in Normalitätsklassen – in Regionen mit höchst unterschiedlichen Standards an “Normalität”. Und dass in einem Land der Vierten Normalitätsklasse wie Ägypten wegen der enormen Schiefe des Lebensstandards eine “prowestliche Stabildemokratie” nicht ohne massivste Manipulationen und Repressionen zu erwarten ist. Statt dessen fordern in einem solchen Land die Massen schlicht und einfach Volldemokratie. Aus der Sicht der Stabildemokraten bedeutet aber Volldemokratie nichts anderes als … “Chaos”.

Wenn aber die Alternative so steht: entweder eine Bewegung für Volldemokratie ohne “Stabilität” – oder “Stabilität” ohne Demokratie – ja was “wählt” der “Westen” dann wohl? Dreimal darf man raten.

Lesung “gegen den vorerinnerten Sarrazin” in Bild und Ton

Sonntag, Januar 30th, 2011

Romanlesung “gegen den vorerinnerten Sarrazin” jetzt online auf Reviercast.de anhören!

Auf linksdiagonal.de gibt es Mitschnitte der anschließenden Diskussion!

Lesung an der Universität Duisburg-Essen

27. Januar 2010

Er reitet weiter auf fliegendem Teppich – eine eher orientalische Leistung! (Mit einem urgent call für den 27.1.)

Donnerstag, Januar 20th, 2011

Welch einen Aufruhr hat der alte Goethe mit seinem “Divan” bei den Sarrazinen-Kreuzrittern und -Kreuzritterinnen ausgelöst! Und welche Prügel bekommen sie! Inzwischen spricht die Fatz von einer “Wulff-Sarrazin-Hübsch-Kelek-Link-Frühwald-Lehr-Debatte” und bringt dazu heute (20.1.) einen weiteren Beitrag.

Worum ging es denn eigentlich? Um die Frage, ob Goethes “Divan” eher “islamophob” oder eher “islamophil” gelesen werden muss. Die erste These vertritt Sarrazin und sein Anhang. Inzwischen ist er mit überwältigendem Faktenmaterial (Text und Kontext Goethes) widerlegt - der Fakten-Boden unter seinem Teppich (auf den er als “Statistiker”, wie er sich auf BBC definierte, so stolz ist) ist schlicht weg. Und dennoch reitet er einfach weiter – offensichtlich auf einem fliegenden Teppich – eine eher orientalisch-akrobatische Leistung.

Die wichtigste Formel meines eigenen Beitrags zur Debatte (Fatz vom 13.1.) hieß “Weder-noch” (Leser meines Romans kennen die Formel WNLIA = Weder noch lieber irgendwie anders). Weder kann man das berühmte Zitat, in dem der Dichter des “Divans” vor aller Öffentlichkeit als “Dichter” (!) “den Verdacht nicht ab[lehnte], daß er selbst ein Muselmann sey” (Cottas “Morgenblatt” 24.2.1816), als Dokument der “Bekehrung” deuten (weil “Islam” für Goethe, verkürzt gesagt, Symbol für seinen Neo-Spinozismus war) – noch aber bleibt bei diesem Zitat (das ein “Fakt” ist) sowie bei dem gesamten übrigen Text und Kontext Goethes zum Islam auch nur die allergeringste Berechtigung für die Islamophobie-These übrig.

Aber er reitet weiter, weil er immer recht hat, wie es einmal in der SED-Hymne hieß. In einem Leserbrief (Fatz 19.1.) gegen den Beitrag von “Link” geht er natürlich wieder nicht auf das Zitat aus dem “Morgenblatt” ein, das offensichtlich für ihn kein “Faktum” ist, weil “nicht sein kann, was nicht sein darf”, wie dieser Statistiker messerscharf schließt. (Offensichtlich behandelt er dieses Faktum als “Ausreißer”, so wie einen Milliardär unter lauter Habenichtsen bei der Bestimmung des “normalen” Lebensstandards: einfach streichen.) In diesem Sinne verteidigt er auch seine Unterdrückung eines Halbsatzes aus den “Noten und Abhandlungen” mit seinem Recht auf eine “Auswahl”. Dass er das so sieht, ist seine Sache – der viel größere Skandal ist, dass ein solcher Denker momentan bei Millionen von Deutschen als Inbegriff deutscher Wissenschaft läuft und geradezu religiös verehrt wird. Man lese den Abschnitt “Mahomet” in den “Noten und Abhandlungen” über den Typ des Propheten: “er muß also eintönig werden und bleiben, denn das Mannigfaltige glaubt man nicht, man erkennt es.” So etwas wählt dieser Leser natürlich  nicht für sich aus.

Um den Satz über den Koran noch einmal zu zitieren: “Der Stil des Korans ist seinem Inhalt und Zweck gemäß streng, groß, furchtbar, stellenweise wahrhaft erhaben [...].” S. verteidigt das Weglassen des Halbsatzes “stellenweise wahrhaft erhaben”. Das “furchtbar” sei das Entscheidende. Er sei zwar kein Philologe, aber Goethes Deutsch verstehe er sehr gut. Und kennt doch nicht die goethezeitliche Debatte über das “Erhabene” (o Kant und deutsche Leitkultur!) und weiß nicht, dass “furchtbar” in diesem Kontext sich auf die “Größe” von Urpoesie im Sinne Herders bezieht – und keineswegs identisch ist mit dem gleichen Wort auf Sarrazin-Deutsch, wenn es heißt: “diese Selbstmordattentate sind furchtbar!” (Muss ich sofort wieder hinzufügen: Weder-noch?)

Weshalb all das noch einmal klarstellen? Weil dieses Eingeständnis des “Rechts auf Auswahl” nicht nur für Goethe gilt, sondern auch für Sarrazins Fachgebiet, die Statistik: Auch in deren Tradition und bei deren Daten “wählt er aus” – und zwar brutal. Ohne das wirklich reflektieren zu können, versteht er “Auswahl” imgrunde im Sinne einer darwinistischen “Selektion”: Überzeugt, für “Deutschland” zu kämpfen, “selegiert” er frisch drauflos in diesem Sinne.

Weil der Statistiker, Humangenetiker, Intelligenz- und Zwillingsforscher sowie Demograf S. tatsächlich viel wichtiger ist als der Reiter auf fliegendem Divan, deshalb hier nochmals ein

Urgent Call für die Lesung aus meinem Roman “gegen den vorerinnerten Sarrazin” am 27.1., 18 Uhr, an der Uni Essen.

Wer sich hier irgendwie “engagieren” möchte, ist nochmals herzlich dazu eingeladen (auch dazu, Leute mitzubringen).

Einladung zu einer Romanlesung “gegen den vorerinnerten Sarrazin” an der Uni Essen

Donnerstag, Januar 13th, 2011

In dem Eintrag “Sarrazin macht’s möglich” (ebenfalls heute) wird von einer diskursiven Proliferation dieses Blogs berichtet. Hier kommt mehreres zusammen: In dem Fatz-Artikel geht es um den Philologen und “klassischen Bildungsbürger” (so ein Kommentar) Sarrazin – in einer Romanlesung am 27. Januar an der Uni Essen wird es um den Genetiker, Intelligenzforscher und Demografen Sarrazin gehen. So steckt dieses Blog nun mitten drin in einem größeren diskursiven Ereignis. Also bitte nicht schlafen und alles Diesbezügliche weitersagen. Und am 27. zur Uni Essen kommen. Hier geht es zur Einladung.

Sarrazin macht’s möglich: Dieses Blog proliferiert über die fatz im Netz

Donnerstag, Januar 13th, 2011

Die Leserinnen dieses Blogs wissen schon, was von Sarrazins (und seither auch von Necla Keleks) Kenntnis und Interpretation des goetheschen “Divans” zu halten ist. Nun hat sich – als Quertrieb des großen diskursiven Ereignisses “Deutschland-Abschaffung” – ein zusätzliches diskursives Ereignis entwickelt, das von der Fatz als “Wulff-Sarrazin-Hübsch-Kelek-Debatte” bezeichnet wird. Dabei geht es endlich mal ernsthaft zur Sache “deutsche Leitkultur”, konkret um Goethes Verhältnis zum Islam. Die “Ruhr-Franzosen-Profs”, wie es in der “Vorerinnerung” heißt, hatten ja die Vorlesung “Faszinationen der deutschsprachigen Orient-Literatur” gemacht und wissen daher in der Sache ein bisschen bescheid. Es bot sich also ein diskursives Experiment an: Einen Beitrag für die Fatz zu schreiben. Die Fatz brachte ihn heute (13.1.2011) - und löste sofort eine Proliferation aus (stündlich Dutzende neuer Kommentare im Netz, Aufnahme in die Spiegel-Schlagzeilen). Die Ruhr-Franzosen-Profs freuen sich über die Proliferation und über den spürbaren Ärger der Sarrazinen. Eine Bitte an die Leserinnen dieses Blogs haben sie: nach Möglichkeit ein bisschen dazu beizutragen, dass sich die Proliferation auch auf andere Publikationen, und insbesondere auch auf den Roman “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung” ausdehnen möge.

Brüderle, Wikileaks und Stasi: Recht hat er!

Mittwoch, Dezember 8th, 2010

Brüderle hat erklärt: “Manches, was ich bei Wikileaks da entnehme, erinnert mich an die Sammelwut, die früher Institutionen im Osten hatten, die Stasi dabei”.  Was die flächendeckende IM-Wirtschaft angeht, hat er zweifellos recht. Aber sollte er tatsächlich meinen, Wikileaks habe in der FDP und auf der ganzen Welt “Informanten” angeworben und deren Spitzelberichte in irrer “Sammelwut” zu Hunderttausenden gespeichert? Der Maulwurf in Westerwelles Büro ein Agent von Wikileaks? Das Problem von Brüderle scheint zu sein, dass er das wirklich glaubt, also nicht böswillig erlügt. Offensichtlich hat er seinen Medien entnommen, Wikileaks sei “totalitär”  (Kurt Kister in der “Süddeutschen” vom 4.12.2010) – dazu würde es passen, dass Wikileaks mit Hunderttausenden IMs Nachrichten sammelt, um sie dann teuflisch dem Pentagon und dem State Department unterzujubeln. Wenn man Brüderles Befund aber richtig herum deutet: Müsste dann die logische Forderung nicht sein, eine Stasi-Behörde für den BND, den Verfasungsschutz, den MAD, und natürlich den CIA einzurichten, wo wir alle IM-Berichte dieser “Institutionen im Westen” lesen könnten, so dass Wikileaks dann überflüssig würde? Solange allerdings die Brüder- und Schäubles das Sagen haben, bleibt das wohl Utopie – umso notwendiger wird Wikileaks gebraucht!

Romanlesung gegen den vorerinnerten Sarrazin in Berlin

Dienstag, November 16th, 2010

Der Roman „Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee“ (Autor Jürgen Link, Verlag asso Oberhausen 2008, Besprechung z.B. im „Freitag“ 12.12.2008 von Michael Jäger) nennt sich eine „Vorerinnerung“. Damit ist eine Struktur gemeint, die nicht nur Vergangenes rück-erinnert und Gegenwärtiges aus der Zeit 1965-1995 erzählt, sondern auch die Zukunft des 21. Jahrhunderts mittels satirischer Simulationen in einen verfremdenden Blick rückt. Man erkennt die Simulation wieder, wenn sie wahr wird – und begreift damit gleichzeitig ihr Wahrwerden. Ein originell „interaktiver“ Text – ein Anti-Computerspiel. Konkret wurde der „Fall Sarrazin“ in zwei Kapiteln des Romans präzise vorerinnert: Da geht es um ein Projekt „Türken-Gen-Atlas“ und um Zwillingsforschung, Intelligenz-Quotienten, „Migranten“ pipapo. Ein weibliches Zwillingspaar wirbelt den vorerinnerten Sarrazin durcheinander. Es versteht sich, dass es nicht um Persönliches geht, sondern um einen Subjektivitäts-Typ, eben den “protonormalistischen”.

Die Lektüre wird deshalb mit einem Kurzessay zu Sarrazins „normalistischer“ Wissens-Genealogie verbunden.

WANN?  Freitag, 3. DEZEMBER 2010, 20 Uhr

WO? Buchhandlung “BEI SAAVEDRA”, Breite Straße 2a, A, Amalienpark, Berlin-Pankow (S- und U-Bahn Pankow)

(Übrigens könnte ein Exemplar des Romans eventuell eine Geschenkidee für Weihnachten sein.)

“Korrigiert sich” Mister Protonormalism? oder: Die Neuauflage der Neuauflage des “Heidelberger Manifests”

Montag, November 15th, 2010

“Bild am Sonntag” hat philologische Arbeit geleistet: Vielleicht waren es germanistische Praktikantinnen, die die 460 Seiten der 14. (!!) Auflage der Abschaff-Bibel textkritisch durchgesehen haben. Resultat: Einige krass “genetische” (altrassistische) Formulierungen wurden gestrichen bzw. “gemildert”. Das war aber bereits die zweite taktische Kosmetikoperation, wie der Abschaffpapst auf Seite 409 mit gewohnter Offenheit mitteilt: “Nicht jeder teilt meine Freude an prägnanten Formulierungen. Friedrich Thelen erklärte sich bereit, das Werk (!!) vor dem Hintergrund seiner langjährigen journalistischen Erfahrung durchzusehen.” Die neuerliche “Glättung” dürfte erfolgt sein, um das Ausschlussverfahren aus der SPD noch zu kippen. Offenbar sollte sie – ein erster Riesen-Streich – es dem Helden des Krisen-Managements, der die Abermilliarden Steuergelder in die Banken gekippt hat, erleichtern, sich nun offen für S. zu erklären.

Nun ist dieses ganze Manöver der taktischen Umformulierungen aber ein Déjà-vu, wie man in Heft 2 der Zeitschrift “kultuRRevolution” vom Februar 1983 nachlesen kann (leider vergriffen, in Bibliotheken ausleihbar). Dort wurde eine “Historische-kritische Ausgabe” des “Heidelberger Manifests” dokumentiert. Was war das “Heidelberger Manifest”? Es war ein Aufruf von zunächst 15, dann nur noch 11 Professoren, hauptsächlich Humangenetikern, gegen – vor allem – türkische – Einwanderung und ein Appell zur Refertilisierung des eingeboren-”deutschen” Volkes. Es war also nichts anderes als das jetzt so groß als originell medialisierte Abschaff-Manifest. Insbesondere der Bochumer Astronom Theodor Schmidt-Kaler hatte damals allzu eindeutig rassistische Töne zu “mildern” gesucht, um seine Partei (die CDU) für eine Politik des Einwanderungsstopps, der “Rückführung” und der Refertilisierung zu gewinnen. War in der ersten Fassung noch von der “Unterwanderung des deutschen  Volkes durch Millionen von Ausländern und ihre Familien”, von der “Überfremdung unserer Sprache, unserer Kultur und unseres Volkstums” die Rede gewesen, so wurden “Unterwanderung”, “Überfremdung” und “Volkstum” später gestrichen. Hieß es vorher: “Gegenüber der zur Erhaltung unseres Volkes notwendigen Zahl von Kindern werden jetzt jährlich kaum mehr als die Hälfte geboren” – so las sich das nach Tische folgendermaßen: “Die Lage erschwert sich dadurch, daß nur wenig mehr als die Hälfte der Kinder geboren werden, die für ein Nullwachstum der deutschen Bevölkerung der Bundesrepublik erforderlich wären: die Erneuerung der generativen Funktion der deutschen Familie ist dringend nötig.”

Und Schmidt-Kaler fügte vor allem folgenden Passus ein: “Was die Lösung dieses Problems so erschwert, ist die Tatsache, daß in der öffentlichen Diskussion die notwendigen Fragen nicht mehr gestellt werden können, ohne daß gegen die Fragesteller der Vorwurf des Nazismus erhoben wird.” Dieser Vorwurf war damals noch zu Recht gefürchtet, und deshalb musste “Prof.” Oberländer, bekannter Ex-Minister mit Verstrickung in die “Endlösung”, seine Unterschrift zurückziehen.

Wie man sieht, hat S. lediglich eine Neuauflage dieses “Manifests” auf den Markt geschmissen: natürlich ausführlicher, mit viel protonormalistischen statistischen Tabellen (die aber ebenfalls schlicht auf eine “Erneuerung der generativen Funktion der deutschen Familie” zielen – besonders in den seitenlangen Passagen gegen die “kinderlosen Akademikerinnen”). Nicht nur in diesem Punkt handelt es sich um eine schlichte Kopie – besonders entlarvend ist die Übernahme der zentralen Parole des Heidelberger Manifests: “Nicht die Menschen zu den Maschinen, sondern die Maschinen zu den Menschen” (bei S. Seite 258). Man könnte das endlos fortsetzen – u. a. auch die Berufung auf Eibl-Eibesfeldt.

Und nun aber der Unterschied zu damals: Damals von der hegemonialen Öffentlichkeit, vor allem dem hegemonialen mediopolitischen Diskurs, mit überwältigender Mehrheit abgeschmettert – heute von dem medialen Diskurs mit durchschlagender Mehrheit (BILD plus Spiegel plus etc.) als “Meinungsfreiheit respektiert” – dem womöglich der politische folgen wird (siehe das Menetekel Steinbrück, der imgrunde sagt: leiber Freund S., streich doch die Genetik nich stärker: dann werden wir alle Dir recht geben! Als ob die Genetik nicht auch in der “Kultur” stecken würde).

In dem Roman “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung” (asso verlag Oberhausen: brauchbares Weihnachtsgeschenk) kann man bei der Figur des “Volkstodastronomen” an Schmidt-Kaler denken – und der neue “deutsche Volksheld” (Spiegel) und Mister Protonormalism ist in mehreren Kapiteln, am exaktesten im Kapitel “Zwillingsgeschichte Zwillingsforschung”, vorerinnert. Der Held des Kapitels ist ein Zwillingsforscher, der IQs testet, sich selbst für ein Genie hält und von den Antiheldinnen, einem weiblichen Zwillingspaar, in den Wahnsinn getrieben wird. Wenn es bei dem neuerlichen Versuch, uns mit Neorassismus zu überrollen, sehr stark um Typen von Subjektivität geht, dann kann die öffentliche Vorlesung des Kapitels “Zwillingsforschung”, bei der es viel zu lachen gibt, jetzt vermutlich hilfreich sein (Lesung plus Kursessay über Normalismus und S.). InteressentInnen mögen sich melden.

Die Ursprünglichen Chaoten c/o Jürgen Link

Bologna-Basta weniger unsterblich: Sachsen kehrt zurück zum Staatsexamen

Mittwoch, Oktober 27th, 2010

Mindestens einen Konsens hat die Opposition gegen Stattgart 21 schon erreicht: Selbst Mappus muss medial bekennen, dass “Schluss mit der Basta-Politik” sein müsse. Einer der extremsten, ja extremistischsten Fälle von Basta-Politik tobt sich seit 1999 im Uniwesen aus: “Bologna”. Der Name dieser wunderschönen Stadt wird seither besudelt mit dem absurden, von Bertelsmanns “CHE” ausgeheckten und von der HRK (Hochschul-Rektoren-Konferenz) ”implementierten” Verpunktungs-, Modularisierungs- und Akkreditierungsunwesen des “Bachelor-Master”-Kurzstudiums. Dieses Unwesen konnte überhaupt nur dadurch “implementiert” werden, dass – unter der Fahne von “Hochschul-Freiheits-Gesetzen” – erstmal frühere Studiengänge wie Diplom, Magister und Staatsexamen, verboten wurden – statt ihnen ebenfalls die Chance der “Nachbesserung” einzuräumen. Soviel zum “freien Wettbewerb”.

Seither wird es von Semester zu Semester evidenter, dass “Bologna” vor die Wand gefahren ist. Trotzdem hören wir aus Gütersloh und dann auch aus HRK, Politik und Medien: “Bologna ist unumkehrbar” – wird “nachgebessert” und “nachgebessert”, “reakkreditiert”, “systemakkreditiert” – ist jedenfalls unumkehrbar: Basta! “Es gibt keine Rolle rückwärts: Basta!” (HRK-Chefin Wintermantel)

Nun aber zeigt sich die Umkehrbarkeit des Unumkehrbaren: Zuerst führten die führenden TUs die Diplomstudiengänge wieder ein – und nun führt der Freistaat Sachsen das Staatsexamen wieder ein! In einer kleinen Meldung (FAZ 20.10.2010) ist zu lesen: “Sachsen wendet sich in der Lehrerausbildung vom Bachelor-Master-System ab und kehrt zum Staatsexamen zurück. [...] Die Regelstudienzeit soll für die Grundschule 8 Semester, für die Mittelschule 9 und für das Gymnasium 10 Semester betragen.” Grund: der Bachelor habe sich “nicht bewährt”.

Warum war das nur eine kleine Meldung und führte zu keiner medialen Artikelfolge? Wieso bricht die Welt nicht zusammen, obwohl Bologna sich als “umkehrbar” erweist? Wieso lesen wir nirgendwo, dass Wintermantel jetzt schon mal heimlich die Rolle rückwärts trainieren sollte? Das kann nicht direkt an Bertelsmann und auch nicht direkt an der Politik liegen. Das muss an den für Bildung zuständigen Medienleuten selber liegen. Ich versuche mal, mich in deren Köpfe zu denken: Meinen sie etwa, das Ende der Basta-Politik könnte “ausufern”, wenn jetzt auch noch die heilige Kuh “Bologna” kippt? Oder fühlen sie sich “progressiv” und “links”, und meinen, die Regierung in Sachsen sei ja “konservativ” und “rechts”, und deren Entscheidung müsse man nach Möglichkeit totschweigen? Aber ist Bertelsmann eigentlich “links” oder “rechts”? Bertelsmann ist immer “Mitte” – und ob “Bologna” nun “rechts”, “links” oder “Mitte” ist, sollten wir Bertelsmann selber überlassen – jedenfalls ist es Humbug und gehört zumindest pluralisiert durch Zulassung von Alternativen.

Das bedeutet nicht, dass einfach alles Alte (z.B. das undurchlässige Schulwesen) restauriert werden müsste – der Druck in eine solche rein retrograde Richtung wird aber umso stärker werden, je länger “Bologna” als “unumkehrbar” behandelt wird. Natürlich ist an den alten Studiengängen und am ganzen Bildungwesen vieles “nachzubessern” – nur: “Bologna” ist schlechter als alle denkbaren Alternativen und muss deshalb als erstes sein Zwangsmonopol verlieren.

Und was ist mit den Studigenerationen, die schon durch “Bologna” gegangen sind? Für sie sind – falls sie es wünschen – Möglichkeiten des zusätzlichen Erwerbs eines anderen Abschlusses anzubieten. Dafür gibt es viele Vorbilder und Erfahrungen. Jedenfalls kann es so mit dem Totschweigen der “Bologna”-Pleite nicht weitergehen. Es gibt jetzt die Chance zu frischem Wind im Bildungs- und Hochschulwesen, der einmal nicht aus Gütersloh weht.

Und noch ein Ereignis weckt Hoffnungen: Der AStA Münster hat in einem Grundsatzurteil feststellen lassen, dass die Wahl des Hochschulrats der Uni ungültig war, da keine Öffentlichkeit zugelassen wurde. Auch die Entmachtung der universitären Selbstverwaltungsorgane durch einen fremdbesetzten Hochschulrat gehört zu den “Reformen” aus Gütersloh, die “Bologna flankieren” sollten. Im Hochschulrat von Münster sitzt Ex-Bertelsmann-Chef Middelhoff, der seither mit einem Bein woanders als im Hochschulrat steckt. Seine Wiederwahl dürfte nicht sicher sein – leider aber ist es noch weniger sicher, dass auch die undemokratischen Hochschulräte insgesamt kippen, wie es im Rahmen eines neuen Hochschulgesetzes nur konsequent wäre.

Das “Geschichtszeichen” (Ex-kRR-Autor Bolz): Was genau wollen die deutschen Abschaffer abschaffen?

Dienstag, September 7th, 2010

Ex-Autor der Zeitschrift kultuRRevolution und heute “Volksparteienkritiker” Norbert Bolz erklärte bei Anne Will (5.9.2010) den Abschaff-Bestseller zum “Geschichtszeichen” und outete sich selbst als militantes Mitglied der deutschen Abschaff-Partei. (Man muss ja wohl in einem Kontext, in dem es um “Intelligenz” geht, nicht lange erklären, dass der Titel des Bestsellers genau das Gegenteil seines Wortlauts erreichen möchte: “Deutschland” soll nicht sich, sondern anderes abschaffen: die Frage ist, was und wen?)

DIE PROGNOSE IN DER VORERINNERUNG HIEß: “NIWIS” (NICHT-INTEGRATIONSWILLIGE) – DIE VERIFIKATION LAUTET: “I-V” (“INTEGRATIONS-VERWEIGERER”)

Das “Geschichtszeichen” erweist sich zunächst einmal als Lancierung und mediale Proliferation von jeder Menge neuer Signifikanten samt kollektivsymbolischen Mänteln: “Volksparteienkritiker” selber, als Zugabe zu “Islamkritiker/in”, “Parallelgesellschaften” und “Migrantendefizite”, dann aber massiv die bad guys: “Integrationsverweigerer”, “Integrationsmuffel” (WAZ) und umgekehrt die good guys: “deutsche Volkshelden” (Spiegel). In dem Roman “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung” (assoverlag Oberhausen) wurde eine notständische Zukunft simuliert, in der es “Iwis” (“Integrationswillige”) und “Niwis” (“Nicht-Integrationswillige”) gibt, was bürokratische und andere Konsequenzen für die Betroffenen hat. Bolzens “Geschichtszeichen” bedeutet (da tun wir gut daran, uns nichts vorzumachen) einen Riesenschritt in Richtung reale “Umsetzung” dieser Prognose. Es zeigt erneut die Macht der Diskurse und der Medien, die fast unisono auf die Linie der deutschen Abschaffer-Partei eingeschwenkt sind (“HARTE LINIE GEGEN INTEGRATIONSMUFFEL”: Schlagzeile WAZ 6.9.2010). Es ist der Versuch eines massiven diskursiven Überrollens wie so oft und fordert Vernunft und Wissenschaft auf, sich dieses eine Mal nicht überrollen zu lassen.

KLARTEXT DER DEUTSCHEN ABSCHAFFER-PARTEI: “SANKTIONEN” UND VERBOTE GEGEN “PARALLELGESELLSCHAFTEN”

Ob Wilhelm Heitmeyer sich jetzt wohl manchmal fragt, was er mit seiner Lancierung eines als potentiell kriminell konnotierten Begriffs “Parallelgesellschaft” angerichtet hat? (Die Quellen dazu in dem von Werner Köster herausgegebenen, sehr lesenswerten Band: “Parallelgesellschaften”, Klartext-Verlag Essen 2009) Ist Heitmeyer nie durch New York gelaufen und hat er dabei nie in einer halben Stunde mehrere Parallelgesellschaften (puertorikanische, jüdische, chinesische usw.) durchquert? Weiß er nicht, dass Parallelgesellschaften (was soll eigentlich an Parallelen so kriminell sein?) in Einwanderungsländern notwendige Basen für Integration sind? Und haben nicht gerade die Deutschen nach 30 Jahren eines mörderischen Religionskrieges, in dem der katholische Kaiser die protestantischen Parallelgesellschaften radikal abschaffen wollte, gelernt, friedlich mit Parallelgesellschaften zu leben?

ZWANGSASSIMILATION STATT INTEGRATION? DER FLEXIBLE NORMALISMUS SOLL ABGESCHAFFT WERDEN

Normalismustheoretisch ist das Programm der deutschen Abschaffpartei klar: Wenn Assimilation zum Protonormalismus und Integration (als reziproke As-Sociation) zum flexiblen Normalismus gehört, dann soll die erste “Option” durchgesetzt werden. Dazu wird stereotyp ein Satz zitiert, den Erdogan bei seiner Rede in Köln gesagt habe: “Assimilation ist ein Verbrechen”. Wenn das korrekt übersetzt ist, ist es falsch, weil unbedingt das Recht auf freiwillige Assimilation gewahrt sein muss. Anders ist es bei Zwangsassimilation: Die abzulehnen wäre korrekt. Das klassische Beispiel ist die Zwangsassimilation der spanischen Juden und Muslime im 16. Jahrhundert. Jedenfalls heißt Assimilation radikale Aufgabe von Kultur und Geschichte der Herkunft (für Juden seinerzeit typischerweise die Taufe), während Integration kulturelle Begegnung und Vergesellschaftung, vor allem im Medium einer landesüblichen Standardsprache und eines gemeinsamen politischen Systems mit Gleichberechtigung (!) meint, mit dem Recht auf (freiwillige) Beibehaltung einer historischen “Identität” (wie etwa “parallele” Erstsprache, also Zweisprachigkeit, Religion und Volkskultur). Am deutlichsten zeigt das Konzept einer “europäischen Integration”, was der Unterschied zu Assimilation ist. Die stereotype Aufregung über die Brautkleiderläden in Duisburg-Marxloh (als ob es in Duisburg nichts anderes gäbe zum Aufregen) ist typisch für eine Mentalität, die offensichtlich Assimilation erzwingen und Integration abschaffen will. (Offenbar werden die Brautkleider als Symbole für Zwangsehen und für die “Produktion ständig neuer Kopftuchmädchen” gelesen.)

WARUM FEHLT DIE DEUTSCHDIDAKTIK TOTAL IM DISKURS DER DEUTSCHEN ABSCHAFFER?

“Man muss sie zwingen, Deutsch zu reden, wenn nötig mit Sanktionen”: Das fordern alle deutschen Abschaffer. Damit sollen Parallelgesellschaften abgeschafft werden. Offenbar meinen die Abschaffer, es genüge, den Gebrauch der Muttersprache samt Kopftuch zu verbieten und Hartz IV zu streichen, damit die “Migranten” dann flüssig deutsch redeten. Dabei verlieren sie kein Wort über die optimalen Methoden, Deutsch als Zweitsprache zu vermitteln. Das aber ist genau der springende Punkt. Wenn man sich anschaut, wer in den Talkshows der Abschaff-Offensive sitzt und wer nicht, dann ist das Gerede von “Wissenschaftlichkeit” reiner Hohn. Eine Sprachwissenschaftlerin wie Gerlind Belke müsste dort sitzen und erklären, dass Deutsch effektiver gelernt werden kann, wenn sein Erwerb durch parallelen (!) muttersprachlichen Unterricht gestützt ist. (Dazu kRR Nr. 10 -”Fata Morgana Multikultur?” – vom Oktober 1985, u.a. mit dem Beitrag von Gerlind Belke und dem  “Memorandum zum muttersprachlichen Unterricht”; vgl. seither auch Gerlind Belkes Standardwerk zum Erwerb von Deutsch als Zweitsprache – der muttersprachliche Parallelunterricht ist die notwendige linguistische “Parallelgesellschaft” für effektiven Deutscherwerb und damit für die wirkliche Integration.)

SPANISCHZWANG FÜR DIE DEUTSCHE PARALLELGESELLSCHAFT IN MALLORCA?

So aggressiv und ernstgemeint auch die Drohgebärden der deutschen Abschaff-Partei sind, so komisch im literarischen Sinne oft ihre Inszenierung. Nicht bloß, dass die Vererbungsideologen Urväter haben, die einmal “Sarazenen” (Orientfahrer oder Einwanderer aus dem Orient) bzw. ungarische Roma (Sarkozy) waren – auch ihre Wut auf Parallelgesellschaften ist urkomisch. Um diesen Eintrag heiter zu schließen, versetzen wir uns bitte mal kurz in “spanische” Haut: Was sollen wir dann zu den deutschen Parallelgesellschaften auf spanischem Boden sagen? In gewisser Weise besteht ja aller Tourismus aus flexiblen Parallelgesellschaften und Migrationen -  besonderes aber der Dauertourismus deutscher Migranten am Mittelmeer. Konsequenterweise müssten die deutschen Migrantenabschaffer sich entsetzen, dass sie in den deutschen Parallelgesellschaften auf Mallorca und anderswo bloß deutsch hören, nicht zu reden von “urdeutschen” kulturellen Ritualen. Da müssten Spanisch-Tests für alle Dauertouristen eingeführt werden – einschließlich kulturell-historischer Tests (“Wer war Riego? Wieviel spanische Republiken gab es und von wann bis wann existierten sie? Wie hieß der General, der Lorca ermorden ließ, und wann war das? Wer war überhaupt Lorca?” usw.). Und als erste sollten die Lautsprecher der Abschaff-Offensive in den Medien solchen Tests unterzogen werden: Sie wissen ja nicht einmal, dass Goethe (sicher mit ironisch-symbolischem Hintersinn, aber immerhin in dem damals führenden deutschen Massenmedium) sich als Muslim geoutet hat.

“Migrantinnen und Migranten”: In diesem Zeichen können sie nur verlieren

Mittwoch, September 1st, 2010

Nun verteidigen sie ihre “Migrantinnen und Migranten” gegen Sarrazin, unsere Migrantinnen- und Migranten-Forscherinnen und -forscher, verliebt wie sie sind in ihren Begriff “Migrantinnen und Migranten”. Der klingt ja auch so wissenschaftlich, genau wie Repräsentant und Signifikant. Damit kann man vielleicht sogar Exzellenz werden, mit der Migrantinnen- und Migrantenforschung, insbesondere der Migrantinnen- und Migranten-Kinder-Defizite-Forschung. Bloß: Warum kommt das bei “den Menschen” (Angela Merkel) irgendwie schlecht an und wirkt vielleicht sogar wie Wasser auf Sarrazins Mühle?

Weil es die Anten in der deutschen Sprach-, Diskurs- und Kulturgeschichte so in sich haben. Im Prinzip ist die Endung natürlich ganz harmlos: abgeleitet per Analogie aus dem Latein bzw. aus romanischen Sprachen, im Prinzip wie Student. Im Prinzip eben oft wissenschaftlich (spezialdiskursiv). Aber wie die Kontingenz gerade auch in der Sprachgeschichte so spielt: Im Deutschen haben die Anten seit langem, seit den Vaganten und (ursprünglichen) Protestanten, zunehmend einen ausgrenzenden und negativen Beigeschmack bekommen. Man muss das ganz statistisch sehen. Es handelt sich um typische, auszugrenzende Gruppen:

1. die Alltags-Anten: Bummelanten, Denunzianten, Dilettanten, Ignoranten, Intriganten, Mogelanten, Mutanten, Pedanten, Querulanten, Schmieranten, Simulanten, Simultanten (ganz neu), Spekulanten, Trabanten.

2. die psychiatrisch “Devianten”: Deliranten, Denunzianten, Flagellanten, Halluzinanten, Intriganten, Komödianten, Konfabulanten, Masturbanten, Querulanten, Simulanten, Skrupulanten, Suizidanten.

Ich überspringe die juristischen und unmündigen Anten und komme 3. zu den politischen/rassistischen: Degeneranten (AH in “Mein Kampf”), Devianten, Diversanten, Kapitulanten, Kollaboranten, Militanten, Minusvarianten, Optanten, Sympathisanten.

Und 4. zu den Minderheiten, darunter unseren “Migrantinnen und Migranten”: Assimilanten, Asylanten, Emigranten, Exulanten/Exilanten, Immigranten – MIGRANTEN.

Assimilanten wurden die “Westjuden” genannt, bis zur Vergasung (im doppelten Sinne). Asylanten klang (so spielt der Zufall aus Deutschland) ganz ähnlich , bis sie durch die GG-Änderung erheblich weniger wurden.

Aber da sprangen rechtzeitig die MIGRANTINNEN UND MIGRANTEN in die Bresche – und wurden durch die Migrantinnen- und Migranten-Forscherinnen und -forscher besonders als wissenschaftlich geadelt. Man überlege mal: Ab der wievielten Generation hören Migranten mit deutscher Staatsangehörigkeit bzw. mit Aufenthalt in Deutschland eigentlich auf, solche zu sein? Und warum sind “deutschstämmige Spätaussiedler” (jedenfalls in den meisten Kontexten) keine Migranten? Der semantische Effekt ist jedenfalls klar: MIGRANTEN sind jene Menschen, die ewig “migrieren”, weil “wurzellos”, ewig “zwischen den Rassen” (Heinrich Mann), immer markiert als “nicht zur WIR-Gruppe zählend”. Warum scheut der “deutsche” Diskurs die sehr deutschen Signifikanten EINWANDERER UND EINWANDERINNEN wohl so sehr? So sehr, dass er selbst dort, wo er ein deutscheres Wort als “Migranten” vorzieht, pedantisch und skrupulantisch “Zuwanderinnen und Zuwanderer” sagen muss? (Während er Auswanderer glatt über die Zunge bringt – und nicht etwa Abwanderer sagen muss.)

Etwas theoretischer gefasst: Die Anten gehören diskurshistorisch zum Protonormalismus, d.h. zu jener Auffassung von “Normalität”, die auf starren Grenzen von Normalitäts-Klassen auch innerhalb einer “Population” beruht. (Ausführlich dargestellt im “Versuch über den Normalismus”.) Also genau zu jener Spielart des Normalismus, für die Sarrazin plädiert, deren Wiederbelebungs-Manifest er gerade publiziert hat. Wenn irgendeinem, dann passen ihm die MIGRANTINNEN UND MIGRANTEN glatt ins Konzept – egal ob gegen oder “für” sie plädiert wird.

Sarrazin? Dazu jetzt definitiv die “Zwillingsgeschichte Zwillingsforschung” lesen!

Montag, August 30th, 2010

Für Leserinnen dieses Blogs gibt es zu Sarrazin ja wirklich nichts Neues (siehe Einträge vom 13.8.2010 und den ausführlichen vom 8.10.2009). Schirrmachers überwiegend kluger Kommentar in der FAS vom 29.8. 2010 zeichnet die Archäologie der lärmenden S-Diskursblase korrekt als mehr als hundertjährig alt und abgekupfert nach, als ob Schi. dieses Blog oder den “Versuch über den Normalismus” gelesen hätte: Stichworte Galton, Herrnstein-Murray, Zwillingsforschung, IQ-Theorien, kritisch dazu Stephan Gould usw. Die uralten Kamellen der endlosen Nature-Nurture-Geschichte: ob fifty-fifty oder eighty-twenty usw. Die monozygoten Zwillinge usw. Natürlich darf heute das “Gen” (“das hat der S. nun  mal in den Genen!”) statt des galtonschen “gemmule” nicht fehlen, einschließlich des Juden-, Deutschen- und Türken-Gens. S. wird sich gegen den Vorwurf des Antisemitismus verteidigen: Er hat schon in dem Lettre-Interview betont, dass das Juden-Gen einen höheren IQ (nicht niedrigeren wie das Türken-Gen) als selbst das durchschnittliche Deutschen-Gen impliziere: so what?

Wenn Schi. allerdings mit dem korrekten Hinweis auf den angelsächsischen Ursprung der gesamten Debatte folgert: Rassismus sei das keineswegs, so scheint er “demokratischen” Rassismus per se für unmöglich zu halten: Genau den gibt es aber! Nicht nur in Deutschland, auch in den USA und in Schweden wurden “Minderwertige” in den 1920er und 1930er Jahren aus “eugenischer Indikation” sterilisiert – ganz “demokratisch”.

Bekanntlich sagte Karl Kraus 1933 mit makaber-sarkastischer Ironie, ihm “falle zu Hitler nichts ein.” Damit meinte er, das Thema sei zu ernst, um mit journalistischen “Einfällen” (wie sie jetzt wieder zu S. ins Kraut schießen) “bewältigt” zu werden. (Er schrieb ja dann den großen Essay, in dem er “den Fußbreit Leben, zwischen Phrasen und Gasen”, zu verteidigen suchte – bekanntlich erfolglos: Nach den Phrasen kamen die Gase.)

So gefährlich ist die durch S. markierte Lage sicher nicht. Wir sind nicht auf makaber-sarkastisches Lachen zurückgeworfen, wir können noch ganz heiter und schallend lachen über diesen S. , der ganz offensichtlich überzeugt ist, ein Genie-Gen zu besitzen, weil er einige mittelschwere Statistik-Kurse erfolgreich überstanden hat. Das ist “definitiv” der Moment für alle, die es noch aufgeschoben haben, das Kapitel “Zwillingsgeschichte Zwillingsforschung” aus dem Roman “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung” (asso-Verlag Oberhausen, S. 255-281) zu lesen. Dort ist der Fall S. mit dem Genie-Gen eines Zwillingsforschers haarklein vorerinnert, und schallendes Lachen ist garantiert. Es ist gleichzeitig ein aktueller Einstieg in die Lektüre dieses angeblich “schweren” Romans: Man kann doch einfach mit den satirischen Zwillingsgeschichten anfangen.

“Stresstest” – Mega-Diskurs-Blase zur Normalisierung der Krise

Samstag, Juli 24th, 2010

“Stresstest für Banken” – das gehört zur medizinischen Kollektivsymbolik: Infarktgefährdete Patienten müssen eine “Stress-Echo-Kardiografie” machen und dabei auf dem Stress-Fahrrad prüfen, wie hoch der Blutdruck bei einer jeweiligen “Belastung” steigt. Dafür gibt es ein normales Spektrum und Grenzwerte, wo es anormal wird und also ein bedenkliches Infarktrisiko beginnt.

Es ist klar, dass es sich bei dem Banken-Stresstest um ein bloßes Kollektivsymbol, um eine Diskurs-Blase handelt. Wie es heißt, wird simuliert, wie tief die Eigenkapitaldecke einer Bank bei Annahme eines bestimmten Konjunkturrückgangs sinkt. Der “Belastung” entspricht also der Konjunktureinbruch, und die Eigenkapitaldecke soll dem Blutdruck entsprechen. Der Witz ist bloß, dass:

Erstens der wichtigste Indikator die Höhe der Aktienkurse wäre, weil die Banken den größten Teil ihrer Profite einfach durch Aktienkauf (“Anlage”) und Wertsteigerung der gekauften Aktien (“Assets”) machen. Der Konjunkturverlauf ist damit nur äußerst schwach korreliert.

Zweitens der entscheidende Wert für die “Gesundheit” einer Bank eben die Profite und die Profitrate sind (Fehlanzeige in der Simulation).

Drittens alle wirklich wichtigen Daten für Aktienkurse, Profite und Profitrate den “Simulatoren” natürlich verborgen sind. Denn unsere “soziale Marktwirtschaft” beruht nun mal auf Konkurrenz autonomer Einheiten. “Transparenz” wäre zwar für den Normalismus gut, ist aber Gift für den Kapitalismus. Transparenz hieße ja, dass alle Konkurrenten alle ‘heißen’ Daten aller Konkurrenten kennen würden, und das wäre ja das Ende der Konkurrenz, wäre “Sozialismus”!

Warum also der “Stresstest”? Es wird gar nicht verheimlicht: Um das “Vertrauen” in die Gesamtheit der Banken so sehr zu erhöhen, dass die Aktienkurse das Niveau von 2007 wieder erreichen, als der Dow bei 14000 stand, während er jetzt um 10000 dümpelt. Sollte dieses Dümpeln anhalten, so würden die Bankenprofite erneut in den Keller gehen, weil sie eben dominant aus steigenden Aktienkursen kommen. Die Kurse müssen also irgendwie wieder zum “Klettern” gebracht werden – es muss wieder “All Times Highs” geben, koste es was es wolle.

Deshalb erleben wir augenblicklich eine PR-Großaktion auf allen Kanälen, deren “Evangelium” (“Good News”) lautet: Die Krise ist abgehakt hurrah! Die Krise ist abgehakt hurrah! usw. Und dazu war der Stresstest ein toller PR-Gag! Jetzt müssten die Aktien also endlich eine Super-Rally “aufs Parkett legen”. Und zwar eine “nachhaltige”, die auch den immer riskanten Herbst überlebt.  Schaun wir mal.

Und noch mal Doppelpack – im Rahmen der Dortmunder Ringvorlesung Kulturhauptstadt

Dienstag, Juni 22nd, 2010

Im Rahmen der Dortmunder Ringvorlesung “Jenseits der Kohle. Kulturgeschichte(n) des Ruhrgebiets” anlässlich des Jahrs der Kulturhauptstadt befasst sich Jürgen Link mit dem Ereignis “Rheinhausen” im “Doppelpack” (Vortrag kombiniert mit Kurzlesung aus dem Rheinhausen-Kapitel des Romans “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung”, assoverlag Oberhausen).

“Abstract”: Der Kampf der Belegschaft von Krupp-Rheinhausen Ende 1987/Anfang 1988 wurde in Alltag und Medien als eine Art “letztes Gefecht” der klassischen Arbeiterschaft des Ruhrgebiets wahrgenommen. Dabei zeigten die Kampfformen eine Art Janusgesicht zwischen Abgesang und Antizipation. Welche Rolle spielten Basisengagements und welche Betriebsrat und IG Metall? Wie verhielt sich der Konflikt zur politischen Konstellation und warum konnte er isoliert werden? Welche Vorstellungen von “Normalität” erwiesen sich als ausschlaggebend?

Dazu sollen zunächst aktualhistorische Daten erinnert und interpretiert werden. Danach folgt eine exemplarische Kurz-Lesung aus dem Roman “Bangemachen gilt nicht…”

Wann? Donnerstag 8. Juli 2010, 19 Uhr

Wo? Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Stadt Dortmund (Hansastr. 3)

Ach “Normales Deutschland”!

Montag, April 5th, 2010

Die Osterausgabe der Fatz (3.4.2010) ist mit einem Coverbild aufgemacht, das eine Dornenkrone darstellt, die aber in eine Art Triumphsonne hinein zu explodieren scheint. Die Kollektivsymbolik kann auf den ersten Blick ein wenig kryptisch erscheinen, wird aber vielleicht durch das umgebende Textmaterial deutlicher: Unter dem Bild schlägt die Schlagzeile "Drei Bundeswehrsoldaten in schweren Gefechten gefallen." Rechts eine Glosse "Gefallen", und darunter der Leitartikel "Normales Deutschland" von Klaus-Dieter Frankenberger, einem der Startenöre der Fatz. Darin wird eine, wie es heißt, nur angeblich neue "egoistische" Berliner Politik gegenüber den europäischen Partnern (besonders Griechenland) und am Hindukusch vehement verteidigt. "ein kühler, eng an deutschen Interessen orientierter Pragmatismus der Kanzlerin Merkel" wird gegen Einwände des Auslands in Schutz genommen, und die Anklage, "Deutschland denke nicht mehr europäisch, sondern, eben, deutsch", wird teilweise bestätigt, aber verteidigt. Im Klartext: "Jene, welche die Europapolitik früherer Bundesregierungen romantisieren, übersehen zweierlei: Geschichte steht nicht still. Das Deutschland der 16 Bundesländer ist nicht mehr das vor der Wiedervereinigung."

Diese Positionsklärung stützt sich nun auf den Begriff der "Normalität": Die deutsche Bevölkerung sei "(fast) so normal oder selbstbezogen oder europanörglerisch wie jede andere auch" und die Regierung sei doch schließlich ständig von den anderen westlichen Regierungen aufgefordert worden, "historisch begründete Selbstbeschränkungen aufzugeben und selbstbewusst seine Interessen zu vertreten. Also normal zu werden."  Insgesamt wird "normal" von Frankenberger demnach im Sinne von ‘legitim national-egoistisch’  verwendet. Das kann nun doch nicht einfach so stehen bleiben.

Wie im "Versuch über den Normalismus" (4. Aufl. Göttingen 2009, Vandenhoeck und Ruprecht) ausgeführt, wird der Begriff der Normalität zwar gerade im mediopolitischen Diskurs als leere Sprechblase und meistens geradezu paralogisch verwendet, besitzt aber einen historischen Kern, dessen Konzept systematisch entwickelt werden kann. Dabei geht es, kurz gesagt, um die Mittelzonen von massenhaften sozialen Erscheinungen: Bei Körpergröße, -gewicht, -stärke usw. liegen die Mittelwerte im "normal range", während Riesen und Zwerge anormal sind. Ähnlich ist es bei IQ, bei der Sexfrequenz usw. Im soziopolitischen Bereich gibt es demnach drei Dimensionen, wo sich sinnvoll von Normalität sprechen lässt: die Verteilung des Lebensstandards (breite Mitte, wenige Reiche oben und wenige Arme unten), die Verteilung des Wissens ("Bildung") und die des Wahlverhaltens (starke "Mitte" vs. mickrige "Extreme"). In allen drei Dimensionen hat die "Berliner" Politik Denormalisierung (Abbau von Normalität) betrieben: "Reformen", Zweidrittelgesellschaft, Explosion der Armut, Aufblasen der Spitze, Schrumpfen der Mitte – bei den Wahlen als konsequente Folge: Kollaps der "linken Mitte" sprich SPD.

Von all dem schweigt des Startenors Herrlichkeit – ihm geht es nur um die Außenpolitik. Und da ordnet er das Berliner Deutschland mal wieder als "Mittelmacht" ein, obwohl er im gleichen Atemzug feststellt, es könne keine "große Schweiz" sein (gemeint: militärisch abstinent). Das heutige Deutschland, dass seine Hegemonie in Europa voll ausreizt und das militärisch vom Balkan übers Horn von Afrika bis zum Hindukusch "in der Fläche präsent" ist, eine "Mittelmacht"? (Womit "Normalität" assoziierbar wäre.) Obwohl der Artikel für Ehrlichkeit plädiert, macht er sich hier einer grotesken Vertuschung schuldig. "Mittelmacht"? Das wäre im Ranking der 200 Stasten etwa eine Position im 20er oder 30er Bereich! Da lachen unsere griechischen oder französischen Freunde schallend. Man kann (und sollte) mit ihnen das Spiel spielen: "Top ten? Top five? Top three?"

Und das bedeutet: Abgesehen davon, dass 200 eine viel zu kleine Grundgesamtheit ist, um darin eine belastbare "Normalität" zu bestimmen, spielt dieses "normale Deutschland" eben in der Spitze der 1. Welt-Liga! Mindestens unter den Top five – und das ist nicht nur alles andere als normal – es ist der rundum durchschlagende Raketenmotor, der "dieses unser geliebtes Vaterland", inzwischen flächendeckend schwarz-rot-gold beflaggt, überall dort, wo es wirklich um Normalität geht, immer tiefer in die Denornalisierung treibt. Wenn nicht… Ach wenn nicht!