Archive for the ‘Kollektivsymbolik’ Category

Cem Özdemir, Angela Merkel und die rätselhafte Subjektqualität der “Märkte” (und was der V-Träger dazu sagt)

Donnerstag, Juli 21st, 2011

Cem Özdemir wirft Angela Merkel ihre Entscheidungsschwäche vor: Sie solle nicht immer hinter “den Märkten” herlaufen, sondern endlich die Vorherrschaft der Politik wiederherstellen. Wie sie das machen soll? Indem sie “ein starkes Signal an die Märkte sendet” und “die Märkte endlich wieder beruhigt” usw. Wie aber, wenn Merkel realistischer wäre als Özdemir? Denn wer sind “die Märkte”? So wie alle unsere Medien und Politiker von “den Märkten” reden, sind es personale Subjekte – genau von derselben Sorte wie Merkels “Menschen”. Es gibt “die Menschen” (bei denen zum Beispiel “der Aufschwung ankommt”) – und es gibt “die Märkte”. Beide “machen sich Sorgen”, sind “nervös”, sind “beunruhigt”, können “in Panik geraten” oder “sich wieder beruhigen” – ja sie können auch “jubilieren” und dann “eine Kursrakete hinlegen”. Sind “die Märkte” also einfach auch “Menschen”? Genau da fängt das Rätsel an, zu dem Özdemir offensichtlich noch gar nicht vorgedrungen ist, weil er gar nicht merkt, dass er selber genauso wie Merkel glaubt, das Wichtigste in “der Politik” wäre, “die Märkte endlich zu beruhigen”.

Tatsächlich haben alle realistischen Beobachter aus der Krise inzwischen folgendes gelernt: Der ungeschriebene Grundgesetz-Artikel Null heißt “Was die Politik nicht entscheiden kann, entscheiden in letzter Instanz die Märkte”. Worum geht es bei allen Wochenend-Krisensitzungen seit dem Beginn der Krise im Jahre 2008? Darum, dass am Montag “die Märkte nicht in Panik geraten”. Das schlimmste “Signal an die Märkte” wäre aber das von Ozdemir vorgeschlagene, nämlich als führender Politiker laut zu schreien: “Die Politik muss über die Märkte herrschen”. Das würde “die Märkte” ganz sicher nicht “beruhigen”, da würden sie vielleicht sogar “total durchdrehen”. Denn offensichtlich sind “die Märkte” sehr eigenwillige und höchst empfindliche Subjekte, die sich einer “Diktatur der Politik” niemals unterwerfen würden, im Gegenteil: eine solche Politik würden sie “gnadenlos abstrafen”. Das können sie nämlich, und das bereitet Angela Merkel die größten Sorgen.

Offenbar kommt man aus dem Rätsel und aus der ständigen Sorge um die “Stimmung der Märkte” nicht heraus, solange man “die Märkte” für quasi-menschliche Subjekte hält und “psychologisch” behandeln möchte. Was “die Märkte” angeht, so hat tatsächlich der alte Marx dieses Rätsel ein für allemal gelöst: “Die Märkte” mit ihren inzwischen vom Computerhandel in Sekundenbruchteilen ixmal um den Globus “gefluteten” Billionen sind un-menschliche Mechanismen, die sich nach dem Profitkriterium (“Gewinnmarge, Wettbewerbsfähigkeit, Effizienz”) bewegen – von denen die Menschen “gnadenlos abgestraft” werden, wenn sie die “Wettbewerbsfähigkeit” nicht an die erste Stelle setzen möchten – mehr noch: von denen die Menschen ein bloßes Anhängsel darstellen, die die Menschen längst nicht mehr “beherrschen” können, die auf noch so “starke Signale” der Politik in gewissen Situationen einfach pfeifen.

Am Punkte dieser Einsicht beginnt dann eine andere Betrachtungsweise. Es zeigt sich dann, dass hinter Angela Merkels Entscheidungsschwäche ein Dilemma des “deutschen V-Trägers” (“Verantwortungs-Trägers”) steckt: Wie soll der deutsche V-Träger seine Hegemonie in Europa bewahren und verstärken – durch offene Staatspleiten der Mittelmeerländer und ihren Austritt aus dem Euro, wodurch sie wieder nationale Verantwortung (V) bekämen – oder durch Eurobonds, wodurch ihre Integration verstärkt würde? Das Entscheidende wäre in beiden Fällen die Durchsetzung der Hegemonie – bei welcher Variante würden die “Südvölker” lauter über “deutsche Diktatur” schreien?

Für eine solche alternative Sicht hat der Roman “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee” (assoverlag Oberhausen) fantasievolle und satirische Modelle entwickelt: Dort wird auch die Rede von “den Märkten” (als ob sie menschliche Subjekte wären) lustig beim Wort genommen. Dort sind Crashe und Krisen “der Märkte” und “der Politik” witzig vorerinnert. Und eben der V-Träger, dessen “Bauch” bzw. dessen “Unterbewusstes” eben die Märkte sind. Daran leidet der V-Träger zuweilen sehr tieftragisch und fühlt sich dann wie der zerrissene Wille “seines Philosophen” (Schopenhauer). Und schimpft auf “seine Politik”. Zu Özdemir würde er sagen: Halt endlich die Schnauze, was die Krise angeht, bleib bei deinen AKWs, ich kriege Bauchschmerzen wenn du redest, mein Bauch sind meine Märkte, die reagieren allergisch auf dich, wenn du wüsstest, wie nervös ich meine Märkte in meinem Bauch in diesen Wochen fühle! Das ist schon kein Ziehen mehr, das sind Koliken, besonders wenn du dich auch noch einmischst! Lieber Cem, hör auf mich zu quälen! Ich bin doch die Kuh, die auch deine Milch geben muss!

“Stabilisierung” statt “Normalisierung”: Jetzt wissen wir, was das bedeutet

Freitag, März 25th, 2011

Der Zustand der in Fukushima schwer strahlenverletzten Arbeiter habe sich “stabilisiert” (im übrigen seien sie selbst schuld gewesen, wie Tepco verlautbart). Auch der Zustand der Reaktoren von Fukushima sei “stabil”. Bekanntlich waren auch die arabischen Regime sehr “stabil”. Syrien war sogar “stabiler” als die meisten anderen – außer Saudi-Arabien, das bei weitem “am stabilsten” ist.

Was bedeutet es, dass sich die Lage nach Deep Water Horizon aber “normalisiert” hat? Was ist der Unterschied zwischen “Normalisierung” und “Stabilisierung”? Jetzt wissen wir es: Wenn eine Situation absolut nicht “normal” ist und eventuell auch gar nicht mehr “normalisiert” werden kann, dann kann sie immer noch für “stabil” erklärt werden.

Etwas Normalismustheorie: Normalität beruht, soweit der Begriff einen Sinn hat, auf spontaner Reproduktionsfähigkeit unter statistisch gestützter Kontrolle. Statistische Kontrolle greift aber nur, wenn die Verdatung funktioniert, wenn es also Daten gibt. In Fukushima gibt es seit  nunmehr 2 Wochen keine Daten über das Wesentliche, d.h. über das “Herz” des Reaktors. Insofern zeigt Fukushima exemplarisch die totale Denormalisierung, und der Begriff “Stabilisierung” ist deren Symptom.

Was tut nun aber die Bundeswehr in Afghanistan? Sie “stabilisiert”. Und das ist nicht nur das gleiche Wort, sondern eine sehr analoge Situation: Das Regime in Afghanistan kann sich nicht spontan unter statistischer Kontrolle reproduzieren. Niemand weiß, was “die Afghanen” am liebsten möchten. Das Land gehört zur untersten (5.) Normalitätsklasse – es ist völlig denormalisiert. In dieser Situation von außen einen Eskalationskrieg zu führen wie die Bundeswehr, ist also Symptom einer analogen Verzweiflung wie der von Tepco. Und tatsächlich ist die Anti-Guerilla-Eskalations-Strategie der Bundeswehr im striktesten Sinne ebenfalls eine GAUrisiko-Technologie.

Der gleiche Begriff “Stabilisierung” bringt es an den Tag.

“Kontrollierte Explosionen”: Symbol des durchdrehenden Normalismus

Dienstag, März 15th, 2011

Was hat die Stunde geschlagen, wenn die hegemonialen Medien sokratisch werden und bekennen, dass sie nur wissen, dass sie nichts wissen? Nur vage kann man ahnen, dass auf jeden Fall der normalistische SuperGAU eingetreten ist: Die Experten als Träger der sarrazinischen “MINT-IQ-Intelligenz” [Mathe, Ing, Natwiss, Techno] haben keine Daten mehr, können also keine Wahrscheinlichkeiten mehr berechnen und auf dem normalistischen “Optionen-Tisch” die besten “Optionen” zwecks Normalisierung “wählen”.

Ebenfalls nur vage kann man ahnen, welche “Option” sie in dieser Situation “gewählt” haben: die Taktik der “kontrollierten Explosion”: Nacheinander ließen sie in allen betroffenen Reaktoren Wasserstoffgas frei, um “den Druck zu verringern” und führten so angeblich “kontrollierte Explosionen” herbei, von denen sie behaupteten, sie seien nur schwach radioaktiv. Wie das rein technisch ablief und was daraus folgte und weiter folgen wird, wussten und wissen sie selbst nicht. Was wir aber wissen können: Diese Taktik der “kontrollierten Explosion” ist das repräsentative Symbol, die pars pro toto des durchdrehenden Normalismus – des Normalismus, der nicht bloß den Notstand (also die Denormalisierung) erklärt, sondern der die Denormalisierung dadurch zum GAU treibt, dass er glaubt, man könne auch eine irreversible Denormalisierungs-Kaskade noch normalisieren – durch Notstands-Schläge in diese Kaskade hinein.

Tragödie und Farce: Diese gleiche durchgedreht-normalistische Mentalität tobt sich nun auch außerhalb der atomaren Havarie aus: In Politik und Wirtschaft (und sicher bald auch Kultur). Es gilt die Kaskade von denormalisierenden Kopplungen mit anderen Praxis-Diskursbereichen (luhmannschen Teilsystem) mit allen  Mitteln zu verhindern, vor allem die “Ansteckung” der Börsen. Keine Panik! Ruhig bleiben! “Die Krise bietet auch Chancen” (wie wir seit 2008 ständig hören). Wenn die Öl- und Chippreise steigen, ist das gut für deren Aktien! Und erstmal das “enorme Potential” an Wiederaufbaunachfrage in Japan! Wenn schon der technoszientistische GAU nicht zu verhindern ist, können wir den ProfitGAU “mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit”  verhindern. Wie es die US-Middleclass 1987 beim Crash sagte: “Things look already pretty much better today, and it may even go up!”

Aber was diese Kopplung angeht, hat der japanische Premier Naoto Kan unter Stress eine Aussage getroffen, die die Kopplung ebenfalls wie eine pars pro toto bestätigte, indem er sie verhindern wollte: Er beschwor die Firma Tepco, die letzten 50 Ingenieure und Facharbeiter nicht auch noch aus dem havarierten AKW abzuziehen, weil… (zig Millionen Menschen in Gefahr schweben?) – weil… das den sicheren Kollaps der Firma Tepco bedeuten würde! (SPON 15. März, 6 Uhr 25 MEZ) In Tschernobyl waren es “Helden der sozialistischen Arbeit” – in Fukushima also “Helden des kapitalistischen Profits”.

Normalismustheoretisch kann gesagt werden: Die Abschottungsversuche gegen Kopplungen mit anderen “Teilsystemen” und gegen “Entdifferenzierungen” bergen ein hohes Risiko diskursiver “kontrollierter Explosionen”, also von Paniken (die man gerade verhindern will). Normalismustheoretisch gesehen, sind dagegen solche Kopplungen gut, weil sie Möglichkeiten aufzeigen, nicht nur AKWs, sondern auch andere Hochrisiko-Unternehmen rechtzeitig abzuschalten.

Musterbeispiel: Die Interventionskriege vom Typ Afghanistan sind sowohl wörtlich wie metaphorisch ebenfalls Hoch-Risiko-Technologien. Welch ein weiteres Symbol, dass über Fukushima eine Flugverbotszone verhängt wurde! Und dass der US-Flugzeugträger wegen der Radioaktivität umkehren musste! Aber es besteht die Gefahr, dass die Kriege, Revolutionen und Konterrevolutionen nun “in den Schatten” der japanischen Katastrophen geraten: Das nützt nicht bloß Gaddafi, sondern allen Konterrevolutionären: Gestern marschierte Saudi-Arabien in Bahrain ein. Vor einigen Tagen forderte sogar Karzai den Abzug der NATO, also auch der Bundeswehr, wegen der vielen zivilen Opfer der “Luftschläge” (die ja nicht bloß kriminell sind, wenn sie von Gaddafi geführt werden). Die übrigens immer auch große ökologische Schäden anrichten. Ceterum censeo exercitum Germanicum ex Afghanistan esse recedendum.

Wann endlich kommen die Mitglieder und Wählerinnen der Grünen zu der Einsicht, dass ihre Führung schizophren handelt, solange sie die Hochrisiko-Technologie eines Eskalationskrieges absegnet?

“Mauerfall” in Ägypten? Historische Analogien und Kollektivsymbolik der Revolution

Sonntag, Februar 13th, 2011

Wer hat eigentlich zuerst die ägyptische Revolution mit dem “Mauerfall” in Deutschland 1989 verglichen? Inzwischen proliferiert diese historische Analogie in den westlichen Medien. Es ist ein Beispiel für die Macht der Diskurse und insbesondere der Kollektivsymbole. Sie sind immer mehrdeutig und ambivalent – dieses aber besonders. Gemeint ist es als Metapher: die (metaphorische) “Mauer” der ägyptischen Diktatur ist eingestürzt. Es ist aber auch eine Metonymie bzw. Synekdoche (Teil fürs Ganze): Eine paradoxe, aber wirkliche “Mauer” aus Wasser (das Mittelmeer) trennt die arme Süd- von der reichen Nordküste. Schon droht eine “Flut” afrikanischer Flüchtlinge den “Mauerfall” zu nutzen und über (zunächst) Tunesien Italien und die EU zu erreichen. Dabei erweist sich drastisch, weshalb die EU-Mächte (und besonders Deutschland) die nordafrikanischen Diktatoren auch brauch(t)en: Um die afrikanischen Flüchtlinge abzuschotten – anders gesagt, um “unserer” Polizei die “Drecksarbeit abzunehmen.” Touristen frei über die Mauer nach Süden ja – Habenichtse nach Norden nein. In diesem Kontext waren (sind) die Diktaturen also eine Kombination aus metaphorischer, metonymischer und praktischer Mauer – praktisch insbesondere als Mauer aus Panzern.

1989 ergoss sich eine Auto-Flut aus der DDR nach Westen (symbolisch gesagt: “strömte durch die Mauerbresche”). Auch in Ägypten spielt der freie Autoverkehr als Symbol von “Normalität” und “Normalisierung” eine große symbolische Rolle. Als heute (13.2.) die Armee begann, gewaltsam den Tahrir-Platz von Barrikaden und Zeltstädten zu räumen,  wollte sie – wie sie sagte – zuerst wieder den Autos die “freie” Durchfahrt durch den Platz eröffnen. Hier sollte also die Revolution selbst als symbolische “Mauer” gelesen werden, die von der Armee zu “öffnen” sei, um “Normalität” wiederherzustellen.

Ein anderes hochgradig symbolisches Ereignis ging im westlichen mediopolitischen Diskurs total unter: Am entscheidenden Freitag (11.2.) endete ein stundenlanges gespanntes Gegenüber zwischen Demonstranten und den Panzern der Armee vor dem Präsidentenpalast und dem Staatsfernsehen, das jeden Augenblick zum Blutbad wie auf dem Tien An-men hätte führen können, damit, dass die Soldaten die Kanonen ihrer Panzer zur Seite drehten. Diese Drehung war vielleicht der entscheidende Augenblick der ersten Phase der Revolution.

Es ist wieder da, das Kollektivsymbol vom “Gemeinsamen europäischen Haus”

Donnerstag, Oktober 14th, 2010

Das Ende des Kalten Krieges lässt sich vielleicht am ehesten auf den Moment datieren, in dem Michail Gorbatschow vom ‘gemeinsamen europäischen Haus’ sprach, also ein westliches Kollektivsymbol ‘sendete’. Jetzt hat der russische Ministerpräsident Putin das Erfolgsmodell wieder aufgenommen und am 23.9.2010 bei der Konferenz “Die Arktis: Territorium des Dialogs” vom “gemeinsamen arktischen Haus” gesprochen. Die Stoßrichtung scheint dabei jedoch eine andere zu sein, geht es Putin doch darum, Ängsten der Anrainer zu begegnen, dass Russland die vermuteten Rohstoffe allein ausbeuten könnte. Keine Angst, das soll europäisch-gemeinsam geschehen, das ganze europäische Haus soll mitmachen, allerdings hat Putin dabei eher die Rolle von Investoren in die russischen Arktisprojekte vor Augen. Kurz nach Verwendung der ‘Haus’-Symbolik kündigte Putin nämlich – wie die FAZ am 24.9.2010 berichtete – an, dass sich Russland in großem Maßstab um ausländische Investitionen bemühen werde. Das gemeinsame europäische Haus als Investmentkonsortium.

Und gleich noch einmal taucht das GeH auf, nämlich in der WAZ vom 5.10.2010, S. 1 in einem Kommentar von Thomas Wels, der die EU-rechtliche Grundlage für die befürchtete Übernahme des Hochtief-Konzerns durch den spanischen Baukonzern ACS für ‘Pfusch am europäischen Bau’ hält: “[…] soll ein spanischer Konzern, indirekt groß geworden durch deutsche EU-Steuergelder, Hochtief plündern dürfen? Wenn so das europäische Haus aussieht, ist reichlich Pfusch am Bau zu beklagen.”

“Stresstest” – Mega-Diskurs-Blase zur Normalisierung der Krise

Samstag, Juli 24th, 2010

“Stresstest für Banken” – das gehört zur medizinischen Kollektivsymbolik: Infarktgefährdete Patienten müssen eine “Stress-Echo-Kardiografie” machen und dabei auf dem Stress-Fahrrad prüfen, wie hoch der Blutdruck bei einer jeweiligen “Belastung” steigt. Dafür gibt es ein normales Spektrum und Grenzwerte, wo es anormal wird und also ein bedenkliches Infarktrisiko beginnt.

Es ist klar, dass es sich bei dem Banken-Stresstest um ein bloßes Kollektivsymbol, um eine Diskurs-Blase handelt. Wie es heißt, wird simuliert, wie tief die Eigenkapitaldecke einer Bank bei Annahme eines bestimmten Konjunkturrückgangs sinkt. Der “Belastung” entspricht also der Konjunktureinbruch, und die Eigenkapitaldecke soll dem Blutdruck entsprechen. Der Witz ist bloß, dass:

Erstens der wichtigste Indikator die Höhe der Aktienkurse wäre, weil die Banken den größten Teil ihrer Profite einfach durch Aktienkauf (“Anlage”) und Wertsteigerung der gekauften Aktien (“Assets”) machen. Der Konjunkturverlauf ist damit nur äußerst schwach korreliert.

Zweitens der entscheidende Wert für die “Gesundheit” einer Bank eben die Profite und die Profitrate sind (Fehlanzeige in der Simulation).

Drittens alle wirklich wichtigen Daten für Aktienkurse, Profite und Profitrate den “Simulatoren” natürlich verborgen sind. Denn unsere “soziale Marktwirtschaft” beruht nun mal auf Konkurrenz autonomer Einheiten. “Transparenz” wäre zwar für den Normalismus gut, ist aber Gift für den Kapitalismus. Transparenz hieße ja, dass alle Konkurrenten alle ‘heißen’ Daten aller Konkurrenten kennen würden, und das wäre ja das Ende der Konkurrenz, wäre “Sozialismus”!

Warum also der “Stresstest”? Es wird gar nicht verheimlicht: Um das “Vertrauen” in die Gesamtheit der Banken so sehr zu erhöhen, dass die Aktienkurse das Niveau von 2007 wieder erreichen, als der Dow bei 14000 stand, während er jetzt um 10000 dümpelt. Sollte dieses Dümpeln anhalten, so würden die Bankenprofite erneut in den Keller gehen, weil sie eben dominant aus steigenden Aktienkursen kommen. Die Kurse müssen also irgendwie wieder zum “Klettern” gebracht werden – es muss wieder “All Times Highs” geben, koste es was es wolle.

Deshalb erleben wir augenblicklich eine PR-Großaktion auf allen Kanälen, deren “Evangelium” (“Good News”) lautet: Die Krise ist abgehakt hurrah! Die Krise ist abgehakt hurrah! usw. Und dazu war der Stresstest ein toller PR-Gag! Jetzt müssten die Aktien also endlich eine Super-Rally “aufs Parkett legen”. Und zwar eine “nachhaltige”, die auch den immer riskanten Herbst überlebt.  Schaun wir mal.

Guttenberg bestätigt den Afghanistanappell: Also jetzt weiter unterzeichnen!

Donnerstag, April 15th, 2010

Nun kann niemand mehr daran zweifeln, worin die “neue Strategie” der Bundeswehr in A* besteht: im Eskalationskurs. Baron Guttenberg, der zuständige Minister und heimliche Super-Außenminister, verkündet gemeinsam mit dem neuen Generalissimus Wieker an der Front in Kundus die Aufrüstung mit schwerer Artillerie (Panzerhaubitzen 2000), weiteren Gefechtspanzern (Marder), Hubschraubern u.a.

Wenn man den Kontext verstehen will, muss man (so unglaublich das klingt) das als Sensation präsentierte Buch “Unter Beschuss. Warum Deutschland in Afghanistan scheitert” des jungen Bundeswehr-Politologen Marc Lindemann lesen, in dem dieses Eskalationsprogramm zuvor in allen Einzelheiten (genau die gleichen Waffensysteme) vorgeschlagen worden war. Lindemann war zwar nicht ein bloßer Journalist, sondern über längere Zeit bei der militärischen Aufklärung (Geheimdienste) in Afghanistan eingesetzt, aber trotzdem: Wedelt hier etwa der Schwanz mit dem Hund?

Wohl kaum: Eher ist anzunehmen, dass Lindemann für “Entscheider” sprach, die ihr Programm im Vorfeld lancieren wollten. Dafür spricht auch die offene, geradezu höhnische Polemik Lindemanns gegen Guttenbergs und Wiekers Vorgänger Jung und Schneiderhan. Obwohl es sicher interessant wäre, über die Auseinandersetzungen in der Generalität auch interpernal-interaktionistische Informationen zu haben, lässt sich darüber natürlich nur spekulieren.

Wichtig ist das Programm, das bei Lindemann im Klartext nachzulesen ist. Sein Untertitel soll natürlich gelesen werden: Deutschland darf auf keinen Fall in A* scheitern. Es muss bei den Siegern dieses Krieges sein. Warum? Weil sonst die Terroristen auch Deutschland bedrohen. Da zeigt sich eine Art Erklärungsnotstand dieses durchaus nicht dummen Autors. Warum? Weil er den eigentlichen Grund, der im Appell “Heraus aus der Sackgasse in Afghanistan” genannt wird, nicht offen proklamieren kann: Weil Deutschland seine Rolle als eine der führenden Weltmächte, als ein Mitglied der inoffiziellen “Welt-Junta” unbedingt behaupten und ausbauen muss.

Was so nicht offen gesagt werden kann, wird kollektivsymbolisch aber völlig unmissverständlich eingestanden: Mittels des Fußball-Ligen-Symbols. Fast ununterbrochen beklagt Lindemann, dass die Bundeswehr, wenn sie so weiter macht, auf “Kreisliganiveau” bleiben und nie auf das Niveau der “1. Liga” aufsteigen könne. Diese Trainer-Understatements, um die Jungs zum äußersten anzuspornen, kennen wir schließlich.

Dazu passt auch das ständig propagierte Vorbild USA: Natürlich sind “wir” keine Supermacht und nicht Number One – aber ein bisschen sollten “wir” uns schon zusammenreißen. Wenn nun die USA die Großoffensive in der deutschen Zone eröffnen, können “wir” doch nicht in “unserer eigenen Zone” in den Basislagern bleiben und zukucken! Wie sieht das denn aus? Also voll eskalationsfähig werden! Ohne Rücksicht auf das Geld, das das kostet (Geld wird nie quantifiziert, bloß immer noch viel mehr als absolut notwendig gefordert).

Und damit wir uns auf der Zunge zergehen lassen können, was es heißt, wenn Guttenberg dieses Programm wirklich in allen konkreten Forderungen jetzt nachzubuchstabieren scheint, noch etwas O-Ton Lindemann:

“Die Panzerhaubitze 2000 wäre ein guter Anfang. Sie würde dafür sorgen, dass sich jeder Angreifer in einem Umkreis von 40 Kilometern reiflich überlegen muss, ob er wirklich bereit ist, ins Paradies einzutreten. Seine Chancen darauf würden sich nämlich beim Abfeuern einer BM-1 potenzieren. Um die Risiken von Kollateralschäden zu minimieren, könnte die Truppe vor Ort auch ganz offen mit der Gefahr für die Bevölkerung umgehen. Es könnten Laufzettel mit Warnhinweisen verteilt werden, die vom Aufenthalt in den bekannten Raketenabschussräumen zu gewissen Uhrzeiten abraten. Sogar Karten wären denkbar, in denen die gefährdeten Bereiche rot markiert werden. Natürlich [!!] lässt sich die grundsätzliche Gefahr, auch Unschuldige zu treffen, niemals ausschließen. Doch letztlich hängt auch das Wohl der afghanischen Bevölkerung davon ab, ob es uns gelingt, die Aufständischen zur Aufgabe zu bringen.” (Seite 118)

Jetzt sind wir gespannt, ob demnächst auch tatsächlich solche Handzettel (für Analfabeten!) in der deutschen Zone verteilt werden. Soviel ist klar: Indem Guttenberg-Wieker Lindemanns Vorschläge angenommen haben, ist der Afghanistanappell definitiv bestätigt: Ja, die Bundeswehr führt einen Anti-Guerillakrieg mit Eskalationsstrategie. Ja, sie führt ihn primär, um ihre “Erstligafähigkeit” zu beweisen.

Der Appell kann hier weiter unterzeichnet werden.

Wenn die Nato-Raketen das “Herz der Finsternis” penetrieren

Montag, Februar 15th, 2010

Den Generälen der Nato-Großoffensive in Afghanistan schlägt ihr Herz so hoch, dass sie klassische Literatur zitieren: "Wir stoßen vor ins Herz der Finsternis", sagte der britische General Matt Bazely. Ob er allerdings seinen Joseph Conrad wirklich gelesen hat, bei dem dieses Kollektivsymbol afrikanischer Barbarei ziemlich ambivalent ist, ist zu bezweifeln. Er meinte es wohl so: Wir bringen die Zivilisation ins schwarze Herz der asiatischen Barbarei.

Womit? Zum Beispiel mit Raketen, deren Penetrationsfähigkeit auf moderne Weise ebenfalls klassisch ist. Nur dass sie manchmal gleich am Anfang "fehlgeleitet" werden und dann 12 "Unschuldige" töten, wo sich Mc Chrystal gleich am Anfang "entschuldigen" muss. Was oder wer kann Raketen "fehlleiten"? Entweder schlechte Technik – oder irrtümlich oder absichtlich falsche Zielvorgabe des anonymen afghanischen Informanten. Die Nato sagt öffentlich: Es war die Technik. Das System "HIMARS" hat die Raketen "mehrere 100 Meter" fehlgeleitet und wird jetzt überprüft. Da gibt es schon wieder zwei Möglichkeiten: Entweder es stimmt, und dann ist der Einsatz eines solchen Systems unglaublich und völlig unvereinbar mit den Versicherungen über die Metergenauigkeit "chirurgischer Schläge" – oder es ist eine Deckbehauptung wegen Alternative eins.

Klar ist nur eins: Der "Vorfall", wie das – auch in unseren Medien! – genannt wird, war eine "gezielte Tötung" (targeted killing), worin der eigentliche Kern der Nato-Penetrations-Strategie ins Herz der Finsternis besteht. Anonyme Signalisierung eines Informanten der zivilisierten Geheimdienste, und dann Luftschlag (Rakete, Drohne, Jet-Bombe [wie bei den nächsten zivilen Opfern], Hubschrauber-Schlag). Das läuft auf der Basis sogenannter "c-k-Listen" ("capture or kill"), die u.a. auch vom BND erstellt werden. "Capture" ist dabei bloße Floskel: Aus der Luft lässt sich nicht verhaften. Außerdem weiß die Nato nicht, wen sie verhaftet hätte: Einen Kombattanten? Dann müsste er in ein öffentlich zugängliches Gefangenenlager und hätte viele Rechte – einen (mutmaßlichen) Verbrecher? Dann hätte er Recht auf einen Anwalt, müsste verklagt werden, einen Prozess bekommen usw. Leichen haben all das "verwirkt".

[Zusatz nach zwei Tagen: Die Prüfung des Raketensystems hat ergeben: Technik völlig okay - das eingestellte Ziel wurde exakt getroffen. Es war korrekt, weil unter den Opfern vermutlich auch ein oder zwei Taliban waren. Also doch Sache eines anonymen Informanten. MacChrystal kann sich ent-entschuldigen. Alles korrekt! Heißt konkret: Wenn nur 5 oder 6mal soviele zugegebenermaßen Unschuldige als mutmaßliche Taliban gezielt getötet werden, darunter die Hälfte Kinder, ist das ein "angemessenes" CDE = Collateral Damage Estimate. Und es geht täglich weiter. Das ist der wahrlich harte Kern der ISAF-Strategie.]

"Heart of Darkness" lesen ist nicht schlecht: Es macht bestimmt sehr nachdenklich. Weniger klassisch, aber aktueller ist der Roman "Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee" (assoverlag Oberhausen), wo ein Anti-Guerillakrieg der Bundeswehr simuliert war, bevor er nun stattfindet. Es ist dort aktualhistorisch rekonstruiert, wie es zu einer solchen "unerhörten Begebenheit" (Goethe) kommen konnte.

Ein Witz?

Dienstag, Mai 19th, 2009

Staatsanwaltschaft

Anklageschrift

 

Die WAZ wird angeklagt, am 25.6. 1998 im gesamten Verbreitungsgebiet der WAZ öffentlich zu rechtswidrigen Taten, nämlich zur Begehung gefährlicher Körperverletzungen bis hin zu Mord sowie zu Verstößen gegen das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland aufgerufen zu haben.

 

Der Angeschuldigten wird Folgendes zur Last gelegt:

 

Die Angeschuldigte ist Betreiberin der größten regionalen Tageszeitung der Bundesrepublik Deutschland.

 

Im Vorfeld der Bundestagswahl 1998 veröffentlichte sie am 25.6.1998 unter dem Titel „…noch jemand aus dem Weg“ eine grafische Darstellung, in der der Wettbewerb zwischen Wolfgang Schäuble und Volker Rühe um die Kanzlerkandidatur der CDU mit der grafischen Darstellung eines Panzerangriffs von Rühe auf den Behinderten Schäuble dargestellt wurde.

In einer sogenannten Gedankenblase Rühes wurde derselbe auf dem Kanzlerstuhl dargestellt. Panzerangriff, Gedankenblase und die Unterschrift „… noch jemand aus dem Weg“ bilden den wesentlichen Zusammenhang der grafischen Darstellung.

waz_panzer

 

Diese Form der Darstellung im Zusammenhang mit dem vorgenannten Titel beinhaltet den Aufruf, die demokratische Chance des behinderten Wolfgang Schäuble auf Kanzlerkandidatur und Kanzlerschaft durch die Vornahme der Androhung von extremen Gewalttätigkeiten (Panzerangriff auf Rollstuhl) zu verhindern oder sonst ihre Durchführung zu vereiteln, und stellt sich gleichzeitig als Aufruf an Rühe und seine Unterstützerinnen und Unterstützer dar, im Wahlkampf schwere Panzer, die ihrer Art nach zur Verletzung und Tötung von Personen und/oder zur Beschädigung von Sachen geeignet und bestimmt sind, ohne behördliche Ermächtigung mit sich zu führen und diese zur Begehung von Vergehen der gefährlichen Körperverletzung oder gar der Tötung von Personen, darunter eines Behinderten, einzusetzen. Der Titel „… noch jemand aus dem Weg“ spielt auf die volkstümliche Redewendung „jemanden aus dem Weg räumen“ an und stellt damit zweifelsfrei sogar einen Aufruf zum Mord dar. W. Staatsanwältin

Ein Witz? Ja, aber ein ernstgemeinter von Staatsanwältin W.: man setze nur statt der „grafischen Darstellung“ aus der WAZ einen Comic mit Torte und Lunte aus dem Internet-Forum bo-alternativ und statt der WAZ Martin Budich ein, und alles ist kein Witz mehr, obwohl der größte Witz des beginnenden Jahrhunderts. Staatsanwältin W. weiß nicht, dass Karikaturen Konflikte symbolisch darstellen und dazu groteske Übertreibungen als ihr wesentliches Mittel einsetzen müssen. „Panzer“ bedeutet symbolisch „große Entschlossenheit“  (und nicht: realer Panzereinsatz !!!) – Torte mit Lunte bedeutet symbolisch „Entschlossenheit mit Spaß“ (erheblich kleinere als Panzer!!!), und nicht realen Terrorismus!

Man muss schon nicht bloß völlig humorlos, sondern außerdem diskursanalytisch eine Null sein, um derart danebenhauen (keine Unterstellung, Statsanwältin W. habe wirklich zugeschlagen!!) zu können.

Aber vielleicht muss folgendes zur Erklärung dieses Danebenhauens hinzugefügt werden: Vermutlich ist sie so sozialisiert worden, dass sie das Axiom „linksextrem = rechtsextrem“ für die eigentliche Grundlage sowohl des GG wie des StGB hält; und dass sie also meint, „Linksextreme“ müssten immer und egal in welchem Zusamnenhang genauso schlimm sein wie „Rechtsextreme“ (oder noch ein bisschen schlimmer). Rein mathematisch folgt aus ihrem Axiom aber, da „extrem“ = „extrem“, die Gleichung „links = rechts“ – und dann hätten wir gar keine Wahl mehr! Und die Parole „Mehr Demokratie wagen“ wäre wohl „linksextrem“, oder?

„Bodenbildung“ — eine Metapher aus dem Kollektivsymbol des Gebäudes — und was dahinter steckt.

Samstag, April 11th, 2009
Foto: hiroshiken

Foto: hiroshiken

Seit Ende Februar 2009 zieht sich der Interdiskurs unserer westlichen Massenmedien buchstäblich hoch an der Metapher der „Bodenbildung“ („bottom building“). Die „Experten“ der Regierungen und die „Analysten“ der Banken , von denen keiner die Megakrise von 2008ff. prognostiziert hat, deren Diskurs-Blasen also genauso geplatzt sind wie die Derivate der Banker, sagen nun voraus, dass der Dow nicht mehr unter 7000 und der Dax nicht mehr unter 4000 sinken wird. Man kann sich das gut vorstellen: Die Türme der Banken sind symbolisch eingestürzt, sogar wie das Kölner Archiv bis tief in den Boden hinein (von 14000 Dow und von 8000 Dax) – irgendwo muss aber ja der Fels erreicht werden, auf dem dann solide neue Türme gebaut werden können. Und genau das empfehlen die Experten den Anlegern jetzt mittels ihrer Prognosen: Der Boden ist gebildet! Steigt wieder alle in Aktien ein!

Worauf beruht diese angeblich „wissenschaftliche“ Prognostik (mit all ihren sogenannt „technischen“ Finessen als da sind „mehrfaches Testen des Bodens“, durchschnittliche Wachstumsraten der Kurse in 3 Monaten, 200 Tagen usw.)? Imgrunde bloß auf einem banalen Kollektivsymbol: Wenn ein Gebäude einstürzt, muss irgendwo darunter ein fester Boden sein. Was aber ist der eigentliche Sinn dieses Symbols? Er bleibt unausgesprochen wie oft bei Kollektivsymbolen – er bleibt im toten Winkel der Reflexion und lautet im Klartext: Seit Ende Februar 2009 funktionieren die Börsen, nachdem sie letztes Jahr plötzlich „verrückt gespielt“ hatten (also ein Fall für den Psychiater, weil „anormal“ geworden waren), Adam Smith sei dank wieder „normal“. 

Damit sind wir bei einem ganz wichtigen kulturellen Kern der Krise, der aber vom hegemonialen (herrschenden) Diskurs im Vagen gelassen wird: Der Kapitalismus ist nicht nur ökonomisch, er kann allein ökonomisch nicht existieren, er braucht eine kulturelle Versicherung – und eine der wichtigsten kulturellen Versicherungen ist die Produktion und Reproduktion von Normalitäten, also der Normalismus.

Die Experten sagen also mit ihrer „Bodenbildung“: Die Unterbrechung der Normalität an den Börsen ist zuende, ab jetzt geht es wieder aufwärts in normaler, d.h. „endlos wachsender Schlange“: Aufschwung, „Konsolidierung“, d.h. kleiner Abschwung, aber nicht unter die letzte „Talsohle“, wieder Aufschwung usw. Darin steckt eine weitere Prognose: Die Krise war (sie sehen sie schon als abgehakt) letztlich eine „normale“ Krise, die nicht länger als höchstens 2 Jahre dauert, dann kommt der nächste „normale“ Zyklus. Also: Es wird keine Depression, d.h. keine ernsthafte Denormalisierung (Verlust von Normalität) geben. 

Woher nehmen sie ihre Sicherheit? Hier ist der springende Punkt, ein perfekter Zirkel: Die Normalität wird zurückkehren, weil alles andere nicht normal wäre! Symbolisch: Unter jedem Zusammenbruch ist irgendwo unten fester Boden. (Als ob die Fluktuation von Werten, Profiten und Profitraten einem Gebäude analog wäre!) Es gibt also einen kollektiven „Willen zur Normalität“, der an die Wurzeln moderner westlicher Kulturen reicht. Die Normalismus-Forschung analysiert diese Zusammenhänge – und sie kann deshalb zu einer ernsthaft alternativen Prognostik beitragen, auf die alle angewiesen sind, die sich nicht mit Kollektikvsymbolen abspeisen lassen wollen.

Mehr dazu in: »Ein 11. September der Finanzmärkte.« Die Kollektivsymbolik der Krise zwischen Apokalypse, Normalisierung und Grenzen der Sagbarkeit (PDF).

Aus: kultuRRevolution 55/56, Februar 2009.