Archive for the ‘Diskursanalytische Wortmeldung (DAW)’ Category

ABC-Spezialisten, Kampfhubschrauber, Flugzeugträger, Drohnen: GAUrisikotechnologie ist Krieg – und Krieg ist eine GAUrisikotechnologie: Beides abschalten!!

Donnerstag, März 17th, 2011

Natürlich müssen wir uns genauso wie die betroffenen Japaner an die Hoffnung klammern, dass der Einsatz der (verfassungswidrigen) japanischen “Selbstverteidigungsstreitkräfte” und der von US-Spezialeinheiten – selbst der von Kampfhubschraubern, Wasserwerfern und Drohnen – in Fukushima dazu beitragen kann, das immer noch schlimmere Mögliche zu verhindern. Aber was für ein Eingeständnis: Dies ist ein Krieg! Wenn hoffentlich das noch Schlimmere verhindert ist, muss er überall in der Welt abgeschaltet werden! Die GAUrisikotechnologie der AKWs darf nicht ein weiteres Mal “normalisiert” werden. 25 Jahre seit Tschernobyl sind zwar unter Aspekten von Halbwertzeiten eine mikroskopische,  im Menschenleben aber eine lange Zeit, so dass die Atomlobby gerade dachte, sie könne wieder voll loslegen. Was bedeutet es, dass es Fukushima (mit dem Anklang an Hiroshima) bedurfte, um in Deutschland und selbst in China ein Moratorium zu erzwingen?

Aber wir wissen: Die Lobbyisten und ihre mediopolitischen Sykophanten (bezahlte Ghostwriter) stehen schon in den Startlöchern für eine neuerliche “Rehabilitierung” der “sauberen” Kernenergie, auf die wir “aus ökologischen Gründen als Brückentechnologie nicht verzichten können” usw.: Sie werden nicht aufgeben, weil nun mal Profite winken und die Schäden nicht versichert, da bekanntlich gar nicht versicherbar,  sind – und also von “der Politik”, d.h. von der Bevölkerung bezahlt werden müssen.

Genau wie Kriegsschäden! Und tatsächlich hat Fukushima ein weiteres Mal klargelegt: Umgekehrt gilt es auch: moderne Kriege, insbesondere NATO-Hightech-Interventionskriege mit ihren Flugzeugträgern, Kampfhubschraubern, Drohnen, Raketen und “Luftschlägen” sind eine GAUrisikotechnologie, die ebenfalls sofort abgeschaltet werden muss, zumal sie tatsächlich sofort abgeschaltet werden kann.

Konkret: Die Bundeswehr kann umgehend aus Afghanistan abgezogen werden, wodurch das GAUrisiko eines Counterinsurgencykrieges als Eskalationskrieg abgeschaltet werden kann. Luftschläge aufgrund völlig unkontrollierbarer anonymer Denunziationen gegen afghanische Dörfer fordern nicht bloß ebenso zivile Opfer wie ein AtomGAU, sondern verseuchen auch das Land ökologisch auf  lange Zeit mit Schwermetallen und anderen Giften (heute noch überall auf dem Balkan als Folgen von 1999 festzustellen).

Grüne Basis, wach bitte endlich auf!

Ceterum censeo exercitum Germanicum ex Afghanistan esse recedendum. Cito et velociter!

Gaddafi plagiiert die NATO

Sonntag, März 6th, 2011

Jetzt macht er auch noch copy and paste! Und plagiiert unverschämterweise den Diskurs der NATO! Er führt “gezielte Luftschläge”, und zwar nur gegen “Al Kaida” und andere “Aufständische”, rein militärisch. Obwohl das nur bei Demokraten legitim ist. Kein “Luftschlag” sei gegen Zivilisten geführt worden, sagt Saif Gaddafi in Interviews – als ob er ein Demokrat wie Petraeus, Wieker oder Klein wäre, deren zivile Opfer tatsächlich und zweifellos ausschließlich “tragisch” zutode kommen. Er könnte die NATO noch weiter plagiieren und von “Kollateralschäden” reden, was er sich vermutlich für noch schlimmere Massaker aufspart.

Wie verheerend die Wirkung seiner Plagiate ist, zeigt sich nun bereits in Afghanistan, wo es erstmals Massenproteste in Kabul gegen demokratische Luftschläge der NATO gibt, bei denen Kinder tragisch zutode kamen. Dabei verwechseln die afghanischen Protestierer völlig diktatorische mit demokratischen Luftschlägen. Und sehen sich offenbar in solidarischer Analogie mit den demokratischen Rebellen in Tunis, Ägypten und Libyen. Und merken nicht, dass sie sehr schnell auf die Seite der bösen Rebellen geraten können, die ein legitimes Ziel von demokratischen “Luftschlägen” sind!

“Ich habe nicht getäuscht” = “Nicht ich habe getäuscht”?

Sonntag, Februar 27th, 2011

Guttenbergs Beteuerungen und Versicherungen sind ja rätselhaft. Das nächstliegende psychologische Modell ist das des kleinen Frechdachs, der schwört, er habe sein Butterbrot nicht in die Mülltonne geschmissen, und dabei mit der linken Hand in der Tasche “Blitzableiter” spielt. Kann es sein, dass er glaubt, den deutschen Satz “Ich habe nicht getäuscht” statt des ja schließlich fast identischen Satzes “Nicht ich habe getäuscht” verwenden zu können? Dass er also doch einen “Berater” (um nicht zu sagen Ghostwriter) angeheuert hatte?

Aber auch das ist doch eine Sackgasse! Entweder er hat all die Kopien selbständig, aber unbewusst, angefertigt – dann braucht er eine Therapie gegen Amnesie und kann damit nicht Minister bleiben. Oder jemand anderer “hat getäuscht” – dann aber er selber ebenfalls in seiner unterschriebenen Versicherung, die Arbeit selbständig angefertigt zu haben.

Das könnte seinen dritten Versuch erklären: “Es ist nicht getäuscht worden.” Das könnte ein Postmoderne-Genie eventuell triftig begründen: Es gibt keinen wahren Ursprung einer Idee (Derrida) – alle Ideen im Rahmen eines diskursiven Sagbarkeitsfeldes sind repetitiv (Foucault) – es gibt also keine Original-Subjekte usw. Aber das könnte Guttenberg zwar ko-, aber nicht kapieren – und wenn er es könnte, wäre es ja der blanke Horror für ihn.

Welcome “revolutionary normal”!

Sonntag, Februar 27th, 2011

Seit Jahrzehnten hat der Autor dieses Blogs diskursive Ereignisse um den Komplex “normal/Normalität/Normalisierung” sowie entsprechend “anormal/Anormalität” verfolgt, archiviert und analysiert. Im Zuge der Wirtschaftskrise von 2008ff. gab es das Novum des “New Normal”, das zunächst in den USA eine heruntergefahrene Normalität, dann aber in Ackermanns Mund eine noch höher anzusetzende Profitrate als vor der Krise bedeuten sollte.

Nun gibt es endlich ein richtiges Novum. Al Jazeera berichtet am 27. Februar 2011 aus Bengasi: “Libya’s revolution headquarters.” In dieser Reportage wird die Umfunktionierung des Justizpalastes zur volldemokratischen Informations- und Organisationszentrale der Revolution geschildert: Gerichtssäle sind in Volksküchen umgewandelt, und vor allem wird der Internet-Kontakt mit den anderen Städten gewährleistet. Auf den Wänden stehen arabische Parolen, für mich nur drei Zeichen lesbar: “= NAZI, (Hakenkreuz)”. Ich nehme an, dass die arabische Schrift davor bedeutet “Gaddafi”.

Und nun der schönste Satz für den Normalismusforscher gleich zu Beginn: “In Benghazi, Libya’s second-largest city, life has entered a new stage of revolutionary normal.”

Wenn Guttenberg bleibt, kann Schavan nun wirklich nicht bleiben

Freitag, Februar 25th, 2011

Guttenberg selbst, Merkel und die ganze Regierung sowie deren mediale und populäre Basis, argumentieren systemtheoretisch: Das politische Teilsystem der Gesellschaft ist autopoietisch funktional ausdifferenziert, und das wissenschaftliche Teilsystem ebenso. Der binäre Code des ersten lautet “Regierung/Opposition”, der des zweiten “wahr/falsch” – beide sind voneinander völlig unabhängig (jeweils autopoietisch geschlossen), und deshalb kann Guttenberg bleiben, weil er zum Minister, wie Merkel es schön formuliert hat, als fähiger Politiker und nicht als Wissenschaftler berufen wurde.

Was aber ist mit Frau Schavan, die im politischen Teilsystem für das wissenschaftliche Teilsystem zu sorgen hat? Sie sagte dem Deutschlandradio Kultur am 24.2.2011: “Viele, die in der Wissenschaft arbeiten, sind natürlich enttäuscht darüber, dass eine Dissertation so zustande gekommen ist, und ich finde, dass die gestrige Entscheidung (nicht die Gutti-Entscheidung von BILD, sondern die der Uni Bayreuth, J.L.) zeigt: [...] Die Wissenschaft ist souverän, die Wissenschaft entscheidet zügig. [...] Es gibt Situationen, in denen Fehler gemacht wurden. Und entscheidend ist dann ein System, das Selbstregulierungskräfte hat, und das ist gestern deutlich geworden. Der Titel ist aberkannt, und damit ist klar seitens der Wissenschaft gesagt worden: Hier ist ein Fehler gemacht worden beim Zustandekommen der Arbeit – bei der Bewertung der Arbeit [...].”

Der systemtheoretische Duktus ist hier sehr deutlich. Aber er kollabiert: “zügige Entscheidung” gehört zum politischen, nicht zum wissenschaftlichen Teilsystem. Und sie wurde tatsächlich im politischen, nämlich in einem zwischen Guttenberg und dem Kabinett abgesprochenen “Zustandekommen” gefällt und der Uni okroyiert. Der Titel wurde eben nicht “aberkannt”, sondern Guttenberg  hatte souverän politisch entschieden, ihn “zurückzugeben” wie ein Geschenk – und die Uni “nahm ihn zurück” – wie ein abgelehntes Geschenk.

Frau Schavan hat also ihre Aufgabe, politisch das Wissenschaftssystem zu verteidigen, eindeutig nicht wahrgenommen. Sie hat außerdem ein weiteres funktional ausdifferenziertes autopoietisches Teilsystem verhöhnt, nämlich das Rechtssystem (mit dem Code “Recht/Unrecht”) – beides schon allein dadurch, dass sie weiter im gleichen Kabinett wie Guttenberg sitzen bleibt.

Daraus folgt zweierlei: Erstens dass kein Wissenschaftler mehr die Wissenschaft bei Frau Schavan in guten Händen glauben kann.

Zweitens aber auch einige Grundsatzfragen an die (luhmannsche) Systemtheorie: Ist nicht der Fall Guttenberg ein Modellfall dafür, dass die Gleichbehandlung spezialdiskursiv verfasster Teilsysteme (wie Wissenschaft und Recht) mit interdiskursiv verfassten (wie Politik und Medien) nicht hinhaut? Über die Frage “wahr/falsch” wurde ja nie geredet: imgrunde geht es um eine interdiskursive Interferenz Wissenschaft-Recht und die Frage, ob sie in dieser Kombination oder im Interdiskurs Politik entschieden werden soll. Die Uni Bayreuth hat sich für eine eindeutig politische Version der Kombination entschieden. Sie hat implizit gesagt: Politik schlägt Recht in der Wissenschaft. Nach dieser Maxime führt Frau Schavan das Wissenschaftsministerium.

Aber was ist das für eine Politik? Woher stammt ihre “Sturheit”? Über Machtkampf hinaus aus ihrem praktischen Wissen, dass Politik für alles zuständig ist, eben als Interdiskurs. Interdiskurs bedeutet aber, dass politische Kompetenz keine Spezialkompetenz (wie die wissenschaftliche) ist, sondern eine selektive interpraktische (“generalistische”) Kompetenz. Guttenberg hatte auch Wissenschaft für seine politische Kompetenz selegiert: Er versucht, diese politische Selektion jetzt mit dem Argument loszuwerden, dass Politik eine Spezialität genau wie Wissenschaft wäre. Schavan deckt das mit ihrer “systemtheoretischen” Argumentation. Werden Wissenschaft und Recht das absegnen? Und Politik?

“Luftschläge” gegen Menschen am Boden – wenn von Gaddafi befohlen, ein Verbrechen

Dienstag, Februar 22nd, 2011

“Gaddafi bombardiert sein Volk” (WAZ). Kampfhubschrauber und Jets gegen unbewaffnete Demonstranten – niemand bezweifelt, dass es sich dabei um eine der schlimmsten Formen von Verbrechen handelt. An Feigheit nicht zu übertreffen.

Natürlich behauptet Gaddafi (bzw. sein Militär), dass sich “Terroristen” unter die Demonstranten infiltriert hätten. Das hätten ihm seine Dienste glaubwürdig berichtet. Dass es “Aufständische” (insurgents) sind, kann ja niemand bezweifeln. Wenn die libyschen “Despoten” den westlichen Diskurs fleißig gelernt haben, werden sie formulieren: Die infiltrierten Terroristen haben “die Demonstranten als Geiseln genommen.”

Hören wir zum erstenmal von “Luftschlägen” gegen “Aufständische”? Wenn man unseren Medien und Politikern folgt, ist das was ganz Neues – wozu nur ein Gaddafi fähig ist. Denn wenn die Bundeswehr einen “Luftschlag” gegen die Bewohner eines ganzen afghanischen Dorfes anordnet und dabei mindestens 150 Leichen produziert werden (unter denen Frauen und Kinder am Boden liegen), dann ist es unerhört, das mit Gaddafi zu “vergleichen”. Dann werden die eigentlichen Täter vom geheimen KSK gar nicht aufgedeckt und der offizielle Täter Oberst Klein von jedem Verfahren befreit. Warum? Weil Klein (oder wer es war) aus sicheren Quellen wusste, dass sich in die Dorfbewohner “Aufständische” infiltriert hatten, die die Zivilisten “als Geiseln genommen hatten”.

Und das genügt, um einen “Luftschlag” zu rechtfertigen. Wie solch ein Luftschlag aus Kampfhubschraubern abläuft, kann man – in Libyen sehen? Leider momentan (noch) nicht “aus sicheren Quellen”, weil Gaddafi eine Nachrichtensperre verhängt hat. Aber man kann es auf Wikileaks in dem Video “Collateral Murder” in allen Einzelheiten anschauen, wie es im Irak abläuft. Und ebenso läuft es hundertfach und fast wöchentlich in Afghanistan und Pakistan ab: meistens von Drohnen durchgeführt. Solche aus Texas gesteuerten Drohnen-Luftschläge sind “tapfer” – jeder Selbstmordanschlag ist “feige”.

Das aufständische libysche Volk bringt seine fürchterlichen Opfer hoffentlich nicht vergeblich: Es besteht die Chance, dass Gaddafi zur Rechenschaft gezogen werden kann.

Und was können wir tun? Ceterum censeo exercitum Germanicum ex Afghanistan esse recedendum. Cito et velociter!

Warum Latein? Weil das die Chance erhöht, dass der Oberkommandierende der Bundeswehr es kopiert – und zwar als “Tagesbefehl”!

“Mauerfall” in Ägypten? Historische Analogien und Kollektivsymbolik der Revolution

Sonntag, Februar 13th, 2011

Wer hat eigentlich zuerst die ägyptische Revolution mit dem “Mauerfall” in Deutschland 1989 verglichen? Inzwischen proliferiert diese historische Analogie in den westlichen Medien. Es ist ein Beispiel für die Macht der Diskurse und insbesondere der Kollektivsymbole. Sie sind immer mehrdeutig und ambivalent – dieses aber besonders. Gemeint ist es als Metapher: die (metaphorische) “Mauer” der ägyptischen Diktatur ist eingestürzt. Es ist aber auch eine Metonymie bzw. Synekdoche (Teil fürs Ganze): Eine paradoxe, aber wirkliche “Mauer” aus Wasser (das Mittelmeer) trennt die arme Süd- von der reichen Nordküste. Schon droht eine “Flut” afrikanischer Flüchtlinge den “Mauerfall” zu nutzen und über (zunächst) Tunesien Italien und die EU zu erreichen. Dabei erweist sich drastisch, weshalb die EU-Mächte (und besonders Deutschland) die nordafrikanischen Diktatoren auch brauch(t)en: Um die afrikanischen Flüchtlinge abzuschotten – anders gesagt, um “unserer” Polizei die “Drecksarbeit abzunehmen.” Touristen frei über die Mauer nach Süden ja – Habenichtse nach Norden nein. In diesem Kontext waren (sind) die Diktaturen also eine Kombination aus metaphorischer, metonymischer und praktischer Mauer – praktisch insbesondere als Mauer aus Panzern.

1989 ergoss sich eine Auto-Flut aus der DDR nach Westen (symbolisch gesagt: “strömte durch die Mauerbresche”). Auch in Ägypten spielt der freie Autoverkehr als Symbol von “Normalität” und “Normalisierung” eine große symbolische Rolle. Als heute (13.2.) die Armee begann, gewaltsam den Tahrir-Platz von Barrikaden und Zeltstädten zu räumen,  wollte sie – wie sie sagte – zuerst wieder den Autos die “freie” Durchfahrt durch den Platz eröffnen. Hier sollte also die Revolution selbst als symbolische “Mauer” gelesen werden, die von der Armee zu “öffnen” sei, um “Normalität” wiederherzustellen.

Ein anderes hochgradig symbolisches Ereignis ging im westlichen mediopolitischen Diskurs total unter: Am entscheidenden Freitag (11.2.) endete ein stundenlanges gespanntes Gegenüber zwischen Demonstranten und den Panzern der Armee vor dem Präsidentenpalast und dem Staatsfernsehen, das jeden Augenblick zum Blutbad wie auf dem Tien An-men hätte führen können, damit, dass die Soldaten die Kanonen ihrer Panzer zur Seite drehten. Diese Drehung war vielleicht der entscheidende Augenblick der ersten Phase der Revolution.

Tag 12 der Revolution: Der ägyptische V-Träger kommt aus der Deckung

Sonntag, Februar 6th, 2011

ZDF Spezial am Abend des 5. Februar: Wir sind jetzt in Verbindung mit Nagib Sawiris, dem reichsten Mann Ägyptens, der die deutsche Schule in Kairo besucht hat und unsere Sprache spricht: Guten Abend Herr Sawiris! Sie sind der reichste Mann Ägyptens, besitzen das größte Telekomnetz und vieles andere. Sie engagieren sich jetzt für einen geordneten Übergang zur Demokratie. Stehen Sie schon in Kontakt mit der Übergangsregierung? – “Guten Abend. Ja, wir haben ein Komitee der Opposition gebildet und schon mit Vizepräsident Suleiman, der ein großes Prestige in Ägypten genießt, gesprochen. Ich bin zuversichtlich, dass unsere Forderung nach freien und fairen Wahlen erfüllt wird.” – Meinen Sie denn, dass Sie auch die Forderungen der Demonstranten erfüllen können? – “Ja, da bin ich optimistisch. Freie und faire Wahlen.” – Danke Herr Sawiris!

Der Roman “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung” (assoverlag Oberhausen) hat den Versuch unternommen, die Landschaft des 21. Jahrhunderts “vorzuerinnern”. Dazu gehört der “V-Träger”, d.h. der Verantwortungs-Träger, der die letzte und höchste Verantwortung trägt, weil er das größte Risiko trägt, das er wiederum deshalb trägt, weil er das größte Kapital investiert. Der V-Träger im Roman redet von “meiner Politik” und “meiner Wehr”, die er beide oft genug kritisiert. Was er aber absolut nicht ab kann, ist jede Form von “Chaos”. Da hört der Spaß bei ihm auf, und dann schnauzt er seine Poltitik und seine Wehr an.

Hier die Fragen, die das ZDF nicht gestellt hat: Herr Sawiris, ist denn Ihr Komitee demokratisch legitimiert? Wer hat Sie denn gewählt? Ist denn in Ihrem Oppositions-Komitee auch der ärmste Mann Ägyptens vertreten? Und auch die ärmste Frau Ägyptens? Wie würden Sie das Verhältnis zwischen den Ägyptern, die in Ihrer Gehaltklasse sind, und denen, die in der Gehaltsklasse des ärmsten Ägypters  und der ärmsten Ägypterin sind, denn quantifizieren? Was bedeutet es denn für Ihre Verhandlungen, dass Herr Suleiman Mubaraks Geheimdienstchef war, also niemand anderer als der Mielke Ägyptens, also die Verantwortung für die massenhaften Killungen und Folterungen und den ganzen Stasihorror trägt? Hätte denn 1989 ein ostdeutsches Oppositions-Komitee freie und faire Wahlen mit Mielke aushandeln sollen, während Erich weiter an der Macht geblieben wäre?

Na klar: bei solch verantwortlungslosen und chaotischen Fragen hätte der deutsche V-Träger seinem ZDF den Saft abdrehen müssen. Das ZDF weiß aber im voraus, dass das die richtige Antwort auf solche Fragen wäre und stellt sie deshalb erst gar nicht. Claro!

Das Rätsel des Mubarak-Regimes: “autoritär”? “autokratisch”? “Diktatur”? Jedenfalls “stabil prowestlich” pur.

Freitag, Februar 4th, 2011

Was muss passieren, damit ARD und ZDF “Selbstkritik üben”? Dass sie die Härte des Mubarak-Regimes nicht genügend “rübergebracht” hätten? Und das seit 30 Jahren? Wo Ägypten doch ein Touristenparadies für uns Deutsche war und gefälligst bleiben soll? Wie es ein Tourist in die Kamera sagte, als er trotz allem nach Ägypten in Urlaub abflog: “Unser Kegelclub hat das längst bezahlt, und dass lassenmer uns auch nicht nehmen!”

Dabei sind die Ursachen für das Verhalten von ARD, ZDF und aller hegemonialen Medien sehr einfach zu begreifen: Zuerst gilt es zu entscheiden, ob ein Regime “prowestlich” ist. Das bringt schon die halbe Miete. Als zweites dann, ob es “stabil” ist, das bringt fast den gesamten Rest. Schön ist, wenn es auch noch “demokratisch” ist – aber nur, wenn es “stabildemokratisch” ist. Als Bush und Blair 2003 den Irak mit Shock and Awe eroberten, proklamierten sie wörtlich als Ziel eine “stable democracy”, eine “Stabildemokratie”. Sie haben bis heute nicht gesagt, ob dieses Ziel inzwischen erreicht ist, und ob im Irak heute eine “Stabildemokratie” herrscht. Das gleiche gilt für Afghanistan, wo die Bundeswehr Unsummen an Geld und soldatischer Energie verpulvert, um das Land zu “stabilisieren” und dort eine “prowestliche Stabildemokratie” zu errichten. Immerhin behaupten selbst die grünen Hindukuschstürmer bisher nicht, dass dieses Ziel bereits erreicht sei.

Irgendwie bleiben bei diesen Kriterien (“prowestlich?” “stabil”? “stabildemokratisch”?) Rätsel, was man an dem Eiertanz der deutschen hegemonialen Medien bei der Frage erkennt, wie denn nun das Mubarak-Regime zu kennzeichnen sei. Bei Milosevic war das kein Problem: er war nicht bloß ein “Diktator” (trotz weniger stark manipulierter Wahlen als bei Mubarak), sondern auch noch “totalitär” - weil klar “antiwestlich” und klar “destabilisierend”. Mubarak hat seit 3 Jahrzehnten sicher enorm mehr Menschen gekillt, gefoltert, von seiner Stasi (die von der ostdeutschen Stasi mit aufgebaut wurde) verfolgt als Milosevic. Aber trotzdem bezweifeln unsere Medienleute, ob er wirklich ein “Diktator” ist. Die meisten nennen sein Regime lieber “autoritär”. Das geht auf die prowestliche Politologie des Kalten Krieges zurück, die das Bündnis der westlichen Demokratien mit Franco, Salazar & Co. legitimieren musste. Sie machte das mittels des Binarismus “autoritär” vs. “totalitär”. Dabei lief die generative Regel so: Wenn “antiwestlich”, dann “totalitär” – wenn “prowestlich”, dann bloß “autoritär”, was angeblich nicht so schlimm war. Dazu kommt jetzt noch “autokratisch”, was ebenfalls in Kombination mit “prowestlich” Killungen, Folter und Stasi weitgehend entschuldigt.

Immerhin erinnern manche Medien sich heute plötzlich daran, dass Mubaraks Stasis, Folter- und Killerabteilungen seit Jahrzehnten deshalb ganz “legal” wüten konnten, weil in Ägypten (wie auch in Algerien und anderswo) ein permanenter “Ausnahmezustand” erklärt war. Gegen Terrorismus. Es herrschte also ein PINOschismus, eine Permanente Industrialistische Notstands-Ordnung, wie in Chile unter Pinochet. Nur so glaubte Mubarak, seinen “westlichen” Patronen eine “prowestliche Stabilität” garantieren zu können. Weil die große Mehrheit der Bevölkerung bitter arm und teils analfabetisch ist, so dass bei halbwegs freien Wahlen kein Zweiparteien- oder Zweilager-System mit zwei “Mitten”, die sich abwechseln können, entsteht. Also keine “Normalität”, sondern ein “Chaos”. Weil also in einem solchen Land offensichtlich eine “normale Stabildemokratie” nicht wie bei uns automatisch zustande kommt. Nun versteht Mubarak, wie vor ihm schon Ben Ali, die (westliche) Welt nicht mehr, die von ihm das Unmögliche fordert.

Letzlich geht es also bei all dem um “Normalität”: Das diskursive Chaos, das in den Köpfen unserer Medienleute ausgebrochen ist, beruht auf dem Geheimnis, dass die Welt aufgeteilt ist in Normalitätsklassen – in Regionen mit höchst unterschiedlichen Standards an “Normalität”. Und dass in einem Land der Vierten Normalitätsklasse wie Ägypten wegen der enormen Schiefe des Lebensstandards eine “prowestliche Stabildemokratie” nicht ohne massivste Manipulationen und Repressionen zu erwarten ist. Statt dessen fordern in einem solchen Land die Massen schlicht und einfach Volldemokratie. Aus der Sicht der Stabildemokraten bedeutet aber Volldemokratie nichts anderes als … “Chaos”.

Wenn aber die Alternative so steht: entweder eine Bewegung für Volldemokratie ohne “Stabilität” – oder “Stabilität” ohne Demokratie – ja was “wählt” der “Westen” dann wohl? Dreimal darf man raten.

Er hat den “Divan” wohl kaum gelesen. Wenn aber doch, dann so wie eine türkische Übersetzung.

Montag, Dezember 27th, 2010

Jetzt ist dem Fanatiker des Ab- und Ausschaffens sein Bestsellererfolg derartig zu Kopfe gestiegen, dass er behauptet, ausgerechnet Goethes “West-östlicher Divan” gäbe seinem islamophoben Fundamentalismus recht. Bekanntlich kontert er seine Kritiker stereotyp mit der Behauptung, sie hätten seine Zitatemülldeponie nicht gelesen. Inzwischen von seiner Genialität endgültig überzeugt, tut er so, als ob die Million Käufer sein Buch gelesen hätten: Logik eines Groß-IQ-Besitzers.

Weil sein IQ sich vor allem in einseitig ausgesuchten Zitaten (die zudem aus einer großenteils völlig obsoleten, offen eugenischen Humangenetik- und Intelligenzforschung stammen) austobt, müssen nun eben Zitate aus diesem bekanntlich erfolgreichsten “Sachbuch” seit 1945 (davor war ein anderes noch erfolgreicher – und keineswegs nur durch Zwang) mit solchen von Goethe parallelisiert werden.

Das westliche Abendland sieht sich durch die muslimische Immigration und den wachsenden Einfluss islamistischer Glaubensrichtungen mit autoritären, vormodernen, auch antidemokratischen Tendenzen konfrontiert, die nicht nur das eigene Selbstverständnis herausfordern, sondern auch eine direkte Bedrohung unseres Lebensstils darstellen. [...] Das alles haben wir eigentlich nicht nötig. Wirtschaftlich brauchen wir die muslimischen Migranten in Europa nicht. In jedem Land kosten die muslimischen Migranten aufgrund ihrer niedrigen Erwerbsbeteiligung und hohen Inanspruchnahme von Sozialleistungen die Staatskasse mehr, als sie an wirtschaftlichem Mehrwert einbringen. Kulturell und zivilisatorisch bedeuten die Gesellschaftsbilder und Wertvorstellungen, die sie vertreten, einen Rückschritt. Demografisch stellt die enorme Fruchtbarkeit der muslimischen Migranten auf lange Sicht eine Bedrohung für das kulturelle und zivilisatorische Gleichgewicht im alternden Europa dar. [266, 267]

Närrisch, daß jeder in seinem Falle/ Seine besondere Meynung preißt!/ Wenn   I s l a m   Gott ergeben heißt,/ Im Islam leben und sterben wir alle.

 Wer sich selbst und andre kennt/ Wird auch hier erkennen:/ Orient und Okzident/ Sind nicht mehr zu trennen./ Sinnig zwischen beiden Welten/ Sich zu wiegen laß ich gelten;/ Also zwischen Ost- und Westen/ Sich bewegen, sei’s zum Besten!

Aufgrund der Tatsache, dass sich der Islam in der großen Mehrheit seiner Strömungen der Aufklärung verweigert und dem Pluralismus ablehnend gegenübersteht, kann er nicht gedacht werden ohne Islamismus und Terrorismus, auch wenn 95 Prozent der Muslime friedliebend sind. Die Übergänge sind zu verschwommen, die Ideologien zu stark und die Dichte gewalttätiger und terroristischer Ereignisse ist zu groß. / Die Muslime in Deutschland und im übrigen Europa unterliegen einem fremden kulturellen und religiösen Einfluss, den wir nicht überblicken und schon gar nicht steuern können. Wir dulden das Anwachsen einer kulturell andersartigen Minderheit, deren Verwurzelung in der säkularen Gesellschaft mangelhaft ist, die nicht unsere Toleranzmaßstäbe hat und die sich stärker fortpflanzt als ihre Gastgesellschaft. [277]

Der Dichter betrachtet sich als einen Reisenden. Schon ist er im Orient angelangt. Er freut sich an Sitten, Gebräuchen, an Gegenständen, religiösen Gesinnungen und Meinungen, ja er lehnt den Verdacht nicht ab, daß er selbst ein Muselmann sey.

In den folgenden Jahrzehnten setzte überall im Land der Verfall von Kirchen, Schlössern und Museen ein. Die Deutschen, die sie hätten besuchen können, wurden immer älter, und es waren auch immer weniger. Die wachsende Zahl der muslimischen Mitbürger interessierte sich nicht für diese kulturellen Stätten. [...] So gingen als erstes “Versuchspaket” in Form einer “Dauerleihgabe” der Kaiserdom zu Speyer, das Ulmer Münster, die Münchner Frauenkirche und der Kölner Dom an die islamische Glaubensgemeinschaft zur künftigen Nutzung als Moscheen. [401, 402]

Jesus fühlte rein und dachte/ Nur den Einen Gott im Stillen,/ Wer ihn selbst zum Gotte machte/ Kränckte seinen heilgen Willen. / Und so muß das Rechte scheinen/ Was auch Mahomet gelungen,/Nur durch den Begriff des Einen/ Hat er alle Welt bezwungen.

Man könnte das fortsetzen – kommen wir lieber zum Schluss. Weil er überzeugt ist, dass die auf rationalistischer “Motivation” beruhenden IQ-”Testbatterien” jede Form von “Intelligenz” – einschließlich künstlerischer – “objektiv messen”, wagt er sich nun an Goethe heran und glaubt, ein “Divan”-Zitat von Wulff (“Gottes ist der Orient!/ Gottes ist der Okzident!/ Nord- und südliches Gelände/ Ruht im Frieden seiner Hände.”) mit einem anderen “Divan”-Zitat kontern zu können:

Alle Menschen groß und klein/ Spinnen sich ein Gewebe fein,/ Wo sie mit ihrer Schere Spitzen/ Gar zierlich in der Mitte sitzen./ Wenn nun darein ein Besen fährt,/ Sagen sie, es sei unerhört/ Man habe den größten Palast zerstört.

Er hält seine Mülldeponie für den Besen! Und er bemerkt nicht die Besenkraft dieses Gedichts, das seinen IQ-Dünkel wegfegt! Und es muss bei dieser IQ-Genialität natürlich noch krasser kommen: Ungebildet und (recht verstanden) unintelligent wie er ist, weiß er nicht, dass Goethes Gedicht eine Koran-Sure paraphrasiert – und zudem eine der berühmtesten, die “Spinnen-Sure” 29.

Ganz zu schweigen vom Stil! Es ist (an den wenigen Stellen, wo der Autor nicht zitiert, sondern selber redet) der Stil der ersten deutsch-nationalistischen Schwadronage der Arndt und Co., gegen die sich Goethes “Pfaffen”-Polemik im “Divan” richtet.

Was machen “die zähen Elemente gesellschaftlicher Stabilität”? Aber klar doch: sie “trotzen dem Wandel”. Und was zählt zu solchen “zähen Elementen”? Nur ein hoher IQ kann’s erraten: “die regionalen und nationalen Eigenheiten der Völker. Es ist eben nicht dasselbe, wenn zehn Sizilianer und zehn Friesen das Gleiche tun. Solche zähen Elemente sind ferner” – na was wohl? “der Einfluss der Religion, die überkommenen Gebräuche, die Bande der Familie” – auweia Karl Kraus, die “Familienbande” darf nicht fehlen. Und was passiert mit “solchen Mentalitäten und Traditionen”? “wenn sie “hereinbrechen” – und womit “hereinbrechen”? “mit elementarer Wucht”! und wenn sie sich “in der Menschheitsgeschichte vollzogen”? Dann “ergab sich ein Entwicklungsstand”: Na bitte. Das ist Intelligenz: “In der Kindheit und Jugend durchläuft der Mensch einen” was wohl? “Reifungsprozess, in dem er vorbereitet wird auf ein eigenverantwortliches Leben als Erwachsener.” Intelligenz ist auch, wenn man weiß, was der Mensch ist: “Der Mensch ist ein territorial orientiertes Wesen. Diesbezügliche Instinkte sind [...] in ihm angelegt.” Bitte füllen Sie die Klammer aus: richtige Lösung: “tief” – also “tief angelegt”. Korrekt, macht 3 Punkte IQ. Und was ist der Mensch “daneben”? “Daneben ist der Mensch ein gruppenorientiertes Wesen”.

Deutsche Schwadronage, dessen “tiefster” Höhepunkt das andere Sachbuch war. Stil, der mit Turnvater Jahn und Co. begann und den Goethe derartig hasste, dass er diesen Leuten eine islamistisch-terroristische Empfehlung gab:

Der Prophet spricht./ – / Aergert’s jemand daß es Gott gefallen/ Mahomed zu gönnen Schutz und Glück,/ Um den stärksten Balken seiner Hallen/ Da befestig’ er den derben Strick,/ Knüpfe sich daran! das hält und trägt,/ Er wird fühlen daß sein Zorn sich legt.

Re: Deutsche Kriegsweihnacht. Angela Umbra Mortis in Kundus erschienen

Montag, Dezember 20th, 2010

“Überschattet” von einem tragischen Unfalltod mit der Waffe im Kampfgebiet erschien auf dem Bildschirm die wie ein schwarzer Schatten gekleidete Allegorie des Todes inmitten von Weihnachts- und Natogrün – das Ökogrün der grünen heißen Krieger war ebenfalls im geistigen Hintergrund  mit dabei. Die deutsche Kriegsweihnacht, die auf so erschütternde Prototypen zurückblickt, ist wieder da. Und angeblich sind die 70 Prozent im Volk, die den sofortigen Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan fordern, dennoch “stolz” auf “unsere Soldaten am Hindukusch” und sollen dennoch gerührt sein über den Besuch des Todesengels im miltärischen Weihnachtsgrün.

Grund zum Stolz besteht, wie Stephan Löwenstein, einer der neuen deutschen Kriegsberichterstatter, in der FAZ vom 20.12.2010 auf Seite 2 mitteilt: Die Bundeswehr mache “Fortschritte” und siege wieder (am 15.11.2010 titelte die FAZ: “Der Sieg bei Isa Khel”, und am 17.11.: “Bundeswehr soll weiter Taliban angreifen”). Wie sagte der V-Träger zu den Konvertern in der “Vorerinnerung” (“Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee”): Wenn ich auch früher “Nie wieder Krieg” gefordert haben sollte, dann habe ich gemeint: Nie wieder verlorener Krieg. Die neue, im Laufe des Jahres 2010 implementierte Offensivstrategie zeitige große Erfolge. “Gerade läuft eine große Operation in der Provinz Baghlan, wo wichtige Straßen zusammenlaufen. [...] Die Operation wird unterstützt von amerikanischen und anderen ISAF-Kräften, darunter dem rund 400 Mann starken deutschen Kampfverband (“Ausbildungs- und Schutzbataillon”, ASB) [...]. Der verunglückte deutsche Soldat gehörte zu diesem ASB.” – “Inzwischen ist ihr [Angela] nicht nur Achtung, sondern beinahe ein wenig Stolz auf eine Truppe anzumerken, die sich neuerdings nicht nur als einfühlsame Stabilisierer in einem kargen Land erwiesen haben [Grammatik original], sondern auch, von einigen politischen Fesseln befreit und durch die Umstände gezwungen, als durchsetzungskräftige und tapfere Kämpfer.”

Eine von ARD, BBC und ABC durchgeführte Umfrage in den “einfühlsam stabilisierten” Gebieten Afghanistans ergab allerdings, dass sogar die Bevölkerung im NATO-Propagandabereich zu zwei Dritteln die ISAF ableht und zu 52 Prozent den sofortigen Abzug fordert. Besonders katastrophal war der Schwund an “Zustimmung” zur Bundeswehr: Er ging seit 2008 von 45 auf jetzt noch 21 Prozent zurück (FAZ und WAZ 7.12.2010). Und das wie gesagt sogar in den “stabilisíerten” Gebieten! Soviel zum “Fortschrittsbericht”.

Vor etwa einem Jahr haben die Zeitschriften kultuRRevolution, AMOS, DISS-journal, Analyse + Kritik, et cetera ppf u.a. den Appell “Heraus aus der Sackgasse in Afghanistan” veröffentlicht, der von mehr als hundert Personen unterzeichnet wurde. Dieser Appell unterschied sich von anderen dadurch, dass er den Krieg als einen schmutzigen Anti-Guerillakrieg (“Drones ‘n Drugs”) kennzeichnete, dessen Speerspitze in Killungsaktionen ohne Prozess und fern von Kampfgebieten durch “Spezialkräfte” (wie das KSK) gegen “Aufständische” besteht, die als solche von anonymen IMs denunziert wurden, wobei hohe Anteile von zweifelsfreien Zivilisten (Frauen und Kindern) als “Kollateralschäden” in Kauf genommen werden (eingestandenermaßen bis zum Verhältnis von 1:6).  Durch Wikileaks ist das als Routine dieses Krieges bestätigt. Auch die Soldaten, die nicht an solchen “Spezialaktionen” beteiligt sind und die “nur” mit traditioneller Kriegstaktik Dörfer erobern, sitzen im Boot eines schmutzigen Krieges. Die vielen “Traumatisierungen” und der große Bedarf an Kriegs-Psychotherapie sprechen eine deutliche Sprache.

Deshalb kann ein Zeichen setzen, wer den Appell jetzt und künftig unterzeichnet.

Deshalb kam unser Appell auch nicht darum herum, den plausibelsten Grund für das sture Festhalten an der Eskalation dieses Krieges durch die Bundesregierung zu nennen: Deutschland als eine der führenden Weltmächte nicht bloß ökonomisch und politisch, sondern auch militärisch zu etablieren. Darin dürfte der eigentliche Grund für den nun ständig betonten “Stolz” liegen.

Und doch gibt es den “grünen Höhenflug”: Wenn man sich nicht vorstellen kann, dass die grünen Wählerinnen unter Grün das Grün der deutsche Kriegsweihnacht mit allem Drum und Dran verstehen, dann bleibt nur die Erklärung, dass sie die sture Kriegspolitik der Berliner Grünen mit einem vollständigen Blackout “verarbeitet” haben. Wie lange dieser Blackout wohl noch hält?

wikileaks und die kommenden kulturrevolutionen: tendenz volldemokratie.

Donnerstag, Dezember 16th, 2010

Ein Gespenst geht um im Netz – das Gespenst des Wikileaks. Alle Mächte des alten globalen Dorfs haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet, der Papst und die saudischen Prinzen, Putin und Obama, Amazon und Mastercard, chinesische Kommunisten und deutsche Turbotuis bei Anne Will. Zweierlei geht aus dieser Tatsache hervor: Wikileaks ist bereits von allen globalen Mächten als eine Macht anerkannt.  Alle Mächte sehen “dringenden Handlungsbedarf” dabei, Wikileaks mit vereinten Kräften zu zerschlagen.

Anders gesagt: Der V-Träger (siehe die Vorerinnerung “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee”, asso verlag Oberhausen, mögliches Weihnachtsgeschenk last minute), also der globale Verantwortungs-Träger, hat den “fairen Wettbewerb” darum eröffnet, mit welchen Diskursen man Wikileaks am besten zerschlagen kann. In dieser Konkurrenz um Schweinegeld geht es höchst satirisch und höchst ungewollt kulturrevolutionär zu: So entdecken die Spötter über “politische Korrektheit” pötzlich in gottserbärmlicher Humorlosigkeit das “Gesetz” des Ladendiebstahls und schlagen dem V-Träger vor, die Transparenz von Megaverbrechen, darunter der von der UNO-Charta als größtes Verbrechen überhaupt definierten Kriegsvorbereitung, als “Diebstahl” zu definieren. Diebstahl von was, wird der V-Träger sicherlich fragen – Antwort der wissenssoziologisch studierten Turbotuis: Von “Wissen”.

Erstaunlicher als solche Angebote an den V-Träger ist das Ausbleiben eines Engagements für Wikileaks: Wo bleiben Institutionen wie  Transparency International (bekommen sie kalte Füße, sobald mit Transparenz Ernst gemacht wird?) – und wo bleibt die Zunft der Zeithistoriker? Müsste diese Zunft nicht ein großes Manifest gegen die Versuche herausgeben, Wikileaks zu zerschlagen? Hat nicht Wikileaks “aüßerst wertvolle Quellen” zugänglich gemacht? Und zwar über jetzt noch anhaltende Kriege (während unsere Zeithistoriker in den Archiven noch mit der Lupe nach weiteren Quellen über die Weltkriege forschen)? Und sogar über noch nicht begonnene, aber bereits akut geplante Kriege: Ein saudischer Prinz hat die USA dringend aufgefordert, der “Schlange den Kopf abzuschlagen”, im Klartext: einen Krieg gegen den Iran zu beginnen? “Diebstahl von Wissen”?

Keine zwei Jahre ist es her, als in der Panik des Crash all jene, die jetzt mit verbissenen Gesichtern die Zerschlagung von Wikileaks und die lebenslange Verknastung der “Quellen” fordern, sich in Propagierung von “Transparenz” überboten. Daraus wurden bekanntlich bloß Mogelpackungen, die die Transparenz des Finanzsektors erheblich verkleinert haben. (Transparenz ist für den V-Träger das rote Tuch schlechthin – beruht doch sein ganzes Konkurrenzsystem auf maximaler Intransparenz.) Spricht es da nicht Bände, dass genau in dem Moment, wo Wikileaks Quellen aus Banken zugänglich machen wollte, das eingangs erwähnte Bündnis losgeschlagen hat?

Aber – da sind sich alle Turbotuis einig – Kriegsverbrechen und Finanzvergehen in den Vordergrund zu rücken, wäre ungeschickt. Reden wir also von diplomatischen Albernheiten und Dummheiten, die angeblich unter “private Diskretion” fallen. In der Tat gilt es, private Intimität (wie etwa sexuelle Vorlieben) durch Diskretion zu schützen. Aber keines der von Wikileaks publizierten Dokumente wurde von Wikileaks verfasst! Es waren Diplomaten der Supermacht, die solche Indiskretionen, Albernheiten und Dummheiten nach Washington gekabelt haben. Jeder Zeithistoriker wird zugeben, dass es leider zur Geschichtsschreibung dazugehört, auch die Dummheiten und Albernheiten einer Supermacht-Diplomatie zu “wissen”. Dummheiten und Albernheiten haben oft genug bei Kriegsvorbereitungen und Kriegsverbrechen mitgewirkt.

Die kommenden Kulturrevolutionen werden volldemokratisch sein, oder sie werden nicht sein. Transparenz aller öffentlich relevanten Wirtschaft und Politik ist so etwas wie das notwendige Spielfeld für volldemokratische Spiele, und Wikileaks bedeutet womöglich das bisher wichtigste Ereignis dieser Tendenz. Sollte die Operation Zerschlagung so weitergehen, wie sie begonnen hat: mit derartigen argumentativen Selbsttoren oder gar mit der Satanisierung und “Terroristisierung” von Julian Assange und seinen Mitstreitern bzw. ihren Quellen, dann sollten alle kulturevolutionären Tendenzen, gerade auch die mit satirischen Potentialen, diesen Kampf als den ihren begreifen und sich entsprechend engagieren.

Brüderle, Wikileaks und Stasi: Recht hat er!

Mittwoch, Dezember 8th, 2010

Brüderle hat erklärt: “Manches, was ich bei Wikileaks da entnehme, erinnert mich an die Sammelwut, die früher Institutionen im Osten hatten, die Stasi dabei”.  Was die flächendeckende IM-Wirtschaft angeht, hat er zweifellos recht. Aber sollte er tatsächlich meinen, Wikileaks habe in der FDP und auf der ganzen Welt “Informanten” angeworben und deren Spitzelberichte in irrer “Sammelwut” zu Hunderttausenden gespeichert? Der Maulwurf in Westerwelles Büro ein Agent von Wikileaks? Das Problem von Brüderle scheint zu sein, dass er das wirklich glaubt, also nicht böswillig erlügt. Offensichtlich hat er seinen Medien entnommen, Wikileaks sei “totalitär”  (Kurt Kister in der “Süddeutschen” vom 4.12.2010) – dazu würde es passen, dass Wikileaks mit Hunderttausenden IMs Nachrichten sammelt, um sie dann teuflisch dem Pentagon und dem State Department unterzujubeln. Wenn man Brüderles Befund aber richtig herum deutet: Müsste dann die logische Forderung nicht sein, eine Stasi-Behörde für den BND, den Verfasungsschutz, den MAD, und natürlich den CIA einzurichten, wo wir alle IM-Berichte dieser “Institutionen im Westen” lesen könnten, so dass Wikileaks dann überflüssig würde? Solange allerdings die Brüder- und Schäubles das Sagen haben, bleibt das wohl Utopie – umso notwendiger wird Wikileaks gebraucht!

“Proliferanten”: neue Anten?

Mittwoch, November 24th, 2010

In einem Interview des DLF zu den Artillerieduellen in Korea (24.11.2010) sagte Markus Tidten, Koreaexperte der “Stiftung Wissenschaft und Politik”, u.a., Nordkorea gehöre zu ”den wichtigsten Proliferanten von spaltbarem Material”. Über Google gibt es einige frühere Belege zu diesen Anten aus einem Expertendiskurs für das Schweizer Verteidigungsministerium. Haben wir hier die Geburt neuer (medialer) “Anten” erlebt? (Ironisch waren “Proliferanten” als eine von verschiedenen Selbstbezeichnungen für die “Ursprünglichen Chaoten” im Roman “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee” vorweg simuliert worden – auf Diskurse, nicht auf spaltbares Material bezogen.)

Die Ursprünglichen Chaoten

“Korrigiert sich” Mister Protonormalism? oder: Die Neuauflage der Neuauflage des “Heidelberger Manifests”

Montag, November 15th, 2010

“Bild am Sonntag” hat philologische Arbeit geleistet: Vielleicht waren es germanistische Praktikantinnen, die die 460 Seiten der 14. (!!) Auflage der Abschaff-Bibel textkritisch durchgesehen haben. Resultat: Einige krass “genetische” (altrassistische) Formulierungen wurden gestrichen bzw. “gemildert”. Das war aber bereits die zweite taktische Kosmetikoperation, wie der Abschaffpapst auf Seite 409 mit gewohnter Offenheit mitteilt: “Nicht jeder teilt meine Freude an prägnanten Formulierungen. Friedrich Thelen erklärte sich bereit, das Werk (!!) vor dem Hintergrund seiner langjährigen journalistischen Erfahrung durchzusehen.” Die neuerliche “Glättung” dürfte erfolgt sein, um das Ausschlussverfahren aus der SPD noch zu kippen. Offenbar sollte sie – ein erster Riesen-Streich – es dem Helden des Krisen-Managements, der die Abermilliarden Steuergelder in die Banken gekippt hat, erleichtern, sich nun offen für S. zu erklären.

Nun ist dieses ganze Manöver der taktischen Umformulierungen aber ein Déjà-vu, wie man in Heft 2 der Zeitschrift “kultuRRevolution” vom Februar 1983 nachlesen kann (leider vergriffen, in Bibliotheken ausleihbar). Dort wurde eine “Historische-kritische Ausgabe” des “Heidelberger Manifests” dokumentiert. Was war das “Heidelberger Manifest”? Es war ein Aufruf von zunächst 15, dann nur noch 11 Professoren, hauptsächlich Humangenetikern, gegen – vor allem – türkische – Einwanderung und ein Appell zur Refertilisierung des eingeboren-”deutschen” Volkes. Es war also nichts anderes als das jetzt so groß als originell medialisierte Abschaff-Manifest. Insbesondere der Bochumer Astronom Theodor Schmidt-Kaler hatte damals allzu eindeutig rassistische Töne zu “mildern” gesucht, um seine Partei (die CDU) für eine Politik des Einwanderungsstopps, der “Rückführung” und der Refertilisierung zu gewinnen. War in der ersten Fassung noch von der “Unterwanderung des deutschen  Volkes durch Millionen von Ausländern und ihre Familien”, von der “Überfremdung unserer Sprache, unserer Kultur und unseres Volkstums” die Rede gewesen, so wurden “Unterwanderung”, “Überfremdung” und “Volkstum” später gestrichen. Hieß es vorher: “Gegenüber der zur Erhaltung unseres Volkes notwendigen Zahl von Kindern werden jetzt jährlich kaum mehr als die Hälfte geboren” – so las sich das nach Tische folgendermaßen: “Die Lage erschwert sich dadurch, daß nur wenig mehr als die Hälfte der Kinder geboren werden, die für ein Nullwachstum der deutschen Bevölkerung der Bundesrepublik erforderlich wären: die Erneuerung der generativen Funktion der deutschen Familie ist dringend nötig.”

Und Schmidt-Kaler fügte vor allem folgenden Passus ein: “Was die Lösung dieses Problems so erschwert, ist die Tatsache, daß in der öffentlichen Diskussion die notwendigen Fragen nicht mehr gestellt werden können, ohne daß gegen die Fragesteller der Vorwurf des Nazismus erhoben wird.” Dieser Vorwurf war damals noch zu Recht gefürchtet, und deshalb musste “Prof.” Oberländer, bekannter Ex-Minister mit Verstrickung in die “Endlösung”, seine Unterschrift zurückziehen.

Wie man sieht, hat S. lediglich eine Neuauflage dieses “Manifests” auf den Markt geschmissen: natürlich ausführlicher, mit viel protonormalistischen statistischen Tabellen (die aber ebenfalls schlicht auf eine “Erneuerung der generativen Funktion der deutschen Familie” zielen – besonders in den seitenlangen Passagen gegen die “kinderlosen Akademikerinnen”). Nicht nur in diesem Punkt handelt es sich um eine schlichte Kopie – besonders entlarvend ist die Übernahme der zentralen Parole des Heidelberger Manifests: “Nicht die Menschen zu den Maschinen, sondern die Maschinen zu den Menschen” (bei S. Seite 258). Man könnte das endlos fortsetzen – u. a. auch die Berufung auf Eibl-Eibesfeldt.

Und nun aber der Unterschied zu damals: Damals von der hegemonialen Öffentlichkeit, vor allem dem hegemonialen mediopolitischen Diskurs, mit überwältigender Mehrheit abgeschmettert – heute von dem medialen Diskurs mit durchschlagender Mehrheit (BILD plus Spiegel plus etc.) als “Meinungsfreiheit respektiert” – dem womöglich der politische folgen wird (siehe das Menetekel Steinbrück, der imgrunde sagt: leiber Freund S., streich doch die Genetik nich stärker: dann werden wir alle Dir recht geben! Als ob die Genetik nicht auch in der “Kultur” stecken würde).

In dem Roman “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung” (asso verlag Oberhausen: brauchbares Weihnachtsgeschenk) kann man bei der Figur des “Volkstodastronomen” an Schmidt-Kaler denken – und der neue “deutsche Volksheld” (Spiegel) und Mister Protonormalism ist in mehreren Kapiteln, am exaktesten im Kapitel “Zwillingsgeschichte Zwillingsforschung”, vorerinnert. Der Held des Kapitels ist ein Zwillingsforscher, der IQs testet, sich selbst für ein Genie hält und von den Antiheldinnen, einem weiblichen Zwillingspaar, in den Wahnsinn getrieben wird. Wenn es bei dem neuerlichen Versuch, uns mit Neorassismus zu überrollen, sehr stark um Typen von Subjektivität geht, dann kann die öffentliche Vorlesung des Kapitels “Zwillingsforschung”, bei der es viel zu lachen gibt, jetzt vermutlich hilfreich sein (Lesung plus Kursessay über Normalismus und S.). InteressentInnen mögen sich melden.

Die Ursprünglichen Chaoten c/o Jürgen Link

Bologna-Basta weniger unsterblich: Sachsen kehrt zurück zum Staatsexamen

Mittwoch, Oktober 27th, 2010

Mindestens einen Konsens hat die Opposition gegen Stattgart 21 schon erreicht: Selbst Mappus muss medial bekennen, dass “Schluss mit der Basta-Politik” sein müsse. Einer der extremsten, ja extremistischsten Fälle von Basta-Politik tobt sich seit 1999 im Uniwesen aus: “Bologna”. Der Name dieser wunderschönen Stadt wird seither besudelt mit dem absurden, von Bertelsmanns “CHE” ausgeheckten und von der HRK (Hochschul-Rektoren-Konferenz) ”implementierten” Verpunktungs-, Modularisierungs- und Akkreditierungsunwesen des “Bachelor-Master”-Kurzstudiums. Dieses Unwesen konnte überhaupt nur dadurch “implementiert” werden, dass – unter der Fahne von “Hochschul-Freiheits-Gesetzen” – erstmal frühere Studiengänge wie Diplom, Magister und Staatsexamen, verboten wurden – statt ihnen ebenfalls die Chance der “Nachbesserung” einzuräumen. Soviel zum “freien Wettbewerb”.

Seither wird es von Semester zu Semester evidenter, dass “Bologna” vor die Wand gefahren ist. Trotzdem hören wir aus Gütersloh und dann auch aus HRK, Politik und Medien: “Bologna ist unumkehrbar” – wird “nachgebessert” und “nachgebessert”, “reakkreditiert”, “systemakkreditiert” – ist jedenfalls unumkehrbar: Basta! “Es gibt keine Rolle rückwärts: Basta!” (HRK-Chefin Wintermantel)

Nun aber zeigt sich die Umkehrbarkeit des Unumkehrbaren: Zuerst führten die führenden TUs die Diplomstudiengänge wieder ein – und nun führt der Freistaat Sachsen das Staatsexamen wieder ein! In einer kleinen Meldung (FAZ 20.10.2010) ist zu lesen: “Sachsen wendet sich in der Lehrerausbildung vom Bachelor-Master-System ab und kehrt zum Staatsexamen zurück. [...] Die Regelstudienzeit soll für die Grundschule 8 Semester, für die Mittelschule 9 und für das Gymnasium 10 Semester betragen.” Grund: der Bachelor habe sich “nicht bewährt”.

Warum war das nur eine kleine Meldung und führte zu keiner medialen Artikelfolge? Wieso bricht die Welt nicht zusammen, obwohl Bologna sich als “umkehrbar” erweist? Wieso lesen wir nirgendwo, dass Wintermantel jetzt schon mal heimlich die Rolle rückwärts trainieren sollte? Das kann nicht direkt an Bertelsmann und auch nicht direkt an der Politik liegen. Das muss an den für Bildung zuständigen Medienleuten selber liegen. Ich versuche mal, mich in deren Köpfe zu denken: Meinen sie etwa, das Ende der Basta-Politik könnte “ausufern”, wenn jetzt auch noch die heilige Kuh “Bologna” kippt? Oder fühlen sie sich “progressiv” und “links”, und meinen, die Regierung in Sachsen sei ja “konservativ” und “rechts”, und deren Entscheidung müsse man nach Möglichkeit totschweigen? Aber ist Bertelsmann eigentlich “links” oder “rechts”? Bertelsmann ist immer “Mitte” – und ob “Bologna” nun “rechts”, “links” oder “Mitte” ist, sollten wir Bertelsmann selber überlassen – jedenfalls ist es Humbug und gehört zumindest pluralisiert durch Zulassung von Alternativen.

Das bedeutet nicht, dass einfach alles Alte (z.B. das undurchlässige Schulwesen) restauriert werden müsste – der Druck in eine solche rein retrograde Richtung wird aber umso stärker werden, je länger “Bologna” als “unumkehrbar” behandelt wird. Natürlich ist an den alten Studiengängen und am ganzen Bildungwesen vieles “nachzubessern” – nur: “Bologna” ist schlechter als alle denkbaren Alternativen und muss deshalb als erstes sein Zwangsmonopol verlieren.

Und was ist mit den Studigenerationen, die schon durch “Bologna” gegangen sind? Für sie sind – falls sie es wünschen – Möglichkeiten des zusätzlichen Erwerbs eines anderen Abschlusses anzubieten. Dafür gibt es viele Vorbilder und Erfahrungen. Jedenfalls kann es so mit dem Totschweigen der “Bologna”-Pleite nicht weitergehen. Es gibt jetzt die Chance zu frischem Wind im Bildungs- und Hochschulwesen, der einmal nicht aus Gütersloh weht.

Und noch ein Ereignis weckt Hoffnungen: Der AStA Münster hat in einem Grundsatzurteil feststellen lassen, dass die Wahl des Hochschulrats der Uni ungültig war, da keine Öffentlichkeit zugelassen wurde. Auch die Entmachtung der universitären Selbstverwaltungsorgane durch einen fremdbesetzten Hochschulrat gehört zu den “Reformen” aus Gütersloh, die “Bologna flankieren” sollten. Im Hochschulrat von Münster sitzt Ex-Bertelsmann-Chef Middelhoff, der seither mit einem Bein woanders als im Hochschulrat steckt. Seine Wiederwahl dürfte nicht sicher sein – leider aber ist es noch weniger sicher, dass auch die undemokratischen Hochschulräte insgesamt kippen, wie es im Rahmen eines neuen Hochschulgesetzes nur konsequent wäre.

Gabriel schafft´s: nun also doch “Niwis”.

Freitag, September 24th, 2010

In den Zukunftssimulationen des Romans “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee” (assoverlag Oberhausen) gibt es “Iwis” (“Integrationswillige”) und “Niwis” (“Nicht-Integrationswillige”), mit entsprechenden Einträgen in ihre Pässe, die sie bei sich zu führen verpflichtet sind. Darum herum entwickeln sich satirisch-lustige und gleichzeitig möglichst realistische “Zwillingsgeschichten” (in denen ein weibliches Zwillingspaar für Wirbel sorgt). Als der von allen Medien hochgepushte Abschaff-Bestseller alle “Volksparteien” umgehend dazu “zwang”, die “Abschaffung der Parallelgesellschaften” noch auf die Schnelle zum wichtigsten Punkt ihrer jeweiligen Agenda 2010 zu erheben, sah es zunächst so aus, als ob die Simulation des Romans zwar inhaltlich, nicht aber ganz in der Formulierung verifiziert sei: Die neuen Reizwörter hießen “I-V” (“Integrations-Verweigerer”, mit Anklang an “Kriegsdienst-Verweigerer”) und “I-M” (“Integrations-Muffel”).

Nun hat aber SPD-Chef Gabriel die Simulation doch noch auch formal verifiziert: Am 20.9. erklärte er in der Tagesschau, “Integrationsunwillige” müssten mit “Sanktionen” rechnen und sollten, falls sie nicht reagierten, “abgeschoben” werden. Dass diese “Abschaffung” haargenau das Programm des Abschaff-Bestsellers darstellt (bloß ohne die ethnogenetische Begründungs-Theorie), fiel sogar der Bundesjustizministerin auf. Jedenfalls: Semantisch ist die Vorsilbe “un-” im Deutschen äquivalent mit der Negation, also mit “nicht”. Da haben wir also doch noch unsere “Niwis”.

[Zusatz: JETZT AUCH 100% WÖRTLICH "NIWIS":

Am 27.9.2010 meldet die Watz vom SPD-Parteitag: "In der SPD wird die Forderung lauter, NICHT INTEGRATIONSWILLIGE Zuwanderer mit SANKTIONEN zu belegen." ]

Jetzt braucht es bloß noch weibliche Zwillinge bzw. deren diskurspartisanenhaftes Äquivalent, um daraus auch eine glückliche Realsatire zu machen. Dazu wiederum braucht es eine entsprechende Subjektivität – und die kommt ganz von selbst beim Lesen der “Vorerinnerung”. Der Roman ist weder “zu dick” (Dan Brown & Co. gehen mit ihren jeweils an die 1000 Seiten massenweise über die Ladentische) noch “zu schwer” (man kann z.B. einfach mit einzelnen Zwillingsgeschichten anfangen), noch gar ”zu teuer” (29,90 €). Gerüchteweise sollen “Schachtelsätze” drin vorkommen – nicht in den Zwillingsgeschichten, und wenn schon: Daniel Kehlmann verdankt seinen Erfolg doch auch der Tatsache, dass er seinen Leserinnen nach 20 Jahren Popliteratur mit Minisätzeslang mal wieder den Konjunktiv der indirekten Rede und ein paar syntaktische Schachtelungen zumutet. Das scheint bei diesen (seinen Leserinnen) gut anzukommen. “Aber in der Vorerinnerung büxt das Subjektive und Poetische immer wieder ins Politischer aus!” Nun ja, das ist nicht zu leugnen.

Quizfrage an die Plasberg-Runde

Donnerstag, September 2nd, 2010

Am Ende seiner Sarrazin-Show hatte Plasberg seinem Stargast einen großen Abgang präpariert: Der hatte in seinem sofort zum Bestseller aufgeputschten Manifest für den Protonormalismus die Prognose getätigt, in 100 Jahren werde in Deutschland, und zwar wegen der sich so stark vermehrenden muslimischen “Population”, niemand mehr wissen, von wem das Gedicht “Wanderers Nachtlied” sei. Plasberg spielte einen Test von einem Essener Gymnasium ein: niemand, auch nicht “deutsche” Deutschlehrer, wusste es (schon jetzt). Daraufhin durfte der Stargast es aufsagen. Auffällig war weniger das Fehlen eines Verses als vielmehr der bürokratische Leierton, der an den von muslimischen Kindern erinnerte, die den unverstandenen Koran auch bloß “auswendig lernen” können .

Nun aber ein Gedankenexperiment: Angenommen es wäre möglich (kontrafaktisch angenommen!), jemand wirklich “Gebildeter” und wirklich “Intelligenter” hätte von Plasberg eingeladen werden können. Dann hätte er Plasberg, seinem Star und den übrigen Eingeladenen folgende Frage stellen können:

Von welchem Dichter stammt das folgende Zitat:

“Der Dichter betrachtet sich als einen Reisenden. Schon ist er im Orient angelangt. Er freut sich an Sitten, Gebräuchen, an Gegenständen, religiösen Gesinnungen und Meinungen, ja er lehnt den Verdacht nicht ab, daß er selbst ein Muselmann sey.”

?? (Auflösung vielleicht in einem späteren Eintrag. Natürlich kann auch eine von den vermutlich verzweifelt wenigen Leserinnen dieses Blog die Antwort eintippen. Das wäre dann mal wieder ein “Comment”.)

“Migrantinnen und Migranten”: In diesem Zeichen können sie nur verlieren

Mittwoch, September 1st, 2010

Nun verteidigen sie ihre “Migrantinnen und Migranten” gegen Sarrazin, unsere Migrantinnen- und Migranten-Forscherinnen und -forscher, verliebt wie sie sind in ihren Begriff “Migrantinnen und Migranten”. Der klingt ja auch so wissenschaftlich, genau wie Repräsentant und Signifikant. Damit kann man vielleicht sogar Exzellenz werden, mit der Migrantinnen- und Migrantenforschung, insbesondere der Migrantinnen- und Migranten-Kinder-Defizite-Forschung. Bloß: Warum kommt das bei “den Menschen” (Angela Merkel) irgendwie schlecht an und wirkt vielleicht sogar wie Wasser auf Sarrazins Mühle?

Weil es die Anten in der deutschen Sprach-, Diskurs- und Kulturgeschichte so in sich haben. Im Prinzip ist die Endung natürlich ganz harmlos: abgeleitet per Analogie aus dem Latein bzw. aus romanischen Sprachen, im Prinzip wie Student. Im Prinzip eben oft wissenschaftlich (spezialdiskursiv). Aber wie die Kontingenz gerade auch in der Sprachgeschichte so spielt: Im Deutschen haben die Anten seit langem, seit den Vaganten und (ursprünglichen) Protestanten, zunehmend einen ausgrenzenden und negativen Beigeschmack bekommen. Man muss das ganz statistisch sehen. Es handelt sich um typische, auszugrenzende Gruppen:

1. die Alltags-Anten: Bummelanten, Denunzianten, Dilettanten, Ignoranten, Intriganten, Mogelanten, Mutanten, Pedanten, Querulanten, Schmieranten, Simulanten, Simultanten (ganz neu), Spekulanten, Trabanten.

2. die psychiatrisch “Devianten”: Deliranten, Denunzianten, Flagellanten, Halluzinanten, Intriganten, Komödianten, Konfabulanten, Masturbanten, Querulanten, Simulanten, Skrupulanten, Suizidanten.

Ich überspringe die juristischen und unmündigen Anten und komme 3. zu den politischen/rassistischen: Degeneranten (AH in “Mein Kampf”), Devianten, Diversanten, Kapitulanten, Kollaboranten, Militanten, Minusvarianten, Optanten, Sympathisanten.

Und 4. zu den Minderheiten, darunter unseren “Migrantinnen und Migranten”: Assimilanten, Asylanten, Emigranten, Exulanten/Exilanten, Immigranten – MIGRANTEN.

Assimilanten wurden die “Westjuden” genannt, bis zur Vergasung (im doppelten Sinne). Asylanten klang (so spielt der Zufall aus Deutschland) ganz ähnlich , bis sie durch die GG-Änderung erheblich weniger wurden.

Aber da sprangen rechtzeitig die MIGRANTINNEN UND MIGRANTEN in die Bresche – und wurden durch die Migrantinnen- und Migranten-Forscherinnen und -forscher besonders als wissenschaftlich geadelt. Man überlege mal: Ab der wievielten Generation hören Migranten mit deutscher Staatsangehörigkeit bzw. mit Aufenthalt in Deutschland eigentlich auf, solche zu sein? Und warum sind “deutschstämmige Spätaussiedler” (jedenfalls in den meisten Kontexten) keine Migranten? Der semantische Effekt ist jedenfalls klar: MIGRANTEN sind jene Menschen, die ewig “migrieren”, weil “wurzellos”, ewig “zwischen den Rassen” (Heinrich Mann), immer markiert als “nicht zur WIR-Gruppe zählend”. Warum scheut der “deutsche” Diskurs die sehr deutschen Signifikanten EINWANDERER UND EINWANDERINNEN wohl so sehr? So sehr, dass er selbst dort, wo er ein deutscheres Wort als “Migranten” vorzieht, pedantisch und skrupulantisch “Zuwanderinnen und Zuwanderer” sagen muss? (Während er Auswanderer glatt über die Zunge bringt – und nicht etwa Abwanderer sagen muss.)

Etwas theoretischer gefasst: Die Anten gehören diskurshistorisch zum Protonormalismus, d.h. zu jener Auffassung von “Normalität”, die auf starren Grenzen von Normalitäts-Klassen auch innerhalb einer “Population” beruht. (Ausführlich dargestellt im “Versuch über den Normalismus”.) Also genau zu jener Spielart des Normalismus, für die Sarrazin plädiert, deren Wiederbelebungs-Manifest er gerade publiziert hat. Wenn irgendeinem, dann passen ihm die MIGRANTINNEN UND MIGRANTEN glatt ins Konzept – egal ob gegen oder “für” sie plädiert wird.

Sarrazin? Dazu jetzt definitiv die “Zwillingsgeschichte Zwillingsforschung” lesen!

Montag, August 30th, 2010

Für Leserinnen dieses Blogs gibt es zu Sarrazin ja wirklich nichts Neues (siehe Einträge vom 13.8.2010 und den ausführlichen vom 8.10.2009). Schirrmachers überwiegend kluger Kommentar in der FAS vom 29.8. 2010 zeichnet die Archäologie der lärmenden S-Diskursblase korrekt als mehr als hundertjährig alt und abgekupfert nach, als ob Schi. dieses Blog oder den “Versuch über den Normalismus” gelesen hätte: Stichworte Galton, Herrnstein-Murray, Zwillingsforschung, IQ-Theorien, kritisch dazu Stephan Gould usw. Die uralten Kamellen der endlosen Nature-Nurture-Geschichte: ob fifty-fifty oder eighty-twenty usw. Die monozygoten Zwillinge usw. Natürlich darf heute das “Gen” (“das hat der S. nun  mal in den Genen!”) statt des galtonschen “gemmule” nicht fehlen, einschließlich des Juden-, Deutschen- und Türken-Gens. S. wird sich gegen den Vorwurf des Antisemitismus verteidigen: Er hat schon in dem Lettre-Interview betont, dass das Juden-Gen einen höheren IQ (nicht niedrigeren wie das Türken-Gen) als selbst das durchschnittliche Deutschen-Gen impliziere: so what?

Wenn Schi. allerdings mit dem korrekten Hinweis auf den angelsächsischen Ursprung der gesamten Debatte folgert: Rassismus sei das keineswegs, so scheint er “demokratischen” Rassismus per se für unmöglich zu halten: Genau den gibt es aber! Nicht nur in Deutschland, auch in den USA und in Schweden wurden “Minderwertige” in den 1920er und 1930er Jahren aus “eugenischer Indikation” sterilisiert – ganz “demokratisch”.

Bekanntlich sagte Karl Kraus 1933 mit makaber-sarkastischer Ironie, ihm “falle zu Hitler nichts ein.” Damit meinte er, das Thema sei zu ernst, um mit journalistischen “Einfällen” (wie sie jetzt wieder zu S. ins Kraut schießen) “bewältigt” zu werden. (Er schrieb ja dann den großen Essay, in dem er “den Fußbreit Leben, zwischen Phrasen und Gasen”, zu verteidigen suchte – bekanntlich erfolglos: Nach den Phrasen kamen die Gase.)

So gefährlich ist die durch S. markierte Lage sicher nicht. Wir sind nicht auf makaber-sarkastisches Lachen zurückgeworfen, wir können noch ganz heiter und schallend lachen über diesen S. , der ganz offensichtlich überzeugt ist, ein Genie-Gen zu besitzen, weil er einige mittelschwere Statistik-Kurse erfolgreich überstanden hat. Das ist “definitiv” der Moment für alle, die es noch aufgeschoben haben, das Kapitel “Zwillingsgeschichte Zwillingsforschung” aus dem Roman “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung” (asso-Verlag Oberhausen, S. 255-281) zu lesen. Dort ist der Fall S. mit dem Genie-Gen eines Zwillingsforschers haarklein vorerinnert, und schallendes Lachen ist garantiert. Es ist gleichzeitig ein aktueller Einstieg in die Lektüre dieses angeblich “schweren” Romans: Man kann doch einfach mit den satirischen Zwillingsgeschichten anfangen.