Mr. Entdifferenzierung, oder: Die Krise hat den Grad Trump erreicht

 

Das Ereignis Trump verschlägt den Kommentatoren weiter den Atem. Ein Teil zieht sich auf die Taktik Abwarten zurück: Trump ist völlig unberechenbar, wir wissen nichts und können nichts sagen, bevor er nicht reale Politik macht. Ein anderer Teil, wie gerade wieder der Guardian, sagt immerhin: Eins wissen wir schon jetzt: jedenfalls ist er “nicht normal”. Aber diese Anormalität wird dann als negative Normativität konkretisiert; als negativer “Charakter”: Lügner, Trickser, Grapscher. Nun ist aber Normalität gerade nicht gleich Normativität. Worin liegt also Trumps Anormalität?

Wenn ein Adventure Capitalist Politik macht, dann ist das nicht normal, weil entdifferenzierend

Von Anfang an fiel auf (und wurde in diesem Blog bereits analysiert), dass die medialen Bemühungen um eine diskursive Einordnung des Phänomens Trump ausgerechnet das einzige sichere Datum umschifften, das relevant ist: Trump ist ein Kapitalist mit stark spekulativen Zügen (Superbaulöwe, Hotels usw., bis hin zu Casinos). Wenn er nun Politik macht, so wie er Wirtschaft macht, mit Pokertweets und Deals, dann ist das nach Luhmann “Entdifferenzierung” der Teilsysteme Wirtschaft und Politik. Genau das ist “nicht normal”, weil es die wechselseitigen “Entlastungen” (Luhmann) zwischen den Teilsystemen durcheinander bringt oder sogar aufhebt. “Die Wirtschaft” kann dann nicht mehr sagen: Dies und das ist Sache “der Politik”, und umgekehrt. Natürlich gibt es ständig engste Kopplungen zwischen den beiden “Teilsystemen”, besonders über die Institutionen Steuer, Staatsschulden und Rüstung – aber auf Basis der “Ausdifferenzierung” (normalistische Spezialisierung). Diese Kopplungen laufen über Normalitäten (z.B. statistische Verfahren) – die Entdifferenzierung bringt den Kode der Wirtschaft (“bezahlen/nicht bezahlen”) direkt in die Politik, zum Beispiel in die Außenpolitik, die zu einem Pokerspiel um Deals zwischen (nationalen) Mono- bzw. Oligopolen wird.

Wenn die Krise von 2007ff. “Trump” geschlagen hat

Trump verspricht ein Super-Jobwunder im achten Jahr des “Erholungs”-Zyklus der US-Konjunktur nach dem Crash von 2007-2009. Schon Trumps Wahlerfolg bei weißen Arbeitern der “Rostgürtel” zeigt, dass Obamas “Jobwunder” hauptsächlich auf prekären Jobs beruht. Trump weiß, dass die einzige Konjunkturphase, in der es auch der Arbeit relativ gutgehen kann, der Boom ist: Wenn die “Wertschöpfung” stark wächst, können sowohl Profite wie Löhne steigen und können “normale” Jobs hinzukommen. Er will also “Vollgas geben” – gegen Ende eines langen, relativ flachen Zyklus. Länge und Flachheit des Zyklus zeigen, dass die Krise nicht überwunden ist – sie sind “gekaufte Zeit”, wie Wolfgang Streeck sagt. “Vollgas” wird also die gerade mit Mühe gedehnte und etwas normalisierte Zeit erneut kontrahieren und wieder kurztaktig und dysrhythmisch machen. Wir werden durch kurze, sich überstürzende und sich verhakende Zeitfenster gejagt werden wie vor und beim Beginn der Krise und wie beim Pokerspiel.

Wenn sich die Kopplungen zwischen Denormalisierungen in Wirtschaft, Politik, Diplomatie, Weltmachtkonkurrenz und Militär zu einem einzigen Global Play verknoten und entdifferenzieren

Bei Luhmann fehlt das Teilsystem Militär/Krieg, ebenso wie das Teilsystem globale Weltmachtkonkurrenz unterbeleuchtet ist. Das sind Symptome dafür, dass seine Theorie vielleicht funktionierenden Normalismus voraussetzt und große Denormalisierungen wie 2007ff. nicht analysieren kann. Trump scheint im Spiel der Weltmachtkonkurrenz China als Hauptgegner zu betrachten und es durch Abwerbung Russlands zu isolieren zu versuchen. Auch dieses “Teilsystem” entdifferenziert er aber zum Tweetpoker, ebenso wie das Militär, in das er zwecks Jobwunder noch gigantischere Summen stecken will – womit er eine Superschuldenblase aufblasen würde.

Gegen die 3. Normalitätsklasse

Und die (angekündigte) Mauer gegen Mexiko? Sie liegt strukturell auf der gleichen Ebene wie die Isolierung Chinas. Das globale System der Normalitätsklassen kann zwar den Aufstieg der 3. Klasse (“Schwellenländer”) begrüßen – aber nur unter der Bedingung, dass die 1. Klasse (1. Welt) Mittel und Wege findet, den Abstand durch eigene weitere “Fortschritte” aufrechtzuhalten. Deutschland macht das durch Exportweltmeisterschaften – Trump scheint zu glauben, dass die USA es nicht ohne Protektionismus schaffen könnten, “America great again” zu machen.

Ein großer gordischer Knoten aller wichtigen Zyklen und eine galoppierende Entdifferenzierung als nächste Phase der Krise?

Wenn das so kommen sollte, hieße es für das zur Weltmacht Nr. 2 aufgestiegene Deutschland und seine Hegemonie in Europa (GERMROPA) Katastrophenalarm.

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6 Antworten zu “Mr. Entdifferenzierung, oder: Die Krise hat den Grad Trump erreicht”

  1. Mark Smith sagt:

    Zur Weltmachtkonkurrenz ein m.E. guter Artikel von Heiner Flassbeck:

    Weltwirtschaft | 13.01.2017
    Trump und China – ein Vorgeschmack auf Trump und Deutschland
    Von Heiner Flassbeck
    Wenn es Konflikte zwischen China und Deutschland mit den USA gibt, dann geht es um einen Währungskrieg, weniger um einen Handelskrieg.
    https://makroskop.eu/2017/01/trump-und-china-ein-vorgeschmack-auf-trump-und-deutschland/

  2. Mark Smith sagt:

    Vielleicht sollte man Trump auch noch ein bisschen im Kontext des Populismus sehen: Weil es dürfte ja klar sein, dass es Ähnlichkeiten mit Berlusconi, Haider und z.B. Ross Perot gibt. Machtstrategisch reagiert der Populismus auf die Versperrung von Aufstiegschancen mittels einer Schließung (soziale Schließung nach Max Weber) des Zugangs zu gewissen politischen und sozialen Positionen.
    Und typisch für diese Populisten ist es, dass sie einen effizienten Leistungsstaat fordern im Gegensatz zum Verfassungsstaat. Zwei Elemente des Liberalismus werden somit gegeneinander ausgespielt: Der Staat wird somit nur noch als Buisness (Ross Perot) oder Firma (azienda Italia – Berlusconi) gesehen.

    Es geht außerdem auch um Populismus vs. Konstitutionalismus. Wobei Trump eben mit dem Phänomen populistischer Demokratie um einiges souveräner umgehen kann, als die alte Elite mit ihrer konstitutionalisierter Demokratie.

  3. j.link sagt:

    lieber kollege mark smith,
    vielen dank für das mitdenken und die tipps. das dilemma beim populismus ist, dass es “den” populismus kaum gibt, wie schon das problem “rechts- versus links-populismus” zeigt. es gibt da einen guten sammelband: Richard Faber/Frank Unger (Hg.): Populismus in Geschichte und Gegenwart (2008). unverzichtbar ist die populismus-theorie von ernesto laclau und chantal mouffe. ich habe in dem band die überlappung von populismus und dem normaldemokratischen system links/rechts/mitte/extreme behandelt (J.L.: “Diskurstheoretische Überlegungen zur neuesten Konjunktur des Populismus-Begriffs”).
    trumps spezifischer populismus ist in der tat der des (ad)venture-capitalist, der den staat als große holding führen möchte: genau das ist ja entdifferenzierung. ross perrot ist ein vorläufer (“America, take on the World, and win!”), und natürlich Berlusconi – nicht zu vergessen sankt poroschenko!
    konstitutionalismus: sehr zutreffend – der realexistierende konstitutionalismus ist eben mit dem wählerinnen-volk über das dispositiv “links/rechts/mitte/extreme” gekoppelt.
    bleiben Sie uns als mitdenker erhalten!
    Ihr jürgen link

  4. die entdiffrenzierung von politik und ökonomie, neben anderen, ist von den weit einschlägerigen ökonomen und politikwissenscchaftlern schon mt staatsmonpolistischer kaplismus und für die usa vom ökonomem kenneth gailbraith als konnvrgenzthese der systeme der damaligen udssr und warschuer pakt und den usa, nato staaten erfasst worden.

    heute reden wir von der entbettung ökonomie und autoitäem etatismus odr autoritätem kapitalismus. sozusagenn. profit ohne rücksicht auf verluste, poimat igemgestzlchkeit r statitihen konkurrenz der profitgeleitteten wirtschaft – des weltmarkts od d märkte, mit insbesondere dominanz der finanzmärkte, aktien und banken, groessen untenehmen.

    der staat als reperaturbetrieb des kapitalismus- diese formulierug kostete einen spd ob hamburgs sofort sein amt in den 1980igern – sagt auch viel üb herrschaft und entdifferenzierung.

    luhmann sieht die vulkane des marxismus schon in den 80igern als erloschen an (vorwort von “soziale systeme”), weshalb er höhere abtraktionsstufen bevorzugt. trotzdem gibt da schon sehr zu denken, diese wohlinformierte diagnose weit vor dem fall der udssr und des sieges des revioionismus in china.

  5. die entdiffrenzierung von politik und ökonomie, neben anderen, ist von den weit einschlägerigen ökonomen und politikwissenscchaftlern schon mt staatsmonpolistischer kaplismus und für die usa vom ökonomem kenneth gailbraith als konnvrgenzthese der systeme der damaligen udssr und warschuer pakt und den usa, nato staaten erfasst worden.

    heute reden wir von der entbettung ökonomie und autoitäem etatismus odr autoritätem kapitalismus. sozusagenn. profit ohne rücksicht auf verluste, poimat igemgestzlchkeit r statitihen konkurrenz der profitgeleitteten wirtschaft – des weltmarkts od d märkte, mit insbesondere dominanz der finanzmärkte, aktien und banken, groessen untenehmen.

    der staat als reperaturbetrieb des kapitalismus- diese formulierug kostete einen spd ob hamburgs sofort sein amt in den 1980igern – sagt auch viel üb herrschaft und entdifferenzierung.

    luhmann sieht die vulkane des marxismus schon in den 80igern als erloschen an (vorwort von “soziale systeme”), weshalb er höhere abtraktionsstufen bevorzugt. trotzdem gibt da schon sehr zu denken, diese wohlinformierte diagnose weit vor dem fall der udssr und des sieges des reviosionismus in china.

  6. Moritz Avenarius sagt:

    Folgt man den Skizzen von Dirk Baecker über die “Nächste Gesellschaft” mit ihrem Primat der Vernetzung, dann könnte man Trump als einen “nächsten Akteuer” sehen, der u.a. mit Twitter die bisherigen Teilsystemgrenzen der modernen Gesellschaft unterläuft bzw. munter neu vernetzt. Und damit neue Sinnangebote / Handlungsoptionen testet. Die USA ist sicherlich der prädestinierte Ort in der heraufziehenden digitalen Gesellschaft, dies auszuprobieren.

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