“Tja, was würden die Ursprünglichen Chaoten dazu sagen?” – Dass die Analyse im Team jetzt anlaufen sollte – über die große Denormalisierung des deutschen V-Trägers.

Letztens sind die Ursprünglichen Chaoten endlich ernsthaft plural geworden: Man lese den Post “Philosophen unter sich” vom 19. März und den langen 5. Kommentar zum “Bürgerwehren”-Post vom 25. Januar, an dessen Schluss Werner fragt: “Tja, was würden die Ursprünglichen Chaoten dazu sagen?” Folgendes:

Beide ausführlichen Texte beziehen sich imgrunde auf ein einziges Problem: Was bedeutet eigentlich die “Flüchtlingskrise” für Deutschland und Europa, und wie kann und soll sich unsereins dazu verhalten?

Das erste ist also eine analytische Frage, und das Bangemachen-Team (das sich ja nicht bangemachen lassen will) ist sich, wie man sieht, über einige wesentliche Thesen einig: Es geht um die Normalität, wie es das Essener Lehrstück “Unperfekthaus” bezüglich der “Bürgerwehren” genauso beweist wie die Polizei, wenn sie die “Bürgerbewehrten” durch die Bank für “ganz normale Leute” erklärt. Aber es geht um die verlorene Normalität der Angela Merkel bzw. der europäischen Hegemonialmacht Deutschland. Und genau darüber streiten auch die “Philosophen unter sich” (Post vom 19. März). Wie dieser Post feststellt, bemühen sich beide Seiten um die Quadratur des normalistischen hegemonialen Zirkels: Wenn Münkler das TINA vom 5. September (There was no alternative) erklärt und das aufgespielte Herz As als strategischen Meisterzug lobt – aber auch, wenn Sloterdijk auf das Resultat schaut und feststellt: Tatsächlich aber hat der Staat die Kontrolle verloren (und wie soll ein Staat, der die Kontrolle verloren hat, seine Hegemonie behalten?). Genauer noch: Merkel habe ihre normalen Bürger “überfordert”.

Dann aber ist zusätzlich festzustellen: Münkler wie Sloterdijk widersprechen ihren Prämissen – sie befinden sich also im Argumentations-Notstand, im diskursiven Notstand. Münkler müsste, von Carl Schmitt her denkend, sagen: Durch den tragischen Zeitverlust mit der-  ihm zufolge notwendigen!! – Versenkung Griechenlands befindet sich Deutschland (wie Europa insgesamt) de facto im Notstand – Carl Schmitt hätte den Ausnahmezustand verhängt (wie Hollande wegen des Terrors). Genau diesen Widerspruch fühlt auch Sloterdijk: Der normale Bürger ist überfordert, er spürt das “Staatsversagen”. Das ist zutreffend: Die “Flüchtlingskrise” bedeutet eine große Denormalisierung, wie bereits die Tatsache beweist, dass die Verdatung kollabiert ist! Die Verdatung als notwendige Bedingung jedes Normalismus kollabiert!

Und daraus folgte geradezu lehrbuchmäßig das Auftauchen von “Bürgerwehren”: “Der ruh’ge Bürger greift zur Wehr”, dichtete schon Schiller in seiner Panik vor der Revolution, während die Denormalisierung von heute vom Zusammenbruch der Normalitätsklassengrenzen kommt. Deshalb heißt Normalisierung jetzt vor allem: Die Ordnung der Normalitätsklassen wiederherstellen, also die Grenzen gegen weitere Flüchtlinge schützen und die bereits “hineingeschwappten” – “integrieren”. Denn zur Ordnung einer Ersten Normalitätsklasse gehört eine minimale Homogenität der Population – mit möglichst wenig Enklaven (Gettos, Banlieues oder gar Bürgerkriegszonen, heute auch “Terrorbiotopen”).

Insbesondere Münkler ist also diskursiv insolvent: Er benennt nicht einmal das Problem: Das Aufspielen des Herz As wird nicht nur von der Schließung der Grenzen (die Deutschland mit Aufatmen quittiert), von der daraus entstandenen Flüchtlingskatastrophe in Griechenland und dem Türkei-Deal (mit allen Anzeichen eines Notstandsputsches) desavouiert – vielmehr geht es doch darum zu begreifen, warum Merkel heute nicht wie frühere Carl Schmittisten einfach den Notstand verhängen kann: Weil noch niemand richtig weiß, wie ein flexibel-normalistischer Notstand aussehen müsste. Wir kennen nur protonormalistische Notstände – und die “gehen nicht mehr” – gerade auch das Phänomen Trump lässt sich als Experiment mit diesem Dilemma begreifen.

Das “spüren” die normalen Bürgerbewehrten: Irgendwer muss die Funktion des Notständestaats übernehmen, das heißt die “Verantwortung” – der Verantwortungs-Träger fordert es dringend – wenn der Staat es nicht macht, eben “Bürgerwehren”. Ihre Funktion: Grenzen sichern, eventuell auch Enklavengrenzen – und “integrieren”, auf ihre Art.

Ist diese Analyse halbwegs zutreffend?

Zur Frage, wie unsereins sich dazu verhalten könnte, ein andermal. Wir hoffen auf das Weiterdenken im Team.

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2 Antworten zu ““Tja, was würden die Ursprünglichen Chaoten dazu sagen?” – Dass die Analyse im Team jetzt anlaufen sollte – über die große Denormalisierung des deutschen V-Trägers.”

  1. bernhard Kühmel sagt:

    Was “ursprünglich chaotisch” denkende auch diskutieren sollten, sind -wie du jürgen vorschlägst- operative begriffe für die analyse der innergesellschaftlichen antagonismen. welche sozialen gruppen bündeln sich in den “bürgerwehren”, besuchen die pegida-veranstaltungen, wer sind die “normalen” bürger aus der mitte der gesellschaft, die einen erheblichen anteil der “täter” der anschläge der letzten 12 monate darstellen.
    mit recht verweist der obige blog auf den staatlichen verlust der kontrolle im kontext der flüchtlingskrise (als jüngstes glied einer kaskade von krisen: finanzkrise/ neoliberal bedingte verschiebungen unserer normalitätsklasse in richtung breiter armutssockel/..). heinz bude verweist bezüglich der akteure auf sozial deklassierte, wenig gebildet, die konkurrenz befürchten (mit ironischen verweisen budes auf das “lumpenproletariat”), aber auch die 13 % der bevölkerung (“meist gut gebildet”, mit “sicheren positionen” mit der “angst”, “sich mit zweiten oder dritten plätzen” im “produktionsregime” begnügen zu müssen. Hilft Hardt/Negris “multitude” als operativer Begriff hier analytisch? Wie differenzieren wir die “montagsdemonstrationen” vor dem Zusammenbruch der DDR von dem von negri positiv gesehenen widerstand der stuttgarter bürger oder eben den pegida-versammlungen. Ist es die national-chauvinistische “rahmenerzählung”, deren nähe zu gehlen jüngst im spiegel nahegelgt wird? wo eröffnen sich im kontext dieser melange interventionsmöglichkeiten?

  2. j.link sagt:

    lieber bernhard,
    du wirfst die frage auf, ob die “rechtspopulisten” und als ihr extrem die “bürgerwehren” eine markante soziale basis haben, und wenn ja welche. schon in der zeit der klassischen faschismen stimmte die these “kleinbürgertum und angestellte” nicht wirklich: es waren auch nicht wenige arbeiter. heute ist die normalistische “atomisierung der masse” noch viel weiter fortgeschritten, so dass die meisten soziologen gar nicht mehr nach klassen analysieren, sondern nach “milieus” (schulze) oder sogar nach “stimmungen” (bude). richtig daran ist eben die immer stärkere “individualisierung” (beck), das heißt isolierung der “normalen personen” aus ihren as-sociativen bindungen. genau diese “atomisierung” führt aber im fall einer starken denormalisierung wie durch die krisenkaskade und besonders die massenflucht zur “stimmung der angst” und zur panikartigen ver-sicherung bei einer pseudo-as-sociation, wie es nationalismus und rassismus sind. das sind ja nicht wirkliche “warme, heimatliche kollektive”, sondern bloß geblockte atomare haufen. negri und hardt erhoffen sich, dass aus der normalistischen zerbröselung der klassen in gestalt der “multitude” ein neues plurales kulturrevolutionäres kollektiv entsteht. auch diese chance besteht, etwa bei den platzbesetzungen, jetzt wieder in frankreich “nuit debout”. um die dynamik der zwei antagonismen zum normalismus, in der mediensprache “rechts-” und “linkspopulismus”, analysieren zu können, gilt es, den normalismus zu berücksichtigen. wohin führt die denormalisierung? gibt es einen fatalen wiederholungszwang: immer nach “rechts”? und wie kommen wir raus aus dieser fatalen tendenz?

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