„Empire“ und „Multitude“ – Begriffsanalytische Anmerkung zu Jürgen Links „Normalismus und Antagonismus in der Postmoderne“ (In: kultuRRevolution Nr. 70, Heft 1/2016) – [von Clemens Knobloch]

„Empire“ und „Multitude“ – Begriffsanalytische Anmerkung zu Jürgen Links „Normalismus und Antagonismus in der Postmoderne“ (In: kultuRRevolution Nr. 70, Heft 1/2016) – [von Clemens Knobloch]

[1] Als Probestück für die Reichweite und Erklärungskraft der normalistischen Krisenanalyse wählt Jürgen Link in seinem ausführlichen KRR-Artikel die seit Hardt & Negris gleichlautenden Buchtiteln auf der Linken als Analyse- und Programmbegriffe zirkulierenden Ausdrücke „Empire“ und „Multitude“. Dabei geht es zunächst um die analytische und operative Reichweite dieser beiden Begriffe, indirekt aber natürlich auch um ihre Tauglichkeit, nicht bloß als Indikatoren des historisch-politischen Geschehens, sondern auch als Faktoren im Geschehen selbst wirksam zu werden (um die bekannten Formulierungen Reinhart Kosellecks zu zitieren).
Zum historisch-semantischen Hintergrund der beiden Begriffe gehört zweifellos das nach 1990 diskreditierte marxistische Modell eines weltweiten Klassenantagonismus, gehört aber auch das seit Mitte der 90er Jahre hegemoniale Deutungsmuster einer nicht widerspruchsfreien, aber als Bündel von einwandsimmunen Sachzwängen wirksamen (neoliberalen) Globalisierung. Dieses letztere steht ebenso für die leicht zu plausibilisierenden Erfahrungen einer „kleiner werdenden“ Welt (Internet, Massenkultur, Klimawandel, Märkte, Weltreisen…) wie für die „Naturnotwendigkeit“ eines universalen „Standortwettbewerbs“ im Feld der kapitalistischen Produktionsverhältnisse. Der besteht darin, Investoren durch günstige Steuern und Infrastrukturen sowie durch niedrige Arbeitslöhne anzulocken oder am Standort zu halten. Wie spieltheoretisch leicht auszuweisen, ist der Gesamteffekt, der eintritt, wenn alle „Standorte“ dieser Strategie folgen, eine doppelte Abwärtsspirale: Angleichung der Löhne und Arbeitsbedingungen nach unten und Angleichung der Kapitalbesteuerung nach unten.
Unter diesen Verhältnissen gerät die massendemokratische Politik in den Sog eines ziemlich antagonistischen Zwanges. Sie muss sich „ihre“ Investoren erhalten, möglichst sogar neue gewinnen, und ihre Legitimität gegenüber einer Bevölkerung verteidigen und ausbauen, die (teils bereits real, teils noch „gefühlt“) in den Strudel der Arbeitskraftentwertung gerissen wird. Das seit Jahren anhaltende (und in den immer gleichen Figuren ausgeführte) mediale und soziologische Geblubber über die schrumpfende, bedrohte, gefährdete „Mitte“ lebt von dieser Konstellation, und es lebt gut davon. Das ist gewöhnlicher, normalistischer Alarmismus und zeigt an, dass die „Mitte“ im Normalismus ein nachgerade mythischer Wunschort geworden ist. Droht da die Denormalisierung, gilt allenthalben die höchste Alarmstufe.
[2] Das Begriffspaar „Empire“ und „Multitude“ (so könnte man etwas maliziös formulieren) entspricht insofern dem (normalistischen) Denkstil der Zeit, als es die numerisch überlegene Vielzahl der atomisierten Individuen gegen eine zahlenmäßig verschwindende (und etwas nebulös bleibende) Sondermacht in Stellung bringt, welche die „Souveränität“ der Mehrheit usurpiert hat. Dass es die „Arbeiterklasse“ als (womöglich sogar programmatische) Selbstbeschreibung nicht mehr gibt – wo es sie gibt, ist sie ein Fluchtort, den jeder so schnell wie möglich hinter sich lassen möchte – ist natürlich geschenkt. Aber auch zur „Multitude“ rechnet sich niemand ernstlich, wenn man von kurzfristig aufflackernden Occupy-Parolen des Typs: „Wir sind die 99%!“ einmal absieht. Es fehlt also der Multitude offenbar bislang an einem identifikationsfähigen „Wir“.
Jürgen Link stellt ein „semsynthetisches“ (oder spekulatives) Diskursivierungsmuster (beispielhaft verkörpert in Heideggers Philosophie) einem “operativen“ Verfahren gegenüber. Nur letzteres ist angeschlossen an (und verbunden mit) den empirisch-generativen Prozessen der Normalitätserzeugung und –verwaltung, der Denormalisierung, der asynchronischen und krisenhaften Entwicklung gesellschaftlicher Bereiche. Er identifiziert das Multitude-Konzept von Hardt & Negri zu Recht mit einer (semsynthetischen) Umwertung und Mystifizierung der Massensemantik ins Programmatische.
Dennoch bleibt die Opposition von semsynthetisch vs. operativ (aus meiner Sicht) etwas verwirrend: In dem Sinne, dass sie reale Macht über die Deutungsmuster, Herzen und Handlungen ihrer Adressaten gewinnen möchten, sind alle programmatischen begrifflichen Verdichtungen des Typs „Multitude“ operativ (und beiläufig auch alle semsynthetisch). Und in dem Maße ihres „Erfolges“ werden sie zudem reale Faktoren des historisch-sozialen Geschehens. Sie verstärken oder verkleistern die Antagonismen, machen sie sichtbar oder eskamotieren sie weg oder tragen dazu bei, sie überhaupt erst entstehen zu lassen. Und alles nach dem guten alten Thomas-Theorem: „If men define situations as real, they are real in their consequences”.
Operativ geerdet werden Begriffe (in der begriffsgeschichtlichen Tradition) dadurch, dass sie sich an der Schnittstelle von Erfahrung und Erwartung einnisten und so den Deutungs-, Wertungs- und Handlungsmustern des (heute sozial weitgehend entbetteten) Individuums eine Richtung vorgeben. Kein Zweifel, dass auch die „breite Masse“ der Bevölkerung in unserer 1. Normalitätsklasse (die alles sein möchte, bloß keine „breite Masse“!) in ausgeprägtem Krisenbewusstsein und dauernder multipler Denormalisierungsangst lebt. Ein diskursiv hellsichtiger Soziologe (Heinz Bude) bezeichnet die deutsche Mittelschicht als „statuspanisch“, und das dürfte auch auf andere „westliche“ Mittelschichten zutreffen. Die Angst vor dem Statusverlust, letztlich vor dem „Absinken in die Masse“ (normalistisch gesprochen) erweist sich in diesem Zusammenhang als umfassende Ressource von Normalisierungsmacht: Kein hegemonialer Teildiskurs, in dem sie nicht zugleich geschürt und Linderung versprochen würde. Die Flüchtlingskrise der letzten 10 Monate (aber nicht nur sie) zeigt die Mechanismen wie durch ein Brennglas verdichtet: Für die einen sind die syrischen (und sonstigen) Flüchtlinge ein Fall für moralisch-universalistische Inklusion und zugleich ein normalisierendes Mittel gegen Alterung, Fachkräftemangel, demographische Austrocknung der Sozialsysteme, für die anderen sind sie die personifizierte Statusbedrohung, weil sie die Konkurrenz um Stellen, Sozialleistungen, Bildungsdiplome verstärken. Und dieses janusköpfige Muster wiederholt sich in fast allen Krisen und Konflikten: Sie laufen auf (mehr oder weniger strategische) Wertpolarisierungen hinaus und sind in diesem Sinne (für Jürgen Link) „protonormalistisch“. Da aber Normalitätsgrenzen letztlich auch im flexiblen Normalismus nur moralisch verhandelt werden können, wird dieser den Protonormalismus wohl niemals ganz loswerden.

[3] Die „Erfolgsmodelle“ der letzten Jahrzehnte, vom irischen oder luxemburgischen Steuersparmodell für global tätige „player“ bis hin zum deutschen Exportweltmeister, setzen spieltheoretisch alle darauf, dass sie die unter [1] skizzierte Abwärtsspirale ein wenig aufhalten oder sie strategisch einsetzen können: durch das steuerliche Anlocken von Weltkonzernen, die Geld und qualifiziertes Personal brauchen/mitbringen, oder auf das Ausbalancieren einer vergleichsweise fetten Mittelschicht mit einem wachsenden Niedriglohnsektor (wie im „deutschen Modell“), wobei der Niedriglohnsektor mit den harten Mitteln der Disziplinargesellschaft (Hartz IV) traktiert wird (fördern und fordern!) und die Mittelschicht mit liberalen moralischen Idealen, guten Sozialleistungen und einer egalitären Bildungsideologie hofiert. Kein Zweifel, dass alle alles tun werden, um im Hofierungsbereich zu verbleiben. Ob und ab wann diese innere Polarisierung antagonistisch, d.h. real denormalisierend wird, ist m.E. eine empirische Frage. Zur „Normalität in der Krise“ dürfte eine gleichermaßen ausgeprägte und gehegte Grauzone zwischen den beiden Bereichen gehören, eine Grauzone, die für Absteiger einen Angstraum und für Aufsteiger einen Wunsch- und Hoffnungsraum bildet.
[4] Paradigmatisch für ein antagonistisches Narrativ (wonach zwei unkontrollierbare, unsynchronisierbare Kurven auf eine irreversible Denormalisierung zulaufen) ist beispielsweise der Demograph Malthus (Bevölkerung wächst exponentiell, Nahrungsmittelproduktion linear), aber auch die Grenzen des Wachstums (Club of Rome) oder die moderne Klimakatastrophengeschichte partizipieren an diesem narrativen Modell. Was das Klima angeht, steht die Uhr seit vielen Jahren unverändert auf fünf vor Zwölf, was darauf hindeuten soll, dass wir bei großer Anstrengung die Katstrophe noch verhindern können. Aus meiner (womöglich linguistisch deformierten) Sicht können solche Geschichten aber eben nur adhortatorisch erzählt werden, d.h. sie sind gewissermaßen aktivierende Hochämter des Alarmismus: Je aussichtsloser die konstatierte Lage, desto größer müssen die Anstrengungen zu ihrer Vermeidung werden. Unterschätzt werden die (wenig erforschten) Mechanismen der (improvisierten) Gemeinschaftsbildung durch geteilte Narrative, Deutungsmuster, analytische und programmatische Begriffe. Und dabei baut der ganze Normalismus ausgiebig auf die stets aktualisierbare Bereitschaft der atomisierten Individuen, in allem und jedem zur Gemeinschaft der Normalen zu gehören. Die freilich ist eine „kalte“ Gemeinschaft, „warme“ Gemeinschaften (=Gemeinschaften der Guten!) sind nur da im Angebot, wo sich an den (flexiblen) Grenzen der Normalität Reibung ergibt. Diese improvisierten moralischen Gemeinschaften ersetzen im linksliberalen Milieu die (protonormalen) „stabilen Gemeinschaften“ (S. 51), welche die populistische Rechte zu vermissen vorgibt.
[5] Abschließend ein kleiner Antwortversuch zu Jürgen Links Fragen zu meinem Lexit-Beitrag: „Hegemonie“ und „Souveränität: Klar, Hegemonie gleicht gewiss nicht dem Zauberstab Harry Potters, mit dem man (wie die Kanzlerin so schön sagt) aus jeder Krise stärker herauskommt, als man hineingegangen ist. Das ist und bleibt ein frommer Wunsch (der aber in der Amtszeit von Frau Merkel bereits etliche Male in Erfüllung gegangen ist). Beide Begriffe lassen sich für den historischen Augenblick nur spezifizieren durch eine Analyse und Gewichtung der Verflechtungen und Fusionen zwischen politischer, militärischer und wirtschaftlicher Macht. Die zu entwirren, dazu weiß ich als verirrter Grammatiker „viel zu wenig, um inkompetent zu sein“ – um Woody Allen zu zitieren. Und dass es da zu allen Zeiten Friktionen ohne Ende gibt, steht auch fest. Aber Hegemonie heißt durchaus nichts anderes, als in jeder krisenhaften Konstellation über Ressourcen zu verfügen, die die eigene Macht vergrößern. Wie man z.B. die Angst vor dem Klimawandel und den moralischen Druck auf die Politik, diesbezüglich als tätig und aktiv aufzutreten, zu einem wunderbaren finanzpolitischen Anlagemodell kombiniert, das geeignet ist, die aktuellen Verwertungsprobleme der „Märkte“ zu lindern, das kann man heute (18.7.2016) in der SZ nachlesen. Und klar: Jeder weiß, dass die deutsche Exportwirtschaft lieber heute als morgen die Wirtschaftssanktionen gegen Russland aufheben möchte, an denen Teile der Regierung einstweilen festhalten, um andere Machtambitionen nicht zu gefährden. Jeder weiß auch, dass keine denkbare russische Regierung NATO-Raketen auf der Krim einfach hätte hinnehmen können, dass sich die Putinregierung also durchaus „rational“ verhalten hat. Hegemonie besteht eben darin, dass sich die gesamte westliche Welt vor einer „russischen Expansion“ fürchtet, obwohl hunderte von US- und NATO-Militärbasen immer näher an das Land heranrücken, das selbst über genau eine Militärbasis außerhalb seines Territoriums verfügt (und die liegt im umkämpften Syrien!). Genauer gesagt betrifft das Hegemonie im Sinne von Meinungsmacht, und die ist natürlich nur ein Segment, aber unter massendemokratischen Verhältnissen ein außerordentlich wichtiges. Und zudem die einzige, von der ich ein bisschen zu verstehen glaube.

9 Antworten zu “„Empire“ und „Multitude“ – Begriffsanalytische Anmerkung zu Jürgen Links „Normalismus und Antagonismus in der Postmoderne“ (In: kultuRRevolution Nr. 70, Heft 1/2016) – [von Clemens Knobloch]”

  1. anton-reiser sagt:

    nur eine anmerkungen zu den anmerkungen von c. kobloch, der sich als etwas verwirrt bezeichnet
    im hinblick auf die oppsition semsythetisch vs. operativ bei der generierung von konzepten wie “multitude”, die link einführt. beide verfahren wirkten doch auf rezipienten gleichermaßen und seien im effekt also beide operativ.
    meines erachtens hat link die wirksamkeit von semsynthetisch verfahrenden diskursen auf rezipienten nie bestritten. das wäre auch unmöglich im hinblick auf autoren wie heidegger und hegel. operativ nennt link nicht die wirkung eines textes auf dessen rezipienten, sondern seinen versuch, die semsynthtisch gleichsam erschlichene pausibilitätssuggestion, die, wie gesagt, hochwirksam sein kann, durch anschluß an empirische prozesse und generative rekonstuktion sowohl zu überprüfen wie mittelfristig zu ersetzen.

  2. Clemens Knobloch sagt:

    Jetzt bin ich noch verwirrter! Inwiefern sind Statistiken und Kurven “empirischer” als Aussagen? Jede Statistik beruht auf einer (semsynthetischen!) Auswahl von gemessenen Merkmalen (und der Ausblendung von anderen), jede Statistik ist strategisch und rhetorisch einsetzbar. Wenn an meiner Uni um Geld verhandelt wird, dann hat inzwischen jeder seine eigene passende Statistik, die alles so misst, dass es für die eigene Verhandlungsposition günstig ist. Ist das nicht ebenfalls eine “erschlichene Plausibilitätssuggestion”?

  3. j.link sagt:

    lieber clemens,
    auf deinen post werde ich anfang august antworten, da gerade auf dem sprung zu einer reise. aber schnell ein paar punkte gegen totales misreading:
    WNLIA: WEDER sind statistiken als solche operativ NOCH sind sie genauso semsynthetisch wie etwa heideggers diskurs (also rein sprachliche manipulationen mit subjekteffekt). statistiken in der physik erlauben in ganz anderer weise einsichten in objektive (vom menschlichen willen unabhängige) prozesse als die konstruktion von polysemien. wenn man radikal konstruktivistisch so etwas wie objektivität grundsätzlich bestreitet (was man machen kann), dann handelt es sich um zwei total verschiedene sorten von “subjektivität”.
    viele statistiken (wie etwa die an deiner uni) sind dagegen tatsächlich kaum von semsynthetischen verfahren zu unterscheiden: eben aufgrund gar nicht messbarer “Objekte” (wie z.b. “IQs”, siehe mein buch “Normale Krisen” mit der sarrazin-kritik). dabei handelt es sich um eine plausibilitätserschleichung einfach durch die (symbolische!) verwendung von zahlen statt wörtern der “natürlichen sprache”. das ist doch völlig unbestritten. operativ im sinne meines neuen buches ist absolut nicht gleich statistisch – wo soll das gesagt sein?
    dennoch aber auch: auch in der soziologie gibt es eine sinnvolle (in einem operativen kontext funktionierende) verwendung von statistiken: ob eine bevölkerung mehr oder weniger stark wächst oder abnimmt, ob eine untere middle class verelendet, das kann bis zu einem gewissen grade statistisch gemessen werden (mit fehlergrößen). als beispiel nenne ich etwa das buch von piketty “das kapital im 21. jahrhundert”. diese art operativität erreicht die materiellen (im weiten sinne) reproduktionszyklen und kann fragen der kopplung zwischen etwa technischen zyklen und zyklen der subjektivität stellen.
    über die (stets parteiische) auswahl von daten handle ich ausführlich seit dem “Versuch über den Normalismus” und werde das auch in dem neuen buch tun – aber das ist dennoch ein anderes terrain als semsynthetische diskurse, deren operativität sich auf subjektmanipulation beschränkt, die wiederum auf dem impliziten verbot beruht, die frage nach den materiellen zyklen und ihren kopplungen, besonders mit zyklen von subjekttypen, auch nur zu stellen.
    auf die schnelle: ausführlicher später. bis dann dein jürgen

  4. j.link sagt:

    lieber Clemens,
    nun etwas grundsätzlicher zu deinem post: genau solche kritischen überlegungen wollte ich mit dem vorabdruck eines teils meines in arbeit befindlichen buches in der “kultuRRevolution” nr. 70 “herauskitzeln”: herzlichen dank dafür! zunächst gehe ich mit deinen ausführungen zur “mitte” völlig d’accord: in der 1. normalitätsklasse gibt es auch nach 30 jahren totalkapitalismus (neoliberalismus genannt) noch immer eine quantitativ so große (nicht unbedingt “fette”, aber auch qualitativ nicht “abgestiegene”) “mitte” wie nicht in den unteren normalitätsklassen, wo sie von klasse zu klasse immer schmäler wird. ich führe das eben auf die privilegien der ersten normalitätsklasse zurück, die auf akkumuliertem kapital und akkumulierter macht beruht. diese “mitte” ist allerdings “statuspanisch”, was sie zu “leistung motiviert” – dadurch wird die frühere angst kompensiert, dass “über nacht der russe kommen kann”, die ebenfalls enorm zu allen möglichen “leistungen” motivierte. insofern ist diese latente abstiegsangst der mitte ganz passend zum flexiblen normalismus, in dem die auf- und ab-dynamik der “atome” gesteigert werden soll – mit etwa identischer bilanz: absteigende kügelchen werden durch aufsteigende ersetzt. entscheidend ist, wie du sagst, die “grauzone” am unteren rand der mitte und am oberen der “abgehängten unterschicht”. dort droht der “gap” und damit der antagonismus. dort gilt es, die normalistischen dispositive der um-verteilung einzusetzen, um den bruch zu verhindern. als ideal gilt: die ganze verteilungskurve soll kontinuierlich bleiben – jedes atom soll viele atome in der gleichen lage, in der etwas besseren und etwas schlechteren lage kennen, und das ohne gap von oben bis unten.

    soweit also völlid d’ccord. deine kritik verstehe ich so: nicht bloß die von mir (mein thema) stark gemachten normalistischen (verdatungsgestützten) dispositive sind wichtig für die analyse antagonistischer tendenzen, sondern auch andere: “Unterschätzt werden die (wenig erforschten) Mechanismen der (improvisierten) Gemeinschaftsbildung durch geteilte Narrative, Deutungsmuster, analytische und programmatische Begriffe” (punkt 4 deines post). als beispiel nennst du auf seiten der hegemonie oft die spieltheorie – inwiefern ist sie etwas (grundsätzlich?) anderes als der normalismus? woher kommt eigentlich die kategorie des “Deutungsmusters” und wie ist sie definiert? (das frage ich seit jahren leute, die diese kategorie als basis ihres diskurses verwenden – bisher bekam ich keine antwort – jemand muss das doch erfunden haben.) und hast du auf seiten der potentiellen “multitude” bestimmte solche gemeinschaftsbildende deutungsmuster im auge? ich stimme dir zu, dass ich andere interdiskurse berücksichtigen muss als die im engen sinne normalistischen, und im gleichen zusammenhang muss ich dann auch meine unterschiedung zwischen operativ und semsynthetisch schärfen: siehe meinen ersten Kommentar.

  5. Simon N. Taalbach sagt:

    Hier einige – wahrscheinlich recht naive und eher hilflose, zudem assoziative und nicht weiter durchdachte – Überlegungen zum Komplex „Antagonismus und Normalismus in der Postmoderne“:

    Antagonismus und Interdiskurs

    Wenn Interdiskurse insbesondere eine die sich zunehmend spezialisierenden Praktiken und Diskurse reintegrierende Funktion übernehmen, diese aber zunehmend nicht mehr erfüllen (können) (Bsp. Versagen von Statistik und Mediopolitik in der Krise), dann folgt daraus eine beschleunigte – und möglicherweise nur schwer brems- geschweige denn umkehrbare – Differenzierung/Spezialisierung der unterschiedlichen gesellschaftlichen Teilbereiche – gewissermaßen also ein akzeleriertes Auseinanderdriften. Nur ein Stichwort wäre hier die schon von Rudi Dutschke kritisierte „Fachidiotie“.
    Aus normalistischer Sicht tun sich damit Risse (statistisch gesprochen: Scheren) innerhalb der atomisierten Masse von Normal-Monaden auf. Das normalistische Dispositiv scheint es nicht mehr zu schaffen, die latenten Antagonismen am Ausbruch zu hindern.
    Das führt zu einer Radikalisierung und Kopplung der Antagonismen, möglicherweise bis hin zur Entstehung eines dominanten Antagonismus, nach marxistischer Dialektik also einem „unversöhnlichen, gewalt-, revolutions- oder kriegsgenerierenden Widerspruch zwischen zwei Polen einer gemeinsamen Struktur“ (S. 9).

    ➢ Inwiefern verändert sich unter diesen Vorzeichen der Kreativzyklus elementarer und elaborierter Kultur?
    ➢ Was folgt daraus für die interdiskursive Funktion der Subjektivierung?
    ➢ Was bedeutet das für tendenziell transnormalistische Interdiskurse?
    ➢ Wie sehen entsprechende Diskurstaktiken aus?

    Geht es wieder um den Realismus? Und wenn ja, um welchen?

    Im Rahmen der Expressionismusdebatte wies Georg Lukács darauf hin, dass das Ineinandergreifen der kapitalistischen Teilsysteme erst in der Krise manifest wird. Dazu zitierte er Marx: „Da sie nun doch zusammengehören, so kann die Verselbständigung der zusammengehörenden Momente nur gewaltsam erscheinen, als zerstörender Prozeß. Er ist gerade die Krise, worin ihre Einheit sich bestätigt, die Einheit des Unterschiedenen. Die Selbständigkeit, die die zueinander gehörigen und sich ergänzenden Momente gegeneinander annehmen, wird gewaltsam vernichtet. Die Krise manifestiert also die Einheit der gegeneinander verselbständigten Momente“. Im Hinblick auf die subjektive Wahrnehmung fügt Lukács hinzu: „Und jeder Marxist weiß, daß die grundlegenden ökonomischen Kategorien des Kapitalismus sich in den Köpfen der Menschen unmittelbar stets verkehrt widerspiegeln. Das heißt in unserem Fall soviel, daß die in der Unmittelbarkeit des kapitalistischen Lebens befangenen Menschen zur Zeit des sogenannten normalen Funktionierens des Kapitalismus (Etappe der verselbständigten Momente) eine Einheit erleben und denken, zur Zeit der Krise (Herstellung der Einheit der verselbständigten Momente) jedoch die Zerrissenheit als Erlebnis ansehen“. Einmal unabhängig von optik-analogen Modellen wie der Widerspiegelungstheorie gefragt:

    ➢ Was bedeutet das für Literatur und Künste?
    ➢ Wie sehen transnormalistische Interdiskurse aus?

    Im Grunde zeigt sich damit in aller Deutlichkeit ein Moment, das stärker berücksichtigt und wahrscheinlich auch kritischer betrachtet werden müsste: Die Verstrickung der Interdiskurse im normalistischen Dispositivnetz. Ließe sich nicht analog formulieren, dass der Interdiskurs in Zeiten des normalen Funktionierens des Kapitalismus nicht zuletzt auch die Funktion übernimmt, einen Effekt von Normalität zu generieren, der allerdings weitgehend imaginär wäre?
    Natürlich ist der interdiskursive Bereich nicht homogen. Wie sieht es also mit dem Einfluss (auch den Interventionsmöglichkeiten) unterschiedlicher diskursiver Positionen aus? Zumindest düften normalistische Interdiskurse einen großen sozialen Träger haben, transnormalistische hingegen einen vergleichsweise kleinen. Wie soll unter diesen Bedingungen ein Paradigmenwechsel möglich werden? Es stellt sich die Frage nach entsprechenden Diskurstaktiken sowie der Erzeugung und Potenzierung von Friktionen:

    ➢ Wie lässt sich weiter Sand ins normalistische Getriebe streuen – zumal, wenn transnormalistische Positionen weitestgehend von den normal(istisch)en Instanzen diskursiver Produktion ausgeschlossen sind?

    Trugbild Multitude?

    Aus Sicht der Ende der 1970er/Anfang der 1980er Jahre Geborenen stellt sich die Situation so dar, dass die Multitude weitestgehend als Fata Morgana erscheint, als ein Sehnsuchtskonzept, das es im alltäglichen Leben – vielleicht mit Ausnahme einiger weniger extrem kurzfristiger Ereignisse (Bsp. Heiligendamm) – Zeit ihres Lebens nie wirklich gegeben hat. Stattdessen erweist sich die normalisierende Dis-Sociation als prägende Lebenserfahrung. Insofern erscheint das Konzept deutlich eher zur Semsynthese als Operativität zu neigen. Allerdings führt dieser Befund zur Frage nach den Möglichkeiten, semsynthetische Konzepte operativ zu wenden und ggf. sogar praktisch zu applizieren.
    (Interessant erscheint die Perspektive dieser Generation übrigens deshalb, weil sie zu einem Zeitpunkt geboren wurde, als die Normalisierung von 68 begann und – wie man jetzt zunehmend zu erkennen meint – auch der neuerliche Anlauf des deutschen V-Trägers, der mit der unter dem Stichwort GERMROPA diskutierten deutschen Hegemonie in Europa fast (!) gelungen erscheint.)
    Operativ gewendet gilt es eher, neue Formen der As-Sociation zu generieren und für ihre Proliferation zu sorgen. Also:

    ➢ Wie entstehen dauerhafte As-Sociationen?
    ➢ Wie lassen sich transnormalistische Resistenzen ausbilden?
    ➢ Wie funktionieren Proliferationen?
    ➢ Wie könnte die Entkopplung einer Proliferation vom ökonomischen Zyklus aussehen?
    ➢ Wie lassen sich Proliferationen von Wissen gegen monetäre oder marktabhängige Proliferationen behaupten?

    Zuletzt noch eine Marginalie zur Frage nach der Verdatbarkeit immaterieller Arbeit: Hier wollen ambulante Pflegedienste als paradigmatisches Anschauungsobjekt erscheinen. Obwohl ganz eindeutig der immateriell-biopolitischen Arbeit zuzuordnen, gibt es wohl kaum einen Bereich, der derartig stark verdatet ist. Es gibt eine extrem enge zeitliche Taktung (Medikamentengabe = X Sekunden), eine sehr strenge monetäre Bewertung und überdies eine hochgradige Atomisierung (die Pflegekraft hetzt in ihrem Kleinwagen zu den Patienten in ihren Plattenbauwohnungen).

  6. Dr. rer. nat. Harald Wenk sagt:

    Herr Knobloch scheint Negri und die Multitudo und Statistik nun wirklich gar nich zu kennen.
    Das is ewas traurig, da dr Aufawmd an Gelehrsamkeit, sein Artiekl nachuivolzieh nte rdr an sich üblichen gegtenbtiligen Annahme
    so merh zhur ärgerlicghe Verewirrung beiträgt. Profesor LInk ist d asuereordentlich “geduldig” unfd zurückahltend.
    FDs könnte, deen harten polemsichn Todn in allem politischen Diskursne bedeneknd, viele täuschen.

    Dir utaliremisvhr sozulane breewgunen wirden in dr Tat zrertlegt, aber weit vor Multitutdo-Konzeptions Zeiten.
    Nregit landrte unzte falschen Beschuldigungn nachn irrungne und Wirrungen um Knastm wo er eine zusammnegstrichene
    Reststrafe von den babylonsicghh 30 jahren absaß!!

    Negt ist un dwar ein ´führedet Kopf der POltik von sozialen Bewgungen, außreoredenlich “praktusch2 ind soag da “Oparia” Konzeoz entewickellt habend.

    Statstisch sind REALE Massenphänomene, dren Gleichartigkeit vom Submolkularen bis zu Sternenhaufen
    es dem Sttat ermögliche, ein mathmatisavhr Präzisön des Monitorting seiner “Untaten”
    zu bekommen, die in die “Kriegeadel”, d.h. Massenschlächte rund Priesteradel, d. h. herrschsüchtige Heuchle,
    die Möglichkdeit unf Realität dr Unutaten auch statsistcih anszeiegn ließen!, vor allem nacchedme da formidabel Geld
    asl gemeinsmes Phnastieverrskalvungsmittel in den Händen der Kapitalisten dazukam !

    Ohne Spinoza und Deleuze/Guattar werden se nicht viel von der Menge, Masse, Multitudo verstehen.
    Dide “Macht de Menges” ist kosntitiv fü rdie Sttasmacgt, dei Massenloyalität. Die wird “satatistsch” sogar operativ bei Waheln im Sinne von: was nicht für uns ist ist gegrn uns, ausgezählt. Die Gegenmacht, progresiven Strömen ode das Klassenbewussrsein beruhen auf EWIGE VERNUNFT; “Wahrheit”,wie die Marxens.

    “Due THeorie kan immer mal dei MASSEN, (MUltitudo” ergreifen” mein Guaatrai imn 3 Ökologien, und das isz da opertive: Nrgti war ein außerordemntlcih “oparitv” tätige sttastechtprofressore de wie gesagt, da skOnzept d Opraria, wo Stidenten, Arenostlsoem Prekäre, Hausfreuuen wegn ähnlcihe ramtrrueler lageKlaaseenbewustsiein netwickeln. emtwivkelt hazt.

    DI italineische LOnke wur mir Nrgr quasi niedrgemacht er sekbst hatte ien Prozes im Zusamnahang mit faslcr Rädesklführrescjaf fü rdi eroten Brtgadnn usn saaß zeimlcih lang eim Grfaäöngnsiu wa se rz seienm Spiniazbuch nutzte (a la Gramsci), das äußerswt stark von Deleizue isnpireirt ist ud das goldrem Zeutaltre rHolland zu Spinoazs Zreuen , ims siner vrpasrt Möglcohkeiten srh genau behandelt.

  7. Dr. rer. nat. Harald Wenk sagt:

    Irgendein “witziger” Superhacker hat mit im Internetcafe, rein örtlich exzrem polizeinah, die Meldung: “Der admin hat beschlossen das das Aufrifen der Seite durch Sie ist Sicherheitsrisikso ist, den Aufruf der Seite verweigert!!”

    Sicherheitsrisiko bei “bangmachen” !!!

    ES gab noch einwn zweiten so witzsge Fall mit einer andeen Seite.

    Wer den Scahden hat, spottet hedr Brescvhteibung wie es im Ruhgebiet heißt..

    Mrein TExte werden seit Jahen zerhackt, zeimlich viele Computee und Softwar sind “zerhackt” durch dei von DEluez angekündesigrtne Viren un Hacker!!

    SEltdamrweise ist OPFERVERFLOGUNG die Massenantwort!!

    SElbst dr besten Antiviremnprpgarme sodn hackbart. WEOIL DTZR GEHREIMDUEWNYAT DARAUGF BRESTEWH nd ales flächendecken abghöen UND HACKEN LASSN!

  8. Werner Köster sagt:

    Lieber Jürgen,
    ein Kommentar weniger zur Sachebene als vielmehr zur Theorie/Methode bzw. zu deiner Frage nach der Kategorie “Deutungsmuster”. (Auch mir hattest du die Frage danach schon mal gestellt, das ist irgendwie untergegangen.) Wenn ich den Begriff verwende, dann in Anlehnung an unseren verstorbenen Freund und meinen wichtigen Lehrer Georg Bollenbeck. Er hat von seinem Buch “Bildung und Kultur. Glanz und Elend eines deutschen Deutungsmusters”, Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig 1994, immer als von seinem “Deutungsmusterbuch” gesprochen. Dort ist der Begriff auch im entsprechenden Kapitel S. 15ff. und in den langen Fussnoten 2 bis 9 ausführlich erläutert, mit vielfältigen Bezügen, auch auf Foucaults Diskursbegriff. Sehr vielfältig sind die Bezüge auf die historische Semantik, überhaupt Forschungsansätze der Geschichtswissenschaft, wichtig scheint mir die Abgrenzung gegenüber radikalkonstruktivistischen Theorien. Ich habe immer gefunden, dass der Begriff “Deutungsmuster” dem Diskursbegriff weitgehend entspricht, Georg wollte ihn aus theoriepolitischen Gründen (so würde ich es mal nennen) nicht durch “Diskurs” ersetzen. Ganz andeutungsweise gesprochen, aus der Erinnerung heraus, spielte für Georg eine Rolle, dass “Diskurs” AUCH Label von – ja, eben – Diskursen war und ist, die ihm unangemessen modisch vorkamen. Ob alles, was Georg in der Untersuchung des deutschen Sonderweges in Sachen Bildung (realgeschichtlich und semantisch/diskursgeschichtlich/begriffsgeschichtlich etc.) theoretisch “gemacht” hat, auch theoretisch verallgemeinerbar ist, das hat er, so erinnere ich es, offen gelassen. Natürlich ist “Deutungsmuster” kein Wort, das man irgendwie als Label einer Theorieschule schützen könnte. Gerade dadurch ist es alltagssprachlich, in nicht-akademischen Publika, zugänglicher als regelrecht terminologisierte Begriffe. Auch das war ihm wichtig. – Jedenfalls dürfte Georgs Begriffsverwendung die mit der größten Explizitheit sein. Insofern erhellen vielleicht diese Hinweise etwas.
    Herzliche Grüße
    Dein Werner

  9. Wolfram Breger sagt:

    Jürgen spricht in seinem Blog vom 8.8. noch einmal auf die “mitte” an, die “statuspanisch” ist, was sie zu “leistung” motiviert.
    spätestens seit der renaissance (s. jacob burckhardt, die kultur der renaissance in italien) kann man verfolgen, wie die herrschenden bzw. hegemonialen kräfte nicht zuletzt unter einsatz ihrer machtmittel ihr selbstbild in der gesamten gesellschaft zu implementieren suchen. das geschieht aktuell wieder mit dem leistungsbegriff. innenminister de maizière freute sich in einer stellungnahme über die olymischen spiele und den sport generell, der einen “unverfälschten leistungsbegriff” in sich trage, und das erklärte er als vorbildlich. (seit langem wird ja schon gefordert, den sport zum schützenswerten verfassungsgut zu erklären.) konkurrenzdenken und dann das “gemeinschaftserlebnis” kamen an 2. und 3. stelle.
    als nicht-diskurstheoretiker meine ich, wir brauchen dringend eine neue, breite diskussion und kritik des leistungsbegriffs und damit in zusammenhang auch der kategorien konkurrenz bzw. wettbewerb. die beeinflussung von mentalitäten, die macht der diskurse ist schließlich ein vehikel eines gewollten sozialen wandels.
    herzliche grüße
    wolfram.

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