Eine fatale Simulation der “Vorerinnerung” eingetroffen: “Bürgerwehren” proliferieren – was schlägt diese Stunde?

In diesem Blog wird häufig auf meinen Roman “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung” (assoverlag Oberhausen, € 29,90) Bezug genommen. In dieser Vorerinnerung wird der Weg des deutschen “V-Trägers” (Verantwortungs-Trägers, einer Art Allegorie des deutschen Kapitals in Gestalt der deutschen “Entscheider-Eliten”, wie Herfried Münkler sagt) ins 21. Jahrhundert vorweg simuliert. Die “Simulanten” sind die “Ursprünglichen Chaoten”, eine lockere 68er Intellektuellengruppe im Ruhrgebiet, die sich in Schrebergärten mit etwas aus der Reihe tanzenden Arbeitern und ihren Frauen zusammengetan hat. Ihre Simulationen sind also Zukunftsvisionen aus den 70er und 80er Jahren. Sie beruhen auf einigen grundsätzlichen Annahmen, darunter der, dass die “Verantwortung” des deutschen “V-Trägers” mit dem Kapital wachsen und wachsen wird – bis zum “3. Versuch”, also dem dritten Aufstieg Deutschlands zur Weltmacht, womit dann auch Kriege der Bundeswehr in der Dritten Welt verbunden sind.

Die simulierten Bürgerwehren der Vorerinnerung: R 4, Preußen, Euros, Christwehren

Aufgrund dieser hauptsächlichen Phantasie-Spielregeln der Simulation tauchen dann auch “Bürgerwehren” auf, und zwar in der Simulation “Zwillingsgeschichte 2001″ (S. 109-152). In diesen satirischen Zwillingsgeschichten spielt jeweils ein weibliches Zwillingspaar – der Politische und der Unpolitische Zwilling – die Hauptrolle. 2001 ist eine symbolische Zahl – aus den 1970er Jahren heraus phantasiert und also repräsentativ für 21. Jahrhundert allgemein. In dieser Geschichte geht es um einen Krieg der Bundeswehr in Azania (Südafrika) und seine Folgen für die “Heimatfront”. Die Normalität bricht zusammen, es gibt Notstandszonen, besonders im Ruhrgebeit, das in Nord und Süd aufgeteilt ist – und es gibt Bürgerwehren zur Unterstützung der Polizei, die sich aber selbständig machen und die Kontrolle an den diversen Notstandszonen-Grenzen übernommen haben.

Bürgerwehren und ein Madonnenwunder

Die Bürgerwehren bilden vier politisch profilierte Netze: R 4 (Viertes Reich), Preußen (Deutschnationale), Euros (Kämpfer für ein deutsch dominiertes, integriertes Europa) und Christwehren. Durch einen Trick der Zwillinge gibt es eine Madonnenerscheinung, die für Verwirrung und zusätzliches Chaos sorgt. Wie sollen sich die Bürgerwehren zur Madonna stellen?

“[…] ernste meinungsverschiedenheiten in den christwehren und den verlässlichen bürgerwehren über die madonna.  ausgangspunkt gestern abend war die entscheidung des großen rats der euros gewesen, sich trotz widerstands einer sogenannten ‘lateinisch-katholischen opposition’ in der madonnenfrage wie zuvor schon die hitlers und die preußen zu entscheiden, d.h. deutliche asiatische, geradezu turktatarische züge um stirn und augen der madonna festzustellen (das war die konsequenz von dem langjährigen chinesischen grinsen der zwillinge gewesen!), entsprechend waren die vertreter des schlagglotzenkonzerns im großen rat zusammengeschissen worden, aber da war wie gesagt die madonna längst nicht mehr zu bremsen gewesen.  an der basis der christwehren und teils auch einiger eurowehren waren demgegenüber spontan große sympathien für die madonna ausgebrochen […]” usw. (S. 142f.: dort weiterzulesen)

Die “Flüchtlingskrise” als das X, das reale Bürgerwehren hervorgebracht hat

Das getrickste Madonnenwunder der Zwillinge steht für das in solchen ernsthaften Simulationen niemals vorauszusehende “X” – und dieses X bildet heute, 2015-2016, die sogenannte “Flüchtlingskrise” – sie hat reale Bürgerwehren, gerade auch im Ruhrgebiet, hervorgebracht. Die Vorerinnerung ist gerade für solche Situationen geschrieben – sie soll – gerade durch das spielerische Element – Distanz ermöglichen, einen analytischen Blick entwickeln helfen und im Idealfall sogar Handlungsoptionen zu eröffnen (wo könnte sich ein “Packende” abzeichnen?).

Das Spiel mit der “Vorerinnerung” erlaubt es tatsächlich, die Lage alternativ zur hegemonialen mediopolitischen Klasse zu analysieren: Es ist tatsächlich die “gewachsene Verantwortung” (personifiziert wie von niemand sonst von Verantwortungsbacke Gauck), also der 3. Aufstieg zur Weltmacht – es sind tatsächlich die Kriege der Bundeswehr zwischen Afghanistan und Mali (bedenklich nah beim simulierten Südafrika), die die “Flüchtlingslawine losgetreten” haben (Schäuble). Den Beginn der großen Denormalisierung hat aber Schäuble selbst zu verantworten, wie in diesem Blog mehrfach begründet: Es war der Zeitverlust durch die Versenkung Griechenlands in der ersten Hälfte von 2015.

Die Bürgerwehren mithilfe der Vorerinnerung analysieren

Stimmen die realen Bürgerwehren mit den simulierten überein? Teilweise sicherlich. So nennt sich die Bürgerwehr von Sprockhövel (auf Facebook) “BÜRGER(W)EHRE FÜR DE”. Das kennen wir: MEINE EHRE HEIßT TREUE usw. – also R 4. Aber zum Beispiel die gestoppten Essener SPD-Bürgerwehren (Parole “Der Norden ist voll”)? Und all die (möglicherweise schon Hunderte) anderen? Ich weiß es einfach nicht und bitte daher die Leserinnen dieses Blog (viele sind es ja sicher nicht) um Mitarbeit. Über die Funktion “comment” könnten konkrete Informationen über lokale Bürgerwehren gegeben werden – mit einer Einschätzung der “Farbe”: Gibt es Christwehren? Eurowehren? Preußen (also Deutschnationale)?  Oder ganz andere?

Zur Rolle von literarischen Vorerinnerungen – und eine Einladung ans Publikum

Aber ist das überhaupt Literatur? Wer gleich negativ antwortet, meint offenbar, dass nur sogenannt unpolitische Literatur Literatur sein könnte. Aber es kann auch ernsthafte Zweifel geben, zu denen etwa folgendes zu sagen wäre: Natürlich sind sogenannte versifizierte Leitartikel Müll. Die Vorerinnerung geht in eine ganz andere Richtung: Sie erzählt die Lebenszeit einer Generation – und jede Lebenszeit ist elementar mit-strukturiert von den aktualgeschichtlichen Prozessen, in die diese Lebenszeit gebettet wird. Gerade unter dem Aspekt der Lebenszeit spielen alle drei Ekstasen der Zeit (Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft) ineinander – gerade auch die Zukunft, die aus ihren Erwartungen aufgeht. Diese Dimension erfordert Simulationen und Spiele mit Simulationen und auftauchenden Realitäten. Eine Vorerinnerung bietet ihren Leserinnen also für eine gute Bettung der Lebenszeit ernste Spiele an – anders gesagt eine spezifische Sorte Literatur.

Sicher gibt es Konsens über die Denormalisierung der augenblicklichen Lage – die Einladung, mit der Vorerinnerung etwas mitzuspielen, ist sicher nur eine Kleinigkeit. Aber es könnte wenigstens eine kleine Alternative zum Weiterwursteln in der jeweiligen Normalität sein (anders gesagt: eine Alternative zur Vogel-Strauß-Strategie, die sich beim 1. und 2. Versuch des deutschen V-Trägers so “bewährt” hat).

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5 Antworten zu “Eine fatale Simulation der “Vorerinnerung” eingetroffen: “Bürgerwehren” proliferieren – was schlägt diese Stunde?”

  1. Na dann mache ich hier mal den Anfang!

    Am 16. Januar dieses Jahres traf sich in Trier gegen 19 Uhr am Hauptbahnhof zum ersten Mal eine als Bürgerwehr zu verstehende Gruppe, die sich jedoch selbst nicht als solche bezeichnet. Über die Facebook-Seite “Trier hilft sich”, die aktuell über 1100 Mitglieder verzeichnet und für Nicht-Mitglieder mittlerweile nicht mehr einsehbar ist , versuchten die Initiatoren Gleichgesinnte zu mobilisieren. Tatsächlich waren es dann ca. 5-15 Menschen, die – begleitet von ca. 10-12 PressevertreterInnen (darunter auch der Trierer Volksfreund und der SWR) – gegen 20 Uhr den bewusst medial inszenierten “Spaziergang” durch die Trierer Innenstadt in Angriff nahmen. Begleitet wurden sie dabei ständig von bis zu 40-50 Menschen, die das Geschehen kritisch (!) beäugten. Nach offizieller Verlautbarung lag der Bürgerwehr vor allem daran, “gewaltfrei und friedlich” und “mit offenem Auge” durch die Stadt zu gehen, um “Zivilcourage” zu zeigen. Sie marschierten also ca. 2 Stunden durch die Stadt, hielten an einschlägigen Plätzen an, gaben dort dem hinterhereilenden Presseclub Interviews und beendeten den Rundgang schließlich wieder am Hauptbahnhof, ohne in irgendwelcher Weise in städtische Leben “eingegriffen” zu haben.

    Was nun eine Einordnung in die Simulation der “Vorerinnerung” angeht, ließe sich diese Bürgerwehr wohlmöglich in eine Grauzone zwischen R 4 und Preußen einordnen (mit Tendenz zu R 4), ohne es mit Sicherheit sagen zu können. So verhielten sich zwei der drei Initiatoren der Bürgerwehr (die gleichzeitig auch Administratoren der Facebook-Gruppe sind) über Facebook affirmativ zu NPD-Positionen. Vergleiche dazu das auch ansonsten hilfreiche Statement von “Trier für Alle”: https://www.facebook.com/trierfueralle/posts/1641108729474615 Die Kategorien Christwehr und Euros scheinen also für Trier (zunächst) eher nicht anwendbar zu sein.

    Für die Heuristik der Bürgerwehren interessant wäre zudem die Frage, ob es Sinn macht, eine Kategorie namens “Reichsbürger”/”Verschwörungstheoretiker” o.ä. einzuführen, falls die Kategorie R 4 dazu nicht ausreicht. Darunter könnte man Menschen zusammenfassen, die vor allem durch antisemitisch/antiamerikanisch/rassistisch gefärbte Ressentiments und Welterklärungen auffallen, wie es die Trierer Bürgerwehr-Initiatoren taten (siehe ebenfalls das oben verlinkte Statement). Diese Kategorie hätte den Vorteil, über mögliche personelle Überschneidungen zwischen den sogenannten “Montagsmahnwachen” der letzten Jahre und den Bürgerwehren diskutieren zu können.

  2. j.link sagt:

    lieber rosa salon trier,
    erstmal vielen dank für deinen sehr hilfreichen bericht. daraus ergibt sich ja sofort die weiterführende frage nach der “nachhaltigkeit” dieser “emergenz”: war der kontrollmarsch eine eintagsfliege? und überhaupt diese bürgerwehr? oder verstetigt sich das?
    vielen dank auch für den vorschlag einer kategorie “Reichsbürger/Verschwörungstheoretiker”. mit blick auf zu befürchtende verstetigungen und eskalationen ist es ganz wichtig, gut zu analysieren. in unserer vorerinnerung kommt beides vor: der antisemitismus gehört nach unserer simulation zu R 4 (in der tradition von R 3) – “ver-schwö-rungs-the-o-rie!” schreien in der vorerinnerung aber auch die dienste, um ihre rolle der sichtbarkeit zu entziehen.
    wir müssen an diesem “ball” bleiben!
    deine ursprünglichen chaoten

  3. Liebe ursprüngliche Chaoten,
    die Antwort kommt spät. Aber sie kommt. Derzeit scheint es so, dass die Bürgerwehr sich noch ein weiteres (bestätigtes) Mal in Trier öffentlich aufgetan hat, aber darüber hinaus keine Schlagzeilen mehr machte. So viel zu Trier. Die AfD scheint da doch – vor allem in Hinblick auf die in einem Monat anstehenden Landtagswahlen – anschlussfähiger und damit auch gefährlicher. Vielleicht helfen solche Aktionen, vielleicht auch nicht: http://www.focus.de/regional/trier/wahlen-proteste-gegen-afd-veranstaltung-in-trier_id_5278209.html Ein deutschlandweiter Blick übersteigt derzeit meine/unsere Kenntnisse. Das bleibt abzuwarten.
    Herzlich: Euer Rosa Salon Trier

  4. j.link sagt:

    lieber rosa salon trier,
    ja die tendenz notstandsregime scheint mehrgleisig zu laufen: sowohl parlamentarisch (AfD) wie außerparlamentarisch (pegida, “bürgerwehren”). faschismus kommt vom italienischen fascio die combattimento, also “sturm-abteilung” (SA), tendentiell bewaffnete miliz, tendentiell bewaffnete “bürgerwehr”. das muss gleich im entstehen genau beobachtet werden: wie z.b. hängen solche “bürgerwehren” mit teilen der privaten sicherheitsdienste und/oder den “türsteherszenen” zusammen? das kann “brandgefährlich” (im mehrfachen sinne) werden. deshalb hatten wir das in der “vorerinnerung” simuliert, damit wir alarmiert sind, wenn es real auftaucht.
    herzlich eure ursprünglichen chaoten

  5. Werner Köster sagt:

    Lieber Jürgen,
    zum Thema Bürgerwehren.
    Ich hab da mal recherchiert. Schon die Stichwortsuche bei facebook ergibt eine unüberschaubare Menge von Fundstellen. Man muss natürlich die rein historischen schützenvereinsähnlichen Seiten erst mal (sonst wird’s suchtechnisch zuviel) ausscheiden, was nicht immer einfach ist. Aber es gibt jedenfalls viele neu gegründete Bürgerwehren bzw. Gründungsaufrufe. Die wenigsten Fundstellen sind ironisch gemeinte Beiträge. Immerhin gibt’s die. Auch bei der Auswertung meine Zeitungsrecherche kann ich mich kurz fassen, trotz der Menge der Funde. Ergebnis: Wer den Wunsch nach Bürgerwehren akzeptiert, weist sie als „normal“ aus. Mönchengladbachs Polizeipräsident Mathis Wiesselmann sagt über die Initiatoren einer Bürgerwehr, die ihm dann versprochen hätten, „die Facebook-Seite vom Netz zu nehmen“: das „seien in der Gruppe überwiegend ganz normale Menschen.“ Auch NPD-Ratsherr Claus Cremer liebt das Normale, wenn er die „Bürgerwehr Bochum-Wattenscheid“ verteidigt: „Wir haben die Bürgerwehr aber nur unterstützt, nicht initiiert. Das sind ganz normale Durchschnittsbürger“.
    Der Tenor der Medienberichterstattung stellt sich mir so dar: Das Verlangen, der Wunsch nach Bürgerwehren (angesichts von Flüchtlings- und anderen Krisen) wird als normal akzeptiert, in der praktischen Umsetzung, so wird zumeist argumentiert, sei diese Normalität allerdings bedroht, denn natürlich haben inzwischen auch Rocker und Hooligans ihre schlagkräftige Hilfe angeboten und die will man natürlich kaum als normal gelten lassen. Daher wird von der Aufstellung von Bürgerwehren freundlich abgeraten. Die Polizei pocht auf Professionalität. Auch auf der Internetseite der Rechtsschutzversicherung ARAG (welche Ironie!) rät der Fachmann („Immer ein starker Partner“, so werben die): „Bürgerwehr: Lasst das mal die Profis machen! Wir Deutschen sind eine Do-it-yourself-Nation, wie man samstags in jedem Baumarkt beobachten kann. Allerdings kennen die meisten Heimwerker ihre Grenzen. Gewisse Arbeiten sollte man besser nicht selbst erledigen, wenn man das Eigenheim nicht unter Wasser setzen will.“

    Die rechtliche Seite von ziviler Hobby-Exekutive könnte übrigens ganz kurios sein. Vor einiger Zeit hab ich mal in Duisburg gesehen, wie schwarze Sheriffs, private Sicherheitsdienste offenbar, einen arabisch-südländisch aussehenden jungen Mann „festgenommen“ haben. Ich hab mich gefragt, was diese Dienste eigentlich dürfen und bin darauf gestoßen, dass es ein Jedermann-Festnahmerecht gibt. Auch Sicherheitsdienste können sich nicht auf mehr als das berufen, weil sie keine eigentlich polizeilichen Lizenzen haben. Ausgerechnet das Jedermanns-Recht, das mir in Skandinavien-Urlauben immer so sympathisch war, weil es „wildes“ Zelten und anderes erlaubt! „Jedermann“ darf im Bedarfsfalle „festnehmen“, sogar einsperren. Darf Jedermann mit den frei verkäuflichen Handschellen rumlaufen? Wie dieses ganze Handlungsfeld genau geregelt ist -, da müsste man mal einen wirklichen Fachmann fragen. Also diese schwarzen Sheriffs bewegen sich merkwürdig in einer Grauzone.

    Jetzt hat das Ganze für mich noch ein vorläufig letztes, besonders perfides Kapitel bekommen, dem ich den Titel gebe: „Das Essener Unperfekthaus, das Erbe von 68 und die normale Bürgerwehr“. Ich möchte eine eigene historische Erinnerung einflechten, die das Thema „Staatsferne und der Bürgergesellschaft“ hat.

    Man kann davon ausgehen, dass das Unperfekthaus in der Wahrnehmung vieler Leute gewissermaßen als das neoliberal normalisierte Erbe von 68 dasteht. Ich selbst gehöre ja der erinnerungspolitisch eher ruhmlosen 78er Generation an (1960 geboren, 1978 volljährig) , aber wenn es denn überhaupt Sinn macht, in Generationen zu denken (tut es ja vielleicht in gewissem Sinne), dann war eine der herausragenden Leistungen seinerzeit die Entstehung von zahlreichen soziokulturellen Zentren im Ruhrgebiet, die Entstehung der Alternativkultur. Ich selbst habe das in meiner Jugend im Dortmunder „Nachbarschaftshaus“ erlebt, und habe es eindrucksvoll in Erinnerung. Von einem der damaligen Köpfe der Initiative war es als „soziale Skulptur“ gedacht. In der Tat war in unseren Räumen ein enormer Aufbruch erlebbar. Das war schon eine kultuRRevolution. Projekte wie dieses gehörten zu einem umfassenden Wandel, das Konzept Soziokultur stand ja in der Tradition des weiten, die gesamte Lebensweise umfassenden Kulturbegriffs (Kultur, Liebe, Wohnen, Lernen, Essenkochen etc. – überall änderte sich was). Im Hintergrund damals die Entstehung der Grünen, also auch einer „alternativen“ Politik.

    Damals hatte diese Szene einen „kurzen Sommer“, der sich in meiner Erinnerung mit dem Begriff „Staatsknete-Debatte“ verknüpft. Die eher anarchistisch Gesonnenen um den ersten dortmunder Müsli- und Ökoladen herum lehnten Staatsknete ab. In der Finanzierung durch den Staat sahen die die Gefahr feindlicher Übernahme. Im Nachbarschaftshaus diskutierten wir ne Weile darüber, ob nicht bereits feste Putzpläne bürgerlich und repressiv seien und wünschten uns, dass sich das Putzproblem spontan lösen ließe. Aber kurze Zeit später hatten wir zahlreiche Hauptamtliche, die mit Staatsknete sehr gut bezahlt wurden und dem Projekt das Überleben, in gewissem Sinne bis heute sicherten. Allerdings verschwand dann auch wirklich alles radikal „Alternative“ aus dem Projekt.

    Von heute aus wirkt diese „Staatsknetedebatte“ ganz irre. Damals wuchs ja ein großes kulturelles Feld, das nicht zuletzt mit Staatsknete finanziert worden ist (natürlich nicht nur mit Geld aufgebaut, sondern mit viel Engagement). Die sozialstaatliche Absicherung, die man damals als alternativer Kulturschaffender hatte, selbst noch in den jeweiligen Zwischenzeiten von Arbeitslosigkeit, kommt einem ja heute vor, als stammte sie aus einem goldenen Zeitalter. In gewisser Weise, so empfinden es doch viele Linke bzw. Leute, die nach Alternativen suchen, gilt es heute, den Staat zu verteidigen, bzw. es gilt die Diskursstrategie, ihn in die Pflicht zu nehmen. – So weit meine Gedächtnisskizze, die jetzt als Hintergrund für die Geschichte vom Essener Unperfekthaus und den neuen Bürgerwehren dienen soll.

    Das Unperfekthaus ist die unternehmerische Variante eines alternativen, soziokulturellen Zentrums. Unternehmerisch gegründet, aber es beherbergt z.T. vergleichbare Tätigkeiten und Leute. Wie gesagt, wenn denn die 78er ein 68er Erbe angetreten hatten, dann dürfte das Unperfekthaus als Alternative zu den einstmals Alternativen in der öffentlichen Wahrnehmung als das vernünftig geläuterte Erbe von 68 gelten. Es genießt einen partiell ähnlichen Ruf, es darf sich wahrscheinlich sogar partiell ähnlicher Ablehnungshaltung bei Manchen rühmen.

    Und ausgerechnet der Kopf des Unperfekthauses, Wiesemann, plädiert jetzt für die Normalität von Bürgerwehren. Gewissermaßen aus dem Geist der Staatsferne und der Bürgergesellschaft, der Zivilität! Das Unperfekthaus will „offen“ sein, so war es auch offen für eine Bürgerwehr-Initiative. Nach dem kleinen Skandal, den das hervorgerufen hat, verteidigt Wiesemann seine „Offenheit“ und die seines Projekts. Natürlich wird die exklusive Gegenüberstellung von Staat und Zivilgesellschaft unserer damaliger 78er AnarchistInnen nicht übernommen. Die Wahrheit liegt bei ihm sozusagen in der Mitte bzw. in der richtigen Kombination. (Ich zitiere aus einem Artikel der „ruhrbarone“, in dem sich auch ein Aufruf von Wiesemann findet, http://www.ruhrbarone.de/unperfekthaus-essen-ein-herz-fuer-die-buergerwehr/120431) Und er ist natürlich undogmatisch. So heißt es in seinem Aufruf: „Ganz wichtig: Für „Schwarz/Weiss“-Denken sollten wir in Deutschland zu schlau sein.“

    Wiesemann will nicht, dass die Gründer der Bürgerwehr als Rechte dargestellt werden. Sie seien vielmehr normal. Ich zitier mal länger aus dem Aufruf:

    „Mehrere Gespräche gestern und heute mit der Polizei Essen (die Polizei hat Kontaktbeamte, die jede(r) einfach mal um Rat fragen kann) haben mich in dem Gedanken bestätigt, dass bürgerschaftliches Engagement für mehr Sicherheit legal möglich ist. Aufmerksame Bürger, die hinsehen, wenn etwas passiert, sind ganz eindeutig erwünscht!
    Es gibt zahlreiche private Initiativen für Sicherheit, die es oft seit Jahrzehnten schon richtig machen. In den USA gibt es unzählige „Neighborhood-Watch-Areas“, und auf der ganzen Welt verbreitet sind „Guardian Angels“ (…).
    Auch die vielen privaten Sicherheitsunternehmen in Deutschland und überall auf der Welt sind voll akzeptiert und werden sogar von staatlichen Stellen beauftragt, Events zu sichern, Flughäfen uvm. (…). Auch sie haben nicht mehr Rechte als jeder Bürger, doch jeder bekommt eine Ausbildung vor dem Einsatz.: „Und diejenigen, die jede Art von bürgerschaftlichem Engagement für Sicherheit pauschal mit schlimmen Erfahrungen aus der Nazizeit gleich setzen, sollten bitte akzeptieren, dass bürgerschaftliches Engagement in JEDEM Bereich normal ist. Bei der Altenpflege gibt’s Profis UND hilfsbereite Nachbarn, bei der Sauberkeit gibt’s die professionelle Stadtreinigung UND Bürger, die auch mal selbst sauber machen.“

    Auch das Nachspiel, das der Vorgang gehabt hat, ist lehrreich. Wiesemann lässt das Unperfekthaus vorläufig ganz schließen und veröffentlicht ein neuerliches Rundschreiben.
    „Betreff: Die Gefährder der Demokratie (von links und rechts) haben einen Erfolg (…)
    Das Ganze ist eine Niederlage der Demokratie, und es tut uns sehr leid, dass wir so handeln müssen. Aber das Unperfekthaus ist kein Ort für Extremisten von beiden Seiten.“
    Wie gesagt, für Wiesemann liegt die Wahrheit in der Mitte. Offenbar besteht die Gefahr, dass „normale“ Bürgerwehren denkbar werden. Wenn der Wiesemann typisch ist, würde das die Gefahr der normalen Mitte zeigen, nicht die der Extreme. In Blogs findet man bereits etliche historische Analogien zur Weimarer Republik bzw. zur Zeit des Nationalsozialismus. „Juhu, wir haben die Weimarer Republik zurück, wo die SA und der Rotfrontkämpferbund entweder sich auf die Fresse hauen oder gemeinsam gegen die Polizei vorgehen.“ (http://www.jenapolis.de/2015/08/23/hartmann-neue-qualitaet-erreicht-rechte-gewalttaeter-von-heidenau-muessen-ganze-haerte-des-rechtsstaates-zu-spueren-bekommen/)
    Tja, was würden die ursprünglichen Chaoten dazu sagen?
    Herzliche Grüße
    Werner

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