Neues Heft der Zeitschrift “kultuRRevolution” erschienen.

Für Leser dieses Blog dürfte das neue Heft 66/67 der Zeitschrift “Kulturrevolution” besonders interessant sein: Schwerpunkt “Krisenlabor Griechenland” und außerdem Beiträge zur Kultur- und Medienkritik.

krr-heft66-67

Aus dem Inhalt: Margarita Tsomou: Das Versuchskaninchen baut am eigenen Labor…! Zum Aufschwung solidarischer Ökonomien als Exoduspraktiken im Griechenland der Krise. • Jacques Rancière: Die Gegenwart denken. • Gregor Kritidis: Eingeschränkte Demokratie. Zur Etablierung des postdemokratischen Maßnahmestaats in Griechenland. • Karl Heinz Roth: Die griechische Tragödie und die Krise Europas. Egalitarian Europe Working Paper No. 20.01-2013 (December 2013). • Christos Zisis: Political /Socially- engaged/ interfering art in Greece during the years of the economic crisis. • Alain Badiou: Die demokratische Nichtexistenz. • Jürgen Link: Den »Archipelagus« lesen, oder: Wie konkret ist Hölderlins Utopie einer »griechischen« As-Sociation? – gefolgt von: Mit Zeltstädten und direkter Demokratie zu einem polyeurhythmischen Ausweg aus der griechischen Krise? • Helmut Schareika: Rigas Velestinlís, der griechische Aufstand 1821 ff. und die aktuelle Krise Griechenlands. • Rolf Parr: Griechenland: Symbolisches und reales Experiment.

Der Griechenland-Schwerpunkt verbindet aktuelles Engagement mit historischer Fundierung so-wie Beiträge auch junger GriechInnen über widerständige Initiativen (Margarita Tsomou über selbstverwaltete Produktion und Distribution; Christos Zisis über kulturrevolutionäre Interventionen) mit Athener Vorträgen bekannter Philosophen wie Jacques Rancière und Alain Badiou, in denen Krise und Widerstand aktualhistorisch reflektiert werden. Wenn Neugriechenland im Allgemeinen erst mit dem Befreiungskrieg der 1820er Jahre angesetzt wird, so ist diese Auffassung zu korrigieren: Es beginnt wie jede Moderne um 1800, was Helmut Schareika am Beispiel von Rigas Velestinlis (Ferräos) darstellt. Parallel dazu gilt es, wie Jürgen Link frühere Beiträge fortsetzt, Hölderlin als Dichter auch Neugriechenlands zu entdecken. Wenn das deutsch-griechische »Liebesverhältnis« in der Krise eher Züge von »Hassliebe« zeigt, so ist die Ambivalenz also alt – beruht aber in erster Linie auf der Verdrängung der fürchterlichen Vergewaltigung unter der Besatzung durch die Wehrmacht (Karl Heinz Roth). – Dass die Versuche, Krisen still zu stellen, sie zu normalisieren, als so etwas wie soziale Experimente im ›Freilandlabor‹ verstanden werden können, zeigt Rolf Parr am ›Experiment Griechenland‹. Deutlich wird, dass das man es dabei mit real durchgeführten sozial-ökonomischen Experimenten zu tun hat, die medio-politisch im Rückgriff auf die positiven Konnotationen von naturwissenschaftlichen Experimenten und ihrem methodischen Setting verhandelt werden. Genau an diesem Punkt müssen daher diskurstaktische Interventionen ansetzen.

kultuRRevolution. zeitschrift für angewandte diskurstheorie ist erhältlich über den Klartext-Verlag, Heßlerstraße 37, 45329 Essen, www.klartext-verlag.de. • Das Einzelheft kostet 10,00 €; das Doppelheft 20,00 €; Abonnement 17,00 € im Jahr (2 Hefte).

Tags: , , , ,

3 Antworten zu “Neues Heft der Zeitschrift “kultuRRevolution” erschienen.”

  1. Dr. rer. nat. Harald Wenk sagt:

    der ernst der lage wird deutlich und die extrem erfahrenen, explizit politischen autoren roth und badiou sind nicht gerade hoffnungsfroh. insbesonder badiou weisst darauf hin, das die bisherige normal demokratische: wahldemokratisch oder ich-direkt-demokratische, politikform ziemlich unzureichend ist.

  2. anton-reiser sagt:

    lieber jürgen,

    die 66/67 der krr ist unter den vielen guten nummern eurer zeitschrift eine der besten!

    sie versammelt in bester krr-weise autoren, die das aktualhistorische denkbar und damit verstehbar machen, informiert über ansätze und möglichkeiten des widerstands. hinreißende bereits das schöne cover, das die krr in die tradtion des widerständigen einstellt.

    wichtig finde ich auch, daß französische, deutsche und griechische beiträge die nationale beschränktheit überschreiten.

    bei deinen notate zur diskussion möchte ich allerdings nicht ganz folgen. du schreibst, Badiou wolle das signifikat “kommunismus” österlich auferstehen lassen und hälst eine solche auferstehung aus diskurstaktischen gründen für ein wenig realistisches, ja unmögliches, jedenfalls nicht erstrebenswertes wunder.

    die geschichtsphilospische these Benjamins, daß der kommunismus erst durch das häßliche zwerglein religion seine ganze stärke gewinnt, enthält hierzu vielleicht auch einen dirskursstrategischen hinweis. du applizierst in deinen notaten das alte symbol vom standbein außerparlamentarische bewegung, das stark zu machen sei, und dem spielbein parlamentarische beteiligung, das letzlich der stärke des standbeins zu dienen habe. du und wir alle haben aber wiederholt die erfahrung gemacht und auch Roth weist in seinem beitrag für syriza zutreffend darauf hin, daß es bislang immer umgekehrt gelaufen ist und die integration in den parlamentarismus den umfassenden prozeß der integration in die jeweilige hegemonie einleitet (spd, grüne, linke, ?syriza?).

    vielleicht war Lenin mit seiner kritik an den kinderkrankheiten des kommunismus doch etwas voreilig, womit wir wieder bei diesem signifikat angekommen wären.

    folgte man dem vorschlag Badious und bündelte seine positionen in diesem signifikat, so folgte hieraus diskursiv ein vollständiger bruch mit dem demokratischen kaderwelsch. und ein solcher bruch ist für badiou offensichtlich die conditio sine qua non für die notwendige langfristigkeit einer widerständigen bewegung. man wäre hier bei einer steigerung von “Sozialismus oder Barbarei” (Luxemburg) angelangt, die sich, ernst genommen, allem parlamentarischen kretinismus verschließt. einer utopie, die sich mit benjamin in einer situation der niederlage und des untergangs artikuliert, und zwar, und das ist der springende punkt, utopisch und kritisch bricht sowohl mit der demokratisch-parlamentarischen beteiligungsillusion als auch mit der “verholzung” dieser utopie im “real existierenden Kommunismus”.

    auf diskursives material für einen solchen bruch könnten wir zurückgreifen. nicht nur das von Derridas hantologie prominten gemachte gespenst des kommunismus, des junge Marx könnte sich erneut klirrend in europa erheben; diskurisiv eine möglichkeit für ironie. sondern, konkreter, in texten von Brecht. ganz aktualhistorisch beziehen könnte man einerseits die frühen “Trommeln in der Nacht”, in denen sich Karger angesichts der sich ausbreitenden barbarei für das aufgehen in der “normalistischen Masse” entscheidet. dagegen das fragment aus der späten phase der weimarer republik, deren krise in vielfältiger weise an die gegenwärtige erinnert. im “Fatzer” nimmt Brecht den “Exodus” der multitude Hardts und Negris angesichts des ausbleibens der kommunistischen revolution als interimistische haltung in radikalster form vorweg “Verlaß jetzt deinen Posten”. verse wie “Der Geschlagene entrinnt nicht/ der Weisheit/ Halte Dich fest und sinke!/Fürchte Dich!/Sinke doch!/Auf dem Grunde/erwartet dich die Lehre/”, wirken, wie für das heutige griechenland geschrieben. sie akzeptieren einerseits die dimension der niederlage, stellen aber aber auch die schwäche des vermeidliche siegers fest und sehen möglichkeiten, wenn man nicht kurzatmigen illusionen verfällt: “Und von jetzt ab und eine ganze Zeit über/Wird es keinen Sieger mehr geben/Auf eurer Welt, sondern nur mehr Besiegte.”
    die letzten verse des Fatzer, den ich hier in der zusammenstellung Müllers zitiere, könnten auf jeder wandzeitung auf einem besetzten platz erscheinen:
    “Du bist fertig, Staatsmann/Der Staat ist nicht fertig. Gestatte, daß wir ihn verändern nach den Bedingugnen unseres Lebens./Gestatte, daß wir Staatsmänner sind, Staatsmann./” ….
    “Der Staat braucht dich nicht mehr/Gib ihn heraus./”

  3. Dr. rer. nat. Harald Wenk sagt:

    dawollen wir malweiterdiskutieen.
    “die geschichtsphilospische these Benjamins, daß der kommunismus erst durch das häßliche zwerglein religion seine ganze stärke gewinnt, …”

    tja,dafür ist ja auch der artikel dws hern ranciere auss der althusserschule zuständig, auch mit der kpf “verbandelt”.

    dort zerlegter laSSCHICH DIE VEREINUNGNASHMUNG DER HEIDDDEGGERSCHEN ZEITEXTASEN DURCH DIE totalvereinnahmung aller zukunftshoffnungen durch neoliberale verschuldungspolitik – privatundstaat: there will bew no way out if her anymore..verschuldungssäkulariserung.

    das setzt die relogiös eschatlogische protespotentiale wieder frei

    und danN stehen sie da, unserE linksspinziszten maRXITISACSVHER PROVINIENZ, MIT IHREM anschlüssen an tödliche monotheismuskritik und östlichen wiedergeburtslehren – ausspinoza.negri/hardt, balibar, moreaU,MATHERON,deleuze

    die philosophen haben ihre hausaufgsaben längst gemacht
    auch in der psychologie zur selbstverständigung führe die multitude erheblich besser mit einem direkten spinoza-marx. liebe racche, neid, eifersucht, hass.. GOTTESLIEBE intellktuelle, bildung, wahrheit.. )

Eine Antwort hinterlassen