Nach 1 Woche: Ein Superskandal der griechischen Regierung in den deutschen Medien weiter totgeschwiegen

Nun ist der “Baltakos-Skandal” fast 1 Woche alt, in der alle griechischen Medien täglich davon sprachen (großenteils auch abwiegelnd, aber sie mussten davon sprechen). Auch international ein großes Thema (z.B. in BBC und Guardian). Und in Deutschland (außer taz und Focus) weiter laut dröhnendes Totschweigen.

Nochmal eine andere Analogie: Angenommen ein russischer Neonaziparteisprecher hätte ein Video veröffentlicht, das ihn in “kollegialem” Gespräch mit Putins Generalsekretär zeigte (mit vielen “Fick ihn!”, “diese Wichser” usw.) – was wäre in den deutsche Medien los? Da würde (steht zu befürchten) vermutlich die Bundeswehr schon mobilmachen.

Die Analogie ist nicht abwegig, denn: Während die griechischen Medien über Baltakos und Samaras voll waren, während Samaras nach 2 Tagen peinlichen Schweigens nichts anderes zu erklären wusste, als dass er schon immer der schärfste Gegner der Chrisí Avgí gewesen sei (griechische Neonazipartei, deren Goebbels Kasidiaris das Video mit seinem Kumpelgespräch mit dem Generalsekretär der Regierung Samaras, Baltakos, ins Netz gestellt hatte) – während Samaras nichts über den Inhalt des Videos und über seine angebliche Unwissenheit zu sagen wagte – während all dem tagten die EU-Außenminister, allen voran Steinmeier, in Athen. Gingen sie darauf ein, dass der Generalsekretär der gastgebenden Regierung gerade als Neonazi-Versteher entlarvt worden war? Mit keinem Wort – aber sie verurteilten Putin und unterstützten die Regierung in Kiew, in der bekanntlich ebenfalls Neonazis (Partei Swoboda) sitzen. (Zwischen Swoboda und Chrisí Avgí bestehen engste Kontakte: Swoboda stellte für die vor Weihnachten erschossenen zwei Chrisí-Avgí-Kader in Kiew “Märtyrermahnwachen” auf, die von einer Delegation der Chrisí Avgí besucht wurden (Fotos im Internet, ebenso wie die mit dem Hitlergruß von Jazenjuk, mit dem Steinmeier jede Menge Verträge unterzeichnet hat).

Außerdem verurteilten die EU-Außenminister in Athen schärfstens die Twitter-Sperre in der Türkei.

Ein erster Grund für das Totschweigen in den deutschen Medien dürfte also die äußerst peinliche “Achse” Athen-Kiew von teils regierungsnahen, teils bereits regierenden Neonazis sein.

Aber es gibt noch einen zweiten Grund: Nächsten Freitag, 11. April, fliegt Angela Merkel wieder nach Athen. Sie will dort Arm in Arm mit Samaras eine “Botschaft an die Welt” richten: “Hurra die Krise ist vorbei! Griechenland hat eine Anleihe an den Märkten platziert! Das haben wir gemeinsam geschafft!” Dass die Arbeitslosigkeit offiziell (!) weiter bei knapp 30% liegt und noch einige Monate steigen wird, bevor die “Talsohle” erreicht wird (selbstverständlich wird in jeder Krise irgendwann die Talsohle erreicht – das Elend auf dieser Talsohle interessiert nicht nur nicht die Märkte – es freut sie ungemein, sinken dadurch doch die “Arbeitskosten” noch weiter und steigt die “Wettbewerbsfähigkeit” (die Profitrate) in glänzende Höhen).

Dieses Hurratheater also würde durch Baltakos laut krachend aus dem Sattel geworfen. Das muss vor dem “normalen deutschen Mediennutzer” verborgen werden, da “zu komplex” für ihn. Und da machen (fast) alle großen deutschen Medien mit! “Eine Zensur findet nicht statt”. Das steht ja für alle Fälle im Grundgesetz, wo es unsere “freien Medienleute” nicht weiter stört. Sie sind Verantwortungs-Träger (nachzulesen im Roman “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee”).

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2 Antworten zu “Nach 1 Woche: Ein Superskandal der griechischen Regierung in den deutschen Medien weiter totgeschwiegen”

  1. Daniel Reinhard sagt:

    Hallo Jürgen Link

    Sie schreiben:

    “Das muss vor dem “normalen deutschen Mediennutzer” verborgen werden, da “zu komplex” für ihn. Und da machen (fast) alle großen deutschen Medien mit! “Eine Zensur findet nicht statt”. Das steht ja für alle Fälle im Grundgesetz, wo es unsere “freien Medienleute” nicht weiter stört.”

    Wie müsste man sich nach Ihnen diese Mechanismen der Zensur vorstellen, die laut Grundgesetz nicht stattfindet? Würden Sie hier das Propagandamodell von Noam Chomsky und Edward S. Herman präferieren?

    http://de.wikipedia.org/wiki/Propagandamodell

    Oder wäre diese Zensur gut mit dem Habitus-Begriff von Bourdieu aufzuschlüsseln, wenn er schreibt:

    “Zu zeigen wäre – was ich jetzt nicht leisten kann -, dass der Habitus-Begriff, der ebenfalls relational ist, insofern er eine Vermittlung zwischen objektiven Strukturen und Praktiken bezeichnet, dazu dient, der Zwangsalternative von Subjektivismus und Objektivismus zu entkommen (…). Tatsächlich dürfte die Hauptfunktion des Habitus-Begriffs darin beruhen, dass man sich mit seiner Hilfe der Alternative von Mechanismus und Finalismus entziehen kann, der des subjektlosen Handelns eines Akteurs, der, wie die Althusserianer es wollten, lediglich Träger der Struktur sein sollte, und des rationalen, d.h. bewussten und kalkulierten Handelns eines Subjekts, das sich seine eigenen Zwecke setzt: Die Strategien, die der Habitus als praktischer oder Spiel-Sinn hervorbringt, sind als solche in keinem expliziten Plan vorausgesetzt. Sie zielen im Modus der ‘Protention’ (entsprechend Husserls in den Ideen) auf ‘objektive Potentialitäten’, die im unmittelbar Gegebenen unmittelbar gegeben sind wie verborgene Seiten eines Quadrats, die sich als ‘zu machende’, zu realisierende darstellen und die sich realisieren, ohne dass sie als mögliche, als eintretende oder nicht eintretende gesetzt werden, d.h. ohne Überlegung. Muss man in diesem Fall von ‘Strategie’ sprechen?” (Bourdieu, Pierre, 1993: Satz und Gegensatz. Über die Verantwortung der Intellektuellen, Frankfurt am Main, S. 92)

  2. j.link sagt:

    lieber kollege daniel reinhard aus der schweiz,
    auf jeden fall trifft die habitus-these von pierre bourdieu zu: es muss eine geschlossene rückkopplungs-schleife von objektivität und subjektivität sein. aber das erklärt nicht den konkreten fall, der eher nach der chomskyschen manipulationsthese aussieht.
    von bourdieus ansatz aus gälte es, den habitus zu konkretisieren. ich habe dazu (in der zeitschrift “kulturrevolution” nr. 63/2012) thesen zur habituellen “normalisierung” formuliert: “Wie Informationen und Meinungen ‘gemittet’ oder als ‘extrem’ ausgesiebt werden. Die (ver)öffentlich(t)e Meinung als Normalisierungsmaschine”.
    aber auch das erklärt nicht den konkreten fall. hier spielt der habitus “verantwortung” eine entscheidende rolle – ob aber “spontan” oder “gelenkt” oder beides, müssten insider uns erklären (vielleicht liest ja ein insider oder eine insiderin dies hier und gibt uns einen tipp).
    soviel scheint klar: in der ukraine ist eine lage entstanden, die vermutlich dominant “spontan” mediale habitus (plural) des kalten kriegs wieder erweckt hat – und die entsprechenden vorauseilenden und verschärften “verantwortungen” (dazu mein roman).
    mit dank für die nachfrage, jürgen link

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