Ulrich Beck im Interview zu Prism (was fehlt)

In einem Interview mit der FAZ (“Digitaler Weltstaat oder digitaler Humanismus?” 20.7.2013) gab Ulrich Beck als Soziologe der “Risikogesellschaft” eine Einschätzung der digitalen “Risiken”, die durch die Enthüllung von Prism öffentlich bekannt geworden seien. Analog zu Tschernobyl und Fukushima sah er auch hier das Risiko einer “Katastrophe” – mit dem Unterschied, dass die Katastrophe (ein “digitaler Weltstaat […], der sich von allen Kontrollen emanzipiert hat”, also ein ‘digitaler Welt-Kontrollstaat’) bereits eingetreten, aber bis zu Snowden nicht wahrgenommen worden sei. Snowdens Enthüllungen eröffneten nun aber die Chance zum Widerstand – er müsse in Richtung der Durchsetzung eines “Grundrechts auf Datenschutz und digitale Freiheit” als eines “globalen Menschenrechts” gehen. Dazu könnte eine “Whistleblower-Gewerkschaft” beitragen.

Auf Nachfrage der FAZ, ob es nicht eventuell “eine Nummer kleiner” gehe, verneinte Beck emphatisch. Nun ist es mit globalen Menschenrechten bekanntlich so eine Sache. Das fundamentalste aller globalen Menschenrechte, das Recht auf Leben, wird im “War on Terror” in Afghanistan und anderswo tausendfach gebrochen  (US-offiziös bisher 4700 durch Drohnen “gezielt Getötete”, davon etwa 2 Prozent ernsthaft Terrorverdächtige), und zwar u.a. mithilfe von Prism (wobei die Bundesregierung bekanntlich behauptet, das militärische Prism, mit dem auch die Bundeswehr seit Jahren “arbeitet”, sei ein ganz anderes als das zivile Prism).

Irgendetwas scheint bei Beck zu fehlen. Das Defizit ist aber die Folge einer scheinradikalen Übertreibung: Wo bitte lebt jener “digitale Welt-Kontrollstaat”, der angeblich Prism einsetze? Er ist empirisch nicht bekannt – genauso wenig wie das berühmte supranationale “Empire”. Prism gehört keinem supranationalen Kontroll-Empire, sondern einem einigermaßen bekannten Nationalstaat namens USA. Auch Google und Facebook sind keine supranationalen Multis, sondern US-amerikanische Großkonzerne, die daher mit dem Nationalstaat namens USA aufs engste verflochten sind.
Wenn die Supermacht die neue Weltmacht Nr. 2 vorführt
Deutschland, als Europas Hegemonialmacht durch die Krise in die Position einer Weltmacht Nr. 2 katapultiert, führt in Sachen Prism einen im In- und Ausland verspotteten lächerlichen Eiertanz auf. Und die USA lassen ihren Juniorpartner zappeln, ja führen ihn regelrecht vor. Klar ist, dass die Bundeswehr bei ihren Weltjuntaeinsätzen seit Jahren mit Prism arbeitet, also auch der MAD und ebenso der BND. Alles logisch, da Deutschland sich ja führend am “War on Terror” beteiligt, möglichst rasch eigene Killdrohnen beschaffen will und genauso wie die USA auf “neue Kriege” mit Dienste-Führung setzt. Bevor daher nicht wenigstens die UNO-Ermächtigung zum “War on Terror” beendet wird, sind globale Menschenrechte leider nur Träume.
Warum kein Widerstand?
Beck begründet den eigenartigen Umstand, dass es keinen massiven Widerstand gegen die mit dem War on Terror begründete globale digitale Rasterfahndung gibt (Symptome sind auch der Absturz der Piraten und der Grillini), mit der mangelnden Wahrnehmung: “Die Verletzung der Freiheit schmerzt nicht, man spürt sie nicht, man erlebt keine Krankheit, keine Überflutung, keine Chancenlosigkeit am Arbeitsmarkt.” Anders gesagt: Die Normalität ist nicht gestört (wie bei Fukushima usw.), es gibt keine Denormalisierung.
Es fehlt der Normalismus: Es handelt sich um einen Kopplungsfall zwischen Normalismus, Kapitalismus und Militär/Politik.
Offenbar würde ein massenhafter Alarm eine massenhaft wahrgenommene Denormalisierung voraussetzen. Erst dann würden sich Massen “betroffen” fühlen. Als klärendes Beispiel bietet sich aus naheliegenden Gründen die Emanzipation der sexuellen Minderheiten an: Wie wir jetzt wissen, hat Prism virtuell alle Kommunikationen von schwulen und lesbischen Personen auf dem Globus gespeichert. Das scheint nicht wirklich bedrohlich zu sein, da die kulturelle Inklusion der Betroffenen in das flexible Normalspektrum ja gleichzeitig nicht nur nicht gefährdet, sondern sogar vergrößert zu werden scheint. Analog ist es mit anderen früher als “anormal” betrachteten Minderheiten wie Behinderten, ethnischen Minoritäten, Einwanderern usw. Diese Stabilität des flexiblem Normalismus liegt der Sprechblase zugrunde, “wer sich nichts hat zu Schulden kommen lassen”, müsse nichts befürchten. Es gehe eben nur um Leute, die “irgendwie mit dem Terror zusammenhängen”, das seien weniger als 0,1 Prozent.
Das Risiko konkretisieren!
Strukturell ist Prism eine enorme Multiplikation des Prinzips der Rasterfahndung. Strukturell ist es nicht wirklich neu: Wir erinnern uns, dass Berliner Dienste vor einigen Jahren bereits im  Internet nach Stichwörtern wie “Gentrifizierung” fahndeten. Zum einen besteht ein konkretes Risiko also darin, dass Dienste “Vorfelder” erfassen möchten und dadurch ihre Verdächtigungen tatsächlich ins Normalspektrum hinein ausdehnen. Zum anderen sieht man an den Ereignissen in Ägypten, dass künftige Notstandsregime dann auf die gespeicherten Daten zugreifen können (konkreter und schon aktueller Fall die sexuellen Minderheiten in Ländern wie Russland). Da es sich also um den Fall einer strukturellen Kopplung handelt, müssen mehrere Normalfelder gleichzeitig einbezogen werden:  Militär, Kapitalismus, Politik und Juridik, und das Kopplungsdispositiv Normalismus. Das dominante dabei ist das Militär, und der springende Punkt der “War on Terror”.
Nochmalige Empfehlung, die diesem Blog zugrunde liegenden Bücher zu lesen. Oder: Welche Reizwörter dieses Posts sind wohl für Prism interessant?
Eine solche Kopplungsanalyse wird erklärt in der Neuerscheinung “Normale Krisen? Normalismus und die Krise der Gegenwart. Mit einem Blick auf Thilo Sarrazin” (Konstanz University Press; 19,90 Euro). Und all solche Kopplungen als spannende Erzählung: “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung (assoverlag Oberhausen; 29.90 Euro).
In dem Roman geht es auch um Reizwörter und Dienste – ja welche Reizwörter dieses Posts sind wohl für Prism interessant? Natürlich “Dienste”! und “Rote Ruhr-Armee”, und “Prism”, und eventuell “Widerstand”, und natürlich “Whistleblower” (bei Beck!) – eventuell auch “Normalismus” – könnte eine Verschlüsselung sein.
Übrigens: Die Idee einer “Whistleblower-Gewerkschaft” ist wirklich gut – sie gibt es auch schon im Roman – als Idee einer “Expertengewerkschaft”. Was wohl der DGB dazu sagen würde? Aber im Ernst: Wie könnte diese Idee realisiert werden?

Tags: , , , , , , ,

4 Antworten zu “Ulrich Beck im Interview zu Prism (was fehlt)”

  1. Jiang Qing sagt:

    Die ausbleibenden Reaktionen auf den doppelten NSA-Skandal, Datenausspähung und stotternde Ignoranz des zuständigen Ministers vor laufenden Kameras, bestätigen noch in einem anderen Aspekt die Ergebnisse der Normalismusforschung.

    Und zwar relativiert im mediopolitischen Diskurs das Ideologem der “Sicherheit” den Skandal der fortlaufenden Grundrechtsverletzung. Die heutige Ausgabe der Bildzeitung macht sogar mit dem Appell auf, “wir” sollten den Amerikanern dafür dankbar sein, daß sie in unserem Interesse diesen und alle weiteren im vorstehenden post angesprochenen Rechtsverstöße begehen. Sie versucht damit den Skandal diskursiv auf die viel strapazierte binäre Opposition von staatsbürgerlichen Freiheitsrechten vs. äußere und innere Sicherheit zurückzustutzen. In Zeiten terroristischer Bedrohung müsse “Sicherheit” den Vorrang erhalten. Der Weltpolizist dürfe nicht in typisch deutscher Manier bekrittelt werden.
    Es wird von Bild und Innenminister unterstellt, unser System, stehe “von außen”, also von jenseits der Terrorschwelle, in tödlicher Bedrohung. Aber nur die Bild bekennt sich bereits heute “mutig” zur Konsequenz der inneren Umdifferenzierung unter Dominanz von militärischer und polizeilicher Sicherheit.
    Dieses Bekenntnis zur “Sicherheit” könnte Akzeptenz finden und so aus dem dem diskursiven Dilemma herausführen, vor dem die Bundesregierung zu stehen scheint, weil es der Erfahrung progredienter Verunsicherung entgegenkommt, die die Subjektmonaden im flexiblen Normalismus seit 1989 und nine eleven auf vielen Gebieten, und aktuell eben auf dem der informationellen Selbstbestimmung, unter Denormalisierungsangst setzt.

    Der “große Bruder” USA, von dem der flexible Normalismus seit 1968 starke Impulse erhielt, wird in diesem Diskurs in eine weitere altbekannten binären Opposition zu den deutschn Bedenkenträgern gesetzt. Die USA werden dargestellt als der Realist, der den deutschen kritiksüchtigen Idealisten auf dem Weg zurück in protonormalistische Versicherung (mal wieder) einen Schritt voraus ist.

  2. liebe jiang qing,
    vielen dank für die wichtigen ergänzungen – in der tat wären an dieses diskursive ereignis ganze bücher anzuhängen. Deine zwei punkte stehen je für ein buch: 1) auf den war on terror kann (wie auf einen “richtigen” krieg) eine kriegsdiktatur neuen typs aufgebaut werden: mit gespaltener normativität (geheimjustiz, drohnenkillungen usw.) und Normalität – sektoriell herrscht eine ermächtigungdiktatur der dienste – im normalen alltag geht der flexible normalismus (vor allem symbolisch: gay marriages usw.) weiter. erzähl nochmal den Witz von der demokratischen kontrolle der dienste!
    2) wiederauferstehung der “nationalcharaktere”: “anglofoner realismus/pragmatismus” vs. “deutscher idealismus” (schön repräsentiert durch ulrich beck)
    Dein name ist sicher ein reizwort für prism: das ist Dir doch klar? das Rechtschreibprogramm von wordpress kennt ihn aber noch nicht, macht aber die kleinschreibung zu einer Ochsentour.
    alles gute, Deine ursprünglichen Chaoten.

  3. jiang jing sagt:

    Klar ist mir das mit dem Namen klar, wollte mich nicht gleich Johann Most nennen, sondern es ein weiteres Mal im guten versuchen.

    Praktischer Vorschlag, die Datenstaubsauger, zu verwirren:
    Massenhaft und kontextfrei Reizworte/tags in allen Internetbeiträgen verstreuen: Betreff: Flugzeug
    Heckler und Koch, Widerstand, Allah, Schnee…. wie schön könnte das sein….Pakistan, Sprengkapsel….geschähe das millionenfach, brauchte man keine….Focustheorie, Guevara,…..Verschlüsselungsprogramme…..Kassiber, Klassenkampf….

    jiang

  4. Dr. rer. nat. Harald Wenk sagt:

    der weltkontrollstaat ist in ihrer namensgebungddses “bb”, des “BIG BROTHER, in ihrem roman. bangemachen gilt nicht, doch ein wenig angelegt.

    um das zentralegegenargument gegen ihre existentzweifel zu bringen: hauptaufgabe des weltkontrollstaates ist die zerlegung der linken wirtschaftlichen alternatven. das hat mit dem ende des realen sozialismus hervorragend geklappt. auch diee hegemonie, besonders wirtschafsttheoretisch, über die akademischen köpfe, ist erreicht worden. schliesslcih ist das entkoppeln der konflikte, bis zu bürgerkriegen, von ihren sozialen und wit´rtschaftlichen ursprungsproblemnem zu relgionskionflikten (arrabellion) auch ein hervorragender erfolg des “weltkontrollsttates: facebook wird in de ganzen welt real verwendet und kontrolliert.

    selbst dass schicksal der LINKEN hier zeigt, wie gut de “weltkontrollstaat” funktioniert. die abschiebung von snowden nach russland, die fingierten vorwürfe gegen assange so einpolitusch erfahrener mann, profesotr link. deleuze kontrolgeselllschat ist längst bitterste realität, global!!

    die kontrollgesellschaft normalisert, indem sie “auswege” und altrenativen zubetoniert.

    da problem der berufspolitik. die polituschen alternativler müssen fast selbst politprofus werden, ist auch ein zutreffendes argument von herrn beck. dieangsrtvorterorismus trägt hysterische züge, da hsat e recht. vor allem, weil militär und sicherheuftsapparat ddei terotrsiten immer mehr reizenm umnd an irgendwelcchen lösungen überhaupt nicht interssiert sind, sondern den terror geradezu brauchen – als analss zur hysterischen errorbekämpfung.

    in fast allen andern berufen, geen die entwicklungen auch am öffentliche disdkurs fast vorbei.eine “unterhaltungs”-mediemwelt sorgt für die entkoppelung von fast jeder authentischen realität. die “frosch im brunnen” perspektive als normalste aller normalen macht’s möglich.

Eine Antwort hinterlassen