(krisenlabor/.gr) Samaras: “wieder ein normales Land” – Barroso: “Griechenland ist auf den letzten Metern des Marathons”

Wenn man diese Schlagzeilen liest, fragt man sich, auf welche Welt und auf welches Griechenland sie sich beziehen. Ich übersetze im folgenden Teile eines Kommentars zu Samaras in der Zeitung von Syriza (I Avgí) vom 4.12.2013. Darin wird die “Normalität” von Samaras zu Recht ironisiert. Aber wenn Barroso als Mundstück “der Märkte” den “Marathon” tatsächlich beendet sieht, muss er ja irgendein Stück Realität im Auge haben. Erklärlich werden solche Äußerungen, wenn sie im Rahmen der in diesem Blog benutzten Normalismustheorie und besonders der Theorie der “Normalitätsklassen” gelesen werden: “Normalisierung” Griechenlands heißt für die internationalen “Märkte” in dieser Perspektive ja nur: Der griechische Staat zahlt wieder “normal” Zinsen und Tilgungen für seine Schulden an die internationalen Banken und verlängert seine Schulden “normal” bzw. nimmt “normal” neue Kredite auf “den Märkten” auf. Obwohl auch das sehr unwahrscheinlich ist, posaunen Samaras, Barroso & Co. ein solches “Ende des Marathons” reklamemäßig aus, um die “psychologischen” Bedingungen dafür zu verstärken. Das Entscheidende dabei ist: Die Denormalisierung der Bevölkerung ist “kein Thema” dabei: “Normalität” mit fast 30% Arbeitslosigkeit, 60% Jugendarbeitslosigkeit, 30% aus den sozialen Netzen Gefallener usw.  Unter welcher Bedingung kann so etwas “normal” sein? Allerdings unter einer Bedingung: der einer 3. Normalitätsklasse (statt der vorherigen 2.). Das ist in diesem Blog mehrfach erläutert worden.

Es kann genau nachgelesen werden in J.L., “Normale Krisen? Normalismus und die Krise der Gegenwart. (Mit einem Blick auf Thilo Sarrazin)”, Konstanz University Press, 19,90 €.

Mögliches Geschenk! (ebenso wie: J.L., “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung”, assoverlag Oberhausen, 29.90 €. – Darin wird poetisch und satirisch erzählt, wie es von 1968 zur heutigen Krise kam.)

Nun aber der Kommentar der “Avgí”:

“Normales Land?

Schon an Hybris grenzt der Triumphalismus von Samaras, dass “Griechenland ein normaler Staat wird”, weil es dieses Jahr einen “selbst erwirtschafteten Haushaltsüberschuss” erzielt habe. Natürlich war es ihm nicht der Mühe wert zu erklären, wie das Land “normal” werden kann, wenn für einen jährlichen “selbst erwirtschafteten Überschuss” von 4,3% des BIP ein jährliches Wachstum von 4,5% erfordert wird. Dabei gehen selbst die für die Regierung optimistischsten Prognosen von plus minus Null aus.

“Das Land wird normal” mit einer Arbeitslosigkeit von 28%, die also nach Samaras gar nicht so groß ist, mit 2,7 Millionen unter der Armutsgrenze, mit 28% vom Zugang zum Gesundheitssystem Ausgeschlossener, mit einzelnen Menschen, die an Kohlengasvergiftung sterben, während Tausende andere bis zu Eisklumpen frieren müssen. “Das Land wird normal”: in der Tat! Wie es der Zufall wird, hat die OECD gestern gerade mitgeteilt, dass Griechenland 20 Plätze im Ranking der Bildung abgesackt ist. Genau wie bei der Gesundheit rutscht Griechenland unbemerkt raus aus dem europäischen Rahmen. Und Samaras schlägt die Privatisierung der Institutionen der Gesundheit und der Bildung, also die Verwandlung kollektiver Rechte in Waren, vor. Gesundheit und Bildung als Privileg für die Besitzenden. […]”
“normal” ´lautet griechisch “physiologikós” – das erklärt sich aus der Geschichte des Normalismus: im 19. Jahrhundert gab es zwei Branchen der Medizin und besonders auch der Psychiatrie: “anormal” (“abnorm”) und “physiologisch” im Sinne von “normal”. Weil dieses Wort griechischen Ursprungs ist, haben die Griechen es bis heute beibehalten, obwohl langsam auch “normál” benutzt wird.
Gerade auch international ist es wichtig, die normalistischen Komponenten der Krise zu berücksichtigen: Denn tatsächlich werden unsere Medien künftig (wie jetzt schon Samaras und Barroso) bloß noch die für die internationalen “Märkte” relevanten Daten in Schlagzeilen umwandeln: “Haushaltsüberschuss”, “Exportwachstum”, “erfolgreich Geld am Markt eingesammelt” pipapo – egal wie es der Bevölkerung geht. Der anhaltende Widerstand wird dann als “Frechheit” dargestellt werden – denn ein Land der 3. Normalitätsklasse hat sich mit Arbeits – und Versicherungslosigkeit gefälligst abzufinden. Weshalb es so wichtig ist, die Troika-Strategie in Griechenland als Herabstufung um eine Normalitätsklasse zu begreifen.

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2 Antworten zu “(krisenlabor/.gr) Samaras: “wieder ein normales Land” – Barroso: “Griechenland ist auf den letzten Metern des Marathons””

  1. Dr. rer. nat. Harald Wenk sagt:

    der neue machiavelli nietzsche wusste, dass das geheimnis der “herrschaft” ist, schmerzen zufügen zu können, erleiden können und tun viele da vieles (zuviel zumeist).

    so ist das also mit dem “hoffähig”§machrn de herunterstufung von normalitätsklssen zu verstehen: übergang der mass”identifikation” auf die leidenmacherseitew – die der macht.

    der glanz fällt dann auch auf professor links analyse, frucht seiner theorie!!

    das lasse ich mal , nietzscheaphorism(längen)mäßig , so stehen.

  2. Wolf Wingenfeld sagt:

    Ein interessanter Artikel zur griechischen Ratspräsidentschaft und zur angeblichen Erfolgsgeschichte der Rettungspakete.

    Did austerity cause a humanitarian crisis in Greece?
    Will the Greek presidency of EU mark a new narrative for Europe and Greece?
    von Matthaios Tsimitakis

    http://www.aljazeera.com/indepth/opinion/2014/01/did-austerity-cause-humanitarian-crisis-greece-2014165152464538.html

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