Wenn die Märkte bei Heidegger Zuflucht suchen

Wem es noch nicht aufgefallen sein sollte: Die allerjüngste Phase der Krise ist dadurch gekennzeichnet, dass die Märkte auf “bad news” (jedenfalls bis auf weiteres) nicht mehr mit “Nervosität” reagieren, sonden mit “Gelassenheit”. Hedge Fonds drohen offen damit, Griechenland trotz aller Rekorde an monatlich neuen und härteren “Sparpaketen” Pleite gehen zu lassen – die Märkte? “Nehmen’s gelassen” und “sind im Plus”. Frankreich herabgestuft? Die Märkte “bleiben gelassen” und “legen zu”. ESFS herabgestuft? Die Märkte haben “äußerst gelassen alles längst eingepreist” und “legen ne kleine Kursrakete aufs Parkett”.

Woher stammt die Gelassenheit? Von Heidegger! Na do staunß? Die “Ge-lassenheit” ist sogar Heideggers letzte Botschaft an die Zukunft. Nachdem er zunächst das “Ge-stell” und den “Gegen-stand”, zu deutsch die moderne Naturwissenschaft und die moderne Technik samt der entsprechenden Philosophien (worunter er nebenbei auch die Atombombe und – wie einige behaupten – unausgesprochen auch Auschwitz zusammenfasste) kritisiert hatte, wurde er auf seine allerältesten Tage weise, wie es sich gehört, und empfahl angesichts des “Ge-stells” die “Ge-lassenheit”. Dieses sein letztes Wortspiel ist folgendermaßen aufzulösen: Das angesichts der Fülle des SEINS so popelige Dasein soll eine Haltung einnehmen, in der es darauf verzichtet, mittels Ge-stellen irgendwas am SEIN “stellen” (ein-stellen, aus-stellen, an-stellen) zu wollen und statt dessen das SEIN einfach zu “lassen” (zum Beispiel auch das SEIN in sich selbst einfach zu-zu-lassen, was man in bestimmten lacanistischen Analysen üben kann).

In solch einer Analyse befindet sich, wie Leserinnen der “Vorerinnerung” (“Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee”) wissen, auch der V-Träger (der Verantwortungs-Träger), dessen “Unterbewusstes” eben seine “Märkte” sind. Mit Heidegger (was eine Ergänzung des Romans wäre) könnte der V-Träger tatsächlich lernen, die Märkte als sein schicksalhaftes SEIN “einfach in sich zu-zu-lassen”. Also “Ge-lassenheit” erlangen.

Das ist offenbar nun geschehen: Die Märkte nehmen alles “ge-lassen” und sagen sich: All die bad news von den Ratingagenturen sind bloße Gegen-stände des Ge-stells. Sie können dem SEIN nichts anhaben: Kaufen!

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Eine Antwort zu “Wenn die Märkte bei Heidegger Zuflucht suchen”

  1. Dr. rer. Nat. Harald Wenk sagt:

    “Märkte sind das Unterbewusste des V-Trägers. ”

    Diese Übereintimmung wird wissenschaftlich von der postsrukturalististschen Philosophie Deleuze/Guattaris mit ihrem „Fundamentum in re“ bestückt.

    Die haben sich auch mit Heidegger beschäftigt, vor allem Deleuze mit Heidegger ähnlichem Wurf der „Identät und Differen“ und dem „Ereignis“.

    Sie haben daher zum Unbewussten, den Märkten und ihrte rposttrukuuralen, konstruktivistsicen Übbereinstimmung erbelich Präziseres, Valideres und „Beunruhigenrendes“ zu sagen.

    Die Präzision geht bis zur Verortung, als „glatte und gekerbte Räume“ (Kleiner HalbScherz aus a.a.o. im „Tausend Plateaus“)) in die modernste Forschungsmathematik:

    Die fraktalen Brownschen Bewegung, deren Nachweise ihrer Frakatlität noch einmal 2006, kurz vor der Finazkrise, mit einer Fields-Medallie für den Deutschen Wegner in ihrere Bedeutung hervorgehgioben wurde,
    strukturiert sowohl das Unbewusste als auch vor allem die Finanzmärkte, einschlisslich ihrer so chaotischen „Dynamik“!

    Das nenne ich philosophischen Fortschritt: Über die Wissenschaft hinaus, nicht davor, in ihre souveränen Verortung im der wissenmschaftliche ARBEITSTEILZUNG, den richtigen „Warheitswert“ EMPHATISCH philosophisch GELTEND machen.

    Die Phiosophie sollte nämlich „ans sich“ den Todesstoss durch die Wissenschaft erhalten.
    Quasi als „Laberfach“. Dieser Angriff geht sehr sehr weit und sehr sehr tief.

    Wenige werden begreifen was Deleuze/Guattari mit ihrem Philosphischen Erkennetnissen ÜBER DIE WISSENSCHSAFT HINAUS, MIT IHREM GEBRAUCH, für die Rettung der lebenden Menschen und ihres ihnen von de Natur, Existenzerahltung!!, Warheitshungers geleistet und erfochten haben!!!!

    Die „Fasziantion“ Heideggers und vieler anderer beruht gerade auf „Abwehrbewegungen“ gegen die schier übermächtige, unaufhaltsam mit dem Wissensfortschritt verschweisste, Wissenschaft.

    Schon Marx wollte und wusste die Wissenschaft auf seiner Seite!!

    Hier ist das ebenso tiefe und weite „reprendre“ aus Frankreich!!!

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