Jetzt Weltmacht Nr. 2? Vermutlich ja.

International wurde Deutschland schon längst zu den ganz oben führenden Weltmächten gezählt. Im Inland (und besonders bei Linksintellektuellen) war der gesamte “geopolitische” Problemkreis dagegen tabu. Und nun ist es wie mit einem U-Boot: Es taucht plötzlich auf und zwar ganz vorn und ganz groß. Die Münchner “Sicherheitskonferenz” (das heißt das “Davos” der Geostrategen) behandelt lautstark das Thema “Deutschlands Rolle in der Welt”. Allerseits wird – nicht etwa Zurückhaltung, sondern “deutsche” Führungsstärke für die Welt gefordert! (Also noch mehr!) Timothy Gordon Ash redet dabei weiter von “Normalisierung” und “Normalität”.

In diesem Blog, in der “kultuRRevolution” und in der Vorerinnerung (Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee) ist das Tabu nie respektiert worden. Es war ein bisschen die Lage des “Rufers in der Wüste”. Ich erinnere mich an eine Diskussion unter Linksintellektuellen vor 5 Jahren (als wirklich alle Weichen längst klar gestellt waren), wo ich schüchtern zu Bedenken gab, ob wir uns nicht langsam darauf einstellen müssten, Opposition in der zweit- oder allenfalls drittmächstigsten Weltmacht zu sein… Aufschrei! Völlig verrückt!  “Europa!”, “Empire!” – aber doch nicht Deutschland.

Und nun ist das U-Boot plötzlich aufgetaucht. Es ist de Krise, die es zum Auftauchen gezwungen hat. Normalisierungsweltmeister gegen die Krise! Jetzt setzt “uns” nicht bloß die gesamte hegemoniale internationale Presse auf Platz 2 oder allenfalls 3 – jetzt können auch die deutschen hegemonialen Medien das Tabu nicht mehr wahren. Aber sie drehen die Sache so: Unsere Politiker sind zu zaghaft – sie sollten endlich mehr Klartext reden! Jawohl, “wir” sind Weltführungsmacht ganz oben – irgendwo direkt hinter den USA. Diese “Verantwortung” ist “uns” nun mal “zugefallen”. Jetzt müssen wir sie endlich klar übernehmen!

Für uns als antihegemoniale Opposition gilt es erstens zu klären, warum wir mal wieder überrollt wurden. Ich meine: Weil die Wahrheit in diesem Fall alles andere als bequem ist. Wie sollen wir uns jetzt zum Beispiel ganz konkret “im Ausland” verhalten? Wir können doch nicht “unser Nest beschmutzen”? Was machen wir bloß mit unserem (nationalen!) “Wir”? Aber einige Illusionen sind wohl abzulegen und auf einige Realitäten sollten wir uns vielleicht langsam einstellen, als da sind: Das “postnationale Zeitalter” ist keineswegs erreicht – die “großen” Nationalstaaten behalten nicht bloß ihre Souveränität, sie bauen sie sogar aus. “Post-Nationalität” und “Post-Souveränität” sind nur für die Kleinen und die Armen (normalismustheoretisch: für die unteren Normalitätsklassen, die kriegen vielleicht bald wirklich “Kommissare”), aber nicht für die “Großen”, nicht für “uns” . – “Europa”: ist eine Koalition von “großen” Nationalstaaten, unter der Führung des stärksten, der die Spielregeln setzt (“Fiskalpakt”) – was Widersprüche nicht ausschließt, sondern künftig verstärken wird. – “Empire”: ist ebenfalls eine Koalition von Weltmächten und keine übernationale Einheits-AG. – “Weltmacht China”: sollte nicht als Ablenkung von der Weltmacht Deutschland verwendet werden. China greift zur Weltmacht, Deutschland hat dabei einigen Vorsprung (zum Beispiel global-militärisch) – aber angenommen, “wir” wären wirklich bloß Nr. 3 – ändert das was?

Ich übersetze mal aus einem ganz “normalen” griechischen Kommentar (aus “Kathimerini”, 4.2.2012; man könnte hunderte aus allen Ländern der Welt zitieren): “So wie die USA unter Bush ihre militärische Stärke im Jahr 2003 überschätzten, indem sie ihre Bündnispartner zu Befehlsempfängern herabstufen wollten, so überschätzt heute das Deutschland der Merkel seine ökonomische Stärke und unterschätzt den entscheidenden Faktor der Politik. Das Wiederaufleben antideutscher Gefühle ist inzwischen mehr als sicher. Aber selbst auf der ökonomischen Ebene selber werden die Konsequenzen nicht lange auf sich warten lassen. Indem Deutschland die Sinifizierung der Arbeitsbeziehungen vorantreibt, dezimiert Deutschland die Einkünfte eben derselben Europäer, die seine Produkte kaufen und seine Überschüsse nähren. Wenn aber die Stärke sich zur Hybris steigert, wartet die Nemesis um die Ecke.”

Schön der echt griechische Mythos von der Nemesis, von dem unser Schiller so überzeugt war. Aber es ist so: Der deutsche Nationalismus (in BILD und SPIEGEL) ist bereits (wieder) in voller Geisterfahrt gegen die Nationalismen der anderen. Es braucht ein kulturrevolutionäres WNLIA (Weder noch, lieber irgendwie anders). Eine solche Stimme zu “stimmen”, ist nicht einfach. Die “kultuRRevolution” und die Vorerinnerung sind jetzt brauchbar. Es geht um den “3. Versuch des deutschen V-Trägers” (“Verantwortungs-Trägers”) – es geht darum, uns von diesem 3. Versuch nicht überrollen zu lassen. Ganz wichtig sind Simulationen und Szenarien dieses 3. Versuchs (wie sie in der “Vorerinnerung” stehen). Ja – wir Nicht-Hegemonialen können uns jetzt verdient machen, indem wie die Märsche des 3. Versuchs vor-simulieren und verbreiten – hier und international (um den 3. Aufprall des Geisterfahrers nach Möglichkeit zu verhindern.)

Tags: , , , ,

3 Antworten zu “Jetzt Weltmacht Nr. 2? Vermutlich ja.”

  1. achim voigt sagt:

    Lieber Jürgen,

    ja, das ist in der Tat so, dass das Problembewusstsein der “Linken” ziemlich unentwickelt ist. Damit schon ‘mal keine falschen “Hoffnungen” aufkeinem, erklärt DGB-Chef-Sommer DIE LINKE heute schon ‘mal für “nicht regierungsfähig” – die Gewerkschaften sollen also von oben schon ‘mal auf rötlich-(oliv)grün oder rötlich-braunschwarz eingestimmt werden. Das bietet schließlich die beste Gewähr dafür, dass keine unangenehmen Fragen gestellt werden. Etwa: Wie sollen die europäischen Peripherie-Länder denn Deutschland nachahmen?? Deutschlands vergleichsweise gute wirtschaftliche Position ist zum großen Teil auf die exorbitanten Außenhandelsüberschüsse zurückzuführen. Selbst wenn ein Land dies also kopieren wollte und auch technologisch könnte, würde Deutschland dann wohl bereit sein “zu teilen” – wohl kaum. Der vielgerühmte Arbeitsmarkt ist desweiteren zum erheblichen Teil auf “sogenannte atypische Arbeitsverhältnisse” gerichtet. Atypisch macht ja nun semantisch nur als Gegensatz zu “typisch” Sinn, damit wird gemeinhin das sogenannte N or m a l a r b e i t s v e r h ä l t n i s bezeichnet, das den den Kern der früher ‘mal vorhandenen Gewerkschaftsmacht ausmachte. Im heutigen Presseclub wurde es fast unisono doch als ziemliche Unverschämtheit der ArbeitnehmerInnen charakterisiert, dass diese einem solchen Arbeitsverhältnis noch immer nachhängen. Diese Flausen werden denen sicherlich, U. Beck und vielen weiteren Individualisierungstrommlern sei Dank, bald ausgetrieben werden. Für bezahlte Gewerkchaftsfunktionäre wie Sommer, wird es dann immer weniger reichen, nun, er wird sein Schäfchen im Trockenen haben und bezahlt gehört eh’ wirklich nur eine Minderheit. Zu der Zurichtung der der ArbeitnehmerInnen mittels moderner Sklavenmärkte muss natürlich weiterhin der ungehinderte Zugriff auf Rohstoffe und Abladeplätze für Ökoschrott garantiert sein, die, wie hattest Du das ja schon kommentiert, “fair ausgebeutet” werden sollen. Da trifft es sich nicht schlecht, dass viele sogenannte Linke schon seit über zwei Jahrzehnten ihr kämpferisches Herz (wieder)entdeckt haben: Fischer, Vollmer, Trittin, Cohn-Bendit, Biermann, die Antideutschen und die jeweils unappetitliche Mischpoke d’rumrum. Deshalb muss nun so getan werden, als ob die syrische Opposition, also angeblich alle außer Assad selbst und dem Militär, angeblich geschlossen und unbeeinflusst von westlichen Geheimdiensten gegen Assad stünde. Und vor allem muss so getan werden, als ob die EURO-Krise, die geopolitisch motivierten Aggressionen, der deutsche Rechtsradikalismus und der deutsche antiegalitäre Rechtspopulismus vier völlig verschiedene Geschichten wären, die nur rein zufällig zur gleichen Zeit spielen würden – es ist aber nur eine einzige – und vermutlich wird erst die ein oder andere brauchbare Combo die nationalen Big-Bands mit einigen Disharmonien ärgern können.

    mit besorgten, herzlichen Grüßen

    achim

  2. Markus sagt:

    Auch wenn es die vielen stillen patrioten nich hören wollen, aber deutschland hat als deutschland keine chance seinen wohlstand und einfluss zu halten. dieser momentane “machtzufluss” ist eigendlich keiner, merkel macht nur gebrauch von der stärke, die schon ungenutzt vorhanden war. diese stärke wird sich jedoch innerhalb der nächsten jahrzehnte deutlich senken, wenn die leute nicht endlich aufhören mit diesem nationalen egoismus (in ganz europa). Die welt wird in ein paar jahrzehnten von den großen und bevölkerungsreichen staaten regiert (russland, china, usa, indien, brasilien). ein deutschland oder ein frankreich wird da nicht mehr viel zu melden haben und wird der willkür der großmächte ausgeliefert sein, da der technologische und wirtschafltiche vorsprung den wir haben jedes jahr schmilzt. gerade jetzt sollten die menschen in europa endlich mal aufwachen, von diesem arroganten nationaldenken, was uns fast durchgehend krieg in europa gebracht hat, trotz unglaublicher kulturellen gemeinsamkeiten. selbst ethnisch, existiert so etwas wie ein deutscher, ein pole, ein franzose nicht. was meint ihr wie viele, blutsverwandte in kriegen auf verschiedenen seiten standen, ohne es zu wissen. deshalb ist es doch absurd, dass die leute an diesem system, der europäischen nationalstaaten, die uns fast durchgehend krieg bescherten immer noch festklammern, nur um mit der gewissheit leben zu können, dass sie auf deutschem terretorium leben . deutschland wird weltweit nur auf der politbühne bleiben können, wenn europa endlich den schritt zu einer einigung wagen würde. jedoch ist dieser schritt durch den widerstand der bevölkerung, aus gründen die ich einfach nicht nachvollziehen kann, wohl nicht durchzusetzen. dabei würde sich für uns im einzelnen wohl nicht viel ändern. “unsere” deutsche souveränität besteht doch nur darin, das die wirtschaft die politik manipuliert und uns die populistischen massenmedien uns mit propaganda zumüllen. das würde sich auch in einem geeinten europa nichts ändern, also kann es einem doch im schlimmsten fall egal sein. dann hört man ja immer wieder das deutschland seinen wohlstand abgeben muss. ihr vergesst, dass europa erst den wohlstand deutschlands ermöglicht hat, außerdem ist dieses bisschen, was wir pro person an andere europäische staaten abgeben, wohl noch sehr wenig, wenn wir bedenken, wie für europa ungewöhnlich lange es schon frieden zwischen den staaten gibt. außerdem wird deutschland auch in einem alleingang wohlstand an die hungrigen schwellenländer verlieren. europa sitzt nun mal in einem boot, ob sie es wollen oder nicht, dass war auch schon immer so, da kann auch deutschland mit all seinem geld nichts daran ändern. desswegen sollten die menschen über ihren schatten springen, um für uns und unsere nachkommen ein friedliches uns wohlhabendes europa zu ermöglichen.
    es schockiert mich einfach nur, wie ein paar jahrzehnte, nachdem europa sich selbst zerstört hat und damit seine internationale vormachtsstellung endgültig verloren hat, wieder dieser nationale egoismus salonfähig wird.

  3. Louis sagt:

    Bis zum transatlantischen Bruch in der Ära George W. Bushs gab es in der Europäischen Union eine jahrzehntelang funktionierende Ordnung: F-D waren der Motor, GB der Bremser. F-GB die politische Mitte Europas, D der von den USA unterstützte stille Riese. Spätestens in der Opposition zum Irakkrieg durch das Duo USA-GB haben F-D ihre politischen Gemeinsamkeiten gefunden, und dieser Graben hat sich im Umgang mit der internationalen Finanzwelt nur verstärkt. Heute sind F-D die nach Osten gerückte “ruppigere” politische Mitte Europas. Das in der politischen Führung Europas unerfahrene D muss einmal damit klar kommen, das ihm (teilweise nur bedingt aneignungsbare) politische Erbe F-GB in der EU in ein F-D (oder D-F) zu tragen, und sieht sich dabei zusätzlich noch den Attacken der “freien Märkte” gegenüber. Europa wird nicht in der Bedeutungslosigkeit versinken – es ist der anglo-amerikanische Westen, der seinen aufgeblähten Einfluss in der Welt verlieren wird! Die Scherbenhaufen des zerbrochenen Anglo-Imerialismus sind überall in der Welt zu spüren, aber Deutschlands Geschichte, Psyche und politische Kultur machen daraus einen Untergang des vermeintlich eigenen Römischen Reichs.

Eine Antwort hinterlassen