Ich hätte auch formulieren können: denormalisiert wird. Aber die Krise hat in den bereits jetzt gänzlich von ihr erfassten Ländern einen Grad erreicht, der uns zwingt, die normalistischen Statistiken in konkrete Bilder zu übersetzen. Der Normalismus hat den Nachteil der Abstraktheit von Statistik, aber den Vorteil, ein Minimum an Transparenz zu ermöglichen (das der Kapitalismus pur am liebsten zensieren möchte).
Deshalb hier einige neue Statistiken griechischer Institute, die ich aus der “normalen” griechischen Presse entnommen habe: Es ist soweit, dass die meisten (normalen) Haushalte bereits am Essen sparen müssen: Das betrifft zwischen 45 und 75% (je nach Einkommen), darunter praktisch alle “Unter-1000-Euro-Haushalte”. 6 von 10 griechischen Haushalten sind an der Grenze, ihre Strom- und Wasserrechnungen nicht mehr bezahlen und leufende Kredite nicht mehr bedienen zu können. 89,2% können sich kein Essen in Restaurants mehr leisten. 74,9% rechnen mit weiterer starker Senkung ihrer Einkommen in 2012. (Eine realistische Einschätzung, weil ja die Reichenbach-Troika eine Senkung des Mindestlohns um 50% auf 350 Euro und eine Streichung aller Zulagen sowie Massenentlassungen fordert.)
52% der Haushalte sind wegen dieser “Situation an der Grenze” (man kann sagen: an der unteren Normalitätsgrenze des Lebensstandards) bereits jetzt auf Hilfe von Freunden angewiesen. Die Banken vergeben keine Kredite mehr. Apotheken geben (zunächst bis zum Wochenende 13.1.2012 – sie entscheiden dann über eine Verlängerung) Medikamente, auch notwendige wie Blutdrucksenker, nur noch gegen bar heraus. Bisher bekam man Medikamente auf Rezept, und die Apotheken bekamen das Geld von der staatlichen Krankenversicherung – die aber seit Monaten die Zahlungen praktisch ausgesetzt hat – und die dazu gezwungen ist, weil der Staat seine Verpflichtungen auch nicht mehr erfüllt (erfüllen “kann”: die Reichenbach-Troika fordert ja die “Senkung des Defizits”).
Ein anderes statistisches Büro (Hellastat) fasste seine Erhebungen zu “sieben verborgenen Wunden der Krise” zusammen: 1. Leere Regale. Nicht nur müssen die Haushalte selbst beim Notwendigsten sparen – auch die ausländischen Großlieferanten (wie Lidl usw.) vertrauen den griechischen Banken nicht mehr, so dass der gesamte normale Zahlungsverkehr kollabiert. 2. Kollaps der Exporte. Das allgemeine Misstrauen gegen griechische Banken hat die ausländischen Abnehmer griechischer Produkte dazu veranlasst, auf andere Länder umzusteigen. 3. Die Sanktionen gegen den Iran. (Ja!) Der Iran gehörte zu den wenigen großen Importeuren (und Exporteuren: Öl), die noch über griechische Banken Handel trieben. Wenn jetzt die Sanktionen verschärft werden und Griechenland kein iranisches Öl mehr kaufen darf, wird es auch nichts mehr verkaufen können. 4. Das allgemeine Misstrauen in der gesamten Wirtschaft. Was in den “wettbewerbsfähigen” Ländern (der 1. Normalitätsklasse) bisher hauptsächlich die Banken betrifft, hat in Griechenland die gesamte Wirtschaft erfasst: Jeder hält jeden für potentiell bankrott und will nur noch Cash sehen. Dieser Punkt von Hellastat liest sich wie die klassische Beschreibung einer schweren zyklischen Krise durch einen Privatgelehrten namens Karl Marx. 5. Das Gesetz des Stärkeren. In allen ökonomischen Beziehungen verschärfen die jeweils (noch) Stärkeren ihre Bedingungen gegenüber den Schwächeren und machen dadurch immer mehr platt. 6. Die “Paraökonomie”, d.h. der “informelle” oder “schwarze” Sektor. Weil die normalen Banken nichts mehr verleihen, entwickeln sich in Griechenland nun wie in der gesamten 3. Welt (3. bis 5. Normalitätsklasse) unlizensierte Wucherbanken. 7. Die chronische Verzögerung. Alle Zahlungen, Käufe, Vertragserfüllungen werden verzögert und nach Möglichkeit “bis auf weiteres” ausgesetzt.
Kein Wunder, dass unsere ökonomischen Experten und Politiker nicht in solche Einzelheiten gehen: Es könnten alles Prognosen für “uns” selber sein, wenn die internationale Krise nicht durch ein Wunder bald beendet wird. (Dass Deutschland als einziges G 7-Land die Krise bereits “abgehakt” hat, ist extrem “anormal” und also selbst ein schweres Krisensymptom!) Also wird weiter über “unsere Hilfe” gelabert – von der nicht ein einziger Centime bei den 80% ankommt, die platt gemacht werden. Es geht hauptsächlich um die Zinsen, die der griechische Staat weiter an “unsere” Banken zahlen soll: ohne Verzögerung bitte! (Dass auch der “Schuldenschntt” ein Riesenbetrug ist, dürfte sich doch langsam rumgesprochen haben: der Schnitt wird auf den Nennwert berechnet statt auf den Marktwert: bei 50% “Schnitt” und einem Marktwert von nur noch 20% machen unsere Banken durch ihren “Verzicht” nochmal zusätzlich satte Profite!)
Wenn man dann die Reden und Kommentare der griechischen Politiker liest, kann man die Wut der Leute verstehen: Statt von den “sieben Wunden” zu reden, dreschen sie pathetisch leere Worthülsen über “nationale Solidarität”, oder wie Papademos sagte, als die Gewerkschaften ihm vorwarfen, mit der Mindestlohnsenkung eine “rote Linie” überschritten zu haben: “Meine einzige rote Linie ist die Rettung (oder “Erlösung”) unseres Landes!”
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Lieber Jürgen!
Eine Ergänzung, die aus der Sicht der Normalismustheorie interessant sein dürfte: Ich hatte neulich gelesen, die Selbstmordrate in Griechenland habe sich innerhalb des vergangenen Jahres verdoppelt! Als ich gerade deinen Beitrag gelesen habe, habe ich noch mal im Netz recherchiert und folgenden Artikel in der Basler Zeitung gefunden. “Todesursache: Krise. In Griechenland, das vor dem Bankrott steht, hat die Zahl der Selbstmorde um 40 Prozent zugenommen. Diese dramatische Entwicklung erfasst auch andere Krisenländer in Europa.”
http://bazonline.ch/wissen/medizin-und-psychologie/Todesursache-Krise-/story/22765538
Ich finde das deswegen so wichtig und aufschlußreich, weil es den Einfluß von “harten” ökonomischen Fakten auf “Seelen” und Lebensgefühle zeigt. Weil es also ein Basis-Überbau-Denken bestätigt. Im Ruhrgebiet haben wir ja auch so eine Situation, für deren Analyse das wichtig ist. Wir haben seelisches Elend en masse. Dieses Elend ist neuartig. In dem Sinne, dass es nicht mit dem Elend des 19. Jhs. ohne weiteres vergleichbar ist. Es besteht hier auch noch nicht einfach aus z.B. Hunger.
Und es ist, finde ich, wichtig, belegen zu können, dass “unser” Elend nicht aus Seelen/Subjekten kommt, sondern aus Verhältnissen. Die Ideologie der letzten Jahre hat ja im Grunde genau das ganz offensiv bestritten. Der neoliberale Appell ist immer: Du bist selbst schuld, (“verantwortlich”), bemüh dich, arbeite an dir! Gerade als Lehrer bin ich mit dieser mystischen “Verwandlung” täglich konfrontiert. Mit Verwandlung meine ich: Verwandlung von “objektiven” Verhältnisse in “subjektive” Eigenschaften. Ich glaube, es war Wolfgang Fritz Haug, der den Begriff der “Vereigenschaftung” geprägt hat. (Ich bin mir nicht sicher.) Die Vorstellung vom sog. “aktivierende Sozialstaat” geht ja ganz und gar von so was aus. Es geht um Eigenschaften von Subjekten, nicht um Verhältnisse. Nicht um Verhältnisse im Bildungssystem, sondern um Bildungs-”Willigkeit”. Vorgeblich geht es um Eigenschaften wie Tatkraft, Mut, zupacken-Können, zuversichtlich Sein, Ehrgeiz etc. Und da müssen wir die Frage stellen: Woher kommen denn solche Eigenschaften? Wo entstehen sie und wo werden sie verhindert? Die Schule als Institution hat als spontane Ideologie immer den “Ansatz” beim Individuum. Praktisch geht das auch nicht anders. Wenn ich einem Schüler helfen will, versuche ich ja auch, ihn zu aktivieren. Der Alltagsverstand ist da ganz auf Seiten des aktivierenden Sozialstaats.
Aber wo sollen solche Subjekte im Ruhrgebiet herkommen? In meiner Heimatstadt Dortmund haben wir objektive Faktoren wie Armut etc. seit mehr als einem Vierteljahrhundert. Es erscheint mir wichtig, wie die tatsächlich vorhandene Kaputtheit vieler Leute gedeutet wird. Woher kommt sie?
Die Griechen hatten eine traditionell sehr niedrige Selbstmordrate.
Ich hoffe, der Bau einer Brücke zwischen den Themen ist nachvollziehbar.
Herzliche Grüße (und ich zitiere unten noch ein Stück aus dem Artikel)
Werner
“Nach Griechenland hat Irland die grösste Zunahme der Selbstmordrate
Die Suizidwelle als Folge der tiefen Krise ist allerdings kein griechisches Phänomen, obwohl es im gebeutelten Mittelmeerstaat am stärksten zu beobachten ist.
(…) In den meisten europäischen Ländern hat die Finanz- und Wirtschaftskrise die Zahl der Suizide deutlich steigen lassen. Dies zeigt eine Studie von britischen und amerikanischen Forschern, die kürzlich in der Fachzeitschrift «The Lancet» veröffentlicht wurde. Insgesamt seien die Selbsttötungen zum Beispiel im Jahr 2009 durchschnittlich um rund fünf Prozent in allen EU-Nationen gestiegen. Im Weiteren zeigt die Studie, dass Länder wie Griechenland und Irland, die mit den grössten Problemen konfrontiert waren, mit 17 und 13 Prozent besonders hohe Zunahmeraten bei den Suiziden verzeichneten. Die jüngsten Angaben aus dem griechischen Gesundheitsministerium lassen vermuten, dass die Selbstmordrate nochmals steigt. Der traurige Trend gilt auch für andere Krisenländer in Europa.
Die Studie warnt auch vor den weiteren möglichen gesundheitlichen Folgen von wirtschaftlich schwierigen Zeiten. So können wirtschaftliche Unsicherheit und finanzielle Probleme die Betroffenen derart belasten, dass langfristig die Zunahme von Herz- und Krebserkrankungen zu erwarten ist. Ausserdem ist davon auszugehen, dass die Zahl von Menschen mit psychischen Erkrankungen wie Depression zunehmen wird. Die Krise kann krank machen. Im Extremfall kann sie aber auch töten.”
lieber werner,
hab dank für Deine ausführliche ergänzung. die gestiegene suizidrate (spitze des eisbergs der ebenfalls enorm gestiegenen depressionserkrankungen) ist in der tat eines der wichtigsten symptome der krise. ganz wie in der klassischen studie von émile durkheim zeigt sich, dass die “normale” (also langfristig durchschnittliche) rate in kapitalistischen wirtschaftskrisen sprunghaft ansteigt. durkheim spricht dann von “anomie”, er hätte auch denormalisierung sagen können. damit ist in der tat auch das “basis-überbau-theorem” berührt. dabei ist die determination sicher plural. einiges lässt sich direkt ökonomisch ableiten: wenn z.b. die SCHLAGzeitung, die sich nun sogar als vorkämpferin für transparenz und demokratie inszenieren kann, seit knapp zwei jahren nur noch in großen SCHLAGzeilen von den “PLEITE-GRIECHEN” redet, was in der griechischen presse in der regel sofort reproduziert wird (die griechische öffentlichkeit hält neben der REICHenbach-troika BILD und SPIEGEL für die wichtigsten “gesprächspartner” der krise), dann wird dadurch und durch ähnliche sachen im umkreis der leute das “selbstwertgefühl” platt gemacht (‘dabei habe ich mir nie was zuSCHULDEN kommen lassen’). also die subjektivität wird “narzisstisch gekränkt”, was bei isolierten normalmonaden (ohne as-sociative stützung) eine selbstaggression auslösen kann, die bis zur depression und bis zum suizid gehen kann. hier ist der normalismus (der suizid ist seit dem frühen normalismus im 19. jahrhundert eines der paradigmen der “anormalität”) ein wichtiges dispositiv, dass die ökonomie (“basis”) mit den relativ autonomen praktiken-diskursen (technik: jetzt kann alles ins netz gestellt werden -, soziales, politik, militär, recht – insolvenz- und schuldenprozesse -, medien, religion und anderen as-sociativen “bändern”, schließlich subjetivität) ‘koppelt’. ein ganz wesentlicher (relativ autonomer) faktor dabei ist die nation (bzw. der nationalismus). er ist sozusagen (neben der religion, die aber in oberen normalitätsklassen bei den meisten leuten ihre kraft verloren hat) das wichtigste as-sociative sicherheits-netz. aber die NATION ist imaginär! viele leute in griechenland (in- wie ausländer) kritisieren den griechischen nationalismus. kein nationalismus ist akzeptabel, aber der aktuelle griechische ist teilweise eine reaktion auf den DEUTSCHEN: WIR sind nicht pleite, WIR legen den tollsten XXL-aufschwung der ganzen welt hin! WIR SIND WELTMEISTER IN WETTBEWERBSFÄHIGKEIT!!
das mindeste, was wir also tun können und müssen, ist: die verhältnisse in “UNSERER PERIPHERIE” aus sicht dieser platt gamachten peripherie ansatzweise darstellen. dann sieht man auch (da hast Du ebenfalls recht), dass es auch bei uns enklaven unterer normalitätsklassen gibt, z.b. im ruhrgebiet.
Dein jürgen
dabei sollte aber auch das konzept nation kritisch behandelt werden, besonders in der naiv-damgogischen form, wie es die bild propagiert: “WIR” finazieren die “Pleite-Griechen”.
dann wie ich hier im blog am 14. 12 bereits schrieb, ist eine voraussetzung für die ökonomische dominanz deutschlands in europa die diskursive und ökonomische unterwerfung der deutschen unterschicht. die deutsche hegemonie zwingt gegenwärtig andere europäische länder, das den unterschichten anzutun, was in deutschland seit 1989 gelungen ist.
diese unterwerfung hat auch in deutschland verheerende folgen für bestimmte schichten der bevölkerung. so ging im dezember kurz durch die presse , daß in deutschland die lebenserwartung der geringverdiener und bezieher von transfereinkommen im gegensatz zum allgemeinen trend deutlich im sinken begriffen ist.
auf der anderen seite profitieren griechische mitglieder der finanzoligarchie ebenso wie die deutsche an der “finanzkrise” griechenlands. so hat Gregor Kritidis in der neuensten nummer der lunapark an beispielen dargestellt, daß die griechischen oligarchen ihre firmenkonglomerate längst europaweit diversifizeirt haben (Tranport- Handeslkapital; Industrie-Finanz-,Bau-Medinsektor) und mit deutschen konzernen (Hochtief, Siemens, Deutsche Bank) eng verflochten sind.
über die EFS Eurobank Egasis des oligarchen Latsis, sitz luxemburg, die 7,5 Milliarden Euro griechische anleihen hält und an der die deutsche bank mit 10 % beteiligt ist, werden europäische strukturmittel für griechenland abgewickelt.
angesichts solcher fakten ist man fast geneigt zizeks theoriemodische proklamtion einer rückkehr zum leninismius als empirisch gerechtfertigt zu betrachten. und lenins position, interessenspolitiisch den socius nach klassen und nicht nach nationen zu gliedern, für die politische analyse und auseinadersetzung zu reaktivieren.
anton
SELBSTMORDKANDIDATEN!!!
DIE RETTUNG KANN VON INNEN KOMMEN!!!
Soviel Solidarität muss sein: Vor dem Selbstmord bitte avanciertestes Yoga ausprobieren!!!
Wenn das nach 20 Jahren jeden Tag mindestens 1 Stunde geübt immer noch nicht hilft, weiss ich es auch nicht…..
Zunge unter den Gaumen aktiviert das Dopamin-Belohnungssystem. PKopfstand oder ähnlicher Druck auf die Schädeldecke beeinflusst positiv das Gesamtgefeühl (alle nervlichen “Köperkarten” enden hier). Der “Weltschmertz” ist “richtiger, biologisch-gehirnflischlicher Schmerz” im Gehirn!!!! Umkehrübungen, die viel Blut in den Kopf zur Produktion von Wohlgefühl pumpen, “kommen auch gut”.
Bei schwachem Kreislauf vorher mit viel Sport Kondition antrainieren!!
Linke Theorien helfen auch, die “giftigen (gehirnbiologischen) Pflanzen
(wegen des Gerhirnrhizoms aus Nervenzellen den “Assoziation” des Gedächtnisses)
” Schuld, schlechtes Gewissen und
(V)verwandtes” theoretisch souverän den Garaus zu machen (“Zwerg: Du oder Ich!!!”..)