Cem Özdemir, Angela Merkel und die rätselhafte Subjektqualität der “Märkte” (und was der V-Träger dazu sagt)

Cem Özdemir wirft Angela Merkel ihre Entscheidungsschwäche vor: Sie solle nicht immer hinter “den Märkten” herlaufen, sondern endlich die Vorherrschaft der Politik wiederherstellen. Wie sie das machen soll? Indem sie “ein starkes Signal an die Märkte sendet” und “die Märkte endlich wieder beruhigt” usw. Wie aber, wenn Merkel realistischer wäre als Özdemir? Denn wer sind “die Märkte”? So wie alle unsere Medien und Politiker von “den Märkten” reden, sind es personale Subjekte – genau von derselben Sorte wie Merkels “Menschen”. Es gibt “die Menschen” (bei denen zum Beispiel “der Aufschwung ankommt”) – und es gibt “die Märkte”. Beide “machen sich Sorgen”, sind “nervös”, sind “beunruhigt”, können “in Panik geraten” oder “sich wieder beruhigen” – ja sie können auch “jubilieren” und dann “eine Kursrakete hinlegen”. Sind “die Märkte” also einfach auch “Menschen”? Genau da fängt das Rätsel an, zu dem Özdemir offensichtlich noch gar nicht vorgedrungen ist, weil er gar nicht merkt, dass er selber genauso wie Merkel glaubt, das Wichtigste in “der Politik” wäre, “die Märkte endlich zu beruhigen”.

Tatsächlich haben alle realistischen Beobachter aus der Krise inzwischen folgendes gelernt: Der ungeschriebene Grundgesetz-Artikel Null heißt “Was die Politik nicht entscheiden kann, entscheiden in letzter Instanz die Märkte”. Worum geht es bei allen Wochenend-Krisensitzungen seit dem Beginn der Krise im Jahre 2008? Darum, dass am Montag “die Märkte nicht in Panik geraten”. Das schlimmste “Signal an die Märkte” wäre aber das von Ozdemir vorgeschlagene, nämlich als führender Politiker laut zu schreien: “Die Politik muss über die Märkte herrschen”. Das würde “die Märkte” ganz sicher nicht “beruhigen”, da würden sie vielleicht sogar “total durchdrehen”. Denn offensichtlich sind “die Märkte” sehr eigenwillige und höchst empfindliche Subjekte, die sich einer “Diktatur der Politik” niemals unterwerfen würden, im Gegenteil: eine solche Politik würden sie “gnadenlos abstrafen”. Das können sie nämlich, und das bereitet Angela Merkel die größten Sorgen.

Offenbar kommt man aus dem Rätsel und aus der ständigen Sorge um die “Stimmung der Märkte” nicht heraus, solange man “die Märkte” für quasi-menschliche Subjekte hält und “psychologisch” behandeln möchte. Was “die Märkte” angeht, so hat tatsächlich der alte Marx dieses Rätsel ein für allemal gelöst: “Die Märkte” mit ihren inzwischen vom Computerhandel in Sekundenbruchteilen ixmal um den Globus “gefluteten” Billionen sind un-menschliche Mechanismen, die sich nach dem Profitkriterium (“Gewinnmarge, Wettbewerbsfähigkeit, Effizienz”) bewegen – von denen die Menschen “gnadenlos abgestraft” werden, wenn sie die “Wettbewerbsfähigkeit” nicht an die erste Stelle setzen möchten – mehr noch: von denen die Menschen ein bloßes Anhängsel darstellen, die die Menschen längst nicht mehr “beherrschen” können, die auf noch so “starke Signale” der Politik in gewissen Situationen einfach pfeifen.

Am Punkte dieser Einsicht beginnt dann eine andere Betrachtungsweise. Es zeigt sich dann, dass hinter Angela Merkels Entscheidungsschwäche ein Dilemma des “deutschen V-Trägers” (“Verantwortungs-Trägers”) steckt: Wie soll der deutsche V-Träger seine Hegemonie in Europa bewahren und verstärken – durch offene Staatspleiten der Mittelmeerländer und ihren Austritt aus dem Euro, wodurch sie wieder nationale Verantwortung (V) bekämen – oder durch Eurobonds, wodurch ihre Integration verstärkt würde? Das Entscheidende wäre in beiden Fällen die Durchsetzung der Hegemonie – bei welcher Variante würden die “Südvölker” lauter über “deutsche Diktatur” schreien?

Für eine solche alternative Sicht hat der Roman “Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee” (assoverlag Oberhausen) fantasievolle und satirische Modelle entwickelt: Dort wird auch die Rede von “den Märkten” (als ob sie menschliche Subjekte wären) lustig beim Wort genommen. Dort sind Crashe und Krisen “der Märkte” und “der Politik” witzig vorerinnert. Und eben der V-Träger, dessen “Bauch” bzw. dessen “Unterbewusstes” eben die Märkte sind. Daran leidet der V-Träger zuweilen sehr tieftragisch und fühlt sich dann wie der zerrissene Wille “seines Philosophen” (Schopenhauer). Und schimpft auf “seine Politik”. Zu Özdemir würde er sagen: Halt endlich die Schnauze, was die Krise angeht, bleib bei deinen AKWs, ich kriege Bauchschmerzen wenn du redest, mein Bauch sind meine Märkte, die reagieren allergisch auf dich, wenn du wüsstest, wie nervös ich meine Märkte in meinem Bauch in diesen Wochen fühle! Das ist schon kein Ziehen mehr, das sind Koliken, besonders wenn du dich auch noch einmischst! Lieber Cem, hör auf mich zu quälen! Ich bin doch die Kuh, die auch deine Milch geben muss!

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7 Antworten zu “Cem Özdemir, Angela Merkel und die rätselhafte Subjektqualität der “Märkte” (und was der V-Träger dazu sagt)”

  1. […] von Bündnis90/Die Grüne auch so interpretiert wird (da wird “das Kapital” Özdemir und Co schon den Kopf zurechtrücken mit ihren Programmen ohne “(rote ) Haltelinien”). Zudem […]

  2. achim voigt sagt:

    Lieber Jürgen,

    da bekommt man ja schön Mitleid mit dem V-Träger, wenn man sich denn identifizieren würde, aber gegen solche Infektionen immunisert der Roman ja hervorragend und lustvoll.

    Konnte das wieder mal gut verlinken.

    Beste Grüße

    achim

  3. Dr. rer. Nat Harald Wenk sagt:

    Die Märkte funktionieren so ähnlich wie der Temepraturausgleich. Der Theorie der Finanzmärkte wird das sogar zugrundegelegt. Obwohl das Gesetz des Temperaturausgleiches absolut herrscht, gibt es doch überall sehr verschiedene Temperaturen. Man würde es also oberflächlich emprisch nicht unbedingt geltend finden. Der theoretische Aufwand ist dementsprechend enorm (statistische und Thermodynamik).
    Das ist bei den Märkten genauso.
    Der Temepraturausgleich ist in der Tat keine Person und jedem bekannt.
    Daher kanan man die Persoenvorstellung gut durch die Temperaturvorstellung ersetzen. Und ist wirklich realistischer und klüger.
    Es ist zu kalt in Deutschland.

  4. Dr. rer. Nat. Harald Wenk sagt:

    Mathematisch technisch findet man es unter “Brownscher Bewegung”, Ito Kalkül – für die Black-Scholes Formel der Finazmärkte z. B., Stochastische Differentialgleichung, hier die partielle parabolisch stochatische Wärmeleitungsdifferentialgleichung.
    Übrigens sind die Pfade der Brownschen Bewegung fraktal, von gebrochen rationaler Dimension.

  5. Dr. rer. Nat. Harald Wenk sagt:

    Der Präger der fraktalen Geometrie, auch ders Nachweis der Fraktlität derr Rownschen BEwegugn MIT Anwendugn auf die Finanzmätkzte, Benoit Mandelbroit, starb am 15.Oktober 2011. Ich habe auch anderswo aus der Fraktlität der Brownschnebegeung auf die “Chaotik” der Finzmärkte hingewisen. Ein Folgerung is

    a) Prinzipelle Verschwendung (Ineffektivität des Marktes)
    b) Unkonttrolierbarkeit der Finazmärkte
    (Mandelbrot hielt sogar den (manchmal) den noch wilderen Levy Prozess für angemessen. a) und b) folgen auch.
    “Standard” in den Lehrbüchern ist der Wiener Prozes, Ito-Kalkül. Brownsche Bwegung (recht “verzahhnt”), Black-Scholes Formlel. Hier herrscht fraktale Brownsche Bewegung.

    Wegen b) ist es fast euine “Geistedcebatte” die um die “Zähming drr Finazmätrkte” geführt wird. Millionen Igel (in $, €) lachen da den Hasen Tobinsteuer schon aus.

    Die linke Ökonomiektritik (z. B. Altvater/Mahnkopf) hat die Fraktale von Mandelbrot aufgegriffen und zentral benutzt. Oft ohne dirkten Bezug zu den Finazmärkten der mathematisch da ist (eben Mandelbrot).

    Dass Mandelbrot ausgrechgent mitten in de Finanzkrise als absolut größter Mathemtiker als Behandler der Fimnazmärkte “stirbt” muss ebensowenig Zuffall sein wie die Räuberpistole, die zur Demission des immerhin Sozialisten Strauss-Khan vom aktuell (darum???) recht wichtigen IWF Vorsitz führte.
    Ja, der Klasenkampf ist mit seinen hohen Einsätzen sehr oft “tödlich”.

    Mandelbrot hat lange in den USA “gearbeitet”.

    Sitzt doch der Wall-Street Gigant Madoff mit 64 Millarden “Schaden” lebenslänglich in New York im Gefängnis.
    Ihm werden “Racheverbindugnen” zur Mafia verscheiden Natioen nachgesagt).
    Es sind auch viele Mafiosi New York festgenommen worden (vorher).

    Aber auch die andern Wall-Street Broker sollen moralisch eher “niedrig” stehen.
    Nobelpreisträger Krugman meinte jedenfalls, die Europäer hätten viel zu romantische Vorstellungen vom US Finanzkapulisten und Brokern.

    Daher die “wohlfeile” Razubtierkapitalismusmetapher von Schmidt/Steinbrück.

  6. Dr. rer. Nat. Harald Wenk sagt:

    Um das Mass vollzmachen, fand die Hotelszene mit Strauss-Khan ausgerechent an meinem Geuburtstag statt.
    Nach der Globlisierung ist die Welt ein “Dorf”.

    Ich bin so ziemlich der einzige (zudem “vom Fach”), der die Fraktale und die Browcnhe Bwegung mit Chaos bei den Fimazmärkten in die Diskussion per Kommentare “warf”.

    Wo das doch jeder Wirtschftmathematiker schon bis zum Diplom lernt.

    So wenig Input an Fachkenntnis wie von den Fimnzmathemtikern in der Finatmätktkrise ist mans sonst nur in Boulardberichterstattunge zu Hatz-Sensationen in Eingzelfällen”gewohnt”.

    So etwas ist professionell in der Mathemtik geradezu “verachtet”. (alle Fälle betrachten, Gegenbeipile SUCHEN, Statitistischer “Blick”, Vollerklärungen und Definitionen mit Beweisen…).

    In der Mathematik, muss man jedes ZEICHEN extrem ernst nehmen und oft stundelang “enträtseln” und “verkonsequenzen” und “vervoraussetzen” und selbst wichtigst Dinge werde nur EINMAL gesagt!!

    Das ist so ziemlich das Gegenteil des Normalen, wo vor 100 Wiederholungen in Maintrammedien (TV, Zeitung, Radio) nichts “ernstgenommen” wird.

    Also, liebe Lokkelgen. BIlione §$, €: AN DIE TASTATUEN ZUR KRTIK DER FINNZMÄRKTE
    folgt aus der akadesichen Arbeisteilug und “ZUsträndigkeit” in sozialen Funktionlmismus….

    Es gibt keine gute Finanzmarktwelt. Schaffen wir sie ab!! a la Nietzsche)…

  7. Dr. rer. Nat. Harald Wenk sagt:

    Textkorrupteure am Werk!!

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