„Bodenbildung“ — eine Metapher aus dem Kollektivsymbol des Gebäudes — und was dahinter steckt.

Foto: hiroshiken

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Seit Ende Februar 2009 zieht sich der Interdiskurs unserer westlichen Massenmedien buchstäblich hoch an der Metapher der „Bodenbildung“ („bottom building“). Die „Experten“ der Regierungen und die „Analysten“ der Banken , von denen keiner die Megakrise von 2008ff. prognostiziert hat, deren Diskurs-Blasen also genauso geplatzt sind wie die Derivate der Banker, sagen nun voraus, dass der Dow nicht mehr unter 7000 und der Dax nicht mehr unter 4000 sinken wird. Man kann sich das gut vorstellen: Die Türme der Banken sind symbolisch eingestürzt, sogar wie das Kölner Archiv bis tief in den Boden hinein (von 14000 Dow und von 8000 Dax) – irgendwo muss aber ja der Fels erreicht werden, auf dem dann solide neue Türme gebaut werden können. Und genau das empfehlen die Experten den Anlegern jetzt mittels ihrer Prognosen: Der Boden ist gebildet! Steigt wieder alle in Aktien ein!

Worauf beruht diese angeblich „wissenschaftliche“ Prognostik (mit all ihren sogenannt „technischen“ Finessen als da sind „mehrfaches Testen des Bodens“, durchschnittliche Wachstumsraten der Kurse in 3 Monaten, 200 Tagen usw.)? Imgrunde bloß auf einem banalen Kollektivsymbol: Wenn ein Gebäude einstürzt, muss irgendwo darunter ein fester Boden sein. Was aber ist der eigentliche Sinn dieses Symbols? Er bleibt unausgesprochen wie oft bei Kollektivsymbolen – er bleibt im toten Winkel der Reflexion und lautet im Klartext: Seit Ende Februar 2009 funktionieren die Börsen, nachdem sie letztes Jahr plötzlich „verrückt gespielt“ hatten (also ein Fall für den Psychiater, weil „anormal“ geworden waren), Adam Smith sei dank wieder „normal“. 

Damit sind wir bei einem ganz wichtigen kulturellen Kern der Krise, der aber vom hegemonialen (herrschenden) Diskurs im Vagen gelassen wird: Der Kapitalismus ist nicht nur ökonomisch, er kann allein ökonomisch nicht existieren, er braucht eine kulturelle Versicherung – und eine der wichtigsten kulturellen Versicherungen ist die Produktion und Reproduktion von Normalitäten, also der Normalismus.

Die Experten sagen also mit ihrer „Bodenbildung“: Die Unterbrechung der Normalität an den Börsen ist zuende, ab jetzt geht es wieder aufwärts in normaler, d.h. „endlos wachsender Schlange“: Aufschwung, „Konsolidierung“, d.h. kleiner Abschwung, aber nicht unter die letzte „Talsohle“, wieder Aufschwung usw. Darin steckt eine weitere Prognose: Die Krise war (sie sehen sie schon als abgehakt) letztlich eine „normale“ Krise, die nicht länger als höchstens 2 Jahre dauert, dann kommt der nächste „normale“ Zyklus. Also: Es wird keine Depression, d.h. keine ernsthafte Denormalisierung (Verlust von Normalität) geben. 

Woher nehmen sie ihre Sicherheit? Hier ist der springende Punkt, ein perfekter Zirkel: Die Normalität wird zurückkehren, weil alles andere nicht normal wäre! Symbolisch: Unter jedem Zusammenbruch ist irgendwo unten fester Boden. (Als ob die Fluktuation von Werten, Profiten und Profitraten einem Gebäude analog wäre!) Es gibt also einen kollektiven „Willen zur Normalität“, der an die Wurzeln moderner westlicher Kulturen reicht. Die Normalismus-Forschung analysiert diese Zusammenhänge – und sie kann deshalb zu einer ernsthaft alternativen Prognostik beitragen, auf die alle angewiesen sind, die sich nicht mit Kollektikvsymbolen abspeisen lassen wollen.

Mehr dazu in: »Ein 11. September der Finanzmärkte.« Die Kollektivsymbolik der Krise zwischen Apokalypse, Normalisierung und Grenzen der Sagbarkeit (PDF).

Aus: kultuRRevolution 55/56, Februar 2009.

4 Antworten zu “„Bodenbildung“ — eine Metapher aus dem Kollektivsymbol des Gebäudes — und was dahinter steckt.”

  1. anton reiser sagt:

    “Seit Ende Februar 2009 zieht sich der Interdiskurs unserer westlichen Massenmedien buchstäblich hoch ”

    seit Februar 09 zieht er mindestens ebenso runter.

    und zwar bereitet er die akzeptanz der eingeleiten abwälzung der krisenkosten, die für die zeit nach der bundestagswahl zu erwarten ist, bereits jetzt durch modifikationen im symbolsystem vor.
    Ein beispiel: in der westfälischen rundschau von heute (19.06.) kritisiert der redaktueu Podgornik in dem leitenden kommentar auf s. 2 die “Rentengarantie” der bundesregierung mit dem argument: “Experten sagen deutliche Lohnrückgänge voraus, was angesichts der Wirtschaftskrise einleuchtet.”
    auch die abhängig beschäftigten werden sich also kurz oder lang auf dem “Boden” wiederfinden.
    daß der aufschlag auf diesen boden sehr schmerzhaft sein wird, darf aber keinsfalls im medialen interdiskurs gesagt werden, folglich ist die treffende marxsche metapher aus dem kapital für diesen aufschlag auf den boden, ” auf das pflaster werfen”, strikt tabuisiert.
    intersessant ist es nun, zu verfolgen, wie dieser “aufschlag” durch modifikationen im symbolsystem 1. sagbar und 2. als subjektiv angenehm erlebbar gemacht werden soll.
    ein zeitartikel zum thema wie “wir” künftig ohne wachstum leben werden, der vor etwa drei wochen erschien, modifiziert das vehikelsymbol, da er folgende prognose enthielt: “wir” werden unsere fahrrräder künftig selber reparieren und daran auch noch spaß haben.
    darin also der umschlag von der bewußten nutzung eines alternativen verkehrsmittels durch den kritischen konsumenten der sich alternativ zu den maschinen der konsumgesellschaft verhalten will (grüne der späten 70er), zum depravierten, dem die gewohnten dienstleistungen nicht mehr zugänglich sind und der zusätzlich lernen soll, daß er an der geforderten verzichtsleistung gefälligst auch noch spaß zu haben hat.

    ich stelle mir vor, daß solche evolutionen des symbolsystems in der gegenwärtigen krise von möglichst vielen zutragenden mediennutzern in dem blog dokumentiert werden könnten.

  2. Karl sagt:

    @anton reiser: “wir” werden unsere fahrrräder künftig selber reparieren und daran auch noch spaß haben.

    Fahrräder lassen sich heute in der Tat leicht selbst reparieren. Hier ist beispielsweise ein Video, was das Auswechseln des hinteren Reifens erläutert. Und hier gibt es noch mehr Videos rund um die Fahrradreparatur.

    Ob das nun Spaß macht, das sollte natürlich jeder selbst entscheiden.

  3. anton reiser sagt:

    der “boden der krise” als killing fields des kapitalismus; wäre das als ironisierung zu hart??

    anton

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