Bangemachen gilt nicht — auf der Suche nach einer neuen Romanstruktur

Bangemachen gilt nicht Bangemachen gilt nicht

Ein paar Hinweise zu Jürgen Link: Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung.

„Vorerinnerung“ meint den Versuch einer neuen Romanstruktur, gekennzeichnet durch ein Spiel von (sehr konkret im Nahhorizont liegenden, nicht SF-artigen) Zukunfts-Simulationen und der ‚nachrückenden’ wirklichen Geschichte. Also eine neue Art ‚Einschachtelung’ der Realität von den realistischen Zukunftsbildern im Kopf her.

Das Subjekt dieses ernsten Spiels ist ein Wir, die „Ursprünglichen Chaoten“. Dabei handelt es sich um eine Gruppe von Achtundsechzigern im Ruhrgebiet, denen dieser später so erfolgreiche Begriff zuerst im internen Szenejargon angehängt worden war. Anders gesagt, geht es demnach in einer von mehreren Dimensionen um eine Art kollektiven Lebensbericht von Achtundsechzigern aus zwar nicht lernblockierter, aber auch nicht „konvertierter“ Perspektive (also etwas Seltenes, Interessantes). Sie versuchen, ohne das eigentlich zu wissen, im „posthistorischen“ Normalismus der Zeit 1973-2001 den Kontakt zur Geschichte zu bewahren. Dabei überschreiten weder Protagonisten noch Situationen den Rahmen des „Normalen“, so daß die ersten eine Art „Partisanen des Normalismus“ darstellen.

Diese „Ursprünglichen Chaoten“ haben versucht, durch Vorlesen ihrer Simulationen, der pikaresken (und komischen) „Zwillingsgeschichten“, in denen ein weibliches Zwillingspaar die Hauptrolle spielt, in Schrebergärten eine Koalition gegen den „V-Träger“ zu bilden. Der „V-Träger“ ist der „Verantwortungs-Träger“, der seinen Namen von dem Witz bekam: „Ihr tragt die T-Träger, und ich trag die Verantwortung“. Man kann im „V-Träger“ also eine Art Personifikation des Kapitalprozesses sehen: als Ich in therapeutischer Monologsituation. In einer Art Wettlauf von Simulationen und Hochrechnungen kämpfen der V-Träger und die Ursprünglichen Chaoten um die jeweils auftauchende Wirklichkeit.

Die eigentliche „Spannung“ des Textes ist also die Spannung der Geschichte selbst, die durch den Wechsel der Töne vermittelt wird (Geschichte zwischen 1965 und 1995 bzw. 2001 plus x, d.h. die „normale“ Posthistorie zwischen zwei dynamischen Momenten, davon einem zukünftigen). Herkömmliche Spannung gibt es in den Zwillingsgeschichten, die wie in einem Novellenzyklus in den Text integriert sind.

Mittels einer Reihe neuer narrativer Verfahren (z.B. Kurvenbewegungen von Schlag- und Reizwörtern wie „Chaoten“) erscheint die verdrängte Geschichtlichkeit der endlos rotierenden ewigen Wiederkehr unserer Postmoderne/Posthistorie.

Die in den 70er/80er Jahren eingetretene Spaltung der Literatur in politische und „subjektive“ wird von diesem Text unterlaufen, der beides zugleich und keines von beiden, sondern ein drittes Neues ist. In der politisch-aktualgeschichtlichen Dimension geht es um den „3. Versuch des V-Trägers“, d.h. den 3. Aufstieg Deutschlands zur Weltmacht (mit einem „deutschen Vietnam“ der Zukunft).

Das (in gewisser Weise „blinde“) Motiv der „Roten Ruhr-Armee“ steht für den vermutlich verlorenen historischen Antagonismus: es changiert zwischen der Erinnerung an die 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts und dem Terror-Motiv (sowohl 1970er Jahre wie Simulationen um „2001“. Die Chiffre „2001“ (im Sinne von 2001 plus x) diente von Anfang an als Symbol für „21. Jahrhundert“ und konkrete, nahe „Zukunft“).

Es geht also um eine neue Konstellation von „Geschichten“ (als pikareske Simulationen und als Lebensbericht) und „Geschichte“ (gegen ihr angebliches Verlöschen in der Postmoderne) und damit von Spiel und Ernst. Fluchtpunkt ist ein Jenseits der postmodernen Spielkultur, eine „alternative Geschichte“, ohne ‚Rückfall’ in historizistisches Erzählen. In den Zwillingsgeschichten gibt es ‚spannende Handlung’ und Komik, im Bericht der Ursprünglichen Chaoten herrscht ein intensiv-panoramatischer Ton (Umfang insgesamt 1090 S.).

Kurzformeln:

  • „der etwas andere 68er Roman“;
  • ein (etwas anderer) ruhr-spezifischer 68er Roman;
  • eine diskursiv andere Annäherung an den Normalismus;
  • eine „narrative Diskursgeschichte“ entlang an Schlag- und Reizwörtern und Kollektivsymbolen;
  • politische Dimension: Rückblick auf 68 – Vorausblick auf den ‚3. deutschen Versuch’ im 21. Jahrhundert – dazwischen langer Marsch durch die Normalität;
  • politische Dimension: Resistenz gegen Militarisierung und deutsche Weltpolizeikriege;
  • Dimension Subjektivitäten: Intellektuelle und Arbeiter, neue As-Sociationen?
  • Struktur: analog einem Novellenzyklus (Zwillingsgeschichten der Zukunft), dessen Rahmen den Umfang einer eigenen Lang-Narration besitzt; Wechsel der Töne.

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